Kapitel 17

Samantha fühlte sich erschöpft und ausgelaugt, als sie langsam auf die Haustür zu ging. Ihre Augen brannten vom Weinen, ihre Kehle war trocken wie Schmirgelpapier und hinter ihrer Stirn pochte es schmerzhaft.
Und trotzdem hatte sie eine gewisse Leichtigkeit erfaßt. Sie trug den Schmerz über ihre gescheiterte Ehe und den Verlust ihres Sohnes schon so lange mit sich herum, daß sie gar nicht mehr gemerkt hatte wie sehr es sie belastete, diese Gefühle mit niemandem teilen zu können.
Und dann war ausgerechnet Nick derjenige, dem sie ihr Herz ausschüttete. Die Welt war manchmal schon seltsam.
Als sie vorsichtig die Haustür aufdrückte blickte sie sich noch einmal nach seinem Wagen um. Sie konnte Nick nicht wirklich sehen, aber sie meinte seine Silhouette erkennen zu können, die immer noch bewegungslos im Wagen saß und vor sich hin starrte. Was er jetzt wohl über sie dachte?
Sein Angebot ihr zu helfen hatte sie vollkommen unerwartet getroffen. Ausgerechnet Nick Carter, der Mann, der bisher kaum ein nettes Wort für sie übrig gehabt hatte, der von oben auf sie herab blickte, der ihr mehr als einmal vorgeworfen hatte, daß sie sich lediglich an ihm bereichern wollte und der seiner Schwester die ganze Zeit versuchte die Freundschaft mit ihr auszureden – ausgerechnet er bot seine Hilfe an. Und das, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten.
Sie schüttelte den Kopf und schloß die Tür hinter sich. Vielleicht sollte sie seine Beweggründe nicht weiter hinterfragen. Wer wußte schon, was dabei heraus kommen würde? Sie wollte lieber daran glauben, daß er doch ein Herz hatte und ihr vollkommen uneigennützig unter die Arme greifen wollte.
Kaum hatte sie zwei Schritte in den Flur hinein gemacht, tauchte ein Kamerateam im Durchgang zum Wohnzimmer auf und alles in Sam spannte sich an.
Die Schonzeit war also vorbei. Sie mußte sich wieder hinter der Maske der netten, unscheinbaren Samantha verstecken und ihren Sohn gut hinter dieser Fassade verbergen. Zum ersten Mal spürte sie, wie viel Kraft sie das eigentlich kostete und zum wiederholten Male verfluchte sie sich dafür, daß sie so unbedacht diesen Knebelvertrag unterschrieben hatte.
Zwei der Hunde kamen angetrippelt und scharten sich um Aufmerksamkeit bettelnd um ihre Füße.
„Hey meine Süßen,“ lächelte Sam, ging vor ihnen in die Hocke und kraulte die beiden liebevoll hinter den Ohren. Dabei lauschte sie in das Haus hinein. Waren Nicks Geschwister schon zurück? Und wie sollte sie ihnen nach diesem Fiasko in dem Restaurant gegenübertreten?
BJs laute, rauhe Stimme beantwortete ihr zumindest die erste Frage und seufzend richtete sie sich auf. Am besten stellte sie sich gleich dieser unangenehmen Begegnung.
Während sie sich dem Wohnzimmer näherte, hörte sie BJ weiterhin laut vor sich hin lamentieren. Ihre Stimme schien noch etwas dunkler als sonst zu sein und ganz offensichtlich war sie ziemlich betrunken.
„Nein!“ brüllte sie in diesem Moment. „Ich will dich nie wieder sehen Wes. Du warst nicht da, wie du es versprochen hast und ... ,“ sie verstummte und als Sam um die Ecke bog, sah sie sie mitten im Zimmer stehen, das Handy fest ans Ohr gedrückt und ein Glas Champagner in der Hand.
„Das ist mir scheißegal,“ lallte BJ, nahm das Telefon vom Ohr und beendete das Gespräch mit einem festen, nachdrücklichen Knopfdruck.
„Hallo BJ,“ machte Sam auf sich aufmerksam und näherte sich vorsichtig der jungen Frau, die leicht schwankend und mit vom Weinen verwischter Wimperntusche immer noch mitten im Raum stand.
