Kapitel 29
Nick erwachte als die ersten Sonnenstrahlen durch die zugezogenen Vorhänge sickerten. Er blinzelte kurz und schloß die Augen dann wieder. Zum einen, weil er noch viel zu müde war und zum anderen, weil er das Gefühl hatte, dass seine Augenlider, genau so wie sein restlicher Körper, mindestens eine Tonne wogen.
Ganz langsam kehrte sein Bewußtsein zurück. Die erste Frage des Tages lautete wie immer Wo bin ich? und gleich darauf trafen ihn die Ereignisse des vorangegangenen Abends wie ein Faustschlag. Erschrocken riß er die Augen auf und starrte direkt in Samanthas schlafendes Gesicht.
Sein gesamter Körper versteifte sich und er redete sich gut zu um keine unbedachte Bewegung zu machen. Um nichts in der Welt wollte er, dass sie aufwachte und ihn so sah: Mit vom Wein verklebten Haaren, mit einem verquollenen Gesicht von den nicht unbeträchtlichen Mengen an Alkohol, die er gestern in sich hinein gekippt hatte, und durch die Müdigkeit im Moment noch seiner natürlichen Schutzmechanismen beraubt.
Ein weiterer Sinneseindruck schob sich ganz langsam über sein Gedankenchaos.
Seine Hand.
In ihrer.
Wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen folgten seine Augen der Linie, die sein ausgestreckter Arm beschrieb und blieben dann an den ineinander verschlungenen Fingern hängen. Nur sehr vage konnte er sich daran erinnern was geschehen war, nachdem er zu ihr ins Bett gekrabbelt war. Sie hatten miteinander geredet, das wußte er noch, aber worüber und was danach passiert war ...
Sein Blick wanderte hinauf zu ihrem im Schlaf entspannten Gesicht. Sie lag auf dem Rücken, ihr Kopf war in seine Richtung geneigt und ihre Lippen hatte sie einen winzigen Spalt geöffnet. Er dachte an ihren Kuß und spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Sie hatte so wundervoll geschmeckt. Irgendwie süß und unschuldig.
Im selben Moment schimpfte er sich einen Idioten. Der Kuß war nicht echt gewesen. Sie hatten lediglich für die Kamera ihre Lippen aufeinander gedrückt und sie hatte ihm hinterher zudem noch unmißverständlich klar gemacht, dass er in ihren Augen so etwas wie ein Perversling war.
Immer noch darauf bedacht sie nicht zu wecken, zog er ganz langsam seine Hand zurück. Beinahe hatte er es geschafft ihr seine Finger zu entwinden, da bewegte sie sich plötzlich, murmelte etwas unverständliches und schloß ihre Finger wieder fest um seine. Verdammt!
Er wartete eine Weile, in der er seine Augen nicht von ihrem Gesicht lösen konnte und versuchte es dann noch einmal. Diesmal hatte er mehr Glück. Vorsichtig zog er seinen Arm zurück, schob ihn wieder unter die Decke und atmete erleichtert auf. Als er die Augen wieder schloß wußte er zwar schon, dass er nicht wieder würde einschlafen können, doch tatsächlich eingestehen tat er sich dies erst eine viertel Stunde später.
Noch einmal starrte er beinahe wehmütig auf ihr schlafendes Gesicht, dann schob er sich vorsichtig aus dem Bett und verschwand im Badezimmer. Seine Hose, das Jackett und die Schuhe lagen verstreut auf dem Boden herum und als er einen ersten, kurzen Blick in den Spiegel warf schüttelte er langsam den Kopf. Gut, dass Sam nicht aufgewacht war. Diesen Anblick konnte er wirklich niemandem am frühen Morgen zumuten.
Sam wurde vom Klopfen an der Zimmertür aus tiefem Schlaf gerissen. Erschrocken fuhr sie in die Höhe, versuchte sich für einen Moment zu orientieren und stellte dann fest, dass sie sich immer noch in diesem Hotel befand und dass Nick gerade den Raum durchquerte um die Tür zu öffnen.
