Kapitel 15
Erst als Samantha wutentbrannt aus dem Restaurant auf die Straße hinaus gestürmt war hatte sie festgestellt, daß sie sich kein Taxi zur Carter Villa leisten konnte. Alle Götter und noch vieles mehr verfluchend hatte sie sich also auf die Suche nach einer Bushaltestellte gemacht.
Doch entweder fuhren die Busse alle nicht in ihre Richtung oder der nächste kam erst eine Stunde später. Also hatte sie beschlossen, erst einmal ein Stück zu laufen. Vielleicht würde sie dadurch ja auch ihr erhitztes Gemüt wieder einigermaßen unter Kontrolle bringen.
Doch inzwischen hatte sie sämtliche Orientierung verloren. Jedes Gebäude, jedes hellerleuchtete Schaufenster und jeder Straßenzug sah irgendwie gleich aus und sie vermutete unbehaglich, daß sie schon eine ganze Weile im Kreis lief.
Sie verdrängte diese Gedanken so gut es ging und setzte stoisch einen Fuß vor den anderen. Im Leben würde sie sich nicht an Nick oder seine Geschwister wenden. Sie hatten sie zu sehr verletzt, sie hintergangen und ausgenutzt. Sie würde den Weg schon alleine finden, ihre Sachen packen und so schnell wie möglich aus diesem Haus verschwinden. Konventionalstrafe hin oder her. Es war jetzt sowieso schon alles egal.
Greg hatte ihr schließlich nur zu deutlich klar gemacht, daß er das Kriegsbeil ausgegraben hatte und so wie sie ihn kannte, würde er alle Hebel in Bewegung setzen um endlich das alleinige Sorgerecht für Joshua zu bekommen.
Beim Gedanken an ihren kleinen Sohn und was er im Moment wohl durchmachen mußte, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Der Arme wußte wahrscheinlich gar nicht, was da gerade mit ihm geschah, warum um ihn herum alle in heller Aufregung waren und warum seine Mutter ihn nicht endlich anrief.
Und das alles hatte sie dieser Chaoten-Familie zu verdanken! Sie konnte einfach nicht fassen wie blind sie gewesen war und mit welcher Selbstverständlichkeit sie es hingenommen hatte, daß Angel sich kaum um sie kümmerte, daß Nick abwechselnd abweisend und dann wieder nett zu ihr war und daß die restlichen Geschwister so normal mit ihr umgegangen waren. Sie war so blind gewesen!
Sie schüttelte den Kopf, während sich ihre Hände zu Fäusten ballten. Am liebsten wäre sie auf sie losgegangen und hätte sich mit ihnen geprügelt. Sie hätte den gesamten Frust des letzten Jahres an ihnen auslassen, ihnen ihre Verachtung ins Gesicht schleudern und sich danach vielleicht wenigstens ein bißchen besser fühlen können.
Stattdessen hatte sie wie eine Wilde herumgeschrieen, Nick kein einziges Mal zu Wort kommen lassen und sich zum Gespött der Leute gemacht. Wer würde sie denn jetzt noch ernst nehmen?
Sie fühlte die Tränen, die seit Gregs Anruf in ihrer Kehle hockten und nur darauf warteten, daß sie unaufmerksam wurde und sie hinaus drängen konnten. Doch sie würde nicht weinen. Nicht, bevor sie ihre Sachen gepackt und wieder wohlbehalten in ihrer eigenen Wohnung war. Dort hatte sie dann genug Zeit um sich in ihrem Selbstmitleid zu wälzen. Jetzt mußte sie erst einmal zusehen, wie sie aus diesem Labyrinth heraus kam, das sich Stadtkern nannte.
Noch während sie überlegte, ob es hier wohl so etwas ähnliches wie einen öffentlichen Stadtplan gab oder ob sie einfach in eines der Geschäfte hinein gehen und nach dem Weg fragen sollte, wurde neben ihr ein dunkler Wagen langsamer. Die Seitenscheibe glitt herunter und sie hörte eine, ihr leider nur all zu bekannte Stimme.
Sam?
