Kapitel 23
Nick hatte sich den ganzen Tag kaum auf seine Arbeit konzentrieren können. Immer wieder waren seine Gedanken zu dem bevorstehenden Abend abgeschweift und je weiter die Zeit voran schritt, um so nervöser wurde er. Er konnte sich das gar nicht erklären. Das hier war kein Date im eigentlichen Sinne und er wußte sogar schon vorher, wie es ausgehen würde. Er brauchte sich keine Sorgen darüber zu machen, ob Sam ihn wirklich mochte, ob seine Bemühungen wirklich ans Ziel führten und ob er mit Sam die richtige Wahl getroffen hatte.
Sie würden gemeinsam Essen gehen, sich dabei nett unterhalten und dann würde irgendwann der medienwirksame, hoffentlich von allen gut sichtbare Kuß erfolgen. Auch das Danach hatte er bereits geplant und es freute ihn irgendwie, dass Sam noch keine Ahnung davon hatte und damit wenigstens sie überrascht sein würde.
Er verließ relativ früh das Studio. Es machte sowieso keinen Sinn noch irgend etwas arbeiten zu wollen, da er grundsätzlich irgendeinen Ton nicht traf, ein paar Mal sogar den Text vergessen hatte und auf Anweisungen seines Produzenten nicht angemessen reagierte, weil er die Hälfte davon nicht mitbekam.
Als er in die große Einfahrt seines Hauses einbog, stand Sams alter Ford bereits in einer der kleinen Parkbuchten. Anscheinend war sie mit seinen Schwestern wieder zurück von ihrem Einkaufsbummel und er war mehr als gespannt darauf, was sie alles mit seiner Kreditkarte angestellt hatte.
Nicht, dass ihn das Geld irgendwie reute. Er fand sogar, dass es im Gegensatz zu sonst sehr gut angelegt war. Was sie brauchten war Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft und das würde sicherlich besser funktionieren, wenn Sam heute Abend umwerfend aussah. Auch ihm würde das einiges erleichtern. Schließlich hatte er einen Ruf zu verlieren und sich mit einer ... nun ja ... Vogelscheuche sehen zu lassen, paßte nicht so ganz zu ihm.
Als er das Haus betrat, drang Gelächter und Musik an sein Ohr. Ein Kamerateam begrüßte ihn direkt hinter der Tür und er meinte sich einzubilden, dass die drei Männer ihn heute mit einem besonders breiten Grinsen musterten.
Ohne darüber nachzudenken ging er zu Sams Zimmertür und klopfte kurz. Das Gelächter verstummte, er hörte Schritte die näher kamen und gleich darauf wurde die Tür aufgerissen. Doch statt Sam erschien Angel im Türrahmen. Nick bemühte sich an seiner Schwester vorbei ins Zimmer zu sehen, doch sie versperrte ihm den Weg.
Kein Eintritt für dich, grinste sie und zog die Tür noch etwas weiter zu.
Ich wollte Sam nur Hallo sagen, entgegnete er mit gerunzelter Stirn.
Das kannst du später noch. Halb acht, richtig?
Uhm ... ja?
Er kam sich vor wie ein Trottel. Was machte er hier draußen? Er wußte doch schließlich wie Sam aussah, wohnte jetzt schon so lange mit ihr zusammen, dass es ganz selbstverständlich war, dass er ihr Zimmer betrat, wenn ihm danach war.
Gut. Dann bis später.
Und schon wurde die Tür direkt vor seiner Nase wieder geschlossen.
Er hörte ein unterdrücktes Kichern hinter sich, das scheinbar einer der Kameramänner ausgestoßen hatte, doch er kümmerte sich nicht weiter darum. Er mußte jetzt erst einmal wissen, was hier genau los war.
Er ging ein Stück weiter den Flur hinunter und stand gleich darauf im Zimmer seines Bruders. Aaron saß im Schneidersitz auf dem Bett, hatte ihm den Rücken zugekehrt und nickte mit dem Kopf zu der Musik, die aus seinen Kopfhörern drang.
