Kapitel 22

Sie hatten sich alle in Sams kleinen Ford gequetscht und waren auf dem Weg in die City. Angel saß neben Sam auf dem Beifahrersitz, BJ und Leslie teilten sich die Rückbank. Nachdem sie gehört hatten, dass Nick ein Date plante und sie dazu auserkoren waren, Sam auf diesen Abend entsprechend vorzubereiten, war selbst BJ in Null Komma Nichts aus dem Bett gestiegen.
Die Schwestern hatten sich nicht einmal mehr mit einem Frühstück aufgehalten, sondern Sam nach einer knappen halben Stunde des Wartens einfach ins Auto gezerrt.
Mittlerweile war tatsächlich eine kleine Kamera über dem Rückspiegel montiert worden und Sam versuchte, sie so gut es ging zu ignorieren, was nicht wirklich möglich war.
Zusätzlich folgte ihnen eines der Kamerateams in einem weiteren Wagen. Sams Fantasie malte ihr bereits jetzt den Trailer für diese Episode in den schillernsten Farben aus und sie versuchte die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken.
„Wir müssen unbedingt zu Valentinos gehen,“ hörte Sam Leslie von der Rückbank sagen.
„Ach Valentinos,“ winkte Angel ab „wie wäre es mit Vera Wang? Oder Gucchi?“
„Oder diese abgefahrene Boutique auf dem Sunset?“ warf BJ dazwischen.
„Mädels,“ bremste Sam die Schwestern, weil ihr bereits von diesen vielen, edlen Namen schwindlig wurde „euch ist schon klar, dass ich kein großes Budget zur Verfügung habe, oder? Eigentlich war ich der Meinung, wir erledigen meine Veränderung in Heimarbeit, so wie das letzte Mal.“
„Heimarbeit?“ kicherte BJ vom Rücksitz. „Der war gut.“
„Mach dir mal keine Gedanken,“ sagte Leslie. „Wir haben das alles mit Nick geklärt.“
„Mit Nick?“ Sam drehte sich erschrocken in ihrem Sitz herum und warf einen entgeisterten Blick auf Leslie, die hinter Angel saß und breit grinste.
„Sieh nach vorne,“ hörte sie Angel entsetzt ausrufen und wandte sich somit wieder der Straße zu.
„Unser Bruder war wie immer sehr großzügig,“ informierte sie BJ.
„Yep,“ bestätigte Leslie und kramte in ihrer Handtasche. Gleich darauf zog sie etwas daraus hervor und schob es zwischen den Sitzen nach vorne, so dass Sam ohne Gefahr einen Blick darauf werfen konnte.
„Eine Kreditkarte?“ fragte Sam skeptisch.
„Nicht nur irgendeine Kreditkarte Baby, sondern Nick Carters Platin American Express,“ kicherte Angel.
„Das ist nicht sein Ernst,“ entfuhr es Sam.
„Hey, das ist auch nicht nur irgendein Date, also solltest du auch nicht nur irgend etwas anziehen.“
„Aber das ist doch verrückt. Das ganze Haus ist voller Klamotten und ich soll jetzt noch welche dazu kaufen, nur weil er mit mir ausgehen will?“ fragte Sam und fühlte sich mehr als unwohl. Sie brauchte keine Almosen. Das hier war nur ein Spiel, eine Scharade, die ihnen beiden weiterhelfen sollte. Es war nicht nötig, dass sie sich dafür teure Kleider kaufte.
„Sieh es doch mal so,“ kam Leslies beschwichtigende Stimme von der Rückbank. „Er möchte einfach, dass du dich heute Abend so wohl wie möglich fühlst. Und er hat genug Geld. Da kann er ruhig mal was springen lassen. Er macht das gerne.“
„Und für dich sowieso,“ fügte Angel lächelnd hinzu.
„Wie meinst du denn das jetzt?“ fragte Sam, die immer mehr das Gefühl hatte, ganz langsam die Realität zu verlassen und in eine Art Albtraum abzudriften.
„Na komm schon,“ schnaubte Angel. „Wir sind nicht blöd ...,“
„Bei dir bin ich mir da nicht so sicher,“ kam es belustigt von Leslie.
„Klappe da hinten,“ fuhr sie Angel an, bevor sie sich wieder an Sam wandte. „Es ist doch ganz offensichtlich, dass er seit Tagen um dich herum schleicht wie der Kater um die Sahne. Er steht auf dich. Und heute Abend will er ganz alleine mit dir ausgehen. Das macht er doch nicht einfach so. So naiv bist selbst du nicht, dass du nicht weiß, was das bedeutet, oder?“
Sam schüttelte langsam den Kopf, während ihr Herzschlag zu rasen begann. Bisher hatten sie beide nur angenommen, dass ihr Plan einigermaßen funktionierte, aber wenn sie jetzt Angel so hörte, schien allen aufgefallen zu sein, dass sich da etwas zwischen ihr und Nick tat.
