Kapitel 19
Um sie herum herrschte eine angenehme Ruhe, während Sam und Nick nebeneinander dem gewundenen Waldweg den Hügel hinauf folgten. In den hohen Bäumen zwitscherten die Vögel, der Wind rauschte in den Blättern und ab und an drang das Heulen einer Sirene von der Stadt herauf.
Sam hatte Nick zwei der Leinen in die Hand gedrückt und kaum hatten die Hunde begriffen, dass sie wieder von ihrem inkonsequenten und nachsichtigen Herrchen geführt wurden, begannen sie sich in die Halsbänder zu werfen und wie die Wilden nach vorne zu ziehen. Geduldig hatte Sam Nick erklärt, was er in diesem Fall tun sollte und nachdem sie die Hälfte des Weges zurück gelegt hatten, hatte auch Nick die Hunde einigermaßen im Griff.
Die ganze Zeit fragte sich Sam, was Nick dazu bewogen hatte so früh aufzustehen und mit ihr hinaus zu gehen. Heute, im strahlenden Sonnenschein des neuen Tages, schämte sie sich ein wenig für den vergangenen Abend.
Zum einen natürlich für ihren mehr als unüberlegten Ausbruch in dem Restaurant. Ihr war bewußt, dass sie damit der Carter Familie ihren gemütlichen Abend ruiniert und sich der Lächerlichkeit preis gegeben hatte. Wie eine Furie war sie auf Nick losgegangen und hatte ihren gesamten Frust an ihm ausgelassen. Diese Seite kannte sie so an sich nicht. Sie wußte, dass die Leute sie für langweilig und unscheinbar hielten, doch sie war eben ein Mensch, der erst nachdachte und dann handelte und auch nicht besonders darauf stand, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da gab es genug andere, die das besser konnten. Doch gestern hatte sie sich buchstäblich und mit voller Wucht ins Rampenlicht gestellt. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Zum anderen zuckte sie innerlich immer wieder bei dem Gedanken zusammen, dass sie Nick tatsächlich von ihren Problemen erzählt hatte. Wie eine gemeine Ratte nagte diese Tatsache an ihren Eingeweiden. Sie haßte sich dafür, dass sie sich diese Blöße gegeben und Nick damit noch mehr Munition in die Hände gespielt hatte.
Während sie nun schweigend neben ihm herlief fragte sie sich, was er damit jetzt wohl anstellen würde und sie befürchtete, dass genau das der Grund war, warum er sie auf ihrem morgendlichen Spaziergang begleitete.
Dass die Kameras im Haus geblieben waren beruhigte sie zwar ein bißchen, doch sie war weiterhin auf der Hut. Bei Nick wußte man selten, woran man war. In einem Moment war er nett und freundlich und im nächsten warf er einem Gemeinheiten an den Kopf und war unausstehlich.
Als sie schließlich die kleine Lichtung auf der Kuppe des Hügels erreicht hatten, war Sam immer noch nicht schlau aus ihm geworden. Sie hatte seine Blicke bemerkt, die immer wieder verstohlen zu ihr hinüber huschten und sie war mehr als ein Mal versucht gewesen, irgend etwas darauf zu sagen. Doch im letzten Moment hatte sie die Worte, die ihr bereits auf der Zunge lagen hinunter geschluckt und geschwiegen. Warum wußte sie selbst nicht genau.
Etwas außer Atem und mit erhitzten Wangen ließ sie sich schließlich auf den von der Sonne bereits erwärmten, flachen Felsen nieder. Die Hunde legten sich hechelnd zu ihren Füßen und sie steckte jedem einen kleinen Hundekuchen zu, bevor sie die Leinen nachlässig um einen Busch zu ihrer Rechten schlang und dann die Beine vorsichtig zwischen den struppigen Fellknäuelen ausstreckte.
Ihr Blick wanderte über die Stadt zu ihren Füßen, doch ihre gesamten Sinne waren auf Nick ausgerichtet, der sich langsam neben ihr nieder ließ und die Ellbogen auf die Knie stützte. Seine Hände zupften an einigen Grashalmen und begannen dann, sie in hauchdünne Fasern zu zerlegen.
Das Schweigen zwischen ihnen zog sich in die Länge und Sam begann sich mit jeder Sekunde unwohler zu fühlen. Sie war mittlerweile davon überzeugt, dass Nick ihr etwas wichtiges zu sagen hatte und so wie sie ihn einschätzte, konnte das nichts gutes bedeuten. Entweder wollte er ihr mitteilen, dass er sich das mit seinem Hilfsangebot inzwischen anders überlegt hatte oder er würde sie gleich vor die Tür setzen.
