Kapitel 18

Nick tat genau das, was Sam vermeiden wollte. Er lag in seinem Bett, hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt, starrte an die Decke und grübelte. Aus seinem kleinen mp3 Player erklang Pearl Jam in seinem Ohr und obwohl er todmüde war brachte er es nicht fertig die Augen zu schließen und einzuschlafen.
Das Gespräch mit Sam drehte immer wieder Kreise in seinem Kopf. Er hörte sie von ihrem Sohn erzählen und zog unwillkürlich Parallelen zu seinem eigenen Leben. Sicherlich war es immer schlimm wenn sich die Eltern trennten, aber wenn dies, wie bei ihm, auch noch mit viel Geschrei, Gezerre an den Kindern und einer öffentlichen Schlammschlacht vor sich ging, war dies noch um einiges schlimmer.
Und Joshua lief Gefahr, in genau dieses Szenario hinein gezogen zu werden. Sicher, er konnte Samanthas Beweggründe in dieses Haus einzuziehen jetzt vielleicht besser nachvollziehen, aber so ganz verstehen konnte er es trotzdem nicht. Hätte sie sich nicht denken können, dass sie damit alles, was ihre Person betraf, ins gnadenlose Licht der Öffentlichkeit rückte? Hatte sie wirklich geglaubt, damit eine Entscheidung zu treffen, die nur sie selbst betraf?
Seltsamer Weise kam er zu dem Schluß, dass sie tatsächlich keine Ahnung davon gehabt hatte auf was sie sich einließ und diese Erkenntnis machte ihm mehr als alles andere deutlich, wie sehr sich seine Einstellung zu ihrer Person geändert hatte.
Sams Stimme hallte in seinem Kopf wider: Ich hatte keinen Job, kein Geld, keinen Partner, kein gar nichts. Und dabei ist es bis zum heutigen Tag geblieben.
Normaler Weise rümpfte er über solche Leute nur die Nase. Menschen, die nichts hatten und auch an diesem Zustand nichts änderten, verursachten ihm Übelkeit. Meistens stellte sich heraus, dass sie einfach zu faul oder zu dumm oder manchmal auch beides waren um sich ordentlich um sich selbst und die Familie zu kümmern. Er war bisher der Meinung gewesen, dass Menschen, die arbeiten wollten, auch Arbeit fanden und somit ihr Schicksal selbst in den Händen hielten.
Doch jetzt ...
Er glaubte Samantha, dass sie bereits alles versucht hatte. Sie war nicht der Typ, der die Hände in den Schoß legte und hoffte, dass das Schicksal gnädig sein würde. Sie war eine Kämpferin und auf eine gewissen Art selbstlos, auch wenn er diese Eigenschaft in ihrem Fall eher als „naiv“ umschrieben hätte.
Blieb also die Frage, was er für sie tun konnte, nachdem er ihr so unüberlegt seine Hilfe angeboten hatte. Immer noch fragte er sich, was ihn dabei geritten hatte. Er hatte weißgott genug eigene Probleme, auch ohne dass er sich noch um ihre kümmern mußte.
In Gedanken ging er seine Möglichkeiten durch. Er kannte ein paar Barbesitzer, bei denen er mal nachfragen konnte, ob sie gerade eine Bedienung oder ein Spülmädchen suchten, aber aus irgendeinem Grund gefiel ihm der Gedanke nicht, dass Sam dann zukünftig in diesen fragwürdigen Etablissements arbeiten würde. Irgendwie paßte das nicht zu ihr.
Ein netter Bürojob wäre sicherlich besser. Abgesehen davon hatte sie damit viel mehr Möglichkeiten, wenn sie Joshua tatsächlich wieder bei sich hatte. Immerhin mußte sich dann, wenn sie arbeitete, jemand um ihn kümmern und das war sicherlich einfacher, wenn sie ihn in einen Kindergarten oder in der Schule unterbringen konnte, anstatt sich einen teuren Babysitter für die Nacht zu besorgen.
Leider war das Büro eine Berufssparte, mit der er eher weniger zu tun hatte. Die Liste war kurz. Er hatte einen Anwalt, ein Management und ein Plattenlabel. Und alle diese Personen wären sicherlich nicht sonderlich begeistert eine vollkommen ungelernte, unerfahrene Kraft einzustellen, nur weil Mr. Carter auf ihrer Matte stand. Ganz zu schweigen davon, dass er keine Ahnung hatte, ob Sam überhaupt in der Lage war, so einen Job zu übernehmen.
Irgendwie konnte er sie sich gut in einem Job mit Kindern oder Tieren vorstellen. Sie hatte diese beruhigende, geduldige und aufmerksame Art, die sogar bei seinen Geschwistern bereits wirkte. Immerhin hatte sich BJ heute Nacht direkt in ihre Arme geflüchtet und Sam hatte so ganz nebenbei auch noch einen Streit zwischen ihr und Angel im Keim erstickt. Und das alles, obwohl sie im Moment mit ihren eigenen Sorgen genug zu tun hatte.
Er seufzte tief und drehte sich auf die Seite. Vielleicht sollte er erst einmal versuchen zu schlafen. Morgen konnte er sich immer noch Gedanken darüber machen, wo er Sam eventuell unterbringen könnte und wie er das genau anstellen sollte.
Langsam schloß er seine müden Augen und versuchte, sich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Ganz langsam entspannten sich seine Glieder und er spürte, wie er sich immer schwerer zu fühlen begann, bis er ganz langsam über die Schwelle des Schlafes trat.
Doch bevor er die Traumtür endlich hinter sich schließen konnte, raste ein Gedanke durch seinen Kopf und augenblicklich setzte er sich kerzengerade in seinem Bett auf.
War es das? War das die Rettung? Die Idee, die Sam ein bißchen Zeit verschaffen konnte, die alle ihre Probleme mit einem Schlag lösen würde und die, sozusagen als Sahnehäubchen oben drauf, auch für ihn einen nicht ganz unbeträchtlichen Vorteil hatte?
Sein Herz klopfte hektisch in seiner Brust und ihm war plötzlich viel zu warm unter der Bettdecke. Ungeduldig schlug er sie zurück und setzte sich auf die Bettkante.
Die Idee war nicht ganz ungefährlich und das in jeder Hinsicht.
Sie mußten seine Geschwister belügen - Das war der erste Punkt, der eigentlich bereits dagegen sprach.
Er mußte etwas tun, was er normaler Weise verabscheute - Der zweite Punkt, der ihn eigentlich sofort von dieser Schnapsidee abbringen sollte.
Wenn der Plan schief ging, hatte Sam ihren Sohn wahrscheinlich für immer verloren - Wieder eine dicke Kerbe auf der Verlustseite.
Aber wenn es hinhaute ... wenn ... dann ...
Er wagte gar nicht daran zu denken. Ungeahnte Möglichkeiten taten sich vor ihm auf. Sowohl für Sam, als auch für ihn.
Er mußte mit ihr reden. Und zwar allein. Keine Kameras. Keine heimlichen Zuhörer. Und er mußte sie irgendwie davon überzeugen, dass seine Idee trotz der vielen Gefahren einfach genial war - Oder sie mußte ihm den Kopf waschen und ihm klar machen, dass er vollkommen verrückt und ein Spinner war.
Nur widerwillig legte er sich zurück ins Bett und verschränkte erneut die Arme hinter dem Kopf. Er beleuchtete seine Idee von allen Seiten und fand immer mehr Schwachstellen in dem wackligen Gerüst. Doch wenn er daran dachte, wie es ausgehen könnte wenn alles gut lief, wurde ihm ganz anders.
Oh Mann oh Mann. Da hatte er DIE Idee seines Lebens und balancierte damit am Rande eines tiefen, dunklen Abgrundes entlang.
Aber war nicht genau das der Zustand, den er am meisten liebte?

