Kapitel 24

Es war kurz nach acht und Nick wartete äußerlich ruhig aber innerlich mehr als angespannt im Wohnzimmer darauf, dass Sam endlich auftauchte. Er hatte - für seine Verhältnisse - eine Ewigkeit vor seinem Kleiderschrank und dem Spiegel verbracht und er fühlte sich in seinen dunklen Jeans, dem gelben T-Shirt seiner Lieblingsband und dem dunklen Jackett darüber einigermaßen wohl und vorzeigbar. Jetzt mußte also nur noch Cinderella auftauchen und dann konnte es los zum Ball gehen.
Im selben Moment fragte er sich, warum er Aarons Ausdruckweise übernommen hatte und leicht genervt fuhr er sich durchs Haar, nur um gleich darauf zurück zu zucken, weil er seine kunstvoll gegelte Frisur nicht ruinieren wollte. Gott, so weit war es mit ihm schon gekommen. Er machte sich tatsächlich Gedanken um seine Frisur!
Aaron kam aus der Küche geschlurft und ließ sich neben ihn auf das Sofa fallen.
„Na, schon nervös?“ fragte er grinsend und legte Nick einen Arm um die Schulter.
„Ein bißchen,“ gestand er und ließ seinen Blick unbehaglich zu dem Kameramann hinauf wandern, der direkt vor ihm stand und sein Gesicht ins Visier genommen hatte. Er spürte auch das weitere Team in seinem Rücken, das seit einer geraumen Weile die Linse der Kamera auf den Durchgang zum Flur ausgerichtet hatte und wahrscheinlich genau so gespannt wie er selbst auf Sams Ankunft wartete.
„Wird schon. Ich meine ... das ist unsere gute, alte Sam. Da sollte es eigentlich keine größeren Überraschungen geben, oder?“
„Du vergißt den Abend in dem Restaurant,“ erinnerte ihn Nick. „Da sah sie schon ... uhm ... ziemlich toll aus.“
„Stimmt,“ nickte Aaron.
Nick seufzte. „Warum muß man eigentlich immer auf Frauen warten? Sie haben jetzt den ganzen Tag Zeit gehabt und trotzdem ... ,“
In diesem Moment betrat Angel breit grinsend das Wohnzimmer und er verstummte mitten im Satz.
„Bereit?“ fragte sie in die Runde.
Nick erhob sich augenblicklich von seinem Platz und wischte sich dabei verstohlen seine feuchten Handflächen an der Jeans ab.
„Mehr als bereit würde ich sagen,“ gab er zurück und wußte nicht, ob das wirklich der Wahrheit entsprach.
Das Kamerateam vor ihm wich ein paar Schritte zurück, ließ ihn dabei aber keine Sekunde aus den Augen.
„Geh näher ran Jo,“ hörte er einen der Kameramänner in seinem Rücken murmeln.
„Ich mach ja schon,“ kam es gedämpft zurück.
Angel trat einen Schritt zur Seite und deutete hinaus in den Flur.
„Meine Damen und Herren. Ich präsentiere ihnen Nick Carters Date für den heutigen Abend.“
Nick schluckte nervös während er hörte, wie das Klappern von Absätzen langsam näher kam.
„Mach dir nicht in die Hosen,“ hörte er Aaron von der Couch leise kichern, doch er ignorierte ihn.
Und dann betrat Sam das Wohnzimmer und für eine ganze Weile war er nicht mehr in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Er bekam gar nicht mehr richtig mit, dass BJ und Leslie sich zu ihnen gesellten und er hörte Aarons hastig hervorgestoßenes „meine Fresse“ auch nur wie durch Watte.
Im ersten Moment war er sich sicher, dass sich seine Geschwister einen ganz schlechten Scherz mit ihm erlaubten. Dieses ... Wesen ... konnte unmöglich die unscheinbare, sonst eher langweilige Sam sein.
Ihr geschmeidiger Körper steckte in einem schwarzen Kleid, dessen Saum knapp unterhalb des Knies endete. Der Ausschnitt umfing ihr ansprechendes Dekolltè mit winzigen, glitzernden Steinen, die schmalen Träger schmiegten sich um die perfekte Rundung ihrer Schultern und ihre Beine schienen ihr bis zu den Ohren zu gehen und wirkten in den hohen Schuhen mit dem zierlichen Riemchen um ihre Knöchel unglaublich grazil und verführerisch.