Es ist schön hier, sagte er schließlich und Sam zuckte beim unerwarteten Klang seiner Stimme erschrocken zusammen.
Ja, nickte sie automatisch, weil ihr nichts besseres einfiel.
Wie ... fühlst du dich denn heute morgen?
Mißtrauisch sah sie zu ihm hinüber. Er machte sich doch bestimmt nicht wirklich Gedanken über ihren Gemütszustand, oder?
Sein Blick war in die Ferne gerichtet während seine Hände immer noch mit den Grashalmen beschäftigt waren. Er wirkte kein bißchen, als wäre er auch nur ansatzweise an dem interessiert, was in ihr vorging, also schwieg sie. Wahrscheinlich würde ihm das im Moment noch nicht einmal auffallen.
Doch wieder einmal hatte sie ihn falsch eingeschätzt, denn er wandte nach einer Weile den Kopf und sah sie an. Seine blauen Augen reflektierten das Sonnenlicht und Sam bemerkte verwundert, dass ihr Herz bei seinem Anblick einige Takte schneller zu schlagen begann.
Redest du nicht mehr mit mir? fragte er mit einem unsicheren Lächeln und sie mußte unwillkürlich schlucken.
Doch ... es ist nur ... etwas ... seltsam, dass ausgerechnet du mich fragst, wie es mir geht.
Er nickte verstehend und sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter. Ich weiß, wir hatten nicht gerade den besten Start. Aber nach gestern ... nun ja ... , er zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder dem Talkessel zu seinen Füßen zu.
Das mit gestern tut mir leid, sagte Sam leise. Ich hätte nicht ... ,
Ach, schon vergessen, winkte Nick ab und sie konnte nicht anders, als vollkommen verständnislos zu ihm hinüber zu blicken. Was war nur mit ihm passiert? Konnte sich ein Mensch über Nacht so sehr verändern? Von einem gemeinen, streitlustigen Kerl zu einem verständnisvollen, netten Menschen werden?
Okay. Irgend etwas ist hier faul, hörte sie sich sagen und erntete von Nick dafür ein belustigtes Schnauben.
Du hast mich durchschaut, grinste er, doch es verschwand allmählich, während er sie nun wieder mit seinen strahlenden Augen fixierte. Ich habe mir heute Nacht ein paar Gedanken darüber gemacht, wie ich dir helfen könnte, fuhr er fort und Sams Magen krampfte sich unbehaglich zusammen. Was kam jetzt?
Ich hätte da so eine Idee. Allerdings ... nun ja ... , er kratzte sich verlegen im Nacken und richtete sich dann neben ihr auf.
Du machst mir Angst, sagte sie trocken, was er mit einem freudlosen Auflachen quittierte.
Das sollte es wohl auch, gab er zu.
Okay, dann raus mit der Sprache, bevor ich mich in einer Panikattacke verliere.
Um Nicks Mundwinkel flammte ein kurzes Lächeln auf, das allerdings auch genau so schnell wieder erlosch.
Ich habe leider keine Ahnung, wie ich es dir schonend beibringen soll, also ... uhm ... sage ich es einfach gerade heraus, okay?
Meinetwegen, aber sag es einfach, gab Sam, mittlerweile mehr als nervös zurück.
Nick zögerte kurz, dann drehte er sich noch ein weiteres Stück in ihre Richtung und Sam fühlte, wie sich alles in ihr vor banger Erwartung anspannte.
Wir werden so tun, als wären wir ein Paar!
Sam starrte Nick für einen Moment wie eine göttliche Erscheinung an. Was genau wollte er ihr mit diesem Satz sagen?
Das wäre für uns beide nur von Vorteil, sprach er schnell weiter. Wenn das Gericht sieht, dass du in einer Beziehung bist, in der dein Partner also ich für dich und Joshua sorgen kann, hast du doch schon so gut wie gewonnen. Außerdem könnten wir in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass du deinen Schulabschluß nachholen kannst und damit findest du sicherlich auch leichter einen Job.
Das ... du willst doch nicht ... also ... , Sam wußte gar nicht, was sie sagen sollte. Dieser Vorschlag war so was von abwegig, dass sie sich fragte, ob Nick über Nacht irgendwie verrückt geworden und den Sinn für die Realität verloren hatte.
Denk doch mal nach! Das ist die perfekte Lösung all deiner Probleme.
Nein, Sam schüttelte entschieden den Kopf. Das wirft nur noch etwa eine
Million mehr auf.