Hey Aaron, begrüßte Nick ihn, während er ihm vorsichtig die Kopfhörer von den Ohren zog.
Aaron zuckte erschrocken zusammen, fuhr zu Nick herum und legte sich dann theatralisch eine Hand aufs Herz.
Hey Mann. Hast du mich erschreckt, keuchte er.
Sorry. Erzähl mir lieber, was die Mädels da nebenan veranstalten.
Sie machen Cinderella ausgehfertig für den großen Ball, entgegnete Aaron schulterzuckend.
Erzähl mir mehr, grinste Nick und setzte sich zu seinem Bruder auf das Bett.
Ich kann dir gar nicht viel mehr sagen. Sie kamen am späten Nachmittag mit einem Berg an Tüten zurück, haben Sam so schnell wie möglich in ihr Zimmer verfrachtet und sind seitdem dabei wie die Hühner zu gackern und Unmengen Champagner in sich hinein zu schütten.
Champagner? hakte Nick seufzend nach.
Yep, Champagner. Und dann spielen sie diese seltsame Musik und haben sogar das Kamerateam raus geworfen.
Klingt beängstigend.
Das sollte es auch Bruder, nickte Aaron und lies dann sein breitestes Grinsen sehen. Ich kann immer noch nicht fassen, dass du mit ihr ausgehst. Ich meine ... das ist Sam, verstehst du? Die ist so ganz anders als die komischen Girlies die du sonst so anschleppst.
Hey, bitte keine Beleidigung über meine weiblichen Begleitungen, ermahnte ihn Nick mit einem kurzen Seitenblick auf die Kamera, die im Türrahmen zu schweben schien und jedes Wort aufzeichnete.
Wie auch immer. Hast du dir das wirklich gut überlegt? Ich meine ... das ist schon ne große Sache, oder? Nicht nur einfach mal so was trinken gehen sondern schon ... nun ja ... mit ein paar Hintergedanken wenn du verstehst was ich meine?
Sogar mit sehr viel Hintergedanken, bestätigte Nick leise.
Das macht mir Angst. Echt Nick, das paßt so gar nicht zu dir. Ich meine ... SIE paßt nicht zu dir.
Wie meinst du das denn? fragte Nick und überlegte, ob er sich über Aarons Wortwahl aufregen sollte. Immerhin sprachen sie hier über seine zukünftige Scheinfreundin und für die Kameras sollte er sie wohl wie ein Held verteidigen. Oder nicht?
Jetzt tu doch nicht so, sagte Aaron, drehte sich auf dem Bett ein Stück in seine Richtung und sah ihn aufmerksam an. Sie ist ne graue Maus. Nett und sympathisch, das ganz sicher, aber ... nun ja ... der Rockstar und das Häschen, das paßt doch überhaupt nicht zu dir. Und zu ihr irgendwie auch nicht.
Nick zuckte mit den Schultern weil ihm auf die Schnelle nichts passendes einfiel. Roch Aaron womöglich den Braten? Das durfte nicht passieren.
Sam ist zwar anders, aber irgendwie auch außergewöhnlich, hörte er sich sagen. Ich meine ... das ist keine, die bei den ersten Schwierigkeiten davon läuft, verstehst du?
Dabei aber so erotisch wie ein Staubsauger, warf Aaron ein.
Halt die Klappe Aaron, fuhr ihn Nick erbost an. Sie hat Ausstrahlung und Persönlichkeit, darauf kommt es an. Ich gebe zu, dass wir nicht den besten Start hatten, aber in der Zwischenzeit ... , er zuckte mit den Schultern. Wir haben uns ziemlich gut kennen gelernt und ich mag sie. Ich mag sie sogar sehr. Und ich will, dass du das respektierst.
Klar Mann, nickte Aaron sofort. Ich wollte nur wissen, ob du dir das auch gut überlegt hast. Katastrophen hattest du in letzter Zeit genug. Ich sag nur Paris ... ,
Erwähne diesen Namen bitte nicht in meiner Gegenwart, grunzte Nick und warf Aaron einen bösen Blick zu. Abgesehen davon wußtest du Paris Qualitäten ja wohl auch zu schätzen, sonst wärst du wohl kaum mit ihr ausgegangen.
