Kapitel 16

Nick haßte es, wenn Frauen weinten. Er konnte mit Wutausbrüchen, offenen Gemeinheiten und auch Nichtachtung umgehen, aber wenn sie weinten, fühlte er sich grundsätzlich hilflos und überfordert. Das waren Gefühlsregungen, mit denen er nicht umzugehen wußte und in Sams Fall fiel ihm dies doppelt schwer.
Er wollte wütend auf sie sein, aber bereits als sie sich herum gedreht und einfach weitergelaufen war, hatte ihn die Wut verlassen und einem weit verwirrenderen Gefühl Platz gemacht. Er konnte dieses noch nicht einmal wirklich benennen. Er wußte nur, daß er gerade jetzt den Wagen stehen lassen und sich so weit wie möglich von Sam entfernen wollte. Weil sie weinte und weil er sie am liebsten in den Arm genommen hätte anstatt sie weiterhin, wie im Moment, anzuschweigen.
Ihre Tränenflut versiegte allmählich. Eine ganze Weile wühlte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch, putzte sich dann geräuschvoll die Nase und saß dann wieder ganz still neben ihm.
Krampfhaft überlegte er, was er sagen sollte. Wollte er überhaupt mit ihr reden? Wäre es nicht am besten, wenn er sie einfach nach Hause brachte, darauf achtete, daß sie auch wirklich ihre Koffer packte und verschwand?
Nicht am besten sondern am einfachsten hörte er seine eigene, vorwurfsvolle Stimme in seinem Kopf und mit einem kurzen Schnauben brachte er sie zum Schweigen.
Als Sam ihn plötzlich ansprach, zuckte er erschrocken zusammen.
„Kannst du die ausmachen?“ fragte sie und deutete auf die kleine Kamera, die in der Ecke zwischen Windschutzscheibe und Fahrerfenster klemmte.
Kurz überlegte er, sie mit einem weiteren, gehässigen Kommentar abzuspeisen, entschied sich aber dann dagegen. Seine Finger tasteten nach dem kleinen Power-Knopf an der Rückseite und als das rote Lämpchen an der Vorderseite erlosch, lehnte er sich zurück in die Polster. Er würde ihr das hier ganz sicher nicht leichter machen, in dem er zuerst sprach.
„Ich habe wirklich einen Sohn,“ hörte er sie sagen und ohne sein Zutun fuhr sein Kopf zu ihr herum. „Er heißt Joshua,“ erzählte sie weiter, sah ihn dabei aber nicht an.
Tausend Fragen lagen ihm gleichzeitig auf der Zunge, doch er widerstand der Versuchung, sie einfach hervorzusprudeln. Sie war am Zug. Er würde schweigen.
„Er ... lebt bei seinem Vater. In Boston.“
„Warum?“ Verdammt. Er wollte doch den schweigsamen Unnahbaren spielen.
Mit einem kurzen Seitenblick stellte er fest, daß sie hart schluckte, dann fuhr sie unbeirrt fort, als hätte sie seine Zwischenfrage gar nicht gehört.
„Und heute Morgen stand ein Kamerateam bei ihm vor der Tür. Einfach so. Sie haben ihn und seine ... neue ... ich meine ... die neue Frau meines Ex-Mannes über mich ausgefragt. Sie haben ihn gefilmt, die Wohnung, meinen wütenden Ex-Gatten ... einfach alles.“
Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie ihm einen kurzen Blick zuwarf, doch er konzentrierte sich so gut es ging auf die Straße und versuchte keinerlei Interesse zu zeigen, auch wenn er innerlich vor Neugier beinahe platzte.
Sie hatte einen Sohn und einen Ex-Mann!
Es fiel ihm unglaublich schwer diese Informationen zu verarbeiten, da er sie so gar nicht mit Sam in Einklang bringen konnte. Er hatte sie immer für eine graue Maus gehalten. Jemand, der sich lieber zu Hause versteckte anstatt auszugehen und Spaß zu haben. Und plötzlich war sie die Mutter eines Jungen und die Ex-Frau eines Mannes. Und es verwirrte ihn noch mehr, daß er sich unwillkürlich fragte, was das für ein Mann war, in den sich Sam irgendwann einmal verliebt hatte und der nun mit einer neuen Frau und ihrem Sohn weit weg wohnte.
