Kapitel 26

Es kostete Sam ihre gesamte Beherrschung den Eingangsbereich des Hotels zu betreten ohne plötzlich auf dem Absatz kehrt zu machen, Nick zu verprügeln oder ihm ein paar klare Worte ins Gesicht zu schreien. Was bildete sich dieser Mann eigentlich ein?
Sie in aller Öffentlichkeit zu küssen und somit ihre „Beziehung“ offiziell zu machen war eine Sache. Sie danach immer wieder zu küssen, noch so scheinheilig ein „vertrau mir“ hervorzuhauchen und sie dann wie eine billige Schlampe ins nächstbeste Hotel zu zerren, eine ganz andere.
Selbst wenn das hier alles echt gewesen wäre, und davon waren sie ja nun meilenweit entfernt, wäre sie niemals mit ihm gleich in der ersten Nacht ins Bett gestiegen. Wie würde das denn nun aussehen? Jeder der die Serie am Fernsehschirm verfolgte würde sich fragen, was für ein Mensch sie war.
Sie dachte an Greg, Viola und Joshua. Erstere würden sich sicherlich in ihrer niedrigen Meinung über sie bestätigt sehen und ihr kleiner Sohn bekam mit dem Dampfhammer beigebracht, dass sich seine Mutter verantwortungslos und ohne an ihn zu denken in eine Affäre stürzte. Na prima!
Sie hörte, wie Nick das Kamerateam für diese Nacht entließ und das unverschämte „viel Glück“ einer der Kameraleute klang in ihren Ohren wie eine Beleidigung. Gott, sie würde Nick umbringen wenn sie erst einmal alleine waren.
Ohne sie eines Blickes zu würdigen rauschte Nick gleich darauf an ihr vorbei und meldete sich an der Rezeption. Er bekam eine Codekarte ausgehändigt und Sam entging auch nicht das wissende Grinsen der jungen Empfangsdame, als Nick die Frage nach ihrem Gepäck mit einem „das brauchen wir heute Nacht nicht,“ beantwortete.
Wie eine Marionette folgte Sam ihm dann hinüber zu den Fahrstühlen. In eisigem Schweigen warteten sie, bis die Kabine endlich das Erdgeschoß erreicht hatte, doch kaum hatten sich die Türen hinter ihnen geschlossen, konnte Sam nicht mehr an sich halten.
„Sag mal spinnst du?“ fuhr sie ihn an. „Was verdammt noch mal hast du ...,“
„Was verdammt noch mal hast DU dir dabei gedacht mir einen Schwinger in den Magen zu versetzen?“ fiel er ihr ins Wort.
Seine Augen funkelten angriffslustig und Sam hätte ihm am liebsten mitten ins Gesicht geschlagen. Dann würde er vielleicht ansatzweise nachempfinden können, wie sie sich gerade fühlte.
„Das hier war nicht als Freifahrtschein für hemmungsloses Gefummel gedacht,“ schleuderte sie ihm ins Gesicht.
„Hemmungsloses Gefummel?“ stieß Nick hervor. „Tickst du noch ganz richtig?“
„Wer hängt denn hier die ganze Zeit an mir dran, hm? Dieses ganze Rumgeknutsche und das Händchenhalten und überhaupt. Und jetzt noch das Hotelzimmer! Das ist ja wohl die Oberfrechheit.“
„Wie bitte?“ Nick schien kaum an sich halten zu können. Sein Gesicht war vor Wut rot angelaufen und er ballte seine Hände an den Seiten zu Fäusten. Die Fahrstuhlkabine schien plötzlich viel zu eng für sie beide zu sein und automatisch trat Sam einen Schritt zurück. „Wir waren uns doch einig verdammt noch mal!“ brüllte er. „Das gehört nun mal zu einer Beziehung dazu. Man küßt sich, man sucht die Nähe des anderen. Tut mir leid wenn du dazu zu verknöchert bist, aber ... ,“
„Zu verknöchert??“ schrie Sam zurück. „Wenn du dich in deinem bisherigen Leben nur mit Schlampen abgegeben hast, kann ich ja wohl nichts dafür!“
Gott sei Dank hielt in diesem Moment der Fahrstuhl und die Türen glitten zur Seite. So schnell sie ihre Beine tragen konnten stürmte Sam hinaus um sich vor Nick in Sicherheit zu bringen, der ihr nun heftig atmend folgte.
