Kapitel 32
Die nächsten Tage verbrachte Nick sehr viel Zeit im Studio und mit seiner Musik, was Sam nur recht war. Sie vermutete zwar, dass er ihr damit absichtlich aus dem Weg gehen wollte, versuchte aber nicht weiter darüber nachzudenken. Wie üblich stand sie morgens vor allen anderen auf, ging mit den Hunden eine Runde und kümmerte sich dann um das Frühstück. Meistens stieß dann irgendwann Nick zu ihr und inzwischen hatte sie sich auch daran gewöhnt, dass er sie als erstes fest umarmte und ihr einen zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte. Es sollte ja schließlich echt wirken.
Manchmal frühstückten sie noch gemeinsam, dann machte er sich für gewöhnlich auf ins Studio und kam erst am späten Nachmittag oder Abend zurück. Ab und zu rief er sie von unterwegs an und sie achtete dann darauf, dass sie bei ihrem Telefonat von einer Kamera beobachtet wurde. Auf keinen Fall wollte Nick den Anschein erwecken, dass er sich nicht um Sam kümmerte, nur weil er so viel Zeit im Studio verbrachte und ihr war es lieber, ihn nur am Telefon zu haben, als sich den gesamten Tag seiner unechten Zärtlichkeiten auszusetzen.
Die restliche Zeit verbrachte sie mit Nicks Geschwistern, schlichtete Streitereien, hörte hier und da zu, wenn einer der vier Probleme hatte, machte mit Angel einen ausgedehnten Shoppingbummel, deren unglaubliche Endsumme, die auf Nicks Kreditkartenrechnung ausgewiesen wurde, sie beinahe schwindlig machte, Nick allerdings nur ein kurzes Achselzucken entlockte und verbrachte teilweise mehrere Stunden in Aarons Zimmer, weil sie ihn für seine Musik und die Leidenschaft, mit der er ans Werk ging bewunderte. Und auch wenn es so aussah, als würde niemals ein ganzer Song dabei herauskommen, weil Aaron viel zu sprunghaft war um sich auf eine Sache voll und ganz zu konzentrieren, so genoß sie doch diese Zeit, in der sie beinahe vergessen konnte, warum sie eigentlich hier war, wo sich ihr Sohn befand und dass ihre Zukunft mehr als beängstigend vor ihr lag.
Sie hatte es immerhin zwei Mal geschafft, Joshua ans Telefon zu bekommen und versucht, ihm die Situation mit Nick zu erklären. Doch sie befürchtete, dass sie ihre Sache nicht besonders gut gemacht hatte. Wie sollte man einem sechsjährigen auch erklären, dass sie in einer Fernsehserie zu sehen sein würde, in der sie sich in den Hauptdarsteller verliebte und der zukünftig so etwas wie sein Ersatzvater werden sollte?
Wenn Nick dann schließlich nach Hause kam, war er meistens so müde und erledigt, dass er zu nicht mehr viel in der Lage war. Meistens verbrachten sie den Abend auf dem Sofa, während er ihr von seinem Tag und seinen Vorschritten erzählte, oder saßen auf dem Balkon, beobachteten Nicks Geschwister, die eine Party nach der anderen gaben oder auch einfach nur ein paar Freunde zu einem gemütlichen Abend mit viel Bier und lauter Musik eingeladen hatten und redeten wenig.
Schließlich mußte Sam sich irgendwann eingestehen, dass sie es mochte, wenn Nick zu Hause war. Er war dann aufmerksam, anschmiegsam und im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr nett. Manchmal lag sie in seinen Armen auf der Couch und auch wenn sie sich am Anfang dabei mehr als unwohl gefühlt hatte, so genoß sie am Ende doch das Gefühl der Geborgenheit, die ihr seine langen, muskulösen Arme und seine breite Brust in ihrem Rücken vermittelten. Sein Mund war dann ganz nahe an ihrem Ohr, während er von den Alltäglichkeiten seines Lebens berichtete und wenn sich dann seine Lippen wie zufällig an ihr Ohrläppchen oder ihren Hals verirrten, fühlte sie ein eigentümliches Prickeln, das ihren gesamten Körper erfaßte. So etwas hatte sie bis dato noch nie erlebt.
Sie ertappte sich in dieser Zeit mehr als einmal dabei, dass sie leicht enttäuscht war, wenn er den Abend damit beendete, dass er laut verkündete, dass er jetzt schlafen gehen würde, sie noch einmal fest an sich zog und ihr ein langen, festen Kuß aufdrückte.