„Ich dachte ... ich meine ... ich war wirklich davon überzeugt, daß du da irgendwie deine Finger im Spiel hattest. Erst die Sache mit meiner angeblichen Beliebtheit bei den Zuschauern und dann das. Es ... paßte ... einfach ... ziemlich gut.“
Sie stockte und er bemerkte ihre nervösen Hände, die unermüdlich das Taschentuch in ihren Händen knetete.
Sollte er jetzt etwas sagen? Und wenn ja, was? Beinahe wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie wieder angefangen hätte zu weinen. Dann wäre es ihm leichter gefallen, sich hinter seiner ausdruckslosen Fassade zu verstecken.
„Wie alt ist dein Sohn?“ Mann oh Mann. War das wirklich alles, was ihm dazu einfiel?
„Er ist fünf,“ gab sie bereitwillig Auskunft.
„Und sieht er dir ähnlich?“ Mein Gott. Das wurde ja immer schlimmer!
„Ein bißchen ... ,“ sie wirkte etwas irritiert. „Er hat meine Augen und die Nase geerbt. Und die ... hm ... Ruhe und Ausgeglichenheit. Zumindest war er so als ... also ... als wir noch alle zusammen lebten.
Von Greg hat er das kantige Kinn. Und seinen Dickschädel ... manchmal.“
„Hm,“ nickte Nick abwesend und kramte in seinem Kopf nach einer möglichst intelligenten Frage. Dann erinnerte er sich an seine Frage zuvor, die Sam nicht beantwortet hatte.
„Warum lebt Joshua bei seinem Vater?“
Ihr Blick glitt hinaus aus dem Fenster und ihre Hände wurden noch etwas hektischer.
„Greg kam eines Tages nach Hause und hat mir eröffnet, daß er sich in eine andere Frau verliebt hätte und mit ihr zusammen zieht. Damals hat er Joshua erst einmal bei mir gelassen. Ich schätze, sie waren nicht gerade erpicht darauf, von einem kleinen Jungen in ihrem Liebesnest gestört zu werden.
Das Problem war nur, daß ich zu diesem Zeitpunkt lediglich Hausfrau und Mutter war. Ich hatte keinen Job, kein Geld, keinen Partner, kein gar nichts. Und dabei ist es bis zum heutigen Tag geblieben.
Ich weiß, daß Greg seinen Sohn liebt und das ist das einzige, was mich an dieser ganzen Geschichte einigermaßen beruhigt. Aber ... nun ja ... er hatte damit die besten Chancen, um das Sorgerecht zugesprochen zu bekommen. Ich kann Josh nicht ernähren, ich kann ihm keine Zukunft bieten. Und das Gericht hat das wohl auch so gesehen.
Ich darf ihn besuchen, doch ... ,“ sie schüttelte den Kopf und biß sich auf die Unterlippe.
Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und seine Hand wollte am liebsten zu ihr hinüber langen und ihre Wange streicheln. Er konnte ihre Verzweiflung beinahe körperlich spüren. Die hochgezogenen Schultern, ihre unruhigen Hände und die Intensität, mit der sie die Zähne zusammen biß zeigten ihm ganz deutlich, wie sehr sie unter dieser Situation litt.
„Und deshalb bist du in unser Haus eingezogen,“ stellte Nick mit rauher Stimme fest. „Um Geld zu verdienen.“
„So wie du das sagst klingt es so unanständig,“ bemerkte sie.
„Mag sein. Aber im Endeffekt ist es so,“ beharrte er.
„Ich wollte genug Geld zusammen bekommen, um erneut vor Gericht zu ziehen,“ nickte sie. „Aber das kann ich jetzt wohl vergessen. Greg ist stocksauer. Er ist der Meinung, ich tue dies alles nur, um ihn zu demütigen und Joshua zu bestechen.“
„Bestechen? Das verstehe ich nicht,“ gestand Nick.