Den nächsten Morgen konnte er kaum erwarten. Er hatte so gut wie nicht geschlafen, trotzdem fühlte er sich wach und annähernd ausgeruht. Das Adrenalin, das seit seiner Erleuchtung in der vergangenen Nacht durch seine Adern jagte, tat sein Übriges und so saß er bereits im Flur und spielte mit den Hunden, als Sams Zimmertür aufging und sie zerzaust wie eh und je hinaus in den Flur trat.
Sie trug eine Jogginghose, ausgelatschte Turnschuhe und ein weites, rotes T-Shirt und wenn er es nicht besser wüßte, hätte er sie nie im Leben mit dem hübschen Wesen in Verbindung gebracht, das gestern mit ihnen am Tisch zusammen gesessen und zu Abend gegessen hatte.
„Guten Morgen,“ begrüßte er sie gutgelaunte und registrierte belustigt, dass sie erschrocken zusammen zuckte. Das Kamerateam saß bereits seit einer halben Stunde an seiner Seite und sah gelangweilt dabei zu, wie er mit Leyla über den Boden rollte. Nun richteten sie die Kamera auf Sam.
„Ebenfalls guten Morgen,“ begrüßte sie ihn verwundert. „Ist etwas passiert? Bist du aus dem Bett gefallen?“
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf und grinste breit. „Ich dachte nur, wir könnten heute vielleicht gemeinsam mit den Hunden raus gehen.“
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ fragte sie verblüfft.
„Doch. Ich konnte nicht schlafen und ... na ja ... ,“ er zuckte mit den Schultern. „Ich hoffe wohl, dass mich ein bißchen Bewegung und frische Luft so weit müde machen, dass noch ein paar Stunden Schlaf drin sind, bevor ich wieder los ins Studio muß.“
„Okay,“ entgegnete Sam, augenscheinlich immer noch nicht davon überzeugt, dass er es wirklich ernst meinte.
Doch scheinbar hatte sie beschlossen, nicht weiter nachzufragen, denn sie wandte sich von ihm ab und dem unordentlichen Berg an Leinen zu, der sich neben der Haustür auftürmte. Sofort waren die Hunde an ihrer Seite und ohne dass sie etwas sagen mußte setzten sie sich brav auf ihre vier Buchstaben, warteten geduldig, bis alle fünf von ihnen angeleint waren und trotteten dann gesittet hinter ihr her hinaus ins Freie.
Nick folgte ihnen etwas langsamer und schlug dann dem Kamerateam die Tür buchstäblich vor der Nase zu. Während er sich beeilte um Sam und den Hunden hinterher zu kommen, warf er noch einmal einen schnellen Blick zurück. Die Tür blieb geschlossen, niemand folgte ihnen und ein zufriedenes Grinsen legte sich auf sein Gesicht. Das hatte schon mal geklappt und er nahm es als gute Omen für das Gespräch mit Sam, bei dem er ganz sicher auf einigen Widerstand stoßen würde.

Kapitel 19