„Oh Sam. Gott sei Dank bist du da,“ nuschelte BJ und kam schnurstracks auf sie zugetorkelt.
„Was ist denn passiert?“ fragte Sam sanft, während sich BJ in ihre Arme warf und dabei die Hälfte des Champagners auf den Teppich verschüttete.
„Wes ist so ein Arschloch,“ schluchzte sie an ihrer Schulter.
„Wieso das denn?“ fragte sie weiter, während sie BJ vorsichtig das Glas aus den zitternden Fingern entwand, es auf dem kleinen Couchtisch abstellte und BJ dann mit sich auf das Sofa zog.
BJ erzählte ihr schluchzend und unter großer Mühe eine nicht ganz zu durchschauende Geschichte von einer Verabredung, die sie mit ihrem Freund Wes für heute Abend gehabt hatte und die dieser aus nicht näher definierten Gründen abgesagt hatte.
„Er ist so gemein. Ich bin ihm überhaupt nicht wichtig,“ nuschelte BJ an ihrer Schulter.
Gerade als Sam etwas darauf erwidern wollte, kam Angel um die Ecke. Mit einem Blick hatte sie die Situation erfaßt und kam kopfschüttelnd auf sie beide zu.
„Sie ist vollkommen verrückt wenn sie Wes in den Wind schießt,“ sagte sie und ließ sich vor ihrer Schwester auf den Couchtisch sinken.
„Bin ich nicht!“ fuhr BJ auf und brachte sich unter einiger Anstrengung in eine halbwegs sitzende Position.
„Wes tut alles für dich,“ beharrte Angel. „Und alles was du kannst, ist ihn dumm von der Seite anzumachen, weil er heute Abend arbeiten mußte.“
„Er hätte da sein sollen,“ beschwerte sich BJ. „Er hat es versprochen.“
„Hat er das wirklich?“ hakte Sam nach.
„Er hat gesagt, er guckt, ob er es einrichten kann. Er hat sich einfach nicht genug angestrengt. Ich bin ihm das eben nicht wert,“ entgegnete BJ und begann wieder hemmungslos zu schluchzen.
„Ach BJ,“ seufzte Sam und zog sie wieder enger an sich. „Nur weil er von seinem Job nicht weg konnte heißt das doch noch lange nicht, daß du ihm nicht wichtig bist.“
„Aber er wußte doch, wie viel es mir bedeutet hätte. Aber nein, er sitzt hinter seinem Mischpult und ... ,“
„Und verdient Geld, daß du auch ganz gerne ausgibst,“ unterbrach sie Angel.
„Ach, halt die Klappe!“ fuhr ihre Schwester sofort auf und Sam wäre am liebsten davon gerannt.
Stattdessen legte sie Angel eine Hand aufs Knie. „Vielleicht wäre es besser, wenn du uns eine Weile alleine läßt, hm?“
„Aber es ist doch wahr! Ich meine ... ,“ setzte Angel an.
„Das mag ja alles sein,“ unterbrach sie Sam. „Aber im Moment hilft das BJ leider gar nicht weiter, verstehst du?“
Angels Blick huschte für einen Moment zwischen Sam und BJ hin und her, dann zuckte sie mit den Schultern und erhob sich.
„Ist schön, daß du wieder die Alte bist,“ bemerkte sie, während sie sich Richtung Küche wandte. „Ich hoffe, Nick lebt noch.“
„Ja, er lebt noch,“ kam die Antwort vom Durchgang zum Flur und alle drei fuhren sie zu ihm herum.
Mit langen Schritten durchquerte er das Wohnzimmer und ließ sich gleich darauf neben BJ auf die Couch sinken.
„Was ist passiert?“ fragte er und legte seiner Schwester fürsorglich einen Arm um die Schulter. Dabei wanderte sein Blick zu Sam hinüber und sie fühlte sich augenblicklich auf schwer zu erklärende Weise mit ihm verbunden. Sie teilten ein Geheimnis, er hatte ihr zugehört und sie dabei nicht verurteilt, sondern ihr sogar seine Hilfe angeboten. Sam schien es fast, als sehe sie ihn in diesem Moment das erste Mal.
„Wes ist ein Arschloch,“ wiederholte BJ schniefend.
