Kapitel 27

Nick stürzte den Whisky in einem Zug hinunter, stellte dann das Glas mit Nachdruck zurück auf die kleine, weiße Papierserviette und orderte beim Barkeeper sofort ein neues Glas. Nachdem ihm die ekelhaft freundliche Frau am Empfang mitgeteilt hatte, dass das Hotel ausgebucht und somit kein weiteres Zimmer für ihn zu bekommen war, war er mehr als wütend und frustriert in die Hotelbar gestapft und hatte sich an dem langen, polierten Tresen niedergelassen. Wenigstens einen seiner Vorsätze für den heutigen Abend wollte er in die Tat umsetzen.
Mittlerweile befanden sich drei Tequila, zwei Bier und ebenso viele Whiskys in seinem Magen und er hatte vor, dieser Aufzählung noch weitere Gläser hinzuzufügen. Leider hatte der Alkohol bisher nicht dabei geholfen, seinen inneren Aufruhr zu besänftigen. Er fühlte sich noch nicht einmal beschwipst. Seine Gedanken rasten nach wie vor wie die Rennwagen der Nascar-Serie in seinem Hirn an ihm vorbei und genau wie bei diesen Rennen verschwanden die Gedanken noch eher er sie richtig fassen konnte, machten neuen, ähnlichen Bildfetzen Platz, nur um ein paar Minuten später mit der gleichen, nervtötenden Intensität zurück zu kehren.
Dieser Abend hatte so vielversprechend angefangen. Er sah Sam in diesem verführerischen Kleid vor sich, wie sie in seinem Wohnzimmer stand und scheinbar nicht so recht wußte, wie sie sich verhalten sollte. Was das betraf waren sie sich in diesem Moment wohl sehr ähnlich gewesen.
Dann das Restaurant, ihre großen, faszinierenden Augen, das Interesse, das sie ihm entgegen gebracht hatte und schließlich der Kuß, der ihn über alle Maßen überrascht hatte.
Ab da war es dann rapide abwärts gegangen und er verstand immer noch nicht so wirklich wieso.
Er hatte erwiesenermaßen kein glückliches Händchen mit Frauen, das war ihm auch klar, aber normaler Weise wußte er ganz genau, wie er sie dazu bekam das zu tun, was er wollte. Es ging immer um Aufmerksamkeit.
Immer und ausschließlich.
Wenn er sich mit seinen bisherigen Freundinnen in die Haare bekommen hatte, ging es entweder um seinen Job, der dafür sorgte, dass sie sich nicht oft genug sehen konnten, um sein Verhalten auf Partys, wenn er es sich mal erlaubte, seine Aufmerksamkeit auf seine Freunde anstatt auf die Frau an seiner Seite zu lenken oder darum, dass er nicht wirklich in der Lage war seine Gefühle adäquat auszudrücken oder zu zeigen.
Sam hatte ihm nun genau das zum Vorwurf gemacht: Er hatte zu schnell zu viel gezeigt und er hatte keinen blassen Schimmer, wie er damit umgehen sollte. Noch dazu, da dies hier alles nur Show war. Was er tat hatte nur den einen Zweck: Die Fernsehzuschauer davon zu überzeugen, dass er es ernst meinte, dass ihm wirklich etwas an Sam lag und dass er bis über beide Ohren in sie verliebt war.
Aber wie, verdammt noch mal, sollte er das unter Beweis stellen, wenn er sie nicht anrühren durfte?
Als er den nächsten Whisky hinunter gestürzt und mit einem kräftigen Schluck Bier nachgespült hatte kam er zu dem Schluß, dass Sam einfach keine Ahnung hatte. Sie hatte es ja selbst gesagt. Dieser Greg war ihre einzige Erfahrung in Bezug auf Männer und Beziehungen und wie man unschwer erkennen konnte, hatte er seine Sache nicht sonderlich gut gemacht. Sie waren geschieden und stritten sich um das Sorgerecht für das einzig Gute, das aus dieser Beziehung hervorgegangen war.
Er bestellte beim Barkeeper einen weiteren Tequila, mit dem er seine innere Stimme endlich zum Schweigen bringen wollte, die irgendwo in seinem Kopf zwischen seinen rasenden Gedanken saß und ihm immer wieder zuflüsterte, dass es hier nicht um Greg oder Sam oder sonst irgend etwas ging. Sie mochte ihn einfach nicht. Das war die ungeschminkte Wahrheit. Obwohl das hier alles nicht echt war, brachte sie es noch nicht einmal fertig so zu tun als ob.
Als der junge Mann hinter der Theke schließlich das kleine Glas mit der halben Zitronenscheibe darauf vor ihn hinstellte fühlte er endlich, wie sich ein leichter Nebel seines Gehirns bemächtigte. Die Gedanken wurden langsamer und auf eine angenehme Art schwammig und verloren somit ein wenig von ihrer quälenden, schmerzhaften Kraft.
