Kapitel 21
In den nächsten drei Tagen praktizierten Sam und Nick das, was Nick in ihren unbeobachteten Momenten das Vorspiel nannte. Sie versuchten, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen, grenzten sich manchmal absichtlich von den restlichen Hausbewohnern ab und versuchten den Kamerateams immer einen Schritt voraus zu sein. Dies äußerte sich hauptsächlich darin, dass sie beide grundsätzlich darauf lauschten, ob ihnen Kameras folgten oder gerade im Anmarsch waren und wenn sie dies feststellten, saßen sie sofort nebeneinander, ließen sie es so aussehen, als würden sie sich angeregt unterhalten oder legte Nick auch schon einmal einen Arm um Sams Schulter.
Sam gewöhnte sich langsam an Nicks Anwesenheit und auch wenn sie sich am Anfang nicht hatte vorstellen können, wie sie es länger als ein oder zwei Stunden mit ihm zusammen aushalten sollte, so stellte sie doch bald fest, dass sie es eigentlich sehr genoß mit ihm zusammen zu sein.
Wenn keine Kamera in ihrer Nähe war, schwiegen sie meistens oder versuchten flüsternd ihre nächsten Schritte zu besprechen, doch wenn sich das Auge der Linse auf sie richtete, war Nick immer sehr zuvorkommend und aufmerksam. Meistens plapperte er wie ein Wasserfall. Über seine Arbeit, die Musik und seine Geschwister und Sam mußte noch nicht einmal so tun, als höre sie ihm zu, weil sie viel zu fasziniert von dem war, was Nick ihr erzählte.
Am Morgen des vierten Tages schließlich, fing er sie ab, als sie von ihrem morgendlichen Spaziergang mit den Hunden zurück kam. Er war auf dem Weg zu seinem Wagen um ins Studio zu fahren, das unvermeidliche Kamerateam aber noch an der Haustür um einige Dinge zusammen zu packen und so raunte er ihr im Vorbeigehen zu Heute Abend lassen wir die Bombe platzen.
Sam war so verblüfft, dass sie erst einen Moment inne hielt, dann auf dem Absatz kehrt machte und ihm folgte. Als er die Fahrertür öffnete hatte sie ihn eingeholt.
Wie meinst du das? flüsterte sie und stellte sich mit dem Rücken zu dem herannahenden Kamerateam.
Das wirst du schon noch sehen, grinste Nick unergründlich.
Dann hatte das Kamerateam sie erreicht und in normalem Tonfall und Lautstärke setzte er hinzu. Wir sehen uns dann also heute Abend. Ich habe den Tisch für acht Uhr reserviert. Meinst du, die anderen kommen mal einen Abend ohne aus?
Bei seinen Worten war er Sam immer näher gekommen und den letzten Satz hatte er nur noch leise vor sich hingehaucht, weil er augenscheinlich viel zu sehr an Sam interessiert war um sich auf seine Worte richtig zu konzentrieren.
I-Ich denke schon, brachte sie hervor und hatte keine Ahnung, was sie ansonsten noch sagen sollte.
Gut. Also ein Date. Heute Abend. Vergiss mich bis dahin bloß nicht, lächelte er. Und dann beugte er sich plötzlich zu ihr hinunter und hauchte ihr wie selbstverständlich einen Kuß auf die Wange.
Bis dann, lächelte er und stieg nun endlich in seinen Wagen ein.
Während Sam ihm hinterher sah, wie er die erste, scharfe Kurve die Ausfahrt hinunter brauste, wanderte ihre Hand unbewußt hinauf zu ihrer Wange, wo sie immer noch das prickelnde Gefühl von Nicks Lippen spüren konnte.
Was war denn das eben gewesen? Waren sie überhaupt schon so weit? Von küssen war bisher nichts in ihrem mehr als vagen Plan vorgekommen. Und ein Date? Was meinte er denn damit? Und die Bombe platzen zu lassen konnte ja eigentlich nur bedeuten, dass er heute Abend ihre Beziehung hochoffiziell machen wollte.
Ach du meine Güte, murmelte Sam, als ihr so langsam die gesamte Tragweite von Nicks knappen Sätzen aufging.
Erschrocken zuckte sie zusammen als ihr aufging, dass sie die letzten Worte laut ausgesprochen hatte und sah sich damit drei breit grinsenden Kameramännern gegenüber. Einer von ihnen hob den Daumen, so als hätte sie gerade eine großartige Leistung vollbracht und das Herz sank ihr augenblicklich in die Kniekehlen.
Was sollte sie denn jetzt nur machen? Bis jetzt war das alles ja gut und schön und irgendwie lustig gewesen, aber wenn das Ganze jetzt wirklich ernst wurde, gab es definitiv kein Zurück mehr.
Abrupt drehte sie sich herum und flüchtete in Richtung Haustür. Die Hunde hasteten hinter ihr her und merkten scheinbar sehr genau, dass ihr neues Frauchen mehr als aufgeregt war. Sie waren kaum zu bändigen, als Sam ihnen tief in Gedanken versunken die Leinen und Halsbänder abnahm, danach in die Küche ging und ihnen wie jeden Morgen ihr Frühstück verabreichte.