Doch die größte Veränderung war mit ihrem Gesicht passiert. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass ihre Haare das erste Mal seit er Sam kannte in fließenden Locken ihr Gesicht umrahmten, ohne dabei auszusehen, als sei sie gerade einem Wirbelsturm entkommen. Ihre Augen waren riesig und nicht wie sonst hinter Brillengläsern versteckt und ihre Lippen schimmerten leicht, als sie nun noch zwei Schritte auf ihn zumachte und dann unsicher stehen blieb.
„Sag irgendwas,“ brachte sie mit leicht zitternder Stimme heraus und der ganze Raum schien die Luft anzuhalten.
„Das ... ähm ... Du ... ,“ stammelte er und befeuchtete seine spröden Lippen mit der Zunge. „Toll,“ brachte er heraus und vermutete, dass er sich damit vollkommen zum Idioten machte.
„Na, das ist doch ein vielversprechender Anfang,“ hörte er Leslie kichern.
Sams Hände begannen nervös über ihr Kleid zu streichen, eine Hand zuckte hinauf zu ihrem Pony und zupfte fahrig an den Haarfransen herum, die heute Morgen noch nicht dort gewesen waren und alles in allem beschlich ihn das Gefühl, dass sie am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und davon gerannt wäre.
Unter größter Anstrengung riß er sich zusammen, räusperte sich und ging langsam zu ihr hinüber. Er nahm ihre zitternden Finger aus ihrem hübschen Gesicht, hauchte einen federleichten Kuß darauf und flüsterte dann.
„Du siehst einfach umwerfend und wunderschön aus.“
Ihre Wangen nahmen augenblicklich ein dunkles Rot an und ihr Blick wanderte hinunter zu ihren Schuhspitzen als sie ein kaum zu verstehendes „Dankeschön,“ von sich gab.
„Wollen wir?“ fragte er dann.
Sie nickte und ohne Umschweife führte er sie an der Hand durch das Wohnzimmer und hinaus in den Flur.
Als er die Haustür aufzog warf er noch einmal einen Blick zurück. Seine Geschwister standen im Flur und hatten Aaron in ihre Mitte genommen, der BJ und Angel einen Arm und die Taille gelegt hatte.
„Viel Spaß euch beiden,“ rief Angel.
„Danke, den werden wir haben,“ grinste Nick, der sich jetzt wieder etwas sicherer fühlte.
Das hier war Sam. Die gleiche Sam, die normaler Weise in weiten T-Shirts und unansehnlichen Jogginghosen herum lief. Die Sam, die einen Sohn und einen Ex-Mann irgendwo sitzen hatte. Die schüchterne und weise Sam, mit der er einen Plan ausgeheckt hatte um ihren Sohn zurück zu bekommen und die Einschaltquoten von „House of Carters“ in die Höhe zu treiben. Was machte er sich also Gedanken?
Als er hinter Sam ins Freie trat blieb sein Blick an ihrem wohlgeformten Hinterteil hängen, das sich geschmeidig von einer Seite auf die andere wiegte, während sie vor ihm über die Auffahrt zu seinem Wagen ging.
Er kniff kurz die Augen zusammen und holte einmal tief Luft. „Nur Sam,“ versuchte er sich einzureden. Doch als er die Augen wieder öffnete schwebte da immer noch der hinreißenste Hintern seit Menschengedenken vor seinen Augen. Verdammt!

Nick hatte ein kleines aber sehr teures Lokal für ihr erstes Rendezvous ausgesucht. Das Licht war auf ein Minimum gedimmt, Kerzen flackerten auf den Tischen und um sie herum konnte man gedämpfte Gespräche und das Klappern von Besteck hören, das von leiser Klaviermusik untermalt wurde.
Sam begann sich ganz langsam zu entspannen, was in ihrem Fall bedeutete, dass sie nicht länger das Gefühl hatte, das ihre angespannten Sehnen und Muskeln gleich mit einen leisen Plopp reißen und davon schnellen würden.