„Das mit dem Schlampen nimmst du sofort zurück,“ brüllte er und folgte ihr den Flur hinunter.
„Wieso sollte ich? Dass wir beide jetzt hier sind sagt doch schon genug über dich aus. Du gehst wohl mit jedem Mädchen gleich in der ersten Nacht ins Bett, was?“
„Erstens kennen wir uns ja wohl schon eine Weile,“ hörte sie ihn sagen und als sie einen kurzen Blick zurück warf sah sie ihn an einer der Zimmertüren stehen. „Zweitens ... ja, es kommt durchaus vor, dass ich mit Frauen die mir gefallen gleich in der ersten Nacht schlafe und drittens ist das etwas ganz natürliches und nichts, worüber man sich so dermaßen aufregen müßte.“
„Vielleicht ist das in deiner Welt so,“ gab sie bissig zurück und zwang sich dazu, die paar Schritte zu ihm zurück zu gehen. „Aber ich bin nun mal nicht so. Um mit einem Mann zu schlafen bedarf es ein bißchen mehr als nur einem flüchtigen Kuß in irgendeinem netten Restaurant. Das hat etwas mit Vertrauen und Anständigkeit und Respekt zu tun. Aber diese Worte sind dir ja bekanntermaßen fremd.“
„Anständigkeit und Respekt, hm?“ fragte er kalt, holte die Codekarte aus seiner Hosentasche und steckte sie in das Lesegerät. Mit einem leisen Klicken öffnete sich der Schließmechanismus, Nick knipste das Licht im Raum dahinter an und bedeute Sam mit einer einladenden Geste ihm voraus zu gehen. Dabei sah sein Gesicht so grimmig aus, dass sie einen Moment tatsächlich daran dachte sich wieder aus dem Hotel zu schleichen und so viel Abstand wie möglich zwischen ihn und sich zu bringen.
„Geh nur,“ sagte er spitz, als sie immer noch wie festgefroren im Flur stehen blieb. „Ich werde mir gleich ein neues Zimmer geben lassen. Mit so einer verklemmten Kratzbürste wie dir verbringe ich noch nicht einmal fünf Minuten in einem Raum. Wer weiß, was hinterher dabei raus kommt.“
Sam wußte nicht, was sie tun sollte. Am liebsten wäre sie davon gerannt, aber da ihr auch langsam klar wurde, dass sie sich einen letzten Rest Würde nur bewahren konnte, wenn sie Nick nicht noch mehr zeigte, wie viel Angst sie wirklich vor ihm hatte, machte sie zwei Schritte vorwärts, schob die Tür ein Stück weiter auf und betrat zögernd das Zimmer.
Wie vom Donner gerührt blieb sie direkt hinter der Tür stehen und starrte mit großen Augen auf das, was sie dort erwartete.
Ein kurzer Flur weitete sich zu einem riesigen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer aus. Die Seidentapete schimmerte leicht in dem angenehmen, indirekten Licht und ein dicker, cremefarbener Teppich bedeckte den Boden. Zu ihrer Rechten nahm ein riesiges Bett mit Baldachin beinahe die Hälfte des Zimmers ein. Darauf lagen sorgfältig ausgebreitet, ein weißes, mit Spitzen besetztes Nachthemd und auf der anderen Seite ein T-Shirt neben einer dunklen Jogginghose.
Zu ihrer Linken umstanden zwei hochlehnige Sessel einen kleinen Glastisch mit geschwungenen Füßen. Ein riesiger Blumenstrauß stand darauf und sie konnte selbst von hier die weiße Karte sehen, die zwischen den malvefarbenen Rosen und dem Flieder steckte.
Daneben, in einem großen Sektkühler an dem das Kondenswasser langsam herabperlte, befand sich eine Flasche Champagner und auf einem silbernen Tablett daneben zwei langstielige Gläser und eine kleine Kiste mit Pralinen.