Als sie die Freßnäpfe hinunter auf den Boden stellte, war sie immer noch mehr als verwirrt und ihr Herzschlag war gerade dabei panisch davon zu galoppieren. Einen Moment hielt sie inne und versuchte sich zu sammeln. Sie hatte leichtsinniger Weise Nicks dämlichen Plan zugestimmt und alles was sie in diesem Moment wollte war, aus dieser Nummer wieder heraus zu kommen. Sie konnte nicht so tun als wäre sie in ihn verliebt, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er sie berührte oder gar küßte und dies gar nicht so meinte. Statt ihre Nervosität zu beruhigen, fachte sie sie damit nur noch mehr an und bestürzt stellte sie fest, dass sich bereits ein Kloß aus Tränen in ihrem Hals sammelte. Wie hatte sie sich auf diesen Schwachsinn nur einlassen können?
Das Klingeln ihres Handys, das im Wohnzimmer auf dem Couchtisch lag, holte sie zumindest ein Stück zurück in die Realität und froh, sich für den Moment auf etwas anderes konzentrieren zu können durchquerte sie das Eßzimmer und griff gleich darauf nach dem immer noch klingelnden Telefon.
Die Nummer des Anrufers wurde nicht angezeigt, also meldete sie sich, immer noch mit klopfendem Herzen.
Samantha Fields.
Mommy?
Josh! Ein strahlendes Leuchten erschien auf ihrem Gesicht, das sofort von einem besorgten Stirnrunzelnd abgelöst wurde, als ihr zum einen bewußt wurde, dass sie bei diesem Gespräch inzwischen von zwei Kamerateams unter die Lupe genommen wurde und sich zum anderen ihr Sohn nicht wie gewohnt von zu Hause aus meldete.
Warte einen Moment, ja? informierte sie ihren Sohn, drückte sich das Handy an die Brust und marschierte an den Kameras vorbei durch den Flur und zu ihrer Schlafzimmertür. Als sie diese allerdings hinter sich schließen wollte, stellte einer der Männer, die ihr gefolgt waren, einen Fuß zwischen Tür und Rahmen und entgeistert blickte Sam zu ihm auf.
Raus, giftete sie den Kameramann an. Ihr habt hier im Moment nichts zu suchen.
Tut mir leid, antwortete ihr der Mann, während er die Tür noch ein Stück weiter aufschob, so dass sie die Kamera erfassen konnte. Anweisung von oben. Keine unbeobachteten Telefonate mehr.
Es ist mir scheißegal, was ihr für Anweisungen habt. Das hier ist privat, verdammt noch mal!
Der Kameramann zuckte lediglich mit den Schultern und blieb ansonsten wo er war. Sam hätte in diesem Moment einfach explodieren können und hätte sie nicht immer noch ihren Sohn am anderen Ende der Leitung gehabt, hätte sie dies sicherlich getan und diesem unverschämten Kerl an den Kopf geschleudert, was sie von ihm hielt, doch so war sie gezwungen die Tür loszulassen und sich das Handy wieder ans Ohr zu drücken.
Ich bin wieder da, informierte sie Joshua und hoffte, dass sie mit ihm reden konnte ohne der ganzen Welt zu verraten, wen sie da wirklich am Telefon hatte. Wo bist du denn? fragte sie sofort und ließ sich auf die Bettkante sinken.
Bei Lynnie zum Spielen, informierte sie ihr Sohn. Ich habe mich ans Telefon geschlichen.
Das ... ist ... Josh, ich weiß nicht, ob das so gut ist ... , versuchte Sam ihr wachsendes Unbehagen in Worte zu fassen, doch das anhaltende Glücksgefühl konnte sie damit nicht verdrängen. Ihr Sohn hatte sich an ein Telefon geschlichen, um sie anzurufen!
Ich weiß. Aber Dad läßt mich nicht mehr ans Telefon und die blöde Viola auch nicht.
Das tut mir leid mein Schatz, entgegnete Sam und vergrub ihr Gesicht in der freien Hand. Wie sollte sie ihn aufmuntern, wenn sie nicht zu viel sagen durfte?
Dad sagt, du kommst ins Fernsehen, stimmt das? fragte Josh und sie konnte seine Aufregung ganz deutlich hören. Tommy Miller glaubt mir nämlich nicht. Ich hab ihm gesagt, dass meine Mommy im Fernsehen ist und da hat er gesagt, das wäre Blödmist und ich würde lügen.
Sie konnte das enttäuschte Gesicht von Joshua beinahe vor sich sehen und sie fühlte ein schmerzhaftes Stechen in der Brust.
Es ist wahr. Sag ihm, er soll in drei Wochen den Fernseher anschalten, dann kann er es sehen.
Ehrlich? Joshua klang nun ganz aufgeregt. Und komme ich auch ins Fernsehen?
Sams Blick fiel auf die Kamera, die immer noch gnadenlos ihr Gespräch aufzeichnete.
Nein mein Schatz. Das wohl nicht.
