Kapitel 28
Sam stand im Flur ihres Hotelzimmers und betrachtete sich fasziniert in dem bodenlangen Spiegel. Nachdem Nick sich vor einer halben Stunde mit seinem letzten, lautstarken Hinweis darauf, das dies alles hier nicht echt und nur ein Spiel sei, auf dem Absatz herumgedreht hatte und aus dem Zimmer gestürmt war, hatte sie sich erst einmal um ihr Gesicht gekümmert, die verbliebene Kontaktlinse und das restliche Makeup entfernt und sich danach unschlüssig im Zimmer umgesehen.
Es kam für sie überhaupt nicht in Frage auch nur etwas von dem anzurühren, was Nick hier so liebevoll hergerichtet hatte, aber da sie schließlich nicht nackt schlafen konnte, hatte sie zumindest das Nachthemd übergestreift.
Es fühlte sich unglaublich weich auf ihrer Haut an und fiel fließend bis hinunter auf ihre nackten Zehen. Um die Brust war der Stoff etwas gerafft und die Träger waren mit feiner Spitze versehen. Warum dies hier ein Nachthemd sein sollte und nicht in der Öffentlichkeit als normales Kleid getragen wurde, konnte sie sich kaum erklären.
Schließlich riß sie sich von ihrem Spiegelbild los, das sie für ihren Geschmack bereits viel zu lange anstarrte, und ging langsam zurück in das Zimmer. Sie hatte die Deckenbeleuchtung aus- und eine kleine Nachttischlampe eingeschaltet und so lag das meiste des riesigen Raumes in samtiger Dunkelheit. Trotzdem schien das strahlende Weiß der Karte zwischen den Blütenblättern des Straußes hervor zu leuchten und nachdem sie kurz mit sich gerungen hatte ging sie hinüber zu dem kleinen Tisch und ließ sich langsam auf einen der Stühle sinken.
Ihre Finger zitterten kaum merklich, als sie die Karte vorsichtig hervorzog, den Umschlag entfernte und kurz die Vorderseite musterte. Eine Henne mit braunem Federkleid und rotem Schnabel war darauf abgebildet und Sam fragte sich kopfschüttelnd, ob Nick in seinen echten Beziehungen auch so unromantisch war.
Dann klappte sie die Karte auf und starrte für eine Weile auf das unleserliche Gekrakelt hinunter, bevor sie sich seufzend erhob, auf das Bett setzte und die Karte näher ans Licht hielt. Nach einer kleinen Ewigkeit hatte sie schließlich den Satz entziffert.
Dafür, dass du keines dieser arroganten Hühner bist und dafür, dass du für meine Familie da bist. Nick
Ein Lächeln war auf ihrem Gesicht erschienen und erneut schüttelte sie den Kopf. Diesmal aber wohl eher, weil sie seine Geste als äußerst liebenswert empfand, was sie dann doch sehr überraschte.
An Nick war nichts liebenswert. Er war ein dickköpfiger, egoistischer Mistkerl, impulsiv und arrogant und er machte sich wenig bis gar keine Gedanken darüber, was andere Menschen wohl von ihrem Leben erwarteten und wie sie so tickten. Das hatte er ihr heute Abend ja wohl eindrucksvoll bewiesen.
Sie sah ihn wieder vor sich, wie er sich um ihr schmerzendes Auge kümmerte und schüttelte zum dritten Mal den Kopf. Irgendwie wurde sie nicht einmal ansatzweise schlau aus ihm und sie war sich ziemlich sicher, dass genau das der Grund war, warum sie auf seine Nähe, die Zärtlichkeiten und dieses Hotelzimmer so heftig reagierte.
Nick war alles zuzutrauen. Auch, dass er sich gedacht hatte, wenn sie schon so taten als würden sie eine Beziehung führen, könnten sie doch ruhig mal ausprobieren wie es sich in der Realität anfühlte mit einander ins Bett zu gehen. Und dass er auch noch davon ausgegangen war, dass Sam dies alles ohne zu murren mitmachen würde, setzte dem ganzen die Krone auf.
Schließlich verstaute sie die Karte in ihrer Handtasche, putzte sich mit der kleinen Einwegzahnbürste, die das Hotel neben Duschgel, Seife und diversen anderen Kosmetikprodukten zur Verfügung gestellt hatte die Zähne und krabbelte dann in das riesige Bett. Während sie das Licht löschte fragte sie sich, wie sie überhaupt in diese seltsame Situation hatte kommen können.
Eben hatte sie noch zu Hause in ihrer eigenen Wohnung gesessen, dabei zwar mit ihrem Schicksal gehadert aber dennoch ihr Ziel nicht aus den Augen verloren und im nächsten Moment befand sie sich in purem Chaos - In einem Haus, in dem keiner auf den anderen Rücksicht nahm und bei einem Mann, der nur sich selbst liebte.
