Kapitel 25
Sie hatten ihre Teller bis auf den letzten Krümel leer gegessen, das Geschirr war abgeräumt und hatte zwei Tassen Espresso Platz gemacht. Nick konnte kaum glauben, wie entspannt und einfach dieser Abend bisher verlaufen war. Er hatte sich mit Sam unterhalten, viel gelacht und ein bißchen mehr über sie erfahren. Es schien, als hätte die vorübergehende Abwesenheit der Kameras sie sehr erleichtert und er mußte sich eingestehen, dass es ihm ähnlich ging.
Er fühlte sich erstaunlich wohl in ihrer Nähe. Vielleicht lag das auch daran, dass er nicht das Gefühl hatte bei ihr besonders cool und geistreich sein zu müssen um an sein Ziel zu gelangen. Sie waren nur Freunde. Er wollte nicht ihr Herz gewinnen. Deshalb konnte er so sein, wie er eben war: Manchmal ein bißchen langsam im Verstehen, manchmal ein bißchen zu aufgedreht, manchmal ein bißchen zu ruppig, manchmal ein bißchen zu laut, manchmal ein bißchen zu überdreht, aber manchmal auch vollkommen fasziniert von ihrer Ausstrahlung, ihrer weichen Stimme und ihrer Fähigkeit ihm zuzuhören und auch das wahrzunehmen, was er nicht laut aussprach.
Jetzt überlegte er fieberhaft, wie es weiter gehen sollte. Sicherlich hatte bisher alles so ausgesehen, als vergnügten sich hier zwei Menschen die sich sehr gern hatten und vertraut miteinander waren. Aber jetzt kam es darauf an zu zeigen, dass da mehr als nur ein kumpelhaftes Verhältnis dahinter steckte.
Etwas zögerlich tastete er also nach Sams Hand, die bis eben locker neben ihrer Kaffeetasse auf dem Tisch gelegen hatte. Sie zuckte leicht zusammen und versteifte sich augenblicklich, hatte sich aber so weit im Griff, dass sie ihm ihre warmen Finger nicht entzog.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie die Kamera vom Boden auf die Schulter eines Kameramanns wanderte, dann rückte er noch ein Stück weiter an sie heran, brachte seine Augen auf ihre Höhe und lächelte freundlich.
Bist du bereit? flüsterte er durch sein eingefrorenes Lächeln hindurch und spürte, wie sein Herzschlag zu rasen begann.
Bereit für was? fragte sie genau so leise zurück.
Für den ersten Kuß, grinste er.
Ihre Augen wurden groß und ihre Gesichtszüge entgleisten für einen Moment.
Nein, hauchte sie automatisch, was ihn schmunzeln ließ.
Da mußt du jetzt aber durch wenn es echt wirken soll.
Aber hier? Vor all den Leuten?
Wenn es keiner sieht, kriegt es doch auch keiner mit, oder? sagte er nachsichtig und drückte ihre Finger aufmunternd.
Aber ... ,
Halt still, flüsterte er noch, dann näherte er sich ihrem Gesicht.
Ihre Lippen fühlten sich eiskalt an, als er seine vorsichtig darauf presste. Seine Hand ließ automatisch ihre Finger los und legte sich unter dem Tisch auf ihre Taille. Ohne sein Zutun wanderten seine Lippen über ihren Mund, erkundeten ihre Mundwinkel, ertasteten dann ihre geschwungene Unterlippe und nahmen gleich darauf ihren gesamten Mund in Besitz.
Etwas zögerlich begann sie den Kuß zu erwidern. Er fühlte ihre weichen Lippen, die beinahe schüchtern über seine streichelten und dann vorsichtig einen kleinen Kuß auf seine geschlossenen Lippen hauchten.
Sein Herzschlag galoppierte unaufhaltsam davon, seine Knie wurden weich und seine freie Hand verschwand wie selbstverständlich in ihrem Nacken. Meine Güte! Da spielte sie immer die Unschuld vom Lande, konnte aber küssen, dass ihm beinahe die Schädeldecke wegflog.
Genug, flüsterte sie schließlich und löste sich von ihm.
Seine Hand verharrte noch einen Moment in ihrem Haar und streichelte die weiche Haut ihres Nackens. Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht und den leicht geröteten, geschwungenen Lippen und er war sich nicht sicher, ob er sie jemals wieder loslassen konnte.
Nick? sagte Sam schließlich vorwurfsvoll und holte ihn damit zurück in die Realität.
Langsam löste er seine Hand aus ihrem Nacken, strich noch einmal sanft mit seinen Fingern über ihre Taille, bevor er auch diese Hand wieder auf den Tisch legte und lächelte dann sein breitestes, entwaffnendes Lächeln.
Wow. Baby, du bist richtig gut, sagte er dann und bekam dieses dämliche Grinsen gar nicht mehr aus seinem Gesicht.
Sie verzog ihre Lippen zu etwas, das wohl ein angedeutetes Lächeln hätte sein sollen. Ganz offensichtlich fühlte sie sich nicht sonderlich wohl in ihrer Haut.
Laß uns von hier verschwinden, was meinst du? fuhr er fort, winkte bereits einen Kellner heran und bat um die Rechnung.
Klar, gab sie zurück, wirkte aber dabei immer noch so, als sei sie gerade von einem Truck gerammt worden.
Hey, sagte er sanft und beugte sich wieder ein Stück zu ihr hinüber. Ich würde ja sagen, dass wir das im Laufe der Zeit noch ordentlich üben werden, aber du bist auch so schon mehr als gut. Mach dir keinen Kopf. Du gewöhnst dich sicherlich daran.