Manchmal fragte sie sich, wie das wohl für Außenstehende aussehen mochte. Dachten die Zuschauer, dass er sie so richtig mit allem drum und dran küßte? Oder war ihnen anzusehen, dass sie nur so taten als ob? Überhaupt ... würde auch nur irgend jemand Nick Carter abnehmen, dass er sich mit einer gemeinsamen Nacht zufrieden gab und sie sich ansonsten sehr gesittet und zivilisiert verhielten?
Je mehr Zeit sie auf diese zwar intime aber doch irgendwie distanziert Art mit ihm verbrachte, um so mehr begann sie daran zu zweifeln. Vielleicht konnte man diesen Umstand am Anfang noch auf die Anwesenheit der Kameras schieben, aber wenn sich ihre Beziehung weiterhin so langweilig gestaltete, würde bald niemand mehr daran Interesse zeigen. Wahrscheinlich noch nicht einmal sie selbst.
Und so sagte sie schließlich strahlend, wenn auch mit einem eigentümlichen Gefühl der Beunruhigung zu, als Nick den Vorschlag mit Santa Barbara machte. Sie war noch nie dort gewesen, aber sie stellte sich diesen Ort, der direkt am Meer lag und mit einem Vergnügungspark und einer ausgedehnten Strandpromenade inklusive einem exklusiven Yachthafen aufwarten konnte, sehr romantisch vor.
Also stiegen sie am späten Vormittag in Nicks Jeep, verabschiedeten sich von seinen wissend grinsenden Geschwistern und brausten mit einem Kamerateam im Schlepptau die Küstenstraße entlang. Sie benötigten knapp zwei Stunden, bis sie Santa Barbara erreichten und noch einmal eine halbe, bis Nick einen Parkplatz in der Nähe des Hafens gefunden hatte.
Als sie aus dem Wagen stieg, streckte Sam sich wohlig seufzend und sog tief die würzige Luft ein, die nach Meer, Salz, Seetang, Sonnenöl und ein wenig nach Fisch roch.
Nick kam um den Wagen herum auf sie zu, warf dann einen kurzen Blick zurück zu dem Kamerateam, das noch dabei war seine Ausrüstung startklar zu machen und zog Samantha dicht an sich.
Laß uns heute einfach alles vergessen, ja? murmelte er an ihrer Wange.
Wie meinst du das? fragte sie irritiert zurück.
Ich meine ... laß uns diesen Tag einfach genießen. Das Meer, die Sonne, den Strand und den freien Tag. Wir werden nicht darüber nachdenken, wie jetzt was bei den Zuschauern oder deinem Ex-Mann oder deinem Sohn oder meinen Geschwistern oder sonstwem ankommt und werden uns einfach ... ein bißchen entspannen, in Ordnung?
Das klingt sehr verführerisch, gab sie mit einem Lächeln zurück.
Nicht wahr, das dachte ich auch, grinste Nick, schob sie ein Stück von sich und blickte mit einem weichen Ausdruck auf dem Gesicht auf sie hinunter. Wir haben unsere Sache bisher doch ganz gut gemacht. Da haben wir uns diesen Tag doch irgendwie verdient. Findest du nicht?
Doch, das finde ich auch, nickte Sam.
Gut. Nicks Grinsen wurde breiter, dann faßte er nach ihrer Hand zog sie einfach hinter sich her.
Sie überquerten den Parkplatz und Sam war sich dabei leider immer noch des Kamerateams bewußt, dass eilig hinter ihnen her kam und sie fragte sich, ob sie wirklich so tun konnte, als sei dies ein ganz normaler Tag in ihrem Leben, denn er war es ganz eindeutig nicht. Sie hatte noch nie einen entspannten Tag am Strand verbracht. Im Gegenteil.
Seit sie denken konnte lastete ein immenser Druck auf ihren Schultern, angefangen bei den Streitereien ihrer Eltern als sie klein war, über ihre Schulzeit, in der sie immer die Außenseiterin war, weil sie sich nie lange genug an einem Ort aufhielt um so etwas wie Freundschaften zu schließen, bis hin zu ihrer Ehe mit Greg, die sehr bald von Joshuas Ankunft überschattet wurde und damit jede Romantik, zumindest auf Gregs Seite, im Keim erstickte.
Joshua war immer ihr Lichtblick gewesen, doch auch für ihn hatte sie Verantwortung übernehmen, sich um ihn kümmern und für ihn da sein müssen. Natürlich hatte sie dies immer sehr gerne getan und sie hatte es geliebt Mutter zu sein. Ihn nur anzusehen war für sie immer Entspannung genug gewesen. Ihn aufwachsen zu sehen, sein erstes Wort und seine ersten, unsicheren Schritte mitzuerleben und das Gefühl seines schmächtigen Kinderkörpers in ihren Armen genießen zu dürfen, war für sie Belohnung genug.