Sie rutschte tiefer in die Polster und schloß die Augen. Morgen würde sie dieser ganzen Scharade ein Ende setzen, ihre Koffer packen und nach Hause fahren. Es wurde Zeit endlich wieder in die Realität zurück zu kehren. Sie würde weiterhin um Joshua kämpfen, diesmal allerdings mit ihren eigenen, fairen Mitteln und die kurze Episode mit dieser unmöglichen Familie einfach vergessen.
Sie war gerade in einen angenehmen Dämmerzustand geglitten, als sie unvermittelt das Klicken des Schließmechanismus hörte, gefolgt von einem lauten Rums, als die Tür wenig sanft wieder geschlossen wurde. Sofort war sie hellwach, bemühte sich allerdings, ruhig liegen zu bleiben und gleichmäßig zu atmen.
Wieso war er hier? Hatte er sich nicht ein eigenes Zimmer nehmen wollen?
Sie hörte, wie Nick das Zimmer durchquerte, dabei wenig rücksichtsvoll das Licht einschaltete und ohne ein Wort im Badezimmer verschwand. Eine Zeit lang hörte sie nur das Rauschen von Wasser, dann wurde es einen Moment still, bevor die Tür wieder aufging und Nick heraustrat.
Er knipste das Licht aus und gleich darauf schob er sich ächzend und stöhnend zu ihr unter die Laken. Wie versteinert blieb sie liegen, horchte auf jedes Geräusch und jede Bewegung, die da hinter ihrem Rücken abging, während ihr Herz wie wild in ihrer Brust hämmerte. Er hatte doch wohl nicht wirklich vor mit ihr in einem Bett zu schlafen?
Und dann drang der überwältigende Geruch nach Wein, vermischt mit dem unverkennbaren Minzegeruch von Zahnpasta zu ihr herüber und sie konnte einfach nicht mehr länger still liegen bleiben. Aufgebracht fuhr sie in die Höhe, tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe und als sie ihn endlich gefunden hatte, hob er das ganze Ausmaß der Katastrophe aus der Dunkelheit.
Nicks Haare waren dunkel von Feuchtigkeit. An die Stirn schien das Wasser noch hingekommen zu sein, doch der Rest seines Haarschopfes war mit irgend etwas anderem verklebt. Seine Augen waren geöffnet und gen Zimmerdecke gerichtet. Sie wirkten geschwollen und blutunterlaufen, so, als hätte er zu viel Alkohol getrunken und sei unsagbar müde. Wahrscheinlich entsprach beides der Wahrheit. Er trug immer noch sein T-Shirt, doch ein dunkler Fleck zeichnete sich nun auf seiner Brust ab und Sam war sich ziemlich sicher, dass dieser Weingestank von dort kam.
Sofort lagen ihr mehrere, bissige Kommentare auf der Zunge, doch obwohl sie es eigentlich gar nicht wissen wollte, fragte sie statt dessen was ist passiert?
Hm? nuschelte Nick und ließ seine Augen ganz langsam zu ihr hinüber wandern. Sie schienen jeglichen Glanz verloren zu haben und Sam erschrak vor der tiefen Leere, die sich dahinter auftat.
Ich meine ... , sie deutete in einer vagen Geste auf sein T-Shirt. Du stinkst wie ein mittlerer Schnapsladen.
Oh ... , Nicks Hand fuhr fahrig über seine Brust, wo sie schließlich liegen blieb, als hätte der Motor, der sie antrieb, plötzlich versagt. Ein kleiner Zwischenfall. Nichts ernstes, murmelte er und rollte sich dann langsam in der Fötusstellung zusammen, wobei er ihr den Rücken zu kehrte.
Sam starrte nun komplett verwirrt auf ihn hinunter. So lange war er doch gar nicht weg gewesen und trotzdem hatte sie jetzt einen vollkommen anderen Menschen vor sich. Da war nichts mehr von all der Wut und dem überragenden Ego zu spüren. Das, was da neben ihr lag, erinnerte eher an ein Häufchen Elend und in ihr keimte ungefragt so etwas wie Mitleid auf.
Ist ... alles in Ordnung mit dir? fragte sie also weiter.
Klar. Alles bestens, hörte sie ihn murmeln.
Sam seufzte. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und legte sie unendlich langsam auf seine Schulter. Ich meine das ernst, Nick. Was ist passiert?
Interessiert dich sowieso nicht, kam es brummelnd zurück.
Es interessiert mich sehr wohl, widersprach sie.
Ich bin todmüde und will einfach nur schlafen. Also laß mich in Frieden.