Das stimmt so nicht, widersprach Nick, augenscheinlich vollkommen von seiner hirnverbrannten Idee überzeugt. Du brauchst Geld, einen Job und einen Partner. Das hast du selbst gesagt. Und ich biete dir hier gleich alles drei in einem Paket.
Nick, denk doch mal nach! Erstens haben wir den ganzen Tag Kameras um uns herum und dieser Schwindel wird damit schneller auffliegen, als wir gucken können. Und was soll Joshua denn denken? Und deine Geschwister ... du kannst doch nicht ernsthaft ... ,
Meinen Geschwistern sollten wir es nicht sagen, da hast du recht, nickte Nick, als wären sie bereits dabei die Strategie zu besprechen.
Nein, du verstehst mich vollkommen falsch, sagte sie und schüttelte zur Bekräftigung den Kopf. Es ist wirklich lieb von dir, dass du dir Gedanken um mich machst, aber dieser Vorschlag ist ... , sie wollte so etwas wie irrsinnig oder wahnsinnig oder komplett verrückt sagen, doch beim Blick in sein vor Aufregung glühendes Gesicht, brachte sie dies nicht übers Herz.
Ich weiß, dass das ein gefährlicher Plan ist, sagte Nick. Aber denk bitte nur einmal ernsthaft darüber nach. Etwas besseres könnte dir im Moment doch gar nicht passieren.
Sie starrte ihn aus weitaufgerissenen Augen an und fühlte sich mehr als seltsam, als sie begann seine Worte tatsächlich in die Tat umzusetzen.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie es sein würde so zu tun, als wären sie zusammen. Ein Paar. Innerlich erschauerte sie alleine bei dem Gedanken daran. Sie müßte wahrscheinlich ständig in seiner Nähe sein, sie müßte sich von ihm umarmen lassen und ...
Bei dem Gedanken daran, dass er vielleicht vorhaben könnte, sie vor laufender Kamera zu küssen, wurde ihr ganz schlecht.
Das geht nicht, sagte sie mehr zu sich selbst.
Oh doch, das geht. Wir werden ein bißchen Händchenhalten, beim Fersehschauen nebeneinander sitzen und nett zueinander sein. Das sollten wir doch hinkriegen, meinst du nicht?
Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, dass normale Paare mehr miteinander teilen als eine Hand und ein Sofa? fragte Sam nachsichtig.
Wir kriegen das schon hin. Vertrau mir, entgegnete Nick, der sich scheinbar von keinem guten Argument dieser Erde davon überzeugen lassen wollte, dass sein Vorschlag ausgemachter Schwachsinn war. Meinetwegen ziehst du irgendwann in mein Zimmer. Da steht ne Couch drin. Das geht schon. Ich nehme dich ab und zu mit in die Stadt und werde sehen, dass wir uns dann von den Kameras wegschleichen können. Abgesehen davon, verbringen auch normale Paare ab und zu etwas getrennt von einander. Wir müßten also nicht jeden Abend aufeinander hocken.
Du bist vollkommen verrückt, entgegnete Sam kopfschüttelnd.
Ich weiß, grinste Nick zurück.
Nur mal angenommen, wir ziehen das wirklich durch. Wir belügen deine Geschwister, das Gericht, Greg und Josh und kommen damit irgendwie durch, wovon ich allerdings nicht ausgehe. Was passiert dann? Angenommen ich bekomme tatsächlich das Sorgerecht für Joshua? Alleine bei dem Gedanken daran schlug ihr Herz einen freudig erregten Purzelbaum und ihre Handflächen wurden feucht.
Paare kommen zusammen und trennen sich wieder, gab Nick schulterzuckend zurück. Wir werden es irgendwie so machen, dass du gut dastehst. Meinetwegen habe ich dich betrogen oder so. Die Boulevardpresse schreibt so viel Scheiß über mich, dass es darauf auch schon nicht mehr ankommt.
Sams Widerstand bröckelte, das merkte sie ganz deutlich und wahrscheinlich war dies der Aspekt, der ihr im Moment am meisten zusetzte. Was Nick da vorschlug war vollkommener Wahnsinn! Sie konnte noch nie gut lügen, sie war keine Schauspielerin und sie haßte es, den Menschen die sie liebte etwas vorzumachen. Sie war immer ehrlich gewesen. Ob nun zu Greg, Joshua oder zu Nick und seinen Geschwistern. Sie konnte nicht so tun, als sei sie in Nick verliebt und mit ihm zusammen. Das widersprach sämtlichen ihrer Lebensgrundsätzen.