Befriedigt rieb er etwas Zitronensaft auf seinen Handrücken und streckte dann die Hand nach dem kleinen Salzstreuer aus, doch jemand anderes war schneller.
„Darf ich?“ fragte eine helle Frauenstimme und als er aufsah, blickte er in ein paar hellblaue, lächelnde Augen, die zu einer blonden Schönheit in einem verteufelt engen, roten Kleid gehörten.
„Klar,“ entgegnete er und war sich nicht sicher, ob er dieses eine Wort tatsächlich so deutlich hervor gebracht hatte, wie es sich in seinem Kopf anhörte.
Das Lächeln der Schönheit wurde breiter, dann faßte sie sanft nach seiner Hand wobei ihr Daumen wie zufällig über sein Handgelenkt streichelte, und zog sie zu sich heran.
Mit zwei kurzen, sanften Schlägen ihres Zeigefingers auf den Streuer ließ sie das Salz auf seinen Handrücken rieseln, hielt seine Hand noch einen Moment fest, bevor sie sich zurückzog und sich direkt neben ihn auf einen Barhocker gleiten ließ.
„Danke,“ nickte er lächelnd und ohne sie dabei aus den Augen zu lassen leckte er mit spitzer Zunge das Salz von seinem Handrücken, kippte den Tequila hinterher und biß dann in die Zitronenscheibe.
Er benötigte seine gesamte Konzentration um sein Gesicht nicht durch diese extreme Geschmackskombination zu verziehen, dann leckte er sich kurz über die Lippen und strahlte sein Gegenüber an.
„Ganz alleine hier?“ fragte er.
Wenn ihr aufgefallen sein sollte, dass seine Zunge beim Sprechen nicht mehr ganz das tat, was sie eigentlich sollte, so ließ sie sich dies zumindest nicht anmerken.
„Ja, ganz alleine. Ich dachte, ein Schlummertrunk könnte nicht schaden. Ich hasse diese großen, leeren Hotelzimmer.“
„Wem sagst du das,“ nickte er und vor seinem geistigen Auge erschien Sam, die alleine in dem weißen Spitzennachthemd vor dem Fernseher saß.
„Na, jetzt sind wir wenigstens zu zweit,“ sagte die fremde Schönheit mit einem gewinnenden Lächeln und bestellte beim Barkeeper ein Glas Weißwein.
„Scheint so,“ nickte er.
Er kramte in seinem Gehirn nach irgend etwas, das er sagen könnte, aber irgendwie herrschte in seinem Kopf eine gähnenden Leere, die nur ab und zu von dem imaginären Flackern des Fernsehers und Sams großen, verweinten Augen durchbrochen wurde.
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich in die Länge und er fühlte sich mehr als unwohl. Was tat er hier eigentlich?
„Noch schlimmer ist es allerdings,“ hörte er sich schließlich sagen „wenn man eigentlich nicht alleine ist und dann aus dem Zimmer geworfen wird.“
Eine Augenbraue des Mädchens schoß in die Höhe, ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten, anzüglichen Grinsen und sie beugte sich vertraulich ein Stück zu ihm hinüber.
„Bedeutet das, du weißt nicht, wo du heute Nacht schlafen sollst?“
Oh Mann. Er lernte es wohl nie. Von einer Katastrophe in die nächste und das zielstrebig und ohne Umwege.
„Könnte man so sagen,“ nickte er, während sich ein Lächeln ohne sein Zutun auf sein Gesicht schlich, das sich irgendwie mehr als deplaziert anfühlte.
„Hm ... ,“ seine Gesprächspartnerin nahm einen Schluck aus ihrem Glas, dann ließ sie sich von ihrem Barhocker herunter gleiten und rückte noch ein Stück näher an ihn heran. „Mein Bett ist groß genug für zwei.“
„Das glaube ich ungesehen,“ grinste er, während sich ihre Hand heiß wie brodelnde Lava auf seinen Oberschenkel legte.
„Also?“ fragte sie und klimperte dabei mit ihren Augenlidern.
„Also was?“ fragte er zurück, obwohl er natürlich wußte, auf was das hier hinaus lief.
„Nun ja. Wenn Nick Carter eine Unterkunft für eine Nacht sucht, bin ich durchaus bereit sie ihm zu geben,“ lächelte sie.
Er fühlte, wie sein Magen augenblicklich zusammenschrumpfte und sein Herzschlag zu rasen begann. Sein nicht mehr ganz klarer Blick heftete sich auf ihre verführerischen, kirschrot geschminkten Lippen und wanderte danach weiter zu dem prallgefüllten Ausschnitt ihres Kleides. Keine Frage, diese Frau war heiß wie die Hölle und so gefährlich wie der Teufel, also genau das, was er jetzt brauchte.