„Dein Fernsehteam hat ihm versprochen, daß er ein Fernsehstar wird und welcher kleine Junge fährt nicht darauf ab? Greg denkt, ich hätte das so geplant.“
„Erstens ist das nicht „mein“ Fernsehteam und zweitens scheint dein Ex-Mann ein seltsamer Typ zu sein.“
„Er ist nicht wirklich verkehrt,“ verteidigte Sam diesen Idioten auch noch und Nick mußte sich beherrschen, um nicht einen entsprechenden Kommentar darüber abzugeben. „Er liebt Joshua eben. Und er will ihn so gut es geht beschützen. Aber genau das gleiche will ich auch und ich bin der Meinung, daß er es bei mir besser hätte. Er kommt mit Gregs neuer Frau nicht wirklich gut aus, er ist unglücklich in diesem riesigen Haus, hat kaum Freunde und vermißt mich. Ich dachte am Anfang, er bräuchte einfach eine Weile um sich an die neue Situation zu gewöhnen, aber inzwischen ... ,“ sie zuckte mit den Schultern.
„Daran gewöhnt man sich nie,“ hörte er sich leise sagen.
„Ich weiß,“ gab sie eben so leise zurück und als er dieses Mal zu ihr hinüber sah, trafen seine ernsten, blauen Augen auf ihre warmen, braunen und er schluckte trocken.
Als sich seine Eltern damals scheiden ließen, war er schon in der ganzen Welt unterwegs. Er bekam zwar noch genug von den Streitereien mit, aber er war nie gezwungen gewesen, zwischen den Fronten zu leben, so wie seine Geschwister. Plötzlich fühlte er sich seltsam verbunden mit dem kleinen Joshua, der im Moment in die Erwachsenenwelt gedrängt wurde, obwohl er eigentlich noch ein kleiner, fünfjähriger Junge sein sollte, der in den Kindergarten ging, sich mit seinen Freunden traf, nachmittags beim Sport war und bei all dem von beiden, liebevollen Elternteilen begleitete wurde.
„Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich zwölf war,“ hörte er Sams weiche Stimme und unvermittelt legte sich eine Gänsehaut über seine Unterarme. „Es war die Hölle und ich will nicht, daß Joshua das auch alles erleben muß. Ich möchte, daß er glücklich ist. Ich dachte einmal, daß ich vor diesem Hintergrund vielleicht irgendwann akzeptieren könnte, daß er nicht bei mir ist. Aber ich habe nicht das Gefühl, daß es ihm bei Greg wirklich gut geht. Ich weiß, daß er Viola haßt und ich weiß auch, daß das auf Gegenseitigkeit beruht. Was soll ich also tun?“
Fragte sie ihn das allenernstes? Ausgerechnet ihn?
„Ich kann dir leider nicht sagen, was du tun sollst,“ sagte er also.
Er hörte sie leise seufzen. „Ich weiß.“
„Aber ... ich ... würde dir gerne helfen.“
So, jetzt war es heraus und einmal ausgesprochen fühlte es sich noch nicht einmal so schlecht an. Er wollte, daß der kleine Joshua, von dessen Existenz er bis vor einer halben Stunde noch nicht einmal etwas gewußt hatte, wieder glücklich wurde und er wollte mit der gleichen, wilden Entschlossenheit, daß auch dessen Mutter irgendwann wieder lächeln konnte.
„Wirklich?“ Ihre Frage war nicht viel mehr als ein tonloses Flüstern, doch er hörte die grenzenlose Verwunderung darin auch so. Dazu brauchte er sie noch nicht einmal ansehen.
„Ja, das möchte ich gerne.“
„Das ... habe ich ... nicht erwartet,“ sagte sie und fügte dann nach einer kurzen Pause hinzu. „Es tut mir leid, daß ich dich vorhin in dem Lokal so angeschrieen habe. Normaler Weise bin ich nicht so. Aber ...“ Sie verstummte.
„Du brauchst nichts weiter sagen,“ nickte er und lenkte den Wagen die lange, geschwungene Auffahrt zum Haus hinauf.