Komischer Weise konnte sie sich nicht wirklich darüber freuen. Sie fühlte sich mehr als schlecht bei dem Gedanken, dass sie alle Menschen um sich herum belogen und betrogen und dass genau diese Menschen jetzt in ihrem Wagen saßen und Feuer und Flamme waren, Sam bei ihrer Romanze zu unterstützen.
Wir würden sie wohl reagieren wenn sie wüßten, dass sie von Nick und Sam an der Nase herum geführt wurden? Dass nichts von alldem, nicht einmal der heutige Einkaufsbummel, echt war?
„Fahr hier links,“ unterbrach BJs Stimme Sams Gedanken. „Da ist ein Parkplatz, von da kann es dann los gehen.“
Sams Hände wurden feucht und ihr Herzschlag verdoppelte sich. Vielleicht sollte sie die Mädels doch einweihen. Sie würde sich wesentlich wohler dabei fühlen, wenn zumindest der engste Familienkreis wußte, dass das alles hier nur Show war. Doch auch Sam war klar, dass das nicht ging. Die drei würden sich sofort verraten, dessen war sie sich sicher.

Anstatt sofort in die nächste Boutique zu stürmen, führten sie die drei Schwestern erst einmal an einigen Schaufenstern vorbei, begutachteten hier und da die Auslagen und zogen Sam jedesmal weiter. Angel hatte sich an ihren linken Arm gehängt, BJ hatte sich den rechten geschnappt, während Leslie neben ihnen herlief und ab und zu einen Blick zurück warf, ob das Kamerateam noch anwesend war.
Sie bogen um mehrere Ecken und gingen dann schnurstracks auf einen Laden zu, der nicht so aussah, als gäbe es dort Klamotten zu kaufen. Tatsächlich standen sie gleich darauf vor einem Empfangstresen aus Marmor, hinter dem eine dunkle Sprossenschiebetür in den angrenzenden Raum führte. Sam wurde augenblicklich von dem Geruch nach Shampoo und Haarspray eingehüllt und mit weit aufgerissenen Augen wandte sie sich an Angel. „Ein Friseur?“
„Beautysalon,“ korrigierte Angel mit nachsichtigem Lächeln. „Bevor wir dir ein Kleid kaufen, muß erst einmal was mit deinen Haaren passieren.“
Bevor Sam darauf antworten konnte, wurde die Schiebetür geöffnet und eine junge Frau trat heraus. Ihre Haare standen ihr nach allen Richtungen vom Kopf ab und waren knallrot und pechschwarz gefärbt.
„Guten Tag Miss Carter,“ begrüßte die Frau Angel mit einem breiten Lächeln, während sie hinter den Empfangstresen trat.
„Hallo Gabriel. Ich wage es mich ja kaum zu fragen, aber haben sie heute noch einen Termin frei? Unsere Freundin hier braucht dringend professionelle Hilfe.“ Sie deutete bei ihren Worten auf Sam und diese fühlte sich augenblicklich wie Franksteins Monster, als die dunklen Augen von Gabriel prüfend ihre blonden, widerspenstigen Locken ins Visier nahmen. Ihrem Blick war dabei anzusehen, dass Sam viel mehr nötig hatte als ein bißchen professionelle Stylinghilfe, aber sie verkniff sich jeden Kommentar, setzte statt dessen ein herzliches Lächeln auf und zog dann ein Auftragsbuch zu sich heran.
„Wollen mal sehen,“ sagte sie und fuhr mit dem Finger die dichtbeschriebenen Zeilen entlang. Ihr Lächeln wurde breiter, während sie den Kopf hob und nickte. „Sie haben Glück. Eine Kundin ist nicht gekommen. Ihr Platz bei Sergio wäre frei.“
„Das ist großartig,“ jubelte Angel.
„Bitte folgen sie mir,“ sagte Gabriel, immer noch mit diesem breiten, wie festgefroren wirkenden Lächeln und augenscheinlich absolut unbeeindruckt von der Kamera, die die ganze Zeit schon lief.
Sie ging ihnen voraus durch die Schiebetür in den angrenzenden Raum und Sam folgte ihr beklommen. Augenblicklich wurde sie von den verschiedensten Düften eingehüllt. Parfüm, Nagellack, Shampoo, Haarspray und etwas, das verdächtig nach Rosenblüten duftete.
Links und rechts reiten sich Tische an der Wand entlang. Jeder Platz davor war besetzt von Frauen in sämtlichen Alterstufen, die gerade eine Maniküre bekamen, deren Haare kunstvoll auftoupiert oder hochgesteckt wurden oder die einfach mit einer Tasse Kaffee da saßen und sich mit ihrer Nachbarin unterhielten.
Hinter den Tischen saßen zumeist junge Frauen in hellgrünen, feinbestickten Hemden, die hochgeschlossen und mit dem Stehkragen an japanische Anzüge erinnerten.