Was redete er eigentlich da? Er klang selbst in seinen Ohren wie ein billiger Zuhälter, der seinem neusten Pferd im Stall die richtigen Anweisungen gab.
Tut mir leid, gestand er zerknirscht. Manchmal ... ,
... redest du, bevor du denken kannst, vollendete sie seinen Satz, während auf ihrer Stirn eine tiefe Falte des Unmuts erschien.
Genau, nickte er und aus einem Impuls heraus beugte er sich erneut zu ihr hinüber und hauchte einen federleichten Kuß auf ihre Lippen.
Als er sich wieder aufrichtete, war die Falte auf ihrer Stirn verschwunden. Sie hielt die Augen noch einen Moment geschlossen, dann hoben sich ihre Lider und der Blick ihrer sanften braunen Augen schien ihm durch und durch zu gehen.
Das ist nur ein Spiel, flüsterte sie. Nur ... ein Spiel.
Ja, nickte er und fühlte, wie eine eiskalte Faust sein Herz umschloß. Nur ein Spiel.
Als sie wenig später hinaus in die samtige Nachtluft L.A.s traten, hatte Nick den bunten Strauß an widersprüchlichen Gefühlen in den hintersten Winkel seines Herzens verbannt. Er hatte einen Plan und dem würde er folgen bis zum bitteren Ende. Er und Sam waren auf einer Mission und die durfte er nicht gefährden, in dem er zu viel darüber nachdachte, was Sam wohl empfinden mochte und warum ihn dieser Kuß so umgehauen hatte.
Sein Wagen wurde vorgefahren und er hielt Sam galant die Tür auf, während das Kamerateam zu ihrem eigenen Wagen hastete um ihnen zu folgen.
Als Nick die Fahrertür hinter sich schloß und langsam vom Eingangsbereich des Restaurants davon vor, hatte Sam immer noch nichts gesagt.
Alles in Ordnung? fragte er deshalb und erinnerte sich in diesem Moment daran, dass sie auch in seinem Wagen vom Auge einer Kamera beobachtet wurden.
Alles bestens, entgegnete sie und lächelte zu ihm herüber. Beinahe hätte er ihr dieses abgekauft, doch als er seinen Blick von ihren betörenden Lippen losreißen konnte und in ihre Augen aufsah, bemerkte er den harten Zug darum.
Gut, nickte er und faßte dann wie selbstverständlich nach ihrer Hand, die auf ihrem Knie lag.
So legten sie die nächsten Meter zurück, bis er um eine Ecke biegen mußte und er dafür beide Hände am Steuer benötigte.
Wo fahren wir hin? fragte Sam, die stirnrunzelnd nach draußen blickte und demonstrativ die Arme vor der Brust verschränkt hatte.
Überraschung, grinste er.
Ich weiß nicht, ob ich heute noch eine Überraschung verkraften kann, gab sie trocken zurück.
Glaub mir, sie wird dir gefallen.
Bekomme ich wenigstens einen kleinen Tipp?
Hm ... , Nick überlegte angestrengt, dann zuckte er mit den Schultern. Wir sind in fünf Minuten da, falls dir das weiter hilft.
Nicht wirklich, gab sie zurück, doch sie klang bereits wesentlich entspannter. Sie ließ die Arme sinken und verschränkte statt dessen die Hände in ihrem Schoß.
Inzwischen fragte sich Nick, ob sie wirklich so begeistert von seiner Idee sein würde. Am Anfang hatte er noch gedacht, es wäre eine gute Idee ... doch inzwischen? Der Kuß hatte ihn und auch sie mehr verwirrt, als er gedacht hatte. Vielleicht sollte er das Ganze einfach abblasen, sie beide nach Hause bringen und sich erst morgen wieder Gedanken darüber machen, wie sie diese Scheinbeziehung weiter führen sollten.
In diesem Moment tauchte in der Ferne allerdings sein Ziel auf und er schüttelte den Kopf. Jetzt war es auch schon egal.
Als sein Wagen einen kurzen Halbkreis beschrieb und wenig später vor dem Hyatt Hotel vorfuhr, schien es ihm, als würde Sam neben ihm förmlich in den Polstern versinken wollen. Um die Nase schien sie blaß geworden zu sein, doch auf ihren Wangen prangten hektische, rote Flecken.
Nick stellte den Motor ab und drehte sich in seinem Sitz ein Stück in ihre Richtung.
Vertrau mir, sagte er leise und blickte sie eindringlich an.
Scheinbar nur widerwillig löste Sam ihren Blick von der hellerleuchteten Fassade und starrte zu ihm hinüber. Ihre Augen glänzten fiebrig und die Knöchel an ihren Händen traten weiß hervor, doch sie nickte langsam.
Ich vertraue dir.
Die Lederpolster gaben ein leises Quitschen von sich, als er sich zu Sam hinüber beugte und sie sanft auf den Mund küßte. Sofort schoß ihre Hand vor und bohrte sich so nachdrücklich in seinen Bauch, dass ihm für einen Moment die Luft weg blieb.
Denk an die Kameras sagte er sich immer wieder, während er zurück zuckte und dabei versuchte, sein Gesicht nicht vor Schmerz zu verziehen oder Sam einen entsprechenden Kommentar entgegen zu schleudern. Miststück!
Noch bevor er irgend etwas sagen oder tun konnte, hatte sie bereits die Beifahrertür geöffnet und war hinaus getreten. Na warte! Das bekam sie zurück.