Sie hörte ihn mit jemandem reden, doch ihr Verstand war noch nicht ganz wach und so verstand sie auch erst, als Nick, einen kleinen Servierwagen vor sich herschiebend, zurück in den Wohnraum kam, dass scheinbar der Zimmerservice geklopft hatte.
Guten Morgen Schlafmütze, begrüßte sie Nick grinsend, während er den Wagen zu dem kleinen Glastisch hinüber rollte, den Blumenstrauß einfach auf den Boden stellte und danach den Tisch für zwei Personen deckte.
Er wirkte ekelhaft wach und ausgeruht, was sich Sam beim besten Willen nicht erklären konnte. Kurzzeitig war sie versucht zu glauben, dass sie die nächtliche Begegnung mit ihm nur geträumt hatte. Vielleicht hatte sie sich nur eingebildet, dass er zurück gekommen war, betrunken, nach Wein stinkend und auf ein kleines, verunsichertes Etwas zusammen geschrumpft.
Doch dann sah sie sein gelbes T-Shirt neben dem Bett auf dem Boden liegen, das immer noch einen großen Fleck auf der Vorderseite aufwies und sie wußte, dass sie sich das alles nicht eingebildet hatte. Er trug mittlerweile das Shirt, das eigentlich für ihren gemütlichen Abend gedacht gewesen war, er schien geduscht zu haben und alles in allem wirkte er, als sei nie etwas gewesen.
Wieso bist du schon wach? fragte sie gähnend und rollte sich unter der warmen Decke wieder zusammen. Ihre Hand strich dabei unbeabsichtigt über das kalte Laken neben ihr und eine weitere Erinnerung flammte in ihrem Gedächtnis auf.
Seine Hand.
In ihrer.
Erschrocken huschte ihr Blick zu Nick hinüber. Mittlerweile hatte er den Tisch gedeckt und nahm nacheinander die Edelstahl Glocken von den diversen Speisen auf dem Servierwagen.
Ich konnte nicht mehr schlafen und da dachte ich mir, nach diesem verkorksten Abend spendiere ich uns wenigstens noch ein anständiges Frühstück bevor wir zurück in das Chaos, das sich unser zu Hause nennt, fahren.
Ja, Chaos trifft es ganz gut, murmelte Sam und war sich nicht sicher, was sie tun sollte.
Eigentlich wollte sie wütend auf ihn sein. Nicht nur, dass er sie gestern Abend geküßt und danach hier her geschleift hatte, er war auch noch mitten in der Nacht in ihr Bett gekrabbelt. Und als wäre das noch nicht genug, hatte er gerochen, als hätte er eine ordentliche Weindusche genommen.
Andererseits konnte sie das Gefühl seiner Finger auf ihrer Hand nicht vergessen und sein undeutliches Gemurmelt über Mauern, die wichtig waren auch nicht.
Was ist? fragte Nick unvermittelt und erst jetzt fiel ihr auf, dass sie ihn die ganze Zeit angestarrt hatte.
Nichts, gab sie schnell zurück und senkte den Blick.
Eine Weile blieb es still und als sie es schließlich wieder wagte zu ihm hinüber zu sehen, ruhte sein Blick unverwandt auf ihr.
Sie fochten einen stummen Kampf aus. Nick schien nur darauf zu warten, dass sie die vergangene Nacht ansprach und Sam mußte ihre gesamte Beherrschung aufbringen, um ihm diesen Gefallen nicht zu tun. Er würde ihr sowieso nicht erzählen, was da genau vorgefallen war, warum er verklebt und sturzbetrunken in ihr Bett gestiegen war und dabei so unglaublich unglücklich gewirkt hatte.
Frühstück? fragte er schließlich und irgendwie klang das in ihren Ohren wie ein Friedensangebot.
Frühstück, nickte sie und stimmte damit seinem Waffenstillstand zu.
Warum mußten Beziehungen zwischen Menschen nur immer so schwierig sein?