„Verrätst du mir vorher wenigstens deinen Namen?“ fragte er grinsend.
Das Lächeln des Mädchens wurde noch eine Spur breiter, ihr Körper schmiegte sich eng an ihn und langsam legte er ihr einen Arm um die Taille, wobei er seine Handfläche ohne darüber nachzudenken auf die ausgeprägte Rundung ihres Hinterns plazierte.
„Samantha. Aber du kannst mich ruhig Sam nennen.“
Er erstarrte. Nein, das konnte nicht wahr sein, oder? Er hatte sich bestimmt verhört. Seine überreizten und vom Alkohol vernebelten Sinne spielten ihm einen Streich. Sie hatte nicht ... sie hatte ganz bestimmt nicht ... nein, nein, nein ...
„Aber mir ist jeder andere Name auch recht,“ setzte sie etwas irritiert hinzu.
Er nahm die Hand von ihrem Po, plazierte sie wieder neben seinem Bierglas und schüttelte dann den Kopf.
„Tut mir leid. Ich befürchte, das wird nichts mit uns zwei.“
„Wie bitte?“
Sie klang zu Recht verwirrt. Eigentlich hörte sie sich so an, wie er sich fühlte. Irgendwie entglitt ihm gerade diese ganze, verfahrene Situation und er fragte sich beklommen, ob er sich schon jemals so hilflos gefühlt hatte.
„Tut mir leid,“ er schüttelte den Kopf. „Es liegt nicht an dir. Sagen wir einfach ... ich hatte einen ziemlich anstrengenden Abend und wäre jetzt lieber allein.“
Für einen Moment stand sie noch wie festgefroren neben ihm, dann schoß ihre Hand hinüber zu ihrem Weinglas und bevor er auch nur daran denken konnte sich irgendwie in Sicherheit zu bringen, hatte sie ihm bereits den Inhalt mit einer ruckartigen Bewegung ins Gesicht geschüttet.
Noch während ihm der Wein kalt und klebrig über das Gesicht und in den Kragen seines T-Shirts rann rauschte sie erhobenen Hauptes aus der Bar und er konnte nichts anderes tun, als ihr bewegungsunfähig hinterher zu starren. Er war noch nicht einmal in der Lage wütend zu werden. Er fühlte sich einfach nur kalt und leer.
Das war es also. Das angeblich so heißbegehrte Leben eines Popstars. Ein Mädchen saß auf dem Zimmer, das er bezahlt und mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet hatte und das andere hatte ihm gerade wutentbrannt über seine wenig geistreiche Abfuhr ihren Wein ins Gesicht geschüttet. Er kam sich vor wie der letzte Vollidiot und wie so oft verdrängte er dieses Gefühl in den hintersten Winkel seines Herzens, verschloß es gewissenhaft mit einem großen Vorhängeschloß und schob es dann in die dunkelste Ecke, die er finden konnte.
Direkt daneben verfrachtete er jeden Gedanken an die Teufelin im roten Kleid und warum er jetzt hier mit dem Inhalt ihres Weinglases im Gesicht saß.
Irgendwann würden sich diese Gefühle und Gedanken wie Geister aus den Tiefen seines Selbst erheben und die Aufmerksamkeit einfordern, die er ihnen im Moment verweigerte und wie immer würde sich dies dann in Form von Wut und Aggression äußern.
Natürlich war ihm dies nicht wirklich bewußt, zumindest nicht im Moment. Im Moment fühlte er sich einfach wie paralysiert.
Eine Papierserviette schwebte plötzlich vor seinem Gesicht und dankbar nickte er dem Barkeeper zu, während er sich ein wenig säuberte und dann sein Bier in einem Zug austrank.
Zeit fürs Bett. Kurz überlegte er nach Hause zu fahren. Aber da er zum einen viel zu betrunken war um sich hinter das Steuer eines Wagens zu setzen und zum anderen damit auch ihr falsches Spiel auffliegen würde, stand er auf und durchquerte auf unsicheren Beinen die Hotelbar. Er fühlte dabei die Blicke der wenigen Anwesenden auf sich, kümmerte sich allerdings nicht weiter darum, denn das große Vorhängeschloß bewahrte ihn davor, sich unwohl zu fühlen.
Als er schließlich im Fahrstuhl nach oben zu seinem Zimmer fuhr fragte er sich, warum er diesen ganzen, dämlichen Plan, mit Sam so etwas wie eine Scheinbeziehung zu führen, nicht einfach über den Haufen warf und wieder zurück kehrte zu seinem normalen, einfachen Leben.
Als er die Codekarte in den dafür vorgesehenen Schlitz an der Zimmertür schob, hatte er immer noch keine Antwort darauf gefunden, doch inzwischen war ihm eigentlich alles egal. Er wollte sich nur noch hinlegen, seine Augen schließen und nichts mehr denken und fühlen müssen.

Kapitel 28