Ihr Blick wanderte immer wieder hinüber zu Nick, der neben ihr an dem quadratischen, dunklen Holztisch saß und an seinem Wein nippte. Jedes Mal machte ihr Herz einen kleinen, aufgeregten Hüpfer in ihrer Brust, wenn sich ihre Blicke trafen und sie versuchte sich immer wieder zu sagen, dass dies hier kein wirkliches Date war, dass Nick ihr nur einen Gefallen tat und sie sich nichts darauf einbilden sollte, dass er ihr schon ungefähr hundert Mal gesagt hatte, wie toll sie heute Abend aussah.
So anstrengend der gesamte Tag auch für sie gewesen war, wie schwierig es sich gestaltet hatte ein Kleid zu finden, das sowohl ihre als auch die Zustimmung der anderen drei Mädels fand, so sehr sie beim Zupfen ihrer Augenbrauen gelitten hatte und so sehr sie auch erstaunt war, als sie nach Sergios getaner Arbeit in den Spiegel blickte und ihr verändertes Selbst betrachtete, so sehr genoß sie jetzt das Gefühl sich in ihrer eigenen Haut wohl und überaus sexy zu finden.
Zum krönenden Abschluß hatten die Carter Schwestern sie auch noch zu einem Optiker geschleppt und ihr Kontaktlinsen verpaßt und es war ein mehr als seltsames und verwirrendes Gefühl jetzt auch ohne Brille bestens sehen zu können. Sie hatte vorsichtshalber ihre Brille eingesteckt, weil Leslie sie darüber informiert hatte, dass die Linsen eventuell irgendwann im Laufe des Abends anfangen könnten in ihren Augen zu brennen, doch bisher merkte sie nichts davon.
„Hattest du einen schönen Tag?“ fragte Nick gerade und stützte seine Ellbogen entspannt auf den Tisch.
„Ja,“ nickte Sam lächelnd. „Anstrengend aber schön. Ich ... wollte mich noch bei dir bedanken. Ich werde dir jeden Cent zurück zahlen, versprochen ... und ... ,“
„Nein, nein, nein,“ wehrte Nick ab. „Das war als Geschenk gedacht und so wie ich das sehe, war es das beste, das ich seit langer Zeit gemacht habe.“
„Aber ... ,“ Sam stockte kurz und sah sich verstohlen nach dem Kamerateam um, das sich am heutigen Abend auf Nicks Anweisung hin etwas im Hintergrund hielt. Sie standen in der Nähe des Durchgangs zur Küche, hatten am Anfang ein paar Einstellungen von ihnen am Tisch gedreht, inzwischen aber die Kamera zu ihren Füßen abgestellt.
„ ... das hättest du doch nicht tun müssen,“ flüsterte sie und beugte sich dabei noch ein Stück in seine Richtung, so dass ihr der angenehme Geruch seines Aftershaves in die Nase stieg. „Das hier ist doch nur Show.“
Sie sah, wie Nick einen erschrockenen Blick in Richtung Kamerateam warf, dann rutschte er ebenfalls näher an sie heran und als er sprach, streichelte sein Atem sanft ihre Wange. „Vielleicht ist das hier nur Show, aber wir beide sind es nicht. Du bist wunderschön heute Abend und dafür habe ich sehr gerne Geld ausgegeben. Jetzt vergessen wir das ganze mal und genießen statt dessen unser Essen und diesen Abend. In Ordnung?“
Sie zögerte noch einen Moment, dann nickte sie. „In Ordnung.“
Der Kellner kam in diesem Moment mit ihrem Essen und Sam war wohl noch sie so dankbar gewesen, sich über ihren Teller hermachen zu können. Nicks Nähe verwirrte sie ganz eindeutig und dass er so nett zu ihr war, machte das Ganze nicht wirklich besser. Immer wieder versuchte sie sich daran zu erinnern, dass das hier nicht echt war, doch sie mußte sich auch eingestehen, dass ein kleiner Teil von ihr sich wünschte, er würde diese Blicke und seine Worte genau so meinen, wie er sie sagte.

Kapitel 25