Kapitel 31
Nick lag neben Aaron auf dessen Bett, hatte die eine Hand unter den Kopf geschoben und kraulte mit der anderen seine Boxerhündin Leyla hinter den weichen Hängeohren. Seine Geschwister hatten die Hunde am Morgen auf dem Balkon ausgesperrt, nachdem keiner von ihnen große Lust verspürt hatte, mit ihnen einen Spaziergang zu machen und nachdem sich seine Hündin beinahe vor Wiedersehensfreude überschlagen hatte, lag sie nun ruhig und wohlig seufzend neben ihm.
Während Nicks Finger also ganz mechanisch durch das weiche Fell fuhren, starrte er an die Decke und überlegte fieberhaft, welche Geschichte er Aaron erzählen sollte, ohne dass er in den Augen der Kamera, die durch den Türspalt linste, wie ein Versager da stand und ohne, dass sein Bruder den Braten sofort roch.
Aaron kannte ihn. Vielleicht sogar zu gut. Sie hatten die meisten ihrer Frauengeschichten miteinander geteilt - zumindest die, die wenigstens ansatzweise in einem ernsthaften Level lagen und er würde es sofort merken, wenn er diesmal zu viel Zurückhaltung an den Tag legte.
Kannst du dir vorstellen, wie die vier jetzt da drüben sitzen und vor sich hin kichern? sinnierte Aaron gerade.
Ja, das kann ich mir sogar ziemlich gut vorstellen, grinste Nick und hatte sofort das Bild einer aufgescheuchten Hühnerschar im Kopf.
Wahrscheinlich sind sie gerade dabei deine Qualitäten im Bett zu diskutieren, fügte Aaron in leicht gehässigem Tonfall hinzu.
Nick entschied, diesen einfach zu übergehen und sagte statt dessen das glaube ich kaum. Sam ist nicht so.
Oh, gab sein Bruder amüsiert zurück, drehte sich auf die Seite und stützte sich interessiert mit dem Ellenbogen neben Nick auf. Wie ist sie denn dann?
Sie ist nicht der Typ, der intime Details ausplaudert. Zumal eine Kamera anwesend ist, gab Nick zurück.
Das meinte ich eigentlich nicht, grinste Aaron vielsagend.
Nick wandte den Kopf und sah zu ihm hinüber. Am liebsten hätte er jetzt so etwas gesagt wie ein Gentleman schweigt und genießt. Aber das würde ihm Aaron niemals abnehmen.
Sie ist ... anders ... , begann er also stockend.
Inwiefern?
Ziemlich zurückhaltend.
Was im Klartext heißt ... ?
... dass ziemlich viel Überredungskunst dazu gehört, um sie ins Bett zu kriegen, entgegnete Nick und fühlte dabei einen kurzen Anflug von schlechtem Gewissen. Sie hatten nicht miteinander geschlafen und dieses Gerücht jetzt in die Welt zu setzen behagte ihm ganz und gar nicht.
Aha, gab Aaron zurück. Wie hast du es dann schlußendlich doch geschafft?
Ich weiß auch nicht ... Nick wandte den Kopf wieder von Aaron ab, weil er ihm nicht in die Augen sehen wollte, wenn er ihn anlog und fuhr dann fort. Wir waren essen. Wir haben uns geküßt. Und irgendwie ... sie küßt ziemlich gut.
Einen Moment verweilte er gedanklich bei dem Gefühl von ihren Lippen auf seinen und er spürte, wie sein Herz etwas schneller zu schlagen begann.
Dann sind wir ins Hotel gefahren und ich glaube, sie war ein wenig ... nun ja ... überrumpelt von dieser ... uhm ... Direktheit.
Er hörte Aaron neben sich leise kichern. Ja, das kann ich mir bei Sam sehr gut vorstellen.
Aber im Endeffekt ... du kennst mich ja ... , mit einem breiten, hoffentlich echt wirkenden Grinsen wandte er sich wieder Aaron zu. ... konnte sie meinem Charme nicht widerstehen.
Ja. Du hast so lange an ihr herum gegraben, ihr ein bißchen Champagner eingeflößt und ihr nette Worte ins Ohr geflüstert, bis sie dahin geschmolzen ist wie Butter in der Sonne, grinste Aaron.
So ähnlich, ja.
Und dann? Ich meine ... entschuldige, wenn ich das so sage, aber ... ich kann die Worte leidenschaftlich und Sam nicht so wirklich miteinander in Verbindung bringen.
Stille Wasser sind tief, grinste Nick vielsagend.
Aaron wurde langsam ungeduldig. Jetzt laß dir doch nicht alle Details aus der Nase ziehen, verdammt. Wie gut war sie auf einer Skala von 1 bis 10? Paris hat darauf immerhin eine sieben gekriegt, von daher ... ,
Aufgebracht fuhr Nick in die Höhe. Wage es ja nicht Sam mit Paris zu vergleichen. Das ist eine ganz andere Liga ... nein, eine ganz andere Sportart. Paris hat immer nur an sich gedacht, Sam denkt immer nur an andere.