„Ich kann mir das nicht länger mit anhören,“ schnaubte Angel genervt von der anderen Seite des Raumes. „Gute Nacht.“ Und damit verschwand sie in die Küche und aus Sams Blickfeld.
„Wes ist kein Arschloch,“ widersprach Nick. „Was hat er denn angestellt?“
BJ erzählte auch ihm die Geschichte von der geplatzten Verabredung und Sam fühlte sich plötzlich fehl am Platz.
„Ich glaube ich sollte dann auch langsam mal ... ,“ setzte sie an, doch BJ drängte sich sofort noch etwas enger an sie.
„Nein. Du mußt hier bleiben,“ lallte sie und faßte dabei nach der Hand ihres Bruders. „Ihr seid doch so was wie meine Ersatzfamilie.“
„Ich BIN deine Familie,“ lächelte Nick nachsichtig.
„Ja ... nein ... ich meine ... ach ...“ BJs Kopf sank auf Sams Schulter und seufzend schloß sie die Augen.
„Ich glaube, wir bringen dich jetzt erst einmal ins Bett. Morgen können wir dann ... ,“
Doch BJ war bereits weiter in die Polster hinunter gerutscht und bettete den Kopf in Sams Schoß.
„BJ?“ fragte sie vorsichtig und strich ihr über die Wange.
„Nicht ins Bett,“ murmelte BJ und umschlang Sams Knie demonstrativ mit ihrem Arm.
Sam warf einen verzweifelten Blick zu Nick hinüber.
„Dann schläfst du eben hier,“ sagte er ruhig, stand auf und kramte von irgendwo hinter dem Sofa eine Wolldecke hervor.
Vorsichtig verfrachtete er BJs Beine auf die Couch, zog ihr die Schuhe aus und breitete dann die Decke über ihr aus.
„Schlaf gut,“ murmelte er sanft und strich seiner Schwester zärtlich über das Haar.
Dann schien ihm aufzugehen, daß er nicht alleine war, denn er richtete sich abrupt auf und räusperte sich. „Ich denke, du kannst ohne Probleme aufstehen. Sie kriegt sowieso nichts mehr mit.“
„Hm,“ nickte Sam und arbeitete sich vorsichtig unter BJ hervor.
Sie murmelte etwas unverständliches und ihre Hände irrten einen Moment ziellos umher, bevor sie sich dann um eines der Sofakissen schlossen. Mit diesem im Arm blieb sie schließlich reglos liegen.
Nick starrte mit gerunzelter Stirn und in die Hüften gestemmten Händen auf sie hinunter. „Sie sollte wirklich aufhören so viel zu trinken. Das tut ihr und ihrer Beziehung zu Wes gar nicht gut.“
„Ich befürchte nur, sie wird nicht auf dich hören,“ entgegnete Sam leise. „Sie muß selbst auf diesen Trichter kommen.“
„Nicht, so lange sie unter meinem Dach lebt,“ gab Nick bestimmt zurück und fuhr sich dann müde mit beiden Händen über das Gesicht. „Ich glaube, wir sollten dann wohl auch so langsam ins Bett gehen. Für heute hatte ich wirklich genug Aufregung.“
„Geh nur,“ nickte Sam. „Ich glaube, ich drehe noch eine schnelle Runde mit den Hunden. Ich könnte im Moment sowieso nicht schlafen.“
„Ich habe nicht gesagt, daß ich schlafen werde,“ grinste Nick halbherzig und nickte dann. „Gute Nacht Sam.“
„Gute Nacht.“
Sie sah ihm nach, wie er im Flur verschwand und hörte wie er Aarons Zimmertür öffnete, ihm Bescheid gab, daß er wieder da sei und ihm eine gute Nacht wünschte. Dann hörte sie ihn in seinem eigenen Zimmer verschwinden und sie seufzte erleichtert. Was für ein Abend!
Begleitete von einem der Kamerateams wandte sie sich schließlich ebenfalls in Richtung Flur und rief die Hunde zu sich. Sie brauchte jetzt ein bißchen Bewegung und frische Luft. Sie mußte ihre Gedanken ordnen und irgendwie wieder soweit runter kommen, daß sie heute Nacht wenigstens ein bißchen Schlaf fand und nicht bis zum Morgengrauen grübelnd im Bett lag und die Zimmerdecke anstarrte.

Kapitel 18