Ihre Füße setzen sich von ganz alleine in Bewegung. Als sie den Flur durchquert hatte und in den eigentlichen Wohnraum hinein trat, bemerkte sie einen riesigen Fernseher zu ihrer Rechten. Daneben, auf einem kleinen Beistelltisch, lagen einige DVDs, drei Packungen Chips und Salzstangen.
Er schien an alles gedacht zu haben. Mehr noch. Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sie für Pralinen töten würde und dass sie dazu am liebsten Champagner trank, den sie sich aber in den seltensten Fällen hatte leisten können. Er hatte sich gemerkt, dass sie auf Action-Filme stand, diese aber nur ansehen konnte, wenn sie Salzstangen zur Beruhigung dabei hatte und dass sie nicht so sehr auf diese viel zu knappen Dessous stand, sondern gemütliche Nachthemden vorzog.
Es beschlich sie das unbehagliche Gefühl, dass sie ihm vielleicht Unrecht getan hatte und dieser Gedanke traf sie bis ins Mark. Sie fühlte, wie ihre Hände zu zittern anfingen und ballte sie schnell zu Fäusten. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, schossen ihr die Tränen in die Augen. Noch nie hatte jemand etwas ähnliches für sie getan.
„Wenn ich gewußt hätte, dass ich heute Abend mit ner alten Jungfer verabredet bin, hätte ich gleich das Weite gesucht,“ hörte sie ihn hinter sich giften. „Ich wünsche dir viel Spaß. Ich lasse mir jetzt jedenfalls ein eigenes Zimmer geben und werde mich dann ordentlich betrinken. Gute Nacht!“
Ihre zugeschnürte Kehle verhinderte, dass sie irgend etwas darauf antworten konnte. Immer noch starrte sie wie benommen vor sich hin, während ihr die Tränen unaufhaltsam die Wange hinunter kullerten und ihr Makeup verschmierten.
Sie wartete auf das Knallen der Tür, doch nichts rührte sich in ihrem Rücken. Sie wollte sich gerade herum drehen um sich zu vergewissern, dass Nick auch wirklich gegangen war, als plötzlich ein stechender Schmerz ihr linkes Auge zu durchbohren schien.
Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut fuhr ihre Hand in die Höhe und rieb unvorsichtiger Weise über ihr Auge. Sofort steigerte sich der Schmerz ins Unerträgliche. Die Kontaktlinsen! Mist.
Hektisch sah sie sich um und entdeckte eine Tür am Ende des Raumes. Schnell hastete sie darauf zu, übersah dabei den Bettpfosten und stieß sich schmerzhaft den kleinen Zeh an.
„Aua! Verdammt!“ brüllte sie, dann humpelte sie auf die rettende Tür zu, die tatsächlich in ein Badezimmer mit einer riesigen, ovalen Badewanne und einem Waschtisch mit zwei Waschbecken führte.
Mit zitternden Fingern drehte sie den Wasserhahn auf. Mittlerweile hatte sie das Gefühl, dass ihr Auge mit Salzsäure getränkt worden war und ihr gleich aus der Höhle davon laufen würde.
Ein erstes Schluchzen drang aus ihrer Kehle. Das hier war mehr als verrückt. Eben hatte sie sich noch mit Nick gestritten, dann hatte sie dieses überwältigende Zimmer betreten und jetzt war sie der Meinung gleich sterben zu müssen, wenn dieser widerliche Schmerz nicht sofort aufhörte.
Und einmal mit dem Schluchzen angefangen, konnte sie gar nicht mehr damit aufhören. Immer mehr Tränen quollen hervor, was dem Brennen in ihrem linken Auge nicht gerade zuträglich war und ihr ganzer Körper bebte inzwischen unkontrolliert.
Sie versuchte erfolglos so viel Wasser über ihr Auge laufen zu lassen, dass sie wieder einigermaßen klar sehen konnte um die Linse von ihrer Netzhaut zu fischen, als sie plötzlich sanft am Arm gefaßt wurde.