Uh, das bedeutet dann ja wohl, dass du sexmäßig voll auf deine Kosten gekommen bist, grinste Aaron breit und Nick hätte ihm dieses Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geprügelt.
Ich weigere mich, dieses Gespräch mit dir fortzusetzen, entgegnete er statt dessen und stand so abrupt auf, dass Leyla erschrocken aufheulte, vom Bett sprang und am Kamerateam vorbei durch die Tür sauste, bevor Nick auch nur eine weitere Bewegung machen konnte.
Was ist denn mit dir los? fragte Aaron verständnislos. Sonst hast du dich doch auch nicht so geziert.
Sam ist eben etwas besonderes, verstehst du? So kannst du nicht über sie reden.
Schon klar. Wer hat denn gleich für das erste Date ein Hotelzimmer reserviert, hm? So unschuldig bist du weiß Gott auch nicht. Also halt die Klappe.
Selber, giftete Nick, durchmaß mit langen, wütenden Schritten Aarons Zimmer und schob sich ohne Rücksicht an den Kameramännern vorbei.
Die ganze Zeit fragte er sich, was er hier eigentlich veranstaltete und warum er plötzlich so wütend und aufgebracht war. Warum konnte er Aaron nicht einfach eine farbenfrohe, detaillierte Story von seiner Nacht mit Sam erzählen? Er müßte sich nicht einmal wirklich anstrengen, um sich die entsprechenden Details auszudenken. Was das betraf hatte er in der Vergangenheit ja nun wirklich genug Erfahrungen gesammelt und er hätte nur hier und da ein Puzzelteil entnehmen und in seine Story einbauen müssen. Aber nein, statt dessen stritt er sich mit seinem Bruder und zog beleidigt ab.
Als er schließlich in seinem eigenen Zimmer verschwand und dem Kamerateam die Nase buchstäblich vor der Nase zuschlug, hatte er immer noch keine Antwort gefunden. Statt dessen verfolgten ihn Bilder von Sam, die sich nackt in seinem Bett räkelte und ihn mit ihren großen Augen und diesen verführerischen Lippen dazu aufforderte, ihr das zu geben wonach sie sich schon so lange sehnte.
Vielleicht war das das Problem: Sie begehrte ihn nicht ein Stück, sie mochte ihn noch nicht einmal besonders, und dieser Umstand setzte ihm mehr zu, als er sagen konnte. Warum er allerdings so empfand, konnte er beim besten Willen nicht sagen.
Im selben Moment sah er wieder den gestrigen Abend vor sich und was dort tatsächlich geschehen war. Die Frau in dem roten Kleid, ihr anfänglich nettes Geplänkel, der Geruch nach hemmungslosem Sex, der für eine Weile buchstäblich in der Luft gehangen hatte und dann ihre Reaktion auf seine Abfuhr. Ihn überkam plötzlich das heftige Bedürfnis nach einer Dusche und, was ihn viel mehr erschreckte, der Wunsch, zu Sam hinüber zu gehen und sich in ihre ausgebreiteten Arme zu flüchten.
Bei diesem Gedanken angekommen klingelte plötzlich sein Handy und obwohl er im Moment keinerlei Lust verspürte mit irgend jemandem zu reden, drückte er sich gleich darauf das kleine Gerät ans Ohr. Vielleicht würde dieses Telefonat wenigstens für eine Weile diese furchtbar peinlichen und demütigenden Bilder aus seinem Kopf vertreiben.
Nick? Hier Henry.
Na wunderbar. Sein Produzent hatte ihm gerade noch gefehlt.
Ich habe gerade erfahren, was da gestern Abend gelaufen ist, plapperte dieser aufgeregt weiter. Seeeehr gut. Fantastisch so zu sagen.
Freut mich, dass du dich freust, gab Nick etwas mürrisch zurück.
Das müssen wir unbedingt ausbauen.
Wie meinst du das? fragte Nick mißtrauisch und ließ sich auf die Bettkante sinken, weil sich seine Knie viel zu weich anfühlten.
Wir brauchen ein paar medienwirksame Bilder. Am besten drehen wir ein, zwei Einstellungen nach. Ich fände es gut, wenn wir ein Take hätten, wie du das bitte nicht Stören Schild an den Türknauf hängst, das regt die Fantasie der Zuschauer an, außerdem ... ,
Das werde ich nicht tun, unterbrach ihn Nick mit gerunzelter Stirn.