Und nun verlangte Nick, dass sie dies alles für diesen einen Tag hinter sich ließ. Sie sollte nicht an ihre Vergangenheit und auch nicht an ihre Zukunft denken und das war als verlange er von ihr, mit dem Atmen aufzuhören.
Trotzdem versuchte sie ihr bestes. Sie schlenderte neben ihm durch den Hafen, bestaunte die riesigen, schneeweißen Yachten und schnittigen Schnellboote und lauschte Nicks Ausführungen zu Typklassen, PS und Endgeschwindigkeiten. Sie entdeckte eine neue, leidenschaftliche Seite an ihm. Seine Liebe zum Wasser, zu Booten und der Freiheit, die sie ihm vermittelten und seine Begeisterung für PS-starke Motoren.
Er berichtete von seinem eigenen Rennteam und er versprach, sie einmal zu einem Rennen mitzunehmen, was sie erst glauben würde, wenn er es tatsächlich wahr machte, aber das brauchte sie ihm ja nicht auf die Nase zu binden.
Schließlich umrundeten sie einige Hafengebäude und sahen sich plötzlich dem offenen Meer, feinem, weißen Sandstrand und einer endlos erscheinenden, von Touristen bevölkerten Promenade gegenüber. Die breiten Holzplanken, die zu ihrer Linken vom Strand und zu ihrer Rechten von kleinen Geschäften, Lokalen und Imbissen flankiert wurden, vibrierten leicht unter ihren Füßen und Sam konnte gar nicht so schnell nach rechts und links gucken, um alles in sich aufzunehmen.
Nick legte ihr nun einen Arm um die Schulter und zog sie dichter an sich und auch wenn sie dies wahrscheinlich nie laut ausgesprochen hätte, vermittelte ihr diese Geste die Sicherheit die sie brauchte, um sich durch die vielen Menschen zu drücken.
Wie wäre es mit einem Eis? fragte Nick neben ihr und lächelte auf sie hinunter.
Eis klingt großartig, entgegnete Sam ehrlich und ließ sich von ihm zu der Eisdiele hinüber führen, vor der bereits eine beträchtliche Schlange Kunden wartete.
Nick schob sie vor sich, so dass sie besser in die Auslage sehen konnte und für eine ganze Weile war sie damit beschäftigt, die einzelnen Schilder mit den Geschmacksrichtungen zu entziffern.
Einmal Schoko, Vanille, Creme-Mandel und Pistazie, bestellte Nick schließlich und sah dann auf sie hinunter. Und du?
Ich dachte eigentlich, du hättest für mich gleich mitbestellt, scherzte Sam. Du kannst doch unmöglich so viel Eis am Stück verdrücken?
Dabei habe ich mich noch zurück gehalten, grinste er.
Sam schüttelte schmunzelnd den Kopf und bestellte dann eine Kugel Erdbeer- und eine Kugel Himbeereis.
Das ist wirklich mickrig, kommentierte Nick, bezahlte und führte sie dann hinüber zu dem Holzgeländer, das die Promenade vom Strand trennte.
Danke, ich bin rundum zufrieden, lächelte Sam und leckte genüßlich an ihrem Eis, während sie sich mit den Unterarmen auf das Geländer lehnte und das Treiben am Strand beobachtete.
Hast du dir noch nie an zu viel Eis den Magen verdorben? fragte Nick, während er sich umständlich auf das Geländer hinaufzog und dabei beinahe seinen riesigen Eisberg aus der Waffel verlor.
Nicht dass ich wüßte, gestand Sam. Bei uns zu Hause gab es sehr selten Eis und dann nur dieses billige, dem du die Chemie schon von weitem angesehen hast. Später war dann kein Geld für solche Extravaganzen übrig und dann ... na ja ... wollte ich Joshua wohl ein gutes Beispiel sein.
Wie traurig, bemerkte Nick und klang dabei tatsächlich aufrichtig, was Sam veranlaßte zu ihm aufzusehen.
Ich glaube, ich kann es verschmerzen, gab sie mit einem angedeuteten Lächeln zurück, was Nick ein gutmütiges Schnauben entlockte.
Seine freie Hand legte sich plötzlich an ihre Wange und mit dem Daumen streichelte er sanft ihre, von der Sonne gewärmte Haut.
Wir sollten das unbedingt nachholen, meinte er warm.