Demonstrativ wandte sie den Kopf in die entgegengesetzte Richtung und starrte in eines der Schaufenster, während sie mit festem Schritt weiter ging.
Sam, bitte. Steig ein.
Laß mich in Frieden! giftete sie Nick an, der sich halb über den Beifahrersitz gebeugt hatte, während sein Wagen in Schrittgeschwindigkeit neben ihr her rollte.
Sei doch nicht blöd. Laß uns reden.
Es gibt nichts zu reden, schleuderte sie ihm entgegen und begann dann schnurstracks auf einen der Läden zu zu gehen. Nick Carter konnte sie mal!
Sie hörte ihn einen undeutlichen Fluch ausstoßen, gleich darauf wurde eine Autotür geöffnet und mit Nachdruck wieder geschlossen und schon hörte sie seine schnellen Schritte hinter sich.
Bleib gefälligst stehen! brüllte er, was Sam dazu veranlaßte, nur noch schneller zu gehen.
Verdammte Scheiße, hörte sie seine Stimme erneut, bevor er sie am Arm packte und zu sich herum wirbelte. Jetzt ist endlich Schluß mit dem Theater! Du wirst mir jetzt auf der Stelle sagen, was bitte schön in dich gefahren ist.
Das weißt du ganz genau! schleuderte sie ihm entgegen.
Nein, das weiß ich eben nicht. Du gehst mit einem verliebten Lächeln raus und kommst total wütend wieder zurück. Und dann beleidigst du mich und meine Familie vor laufender Kamera. Was soll das?
Spiel hier doch nicht das Unschuldslamm, brauste sie auf. Du hast das doch von Anfang an geplant. Die ganze Geschichte, daß die Produzenten mich stärker in die Serie mit einbinden wollen, dein verständnisvolles Getue, als mir aufging, daß ich aus diesem beschissenen Vertrag nicht heraus komme ... alles nur Show! Und dann hast du auch noch die Frechheit Joshua da mit rein zu ziehen, ohne mir etwas davon zu sagen. Das ist so ... verdammt ... mies.
Sam holte keuchend Luft. Immer noch hielt Nick sie am Arm fest und immer noch stand er mit wütend funkelnden Augen vor ihr und rückte keinen Zentimeter von ihr ab.
Okay, könnten wir noch mal auf Anfang gehen? fragte er sarkastisch. Ich habe nämlich irgendwo dazwischen den Faden verloren.
Das wundert mich nicht. Eine Intelligenzbestie bist du ja nicht gerade, gab Sam zurück und biß sich gleich darauf auf die Zunge. Das war mehr als unfair gewesen und ihr Ausspruch tat ihr bereits leid. Wobei ... er hatte es ja wohl nicht anders gewollt, oder?
Nicks Reaktion kam auch prompt. Seine andere Hand packte nun auch noch ihren freien Arm und zog sie so nahe zu sich heran, daß sie seinen heißen, hektischen Atem in ihrem Gesicht spüren konnte.
Du miese Schlampe, grunzte er. Ich habe dich in meinem Haus aufgenommen, du hast auf meine Kosten gelebt und nicht schlecht daran verdient und jetzt ... und jetzt ... , er war scheinbar so sehr in Rage, daß ihm die Worte buchstäblich im Halse stecken blieben. Sein Gesicht war feuerrot angelaufen und seine Finger schlossen sich immer fester um ihre Oberarme.
Es tut mir leid, quetschte sie hervor. Ich wollte das nicht sagen ... du ... Aua, du tust mir weh. Sie versuchte sich zu befreien, doch Nick hielt sie ungerührt fest.
Du bist so armselig. Ich habe es ja gleich gesagt, aber wie immer hat niemand auf mich gehört. Jeder der seine Sinne noch einigermaßen beisammen hat, sollte einen großen Bogen um dich machen. Und ich werde dafür sorgen, daß das die ganze Welt erfährt.
Tu was du nicht lassen kannst, entgegnete sie, während sie sich immer noch in seinem Griff wand aber laß mich bitte los. Das tut wirklich weh.
Als hätte er sich verbrannt hob er die Hände und trat zwei Schritte zurück.