Wie du willst, aber wir brauchen auf jeden Fall noch ein paar Bilder. Dieser Kuß war schon nicht schlecht, aber leider waren wir nicht nahe genug dran. Für den Anfang ist das aber sicherlich nicht verkehrt. Es unterstreicht, dass wir niemanden vorführen wollen und eure romantischen Gefühle irgendwie respektieren, aber da muß noch was kommen. Wir könnten ... ,
Henry ... , versucht es Nick, doch sein Produzent war nun so richtig in Fahrt.
Ich organisiere euch einen Tag in Santa Barbara. So richtig romantisch mit allem drum und dran. Strand, Meer, verliebtes Hand in Hand Bummeln und eure Silhouetten vor dem Sonnenuntergang. So etwas in der Art.
Ich will nicht ... ,
Danach vielleicht noch ein öffentlicher Auftritt. Das muß ich mir aber noch überlegen. Ihr seid doch in zwei Wochen sowieso alle auf dieser Modenschau von ... wie heißt der Typ noch mal?
Gerry Mantile, aber ich werde sie nicht ... ,
Genau. Da wird sie mitgehen. Ein paar Fotos für die Presse sind überfällig. Und vergiß nicht in jedem Interview auf die Serie hinzuweisen. Ein paar Andeutungen, dass man darin miterleben kann, wie ihr euch gefunden und verliebt habt, könnten auch nicht schaden. Wir bringen das ganz groß raus Junge. Ganz groß!
Ich will das aber nicht ... , setzte Nick erneut an, doch Henry unterbrach ihn erneut.
Das ist mir scheißegal Nick. Meine Güte, das kann doch nicht so schwer sein. Ihr verbringt doch sowieso jede freie Minute miteinander. Was spricht also dagegen?
Ich möchte meine Beziehung nicht wie irgendeinen blöden Energydrink vermarkten, gab Nick heftig zurück.
Seit wann hast du denn etwas gegen Publicity? Das sind ja ganz neue Töne.
Ich glaube einfach nicht, dass Samantha damit einverstanden ist. Sie hat noch nie im Rampenlicht gestanden und ich befürchte, sie kann damit auch nicht wirklich etwas anfangen.
Komm schon. Setz deinen Charme ein. Das schaffst du schon. Sie wohnt in deinem Haus und hat sich damit ganz freiwillig ins Rampenlicht begeben. Sei nicht so naiv. Jede Frau steht darauf im Vordergrund zu stehen. Bei manchen dauert es nur ein bißchen länger, bis sie das erkennen.
Das breite, leicht anzügliche Grinsen auf Henrys Gesicht konnte Nick direkt vor sich sehen und ihm drehte sich der Magen herum.
Noch mal ganz langsam zum mitschreiben. Ich werde nicht ... ,
Ich muß dann los, hörte er Henry plötzlich sagen. Wir hören uns die Tage, wenn ich alles organisiert habe. Bis dann.
Und schon war nur noch das Tuten des Freizeichens zu hören.
Wütend schleuderte Nick das Telefon in eine Ecke seines Bettes und fuhr sich frustriert mit den Händen durch das Haar. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Und was würde Sam dazu sagen?
Im selben Moment fragte er sich, warum er sich eigentlich so aufregte. War das nicht genau der Plan gewesen? So tun, als führten sie eine Beziehung um die Einschaltquoten anzukurbeln und Sam die Chance geben, das Sorgerecht für ihren Sohn zurück zu bekommen? Und was könnte die Echtheit dieser Beziehung besser untermauern, als sie der Öffentlichkeit buchstäblich auf dem Silbertablett zu präsentieren?
Er stellte sich vor, wie er mit seinen Geschwistern den roten Teppich zur Premierenfeier der neuen Kollektion von Gerry Mantile hinunter schritt. Unzählige Fotografen würden diese Strecke säumen und am Ende würden sie sich auf das kleine Podest stellen, das mit den Namen der Sponsoren dieses Abends buchstäblich zugepflastert war, sich die Arme um die Schultern legen und sich freundlich lächelnd dem Blitzlichtgewitter stellen.
Leider konnte er sich Sam in diesem Szenario überhaupt nicht vorstellen. Sie würde ganz sicher nicht einmal ansatzweise ein Lächeln zustande bringen und sie würde sich sicherlich fühlen, als würde sie zur Schlachtbank geführt.
Gott, eine Beziehung mit ihr, und sei sie auch nur zum Schein, war anstrengender, als er sich das vorgestellt hatte. Am liebsten hätte er die ganze Sache abgeblasen und sich wieder seinem wahren Leben und damit den einfachen, unkomplizierten Frauen darin zugewandt. Doch so wie es aussah, kam er nicht so einfach davon. Immerhin hatten sie vor nicht einmal einer Stunde ihren Schwur erneuert, diese Sache durchzuziehen. Wie konnte er da jetzt einen Rückzieher machen? Eben. Gar nicht.