Aber Mooooom! Das wäre soooo cooool. Dann würden sie bestimmt endlich aufhören mich dauernd zu ärgern und ... ,
Joshua? Was machst du denn da? hörte Sam plötzlich eine weibliche Stimme im Hintergrund und gleich darauf Joshs erschrockene Stimme. Ich muß Schluß machen Mom. Hab dich ganz doll lieb.
Und schon war die Leitung unterbrochen.
Samantha versuchte sich vorzustellen, wie eine verwunderte Mutter ihren Joshua ausfragte, mit wem er da eben telefoniert hatte und sie hoffte, dass diese Sache nicht bis zu Greg durchdrang. Am Ende würde er seinen Sohn noch verbieten, seine Freunde zu sehen weil er Angst hatte, er würde sie anrufen.
Seufzend legte sie das Handy zur Seite. Nicks Plan war zwar dämlich und mehr als unangenehm für sie, aber sie würde für Josh alles tun. Er durfte einfach nicht in einer Welt aufwachsen in der er gezwungen war, sich an ein fremdes Telefon zu schleichen, wenn er mit seiner Mutter sprechen wollte.
Wieder sah sie zu dem Kamerateam auf. Die Kamera war mittlerweile ausgeschaltet und einer der Männer war gerade dabei ein neues Band einzulegen.
Nun gut.
Wenn sie es so haben wollten.
Dann würde sie sich heute Abend mal so richtig ins Zeug legen. Sie würde ihnen allen beweisen, dass sie in der Lage war für ihren Sohn zu sorgen und für ihn da zu sein und wenn sie dafür zu solch unlauteren Methoden greifen mußte, dann sollte es eben so sein.
Entschlossen stand sie auf, strich sich mit einer resoluten Geste einige widerspenstige Haarsträhnen aus dem Gesicht und marschierte dann erhobenen Hauptes an den Kameraleuten vorbei, den Flur hinunter und gleich darauf in Angels Schlafzimmer.
Angel, ich brauche deine Hilfe, sagte Sam und zupfte an Angels Bettdecke, unter der lediglich ein paar Strähnen dunklen Haars hervorlugten.
Hm? kam es gedämpft unter dem Deckenberg hervor.
Sam setzte sich zu Angel auf die Bettkante und zog die Decke so weit zurück, dass sie Angels, vom Schlaf noch ziemlich verknittertes Gesicht sehen konnte.
Nick will mit mir ausgehen. Ich brauche deine Hilfe.
Nick will was? nuschelte Angel schlaftrunken und drehte sich ganz langsam auf den Rücken, während sie sich mit beiden Händen über das Gesicht rieb um richtig wach zu werden.
Er sagt wir hätten heute Abend ein Date und ... nun ja ... so kann ich da ja wohl unmöglich hin gehen, sagte sie und breitete in einer resignierenden Geste die Arme aus.
Müde blinzelte Angel zu ihr auf und schien immer noch damit beschäftigt zu sein, die letzten Traumbilder abzuschütteln.
Und was soll ich da jetzt tun? brummte sie.
Bin ich hier das Modell oder du? Mach irgendwas mit meinen Haaren und meinen Klamotten oder so. Ich habe keine Ahnung! Sam spürte, wie Verzweiflung in ihr aufstieg. Wenn sie so heute Abend zu dem Date mit Nick ging, würde ihm kein Mensch abnehmen, dass er sich ausgerechnet in sie verliebt hatte.
Ein breites Grinsen erschien auf Angels Gesicht. Nick will wirklich mit dir ausgehen?
Jaha.
Hm ... scheint, als hätte mein Brüderchen doch so etwas wie Geschmack.
Ich nehme das jetzt mal als Kompliment, entgegnete Sam mit einem angedeuteten Lächeln.
Davon kannst du ausgehen, lächelte Angel zurück. Dann seufzte sie laut und vernehmlich. Hör zu. Gib mir ne viertel Stunde. Ich muß erstmal richtig wach werden. Dann packen wir Leslie und BJ ein und fahren in die Stadt.
Bist du sicher, wir bekommen sie wach? fragte Sam skeptisch.
Nicht wir sondern du, grinste Angel und setzte sich langsam im Bett auf, wobei sie sich nach einem kurzen Blick auf die Kameras mehrmals durch ihr langes Haar fuhr um es einigermaßen zu bändigen.
Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, das weißt du doch.
Wieso? Mich hast du doch auch wachgekriegt, oder? grinste Angel und scheuchte sie dann mit einer knappen Handbewegung aus dem Zimmer. Jetzt mach schon. Sei einfach mal ein bißchen resolut. Das können die durchaus vertragen. Ach ... und vergiß nicht ihnen zu sagen, dass du ein Date mit Nick hast. Damit kriegst du sie garantiert aus dem Bett.
Sam zuckte unbehaglich mit den Schultern, verließ aber Angels Zimmer um wie besprochen BJ und Leslie zu wecken. Sie war sich zwar nicht sicher, ob es wirklich nützlich war, sich gleich mit allen Schwestern der Carter Familie in diese Aktion zu stürzen, aber vielleicht verlieh das dem Ganzen noch zusätzlich ein bißchen Glaubwürdigkeit und davon würde sie jede Menge brauchen können.