Kapitel 14

„Das war bestimmt ihr Freund,“ kicherte Angel, als Sam mit gezücktem Handy das Lokal verließ.
Interessiert horchte Nick auf und Gott sei Dank stellte BJ die Frage, die ihm sofort durch den Kopf schoß.
„Hat sie denn einen? Das wußte ich gar nicht.“
„Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht genau,“ gab Angel zu „aber dieses Strahlen auf ihrem Gesicht kann doch gar nichts anderes bedeuten.“
„Sie sah wirklich total glücklich aus,“ bestätigte Aaron und schob sich das letzte Stück seines Steaks in den Mund.
„Verdient hätte sie es,“ entgegnete BJ nickend und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Wein.
Nick betrachtete dies mit einiger Sorge. Während er noch an seinem ersten Glas nippte, hatte sie sich bereits das dritte bestellt. Schon seit einer geraumen Weile war ihm ihr erhöhter Alkoholkonsum ein Dorn im Auge, doch im Moment konnte er sich einfach nicht darauf konzentrieren.
Samantha hatte also einen Freund. Naja ... zumindest sah es danach aus. Nicht, daß ihm das etwas ausgemacht hätte, er fragte sich nur, warum er zum einen noch nie etwas von ihm gehört hatte und warum sie zum anderen dann behauptete, daß sie sich allein und unverstanden fühlte.
Nur eine weitere Masche von ihr dachte er und griff erneut nach seinem Weinglas. So langsam war er es leid, daß sich seine Gefühle und Gedanken in Bezug auf Sam sekündlich änderten. In einem Moment war er wütend auf sie, im nächsten fühlte er sich in ihrer Gegenwart mehr als