Da ist nichts gelaufen, verteidigte Aaron sich sofort und Nick fühlte die altbekannte Wut in sich aufsteigen als er sich vorstellte, wie sein kleiner Bruder mit dieser Schlange in seinem Wagen saß und sich köstlich amüsierte. Und das auch noch keine zwei Tage, nachdem Nick diese Beziehung beendet hatte. Er fühlte sich hintergangen und betrogen und das konnte er seinem Bruder nicht so leicht vergessen.
Es war das allerletzte, das weißt du und das weiß ich. Also erzähl du mir nicht wer zu mir paßt und dass Sam nicht dir Richtige für mich ist. Und sollte das ganze schief gehen schwöre ich, dass ich dich umbringe wenn du danach auch zu ihr rennst und dich als der Seelentröster aufspielst.
Keine Panik, das wird nicht passieren, sagte Aaron grimmig. Sie ist nicht mein Typ.
Das ist dein Problem Aaron. Die Mädchen, die dein Typ sind, machen dich nicht glücklich.
Sagt der Meister der gescheiterten Beziehungen, schnaubte Aaron, ließ sich nach hinten auf das Bett fallen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Ich bin wesentlich älter als du und alles was ich will ist, dich vor diesen gierigen Tussis zu beschützen, die du regelmäßig hier anschleppst.
Aaron fuhr in die Höhe und funkelte Nick böse an. Keine Beleidigungen über weibliche Begleitungen, hä? Aber das gilt natürlich nicht für dich, schon klar.
Aber es ist doch so, begehrte Nick auf.
Und selbst wenn, ist das mein verdammtes Leben, giftete Aaron.
Aber ... ,
HEY, wurde Nick von Angel unterbrochen, die in der Tür stand und stirnrunzelnd auf ihre beiden Brüder hinunter sah. Geht das alles auch ein bißchen leiser? Es macht sich nicht sehr gut, wenn Sam gerade live mitbekommt, wie ihr euch über sie auslaßt, okay?
Nick wäre am liebsten vor Scham in den Boden versunken. Sam hatte nicht wirklich mitbekommen wie sie hier ... was Aaron gesagt ... wie er über Paris ... und überhaupt.
Du hast noch eine halbe Stunde, informierte Angel ihren Bruder. Und wenn ich du wäre, würde ich mich so langsam unter die Dusche begeben und mein bestes Ausgehoutfit zusammen suchen. Wobei du heute Abend neben Sam immer etwas blaß aussehen wirst, das sollte dir klar sein.
Nick starrte sie verständnislos an.
Jetzt guck nicht so. Du wirst sie kaum wiedererkennen, das garantiere ich dir. Und mit diesem letzten, ominösen Ausspruch drehte sie sich herum und verschwand im Flur.
Was haben die mit Sam nur gemacht? fragte Aaron leise. Das klingt, als hätten sie sie komplett auseinander genommen und neu zusammen gesetzt.
Nick mußte gegen seinen Willen schmunzeln. Wir werden es erleben. Ich gehe jetzt erstmal duschen.
Damit erhob er sich und sah noch einen Moment auf Aaron hinunter.
Sie ist die Richtige, vertrau mir, sagte er dann noch.
Wenn du meinst Bro. Es würde mich wirklich für dich freuen. Sie ist irgendwie ... sympathisch.
Sieh an, du kannst ja richtig nett sein, wenn du dich anstrengst, grinste Nick und brachte sich dann schnell vor dem nach ihm geworfenen Kissen in Sicherheit.
Als er sein eigenes Zimmer betrat, die Tür fest hinter sich schloß und sich dann seiner Kleider entledigte, brachte ihn die innere Spannung beinahe um den Verstand. Was hatten seine Schwestern nur mit Sam angestellt? Und wie sollte er, verdammt noch mal, einen klaren Kopf bewahren und ihren Plan in die Tat umsetzen, wenn er sie die ganze Zeit wie ein hypnotisiertes Kaninchen anstarren mußte?