Sie schwiegen, bis er den Wagen geparkt und den Motor abgestellt hatte. Das leise Surren des Ventilators und das Knacken des langsam abkühlenden Motors waren die einzigen Geräusche, die die Stille durchbrachen, während sie nebeneinander auf das Lichtermeer von LA hinunter blickten.
„Ich möchte nicht, daß Joshua irgendwie in diese Serie hineingezogen wird. Kannst du das verstehen?“ fragte Sam.
Er nickte langsam. „Ja, das kann ich.“
„Meinst du, du kannst deinen Produzenten davon überzeugen, daß er das Material von Gregs Haus nicht verwendet?“
„Das brauche ich gar nicht. Wenn dein Ex-Mann den Vertrag nicht unterschrieben hat, dürfen sie nichts senden.“
„Das ist gut,“ entgegnete Sam und klang erleichtert. „Und ich möchte gerne ... also ... ich meine ... ,“ druckste sie herum, während sie interessiert ihre Fingernägel betrachtete. „Ich hätte gerne, daß wir Joshua vor den ganzen Kameras nicht erwähnen. Ginge das?“
Sie sah ihn nun wieder aufmerksam an und er spürte, daß er ihr in diesem Moment alles versprochen hätte.
„Ich hoffe, ich kriege das hin. Wie du weißt rede ich ganz gerne mal, bevor ich anfange zu denken.“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht und auch seine Mundwinkel rutschten ein Stück in die Höhe.
Erneut schwiegen sie.
„Wir sollten dir einen Job besorgen,“ sagte Nick schließlich.
„Das dürfte schwierig werden.“
„Wieso?“
„Ich kann nichts. Ich meine ... ich habe keinen Schulabschluß und keine Praxiserfahrung. Ich habe noch nie wirklich gearbeitet.“
„Tatsächlich?“ Nick warf einen überraschten Blick zu ihr hinüber.
„Ich war Mutter. Das genügte mir,“ verteidigte Sam sich.
„Uhm ... okay ... das wird tatsächlich schwierig.“
„Ich versuche es jetzt seit einem guten halben Jahr. Ich habe mich überall vorgestellt: Putzjobs, als Kellnerin, bei größeren und kleineren Firmen für Lagerarbeiten oder auch kleinere Bürojobs. Nichts. Das ist ... ziemlich frustrierend. Ich meine ... ich möchte ja gerne arbeiten. Aber sie lassen mich einfach nicht.“
Sam schlang schützend die Arme um ihren Körper und starrte mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Er konnte sich nur ansatzweise vorstellen, was in ihrem Kopf wohl vor sich ging. Wie schlimm mußte es sein, wenn man keine wirkliche Aufgabe hatte und noch dazu das, was man sich am meisten wünschte, in unerreichbarer Ferne lebte? Wenn die einzige Chance, etwas an dieser Situation zu ändern ein Job war und man diesen nach so vielen Bemühungen immer noch nicht gefunden hatte?
„Ich werde sehen, was sich machen läßt,“ sagte er trotzdem, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er sie irgendwo würde unterbringen können. Noch dazu, wenn sie noch nie wirklich gearbeitet hatte. Was würde passieren, wenn er bei einem seiner vielen Bekannten und Geschäftspartnern eine Stelle für sie fand, mit seinem Namen für sie bürgte und sie es vermasselte? War er wirklich bereit für sie dieses Risiko einzugehen?
Sie wandte den Kopf und sah ihn lange an. Gerade als er begann, sich unter diesem intensiven Blick unwohl zu fühlen, sagte sie „Du bist wirklich ein toller Kerl, weißt du das?“
„Ja, hat man mir schon oft gesagt. Leider stellte sich viel zu oft heraus, daß hinter diesen Komplimenten rein gar nichts steckt.“ Er biß sich auf die Zunge. Was redete er da eigentlich?
„Ich bin nicht wie die anderen. Und ich bin dir dankbar dafür, daß du mir zugehört hast. Mehr brauche ich nicht,“ sagte sie mit einem Lächeln und öffnete dann die Wagentür. Er beobachtete sie im Rückspiegel, wie sie um den Wagen herum und hinüber zur Haustür ging.
In welchen Schlamassel hatte er sich da nur wieder hinein ziehen lassen?

Kapitel 17