Er öffnete den Mund um noch etwas zu sagen, doch dann winkte er ab, schüttelte den Kopf und ging zurück zu seinem Wagen, der in der zweiten Reihe stand und hinter dem sich bereits eine hupende Autoschlange gebildet hatte.
Sam starrte ihm hinterher, während sie sich ihre schmerzenden Oberarme rieb. Konnte es wirklich sein, daß er keine Ahnung von Joshua hatte? Oder war er einfach nur ein guter Schauspieler? Und warum war er ihr überhaupt hinterher gefahren, wenn er sie so sehr verachtete?
Nick hatte seinen Wagen fast erreicht, als er noch einmal zu ihr herumfuhr.
Falls du wirklich einen Sohn haben solltest, tut er mir ehrlich leid, stieß er hervor und Sam fühlte sich, als hätte er ihr damit eine schallende Ohrfeige verpaßt.
Ihre Wut verrauchte fast augenblicklich und machte damit einer tiefen Leere platz, irgendwo in ihr brach das, was einmal ihr Herz gewesen war in tausend Teile und ohne daß sie etwas dagegen tun konnte, schossen ihre Tränen an die Oberfläche, sammelten sich einen Moment in ihren Augen und quollen dann in Sturzbächen über ihre Wangen.
Nick hatte recht.
Greg hatte recht.
Sie hatte alles vermasselt. Sie war diejenige, die für dieses Chaos verantwortlich war. Sie hatte nicht nachgedacht, als sie diesen verdammten Vertrag unterschrieb. Sie ganz alleine.
Zitternd schlang sie die Arme um ihren Körper. Er fühlte sich kalt und leblos an und genau so sah es auch in ihrem Inneren aus. Und das nicht erst, seit sie bei den Carters eingezogen war, das wurde ihr mit einem mal mehr als klar.
Beschämt wandte sie sich ab und setzte ihren Weg fort. Wohin sie ging und was sie da eigentlich noch wollte, wußte sie nicht, sie hatte nur das Bedürfnis, irgend etwas zu tun, bevor sie vollkommen die Kontrolle verlor und vielleicht etwas unüberlegtes tat.
Doch sehr weit kam sie nicht.
Steigst du jetzt endlich in den verdammten Wagen? hörte sie Nick hinter sich rufen.
Ihre Schritte wurden langsamer, bis sie schließlich ganz stehen blieb.
Wenn ich dich nicht unversehrt zu Hause abliefere, kann ich mir von den anderen vier den Rest meines Lebens ein paar saftige Vorwürfe anhören und wie du dir sicherlich vorstellen kannst, habe ich darauf überhaupt keine Lust.
Ganz langsam drehte sie sich zu ihm herum. Er stand in der Mitte des Gehsteigs und starrte auffordernd zu ihr herüber.
Ich denke, es wäre besser für euch alle, wenn ihr mich einfach vergeßt, sagte sie leise.
Nick legte eine Hand an sein Ohr und beugte sich ein Stück in ihre Richtung. Was? Ich kann dich nicht verstehen. Steig jetzt gefälligst in den Wagen und hör auf herum zu zicken!
Ihre Füße setzten sich von ganz alleine in Bewegung und als sie an Nick vorbei und auf den dunklen BMW zuging, hörte sie ihn abgrundtief seufzen.
Ich muß vollkommen verrückt sein, murmelte er, während er ihr folgte.
Gleich darauf ließ er sich neben sie in den Fahrersitz fallen, schloß die Tür mit einem lauten Knall und legte dann den Blinker. Mit zusammengekniffenen Lippen und mißbilligend gerunzelter Stirn fädelte er sich in den fließenden Verkehr ein, ignorierte dabei das Hupkonzert, das ihn verfolgte und gab dann Gas.
Sam hatte sich so weit wie möglich an die Beifahrertür gedrängt, ihr Kopf ruhte an der Seitenscheibe und immer noch strömten die Tränen ungehindert über ihr Gesicht. Beklommen fragte sie sich, ob sie wohl irgendwann wieder aufhören konnte zu weinen und was Nick jetzt wohl mit ihr vorhatte.