Und doch ... wenn sie daran dachte, dass sie auf diese Weise vielleicht Joshua zurück bekommen könnte ... Selbst wenn sie ihn dadurch einfach nur öfter zu Gesicht bekam, hätte sich die ganze Sache bereits irgendwie gelohnt und alleine sich dies einzugestehen verursachte ihr Bauchschmerzen.
Und was springt für dich dabei heraus? fragte sie und hoffte, dass Nick dies nicht bereits als Einverständnis zu seinem verrückten Plan deutete.
Die Art, wie er sich noch ein Stück weiter aufrichtete und kämpferisch das Kinn vorreckte verriet ihr, dass ihm dieser Punkt ein wenig unangenehm war. Doch ihr gegenüber Schwäche zu zeigen kam natürlich gar nicht in Frage.
56 Prozent der Testzuschauer wünschen sich, dass wir ein Paar werden, informierte er sie und sie glaubte, sich verhört zu haben.
Wie bitte? Sie fühlte, wie ein Lachen in ihrer Kehle aufstieg. Das war ja wohl so was von absurd!
Ganz ehrlich! Henry, mein Produzent, war ganz aus dem Häuschen. Ich habe ihm erst gesagt, dass er mich mal kann, aber inzwischen ... ich meine ... wenn wir das einigermaßen überzeugend rüber bringen, werden die Zuschauer vielleicht auch die andere Botschaft in dieser Serie erkennen.
Die dann noch wäre? fragte Sam skeptisch.
Dass es hier um mehr geht als ein paar hübschen Gesichtern dabei zuzusehen, wie sie sich vollkommen lächerlich machen, entgegnete er grimmig. Dass es hier um meine Familie geht. Dass wir ihnen zeigen möchten, dass man nur ein bißchen Mut haben muß um Dinge zu verändern. Dass man auf einander zugehen sollte anstatt sich voneinander abzuwenden. Das ist mein Leben und das meiner Geschwister und wir arbeiten hart daran aus uns so etwas wie eine Familie zu machen. Ich möchte denen da draußen Mut machen, die vielleicht in einem ähnlichen Chaos groß geworden sind und ich möchte, dass sie erkennen, dass auch ich nur ein normaler Mensch bin, der Fehler und Schwächen hat.
Sam schüttelte seufzend den Kopf. Ist dir klar, dass du genau diese Idee verrätst, in dem du daraus eine Soup machst, in der der Prinz das häßliche Entlein kriegt?
Ich glaube nicht, dass es so ablaufen wird. Vielleicht bringt es auch andere dazu, die Serie zu schauen, die normaler Weise nichts mit mir anfangen können. Vielleicht hilft es auch Menschen weiter, die nicht mehr an die Liebe glauben. Wir könnten ihnen zeigen, dass es durchaus möglich ist, eine funktionierende Beziehung zu führen.
Die aber in der Realität gar nicht existiert, gab Sam zu bedenken.
Was ist denn bitteschön die Realität für die Zuschauer? ereiferte sich Nick. Scheinbar hatte er sich jetzt vollkommen in Rage geredet. Für die ist doch das was sie sehen die Realität. Wen interessiert es denn, ob diese abgewrackten Typen in den Talkshows von heute lediglich gut bezahlte Schauspieler sind? Es interessiert niemanden, weil sie nämlich glauben wollen, was da über ihren Fernsehschirm flimmert. Was ist also so verkehrt daran ihnen vor Augen zu führen, dass man sich durchaus verlieben kann und dass es möglich ist miteinander auszukommen, auch wenn man grundverschieden ist.
Nick holte einmal tief Luft und fuhr sich dann mit beiden Händen hilflos durchs Haar. Ich weiß, dass es eine absolute Schnapsidee ist, okay? Ich weiß auch, dass es alles andere als leicht werden wird die Menschen davon zu überzeugen, dass es uns ernst ist. Ich befürchte, es wird sogar für dich noch schwieriger als für mich, weil es da draußen genug Spinner gibt die glauben, sie könnten sich ein Urteil über meine Freunde bilden, ohne sie je kennen gelernt zu haben. Aber ... , er breitete die Arme aus und schüttelte den Kopf. ... wenn du eine bessere Idee hast, wie du deinen Sohn zurück bekommen kannst, dann nur heraus damit.
Das Totschlagargument hatte er sich scheinbar bis zum Schluß aufgehoben.