Als hätte sie sich verbrannt zog sie ihre Hand zurück. Da war er wieder. Der unausstehliche, arrogante Mistkerl.
Wütend auf sich selbst, weil sie mal wieder einen Schritt auf ihn zugemacht und dafür eine Abfuhr kassiert hatte, rutschte sie an das andere Ende des Bettes, knipste das Licht aus und blieb dann ganz still liegen. Sie konnte seine Anwesenheit beinahe körperlich spüren, mal ganz abgesehen davon, dass ihr von diesem Alkoholgestank beinahe schlecht wurde.
Verzweifelt überlegte sie, was sie jetzt tun sollte. Sie konnte doch unmöglich einfach so die Nacht neben ihm verbringen.
Sind Frauen eigentlich immer so schwierig? zerriß Nicks Stimme plötzlich die angespannte Stille.
Meinst du das im allgemeinen oder mich im besonderen, gab sie schneidend zurück.
Eher so allgemein, hörte sie ihn sagen.
Mißtrauisch blickte sie zu ihm hinüber, konnte aber in dem diffusen Dämmerlicht nur einen Hügel unter dem Laken ausmachen.
Ich denke, wir Frauen sind nicht komplizierter als ihr Männer, gab sie also zurück.
DAS halte ich für ein Gerücht, kam es sofort zurück.
Wieso?
Der Hügel bewegte sich, als Nick sich langsam wieder auf den Rücken drehte.
Es ist egal was ich tue oder sage. Ich mache immer alles falsch. Warum kann man es euch Frauen nie recht machen?
Vielleicht liegt es auch an dir, schon mal darüber nachgedacht? gab Sam spitz zurück und biß sich gleich darauf auf die Unterlippe. Er machte nicht den Eindruck, als könne er heute Nacht noch solche Seitenhiebe vertragen und sie schämte sich ein wenig für ihren unbedachten Ausspruch, also fügte sie etwas versöhnlicher hinzu. Ich glaube es liegt daran, weil Männer und Frauen verschiedene Erwartungen haben.
Erwartungen? Wie dieses Sache mit dem Zimmer hier, was? Ich habe erwartete, dass du dich freuen würdest aber statt dessen hast du mir die Hölle heiß gemacht.
So in etwa, mußte Sam zugeben.
Warum ist das so? er drehte sich noch etwas weiter in ihre Richtung und sie meinte seine Augen in der Dunkelheit glitzern zu sehen.
Sam seufzte. Wenn ich das so genau wüßte. Meistens liegt es wahrscheinlich daran, dass wir nicht zuhören können. Man ist so in seinen eigenen Vorstellungen und Erwartungen gefangen, dass die Argumente des anderen an einer undurchdringlichen Mauer abprallen. Und in deinem Fall ... nun ja ... , Sam verstummte weil sie nicht wußte, ob es wirklich ratsam war in dieser Situation offen und ehrlich zu ihm zu sein.
Was ist in meinem Fall? hakte Nick nach und gähnte dann lautstark und ausgiebig.
In deinem Fall ist die Mauer noch etwas dicker und höher, vollendete sie ihren Satz und wartete mit angehaltenem Atem auf seinen Wutausbruch, der auf diese schamlose Behauptung sicherlich gleich folgen würde. Doch zu ihrer Überraschung blieb dieser aus.
Mauern sind wichtig, hörte sie ihn murmeln. Offensichtlich war er gerade dabei einzuschlafen.
Nein. Sie schützen dich zwar, aber sie lassen auch niemanden hinein, der dir gut tun könnte, gab Sam leise zurück.
Hm, murmelte er, dann schob sich plötzlich eine Hand zu ihr hinüber und ehe sie es sich versah, hatte er ihre Finger locker umschlossen.
Wie zur Salzsäule erstarrt lag sie auf ihrer Seite, versuchte mit den Augen die Dunkelheit vor sich zu durchdringen und war sich dabei jedes einzelnen Fingers seiner Hand auf ihrer bewußt. Seltsamer Weise breitete sich ein aufgeregtes Prickeln über ihren Handrücken bis hinauf zu ihrer Schulter aus und ihre Magenwände begannen leicht zu vibrieren.
Nick? flüsterte sie, doch sie bekam keine Antwort, stattdessen wurden seine Atemzüge immer tiefer und gleichmäßiger, bis sie schließlich in einem ersten, leisen Schnarchen gipfelten.
Na super, murmelte sie und verrollte die Augen. Mehr Bewegung gestand sie sich die restliche Nacht nicht zu, denn sie wollte um keinen Preis der Welt, dass Nick seine Hand zurück zog und damit das warme Gefühl mit sich nahm, das sich so unvermittelt in ihr ausgebreitet hatte und sie irgendwie friedlich machte.