„Laß mich das machen,“ hörte sie Nick sagen und als sie sich in seine Richtung drehte, zog er vorsichtig ihre Hand von ihrem schmerzenden Auge und drückte gleich darauf einen feuchten Waschlappen darauf.
Der Schmerz schien augenblicklich auf ein erträgliches Maß zusammen zu schrumpfen und erleichtert schloß sie nun auch ihr anderes Auge. Sie spürte, wie Nick ihr sanft das Gesicht wusch und dann vorsichtig ihr geschwollenes Augenlid in die Höhe zog.
„Halt still,“ sagte er leise und mit vor Konzentration gerunzelter Stirn.
Er fummelte einen Moment in ihrem Auge herum, sie blinzelte wie verrückt und sah plötzlich alles doppelt und dann ... hörte der Schmerz urplötzlich auf.
„Da ist ja das kleine Biest,“ hörte sie Nick sagen und als sie vorsichtig das unversehrte Auge öffnete, hielt ihr Nick triumphierend auf der Spitze seines Zeigefingers die kleine, gallertartige Linse unter die Nase.
„Danke,“ stieß sie hervor und ärgerte sich über das Zittern in ihrer Stimme.
„Hm,“ brummelte Nick und legte die Linse vorsichtig auf dem Waschtisch ab.
„Ich bin dann weg,“ informierte er sie, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ eilig das Badezimmer.
„Warte,“ rief sie ihm hinterher und hatte keine Ahnung, warum sie das jetzt gesagt hatte und warum sie ihn unbedingt zurückhalten wollte.
Er blieb in der Mitte des Wohnraums stehen, drehte sich dann langsam zu ihr herum und verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist noch?“
Sie hatte das Badezimmer ebenfalls verlassen und blieb nun unentschlossen an der Tür stehen. Ja, was war eigentlich noch?
„Ich ... uhm ... das ... hier ... ist wirklich ... sehr lieb ... von dir,“ stammelte sie und machte eine vage Geste, die das gesamte Zimmer mit einschloß.
„Ach?“ Nicks Gesichtsausdruck wurde noch düsterer und er reckte kämpferisch das Kinn vor. „Ich dachte, ich bin ein unmöglicher Mistkerl?“
Sam seufzte abgrundtief. Scheinbar kam sie um eine Entschuldigung nicht herum.
„Es tut mir leid, okay? Vielleicht ... habe ich ... etwas überreagiert.“
„Etwas?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Treib es nicht zu weit,“ warnte ihn Sam. „Dass du das hier alles so lieb arrangiert hast rechne ich dir hoch an, trotzdem ist es nicht in Ordnung, dass du mich gleich die erste Nacht hier her geschleppt hast. Ich habe einen Sohn, verstehst du? Ich kann mich nicht einfach so in eine Beziehung stürzen ohne über die Konsequenzen nachzudenken.“
„Aber du mußt doch überhaupt nicht über Konsequenzen nachdenken, verstehst du das denn nicht?“ fragte Nick gereizt. „Nur falls du das vergessen haben solltest ... das hier ist geplant. Wir wissen schon jetzt, wie es ausgehen wird. Das ist nur ein Spiel. Ein Fake. Nichts weiter. Okay?“
Er war mit jedem Wort lauter geworden und Sam machte einen vorsichtigen Schritt rückwärts. Sie wollte sich nicht mit ihm streiten und noch weniger wollte sie ihm jetzt in aller Ausführlichkeit erklären, dass niemand, der sie gut kannte, ihr diese Scharade abkaufen würde. Sie war nicht der Typ, der bereits in der ersten Nacht mit ihrem neuen Freund ins Bett stieg. Aus und Schluß.
Doch im Endeffekt war es jetzt sowieso schon zu spät. Die Fernsehzuschauer würden sich genau die Bilder ausmalen, die auch Nick im Kopf gehabt hatte, als er dieses Zimmer reservierte. Nick und Sam - das neue Traumpaar - hatten sich eine Nacht lang mit allen Schikanen verwöhnen lassen. Und dabei spielte ein breites, luxuriöses Bett eine nicht unerhebliche Rolle.

Kapitel 27