Sam schluckte trocken und wandte den Blick von dem sichtlich aufgeregten Nick ab und blickte hinunter auf die pulsierende Stadt zu ihren Füßen.
Klar war, dass sie keine Möglichkeit hatte, irgendwie an Joshua heran zu kommen. Spätestens seit gestern Abend war ihr dies mehr als deutlich klar geworden. Greg haßte sie. Wahrscheinlich aus genau diesem Grund: Sie war das einzige, was ihn noch von Joshua trennen konnte und Joshua wiederum war das einzige Mittel, mit dem er sie in Schach hielt.
Hatte sie wirklich einmal geglaubt, sie bräuchte nur einen Job und schon würde sich alles zum besseren wenden? Sie wußte es doch nun wirklich besser. Ein Job bedeutete erst einmal, dass sie sich selbst über Wasser halten konnte. Von einem Kind und wie sie dieses ernähren sollte, konnte gar keine Rede sein.
Und jetzt dieser absolut dämliche Vorschlag von Nick. Sein Plan wies so viele Löcher auf, dass es an glatten Selbstmord grenzte, diesen in die Tat umzusetzen. Allerdings, und hier mußte sie ihm leider recht geben, wenn er funktionierte, standen ihre Chancen so gut wie lange nicht mehr, den Sorgerechtsstreit zumindest ein wenig in ihre Richtung zu beeinflussen. Für das Gericht würde es so aussehen, als hätte sie ein geregeltes Leben an der Seite eines Multimillionärs, der sicherlich ein Haus mit einem großen Garten besaß.
Und wenn sie tatsächlich das Sorgerecht für Joshua zugesprochen bekam, dann war es nur recht und billig, wenn Nicks Fensehserie daran ebenfalls verdiente. Wenn ... dann ...
Sie schüttelte den Kopf. Das Risiko war einfach zu groß. Wenn heraus kam, dass ihre Beziehung zu Nick nur gespielt war, könnte sie Joshua gleich abschreiben. Dann würde kein Gericht der Welt zu der Überzeugung gelangen, dass sie die geeignete Person war um einen kleinen Jungen großzuziehen.
Glaub mir, es lohnt sich, sagte Nick leise in ihre Gedanken hinein, gerade so, als hätte er ihr beim Wälzen sämtlicher Argumente zugehört. Wir können es doch einfach mal probieren. In den nächsten paar Tagen inszenieren wir ne große Lovestory und wenn wir dann sehen, dass es nicht funktioniert, können wir es immer noch als blöde Idee abtun und so weitermachen wie bisher.
Sam seufzte abgrundtief. Darf ich darüber nachdenken?
Wird es dich zu einem anderen Ergebnis als purem Chaos führen? fragte Nick zurück.
Wahrscheinlich nicht, gab sie zu.
Dann laß es uns einfach ausprobieren. Ab jetzt. Wir gehen zurück und werden sehen, wie es sich entwickelt. Spiel einfach mit und überlaß den Rest mir. Was meinst du?
Dass du verrückt bist.
Das ist ja wohl selbstverständlich, sagte Nick im Brustton der Überzeugung und Sam konnte gar nicht anders als leise vor sich hin zu kichern.
Komm schon, sagte Nick, rutschte noch ein Stück näher an sie heran und legte ihr vorsichtig einen Arm um die Schulter.
Sofort versteifte sich alles in ihr und am liebsten wäre sie sofort aufgesprungen und hätte sich außerhalb seiner Reichweite gebracht. Doch er wußte scheinbar, was in ihr vorging, denn er faßte sie noch etwas fester und zog sie dann auch noch ein Stück weiter zu sich heran.
Ich beiße nicht, sagte er schmunzelnd und das alles hier ist eine rein freundschaftliche Sache. Das solltest du dir immer wieder sagen.
Sam wagte kaum zu atmen. Es fühlte sich seltsam an, ihm so nahe zu sein. Ihre Schulter berührte seine breite Brust, ihr Kopf war seinem viel zu nahe, so dass sie seinen Atem an ihrer Stirn spüren konnte.
Ich weiß nicht ... , alles in ihr sträubte sich weiterhin gegen diese Vorschlag, doch irgendwo in ihrem Gehirn meldete sich eine leise, missmutige Stimme in ihrem Kopf zu Wort. Das ist deine einzige Chance zumindest in Reichweite von Joshua zu kommen und das weißt du auch ganz genau. Also zier dich gefälligst nicht so und tu, was Nick sagt. Es wird auch nicht weh tun.
Doch gerade bei dem letzten Punkt war sie sich plötzlich überhaupt nicht mehr sicher.