Kapitel 20

Den gesamten Rückweg planten sie ihre Strategie. Wobei Nick zugeben mußte, dass es eigentlich keine wirkliche Strategie gab. Sie redeten zwar darüber, wie seine Geschwister wohl reagieren würden und schärften sich ein ums andere Mal ein, dass sie wegen der Kameras mehr als wachsam sein mußten, aber wie und wann ihr großes „Coming Out“ stattfinden sollte, wie sie sich bis dahin verhalten und agieren würden, blieb mehr als vage.
Sam hatte zwar argumentiert, dass sie lieber einem handfesten Plan, vergleichbar mit einem Drehbuch, gefolgt wäre, aber Nick hatte dagegen gehalten, dass es dann nicht mehr echt wirken würde und so hatte sie sich schließlich gefügt. Auch wenn ihm ihr Unbehagen dabei nicht entgangen war.
Als sie nun aus dem Wald und auf den großen Vorplatz des Hauses hinaus traten, überkam ihn plötzlich ein ziemlich starkes Gefühl von Lampenfieber. Würde er alles richtig machen? Würden seine Geschwister ihnen diese Scharade abnehmen? Und würde Sam bis zum bitteren Ende mitspielen?
Natürlich hatte sie bei dieser ganzen Aktion viel mehr zu verlieren als er und deshalb war es wohl nur natürlich, dass sie wesentlicher nervöser war, aber auch er konnte ein gewisses Kribbeln in seinen Eingeweiden nicht verleugnen.
Als er bereits eine Hand auf der Türklinke hatte, legten sich Sams warme Finger noch einmal auf seinen Unterarm.
„Bist du dir wirklich sicher, dass wir das tun sollten?“ fragte sie leise.
„So sicher, wie man sich bei so etwas eben sein kann,“ gab er schulterzuckend zurück.
„Genau das macht mir Kopfzerbrechen,“ nickte sie.
„Wird schon schief gehen,“ gab er mit einem strahlenden Lächeln zurück, das aber nicht wirklich aus den tiefen seines Herzens kam.
„Ich weiß nur nicht ... ,“ sie stockte, trat einen Schritt zurück und wandte den Blick von ihm ab. „Ich weiß nur nicht, ob ich das wirklich kann. Ich meine ... ich habe keine Erfahrungen mit so was, verstehst du?“ Sie sah wieder zu ihm auf.
„Ich befürchte, ich verstehe nicht so ganz,“ gab er zu.
„Ich ... hatte erst ... also ... einen Freund in meinem Leben. Ich weiß nicht, wie man flirtet oder ... keine Ahnung ... das liegt alles schon so lange zurück. Damals waren wir jung, gingen noch gemeinsam auf die Schule. Ich befürchte, da gibt es heute ganz andere Regeln, die man beachten muß.“
Er schüttelte nachsichtig den Kopf. „Für die Liebe gibt es keine Regeln. Deshalb ist das alles immer so verwirrend und schwierig. Folge einfach deinem Herzen. In meinem Fall kann ich dir versichern, dass du damit keinen Fehler machst.“
Sie musterte ihn eine Weile ausgiebig und er wußte genau, was sie in diesem Moment dachte. Sie war gezwungen, ihm in dieser Sache zu vertrauen und das, obwohl sie ihn eigentlich kaum kannte und er bisher nicht wirklich nett zu ihr gewesen war. An ihrer Stelle hätte er wahrscheinlich auch einige Bedenken gehabt.
Gleichzeitig nagte ein unbestimmtes Gefühl an ihm, das er im Moment zwar noch nicht greifen konnte, das ihm aber unmißverständlich zu verstehen gab, dass er mal wieder etwas sehr dummes tat und gerade dabei war in eine weitere Katastrophe seines Lebens hinein zu schlittern. Doch er ignorierte die leise Stimme in seinem Hinterkopf. Dies hier war die einzige Möglichkeit Joshua zu helfen und auch für ihn, Nick Carter, hatte die ganze Geschichte einige Vorteile.
„Verlaß dich auf mich,“ sagte er ohne auf Sams Einwand einzugehen, klopfte ihr noch einmal auf die Schulter und drückte nun endlich die Tür auf.
Er half Sam dabei, die Hunde von den Leinen zu befreien, während das erste Kamerateam aus den Tiefen des Hauses auftauchte und sie ins Visier nahm. Nick fragte sich einen bangen Moment lang, ob man ihnen wohl ansehen konnte, dass sie etwas ausheckten, zwang sich dann aber zur Ruhe. Noch hatten sie nicht gelernt in seinen Kopf hinein zu sehen und so lange sie sich beide an ihre Abmachung hielten, konnte eigentlich nichts schief gehen. Eigentlich.
Gefolgt von Samantha und dem Kamerateam ging er dann ins Wohnzimmer, wo sie beide wie zur Salzsäule erstarrt stehen blieben. Die Kamera schwirrte um sie herum und nahm ihre Gesichter in die Totale und Nick konnte eine Weile vor Überraschung nicht einmal blinzeln.
Ein festlich gedeckter Frühstückstisch erwartete sie und es roch köstlich nach frischem Kaffee, warmen Brötchen und gebratenem Speck. Aus der Küche drang leises Gelächter, das Klappern von Besteck und ein Radiosprecher, der gerade die Nachrichten verlaß. Irritiert warf Nick Sam einen fragenden Blick zu.