Wieso? Ist es so erstrebenswert, dass einem von Eis schlecht wird?
Ich sehe das jetzt eher symbolisch.
Oh, war alles was Sam dazu sagen konnte. Sie hatte mittlerweile auch das letzte Krümelchen ihrer Waffel verdrückt und bemerkte belustigt, dass sie gegen ein weiteres Eis nichts einzuwenden gehabt hätte. Doch sie verkniff sich einen entsprechenden Kommentar. Stattdessen tat sie etwas ganz und gar untypisches, was sie im Nachhinein ihrem erhöhten Zuckerspiegel zuschrieb.
Sie trat einen Schritt von der Ballustrade zurück und schob sich vorsichtig zwischen Nicks angewinkelte Knie, während sie ihre Arme um seine Taille schlang.
In etwa so? fragte sie leise und sie war dabei genau so sehr über ihre Kühnheit überrascht, wie Nick, der für ein paar Sekunden verdattert auf sie hinunter blinzelte, dann aber seinen freien Arm um ihre Schultern schlang und sie dichter zu sich heran zog. Seine Hand wanderte tiefer und legte sich schließlich angenehm warm und fest auf den Ansatz ihres Hinterteils.
Sam fühlte seine Oberschenkel an ihren Seiten, die sich nun noch etwas fester an sie drückten und sie konnte gerade noch so über seine Schulter zum Strand hinunter linsen.
Noch etwas Eis? fragte Nick mit einem breiten Grinsen und schräggelegtem Kopf und Sam nickte lächelnd.
Für einen Moment blickte Nick abschätzend auf sie hinunter, dann hob er die Waffel, schloß seine Lippen um die obere Kuppe seines inzwischen recht dezimierten Eisberges, ließ dann die Waffel wieder sinken und beugte sich zu Sam hinunter.
Ganz bewußt schob sie ihr klares Denken in diesem Moment beiseite. Sie dachte nicht an Joshua, das Kamerateam in ihrem Rücken oder dass Nick und sie eigentlich kein richtiges Paar waren.
Stattdessen hob sie ihm ihr Gesicht entgegen, fühlte seine, vom Eis ganz kalten Lippen auf ihren warmen und riß dann erschrocken die Augen auf, als sich Nicks Lippen vorsichtig öffneten und er das Eis mit der Zunge in ihre Richtung schob. Eher aus Reflex teilten sich ihre Lippen ebenfalls ein Stückchen und gleich darauf schmeckte sie das überwältigende Schokoladenarmoma auf ihrer Zunge.
Als Nick sich wieder von ihr zurück zog, lag ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen, während er sie keine Sekunde aus den Augen ließ.
Das ist lecker, brachte Sam irgendwie hervor, während sie den Gedanken nicht los wurde, dass sich genau dieser Klumpen Eis, der jetzt genüßlich auf ihrer Zunge schmolz, gerade eben noch in Nicks Mund befunden hatte und dass er ... oh Mann ... mit seiner Zunge ... und ... überhaupt.
Sie wandte leicht beschämt den Kopf zur Seite und fixierte ein älteres Ehepaar, das eng umschlungen gegen die Brüstung gelehnt da stand und so wirkte, als hätten sie ihre restliche Umwelt komplett vergessen.
Noch mehr? fragte Nick, was Sam veranlaßte, sich wieder auf ihn zu konzentrieren.
Nein, nie im Leben dachte sie.
Ja, sagte sie zwar leise aber deutlich und mit einem warmen Lächeln auf dem Gesicht.
Erneut biß Nick ein Stück von seinem Eis ab ohne sie dabei aus den Augen zu lassen und als sich ihre Münder diesmal berührten, erwartete sie ihn bereits mit leicht geöffneten Lippen.
Erneut fühlte sie das kalte Eis in ihren Mund rutschen und dann ... war da plötzlich noch etwas, was garantiert nicht aus Eis war. Doch Nick zog seine Zunge genau so schnell wieder zurück, wie sie in ihren Mund eingedrungen war und als sei nichts gewesen, leckte er gleich darauf wieder an seinem Eis.
Ihr Mund war voller geschmolzenem Mandeleis und selbst wenn sie gekonnt hätte, wäre ihr in diesem Moment wahrscheinlich kein Ton über die Lippen gekommen. Sie versuchte, sich über sein Verhalten aufzuregen, doch alles was sie empfand war ein wahnsinnig aufregendes Kribbeln in ihrem Magen und lächelnd fragte sie sich, ob das mit einem passierte, wenn man zu viel Eis ass. Aber das hatte Nick vorhin sicherlich nicht gemeint, oder?