Gabriel führte sie durch die langen Reihen hindurch und bog am Ende des Ganges um eine Ecke. Dahinter kam ein weiterer Raum zum Vorschein. Alles war hier aus teurem, rosa Marmor und Gold und Sam mußte ein paar Mal blinzeln um sich an diese gleißende Pracht zu gewöhnen.
Mehrere Kundinnen saßen in hochmodernen Friseurstühlen und mehrere Friseure huschten um sie herum. Der Betrieb kam für einen Moment zum Erliegen, als die vier Frauen, angeführt von Gabriel, mit dem Kamerateam im Schlepptau durch die Reihen gingen. Doch schnell wandten sich die Angestellten wieder dem Tagesgeschehen zu. Sam hatte trotzdem das Gefühl, dass sie von nun an von einem Dutzend Augenpaare beobachtet wurde.
In der hintersten Ecke war ein Stuhl frei und Gabriel bedeutete ihr, sich zu setzen.
„Sergio kommt sofort. Kann ich ihnen irgend etwas bringen? Kaffee, Tee, Wasser, Champagner?“
Sam schüttelte sofort den Kopf, doch BJs rauhe Stimme orderte für sie alle ein Glas Champagner. Die drei Schwestern verteilten sich auf ein Sofa und einen Stuhl, die neben Sams Platz an der Wand standen und grinsten zu ihr auf.
„Du wirst es lieben,“ versprach Angel.
„Ich bin mir da noch nicht so sicher,“ entgegnete Sam unbehaglich.
Bevor eines der Mädchen noch etwas sagen konnte, hörten sie plötzlich eine schrille Stimme hinter sich und Sam fuhr erschrocken auf ihrem Stuhl herum.
„Angel Carter, dass ich das noch erleben darf!“ rief ein hochaufgeschossener, dünner Mann mit lackschwarzem, an den Kopf gegeltem Haar und dunklen, funkelnden Augen. Er trug dunkle, hautenge Jeans und ein gelbes T-Shirt mit dem Aufdruck einer Schere darauf und kam mit ausgestreckten Händen auf Angel zu.
„Sergio! Schön sie mal wieder zu sehen,“ lächelte Angel, erhob sich und ließ sich von ihm rechts und links auf die Wange küssen.
„Und sie haben ihre hübschen Schwestern mitgebracht,“ fuhr Sergio immer noch in diesem leicht schrillen, affektierten Tonfall fort und begrüßte auch BJ und Leslie mit zwei in die Luft gehauchten Küssen.
„Und das hier ist unserer Freundin Samantha Fields,“ sagte Angel und deutete auf Sam, die mit großen Augen in den Spiegel starrte und darin die Begrüßung verfolgt hatte.
„Samantha! Es freut mich sie kennen zu lernen,“ sagte Sergio, trat hinter sie und drückte kurz ihre Schultern. „Was kann ich denn für sie tun?“
„Sie braucht eine anständige Frisur,“ antwortete Leslie an Sams Stelle.
„Ja, das sehe ich,“ nickte Sergio ganz ernst und begann, Sams Haarpracht mit den Händen nach hinten zu kämmen, befühlte danach prüfend einige Strähnen und nickte immer wieder bestätigend. „Farbe?“ fragte er dann.
„Rot wäre cool,“ entgegnete BJ sofort.
„Nee, zu künstlich. Wie wäre es mit einem schönen, warmen Braunton?“ entgegnete Angel.
„Oder gleich ganz schwarz. Das hätte doch was,“ grinste Leslie und Sam wurde es Angst und Bange.
„Keine Farbe,“ sagte sie bestimmt.
„Darf ich einen Vorschlag machen?“ fragte Sergio und lächelte sie aus dem Spiegel an.
Sam zuckte kurz mit den Schultern, nickte dann aber zaghaft.
„Wir werden nicht zu viel an ihrem Typ verändern. Ein paar dunklere und hellere Akzente reichen völlig aus. Wir werden hier und hier,“ er faßte in ihr Haar, was Sam allerdings nicht dabei half, seine Strategie zu durchschauen „etwas Haar wegnehmen, das ganze etwas kürzen und einen netten Pony schneiden. Wie finden sie das?“
„Ich hatte eher an Extensions gedacht,“ gab Angel zu bedenken.
Sergios Nase kräuselte sich und er schüttelte den Kopf. „Wer solche wunderschönen Locken sein Eigen nennt, braucht keine Extensions,“ stellte er klar und Sam fühlte, wie sie in ihrem Stuhl ein kleines Stückchen in die Höhe wuchs. Wunderschöne Locken? Das hatte noch niemand zu ihr gesagt.
„Und natürlich die Augenbrauen,“ sagte er und klang dabei so, als hätte er mitten in ihrem Gesicht eine ekelhafte Spinne entdeckt. „So können sie unmöglich weiter herumlaufen.“
„Wenn sie meinen,“ sagte Sam zaghaft.
„Gut,“ strahlte Sergio und klatschte zwei Mal in die Hände. „Dann kann es ja losgehen.“

Kapitel 23