„Ich kann’s nicht gewesen sein,“ sagte sie grinsend und mit erhobenen Händen.
„Das leuchtet mir ein,“ entgegnete er und fühlte, wie sich ebenfalls ein Grinsen auf seinem Gesicht breit machte „aber den restlichen Bewohnern dieses Hauses traue ich das einfach nicht zu.“
„Guten Morgen ihr zwei,“ drang plötzlich Angels fröhliche Stimme zu ihnen herüber und als sie aufblickten, stellte sie gerade einen riesigen Brotkorb mit Unmengen von frischen Brötchen auf den Tisch. Hinter ihr war ein weiters Kamerateam erschienen, das dritte hielt sich wahrscheinlich noch in der Küche auf.
„Guten Morgen,“ gab Sam zurück. „Das habt ihr ja klasse gemacht. Ist etwas passiert?“
„Dass du immer gleich vom Schlimmsten ausgehen mußt,“ hörten sie Aaron, der grinsend hinter seiner Schwester aufgetaucht war und ihr jetzt einen Arm um die Schulter legte.
„Es ist einfach zu früh, als dass ihr schon so nett sein könntet,“ grinste Sam.
„Hört, hört,“ lachte Aaron, zog sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und ließ sich darauf fallen.
„Guten Morgen.“ Leslie kam ebenfalls aus der Küche und setzte sich Aaron gegenüber an den Tisch. Das dritte Kamerateam verließ nun ebenfalls die Küche und Nick wurde das bedrückende Gefühl nicht los, dass sich im Moment einfach zu viele Menschen in diesem Raum aufhielten.
„Wir wollten dir einfach mal was Gutes tun. Nachdem der gestrige Abend ... nun ja ... nicht ganz so reibungslos verlaufen ist ... ,“ Leslie verstummte und sah hilfesuchend zu Aaron hinüber.
„Ja. Wir dachten, du könntest eine kleine Aufmunterung gebrauchen.“
Nick hatte während des gesamten Wortwechsels sprachlos neben Sam gestanden und von einem zum anderen gesehen. Nun schlug unvermittelt eine Welle aus Stolz und Glück über ihm zusammen, auch wenn es lächerlich war, dass der Auslöser dafür lediglich der Anblick eines gedeckten Frühstückstisches war.
„Kann ich euch noch etwas helfen?“ fragte Sam und machte bereits Anstalten um in der Küche zu verschwinden, doch Nick faßte sofort nach ihrem Arm und zog sie wieder neben sich.
„Laß die vier das mal alleine machen,“ sagte er und lächelte auf sie hinunter. Er versuchte möglichst viel Wärme und Zuneigung in diesen Blick zu legen und als er sah, wie sich Sams Wangen mit einem Hauch Röte überzogen wußte er, dass ihm das wohl ganz gut gelungen war. Seine Hand wanderte an ihrem Unterarm hinunter und schlossen sich schließlich wie selbstverständlich um ihre kalten Finger.
„Die drei,“ korrigierte ihn Angel und rümpfte die Nase. Scheinbar hatte sie noch nichts von der Veränderung zwischen Nick und Sam bemerkt. „BJ ist jedenfalls nicht für Geld und gute Worte wach zu kriegen.“
„Wenn man bedenkt, welche Mengen sie gestern wieder in sich hinein geschüttet hat, ist das auch nicht weiter verwunderlich,“ entgegnete Aaron grimmig und langte zum Brotkorb hinüber. Kurz bevor er allerdings seine Finger um eines der noch dampfenden Brötchen schließen konnte, schlug ihm Leslie mit Schwung auf die Hand.
„Jetzt warte gefälligst bis wir alle sitzen,“ raunzte sie ihn an.
„Ich kann doch mein Brötchen essen wann ich will,“ begehrte er auf und Nick rollte innerlich mit den Augen. Ging das schon wieder los?
„Hey ihr zwei,“ ging Sam dazwischen, entwand Nick vorsichtig ihre Finger und ging hinüber zum Tisch. „Die Hunde brauchen noch ihr Futter, dann kann es sofort losgehen. Kannst du noch so lange warten Aaron?“
Der Angesprochene zuckte mit mißmutigem Blick die Achseln, lehnte sich aber in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das mit den Hunden mache ich,“ bot Nick sich an und verschwand eilig in der Küche. Er hatte einen Mordshunger und je schneller er hier fertig wurde, um so schneller konnten sie anfangen.
Als er das Trockenfutter aus einem der Vorratsschränke hervorzog, trat Sam neben ihm. Sie stellte die fünf Hundenäpfe auf die Arbeitsplatte, während sich die aufgeregte Hundemeute um sie scharte und das Schlurfen von Füßen ihnen verkündete, dass zumindest eines der Kamerateams ihnen gefolgt war.
„Danke,“ nickte er lächelnd, verharrte dann einen Moment und sah sie einfach nur stumm an. Er bemerkte die feinen Linien in ihrem Gesicht, ihre braunen Augen, die immer unsicherer wurden je länger er sie anstarrte und ihre vollen, sinnlichen Lippen.
Wie es wohl wäre sie zu küssen?
Der Gedanke war genau so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war und trotzdem zuckte er beinahe schuldbewußt zusammen. Schnell begann er das Hundefutter auf die Näpfe zu verteilen. Das hier war nur ein Spiel, das sollte er besser niemals vergessen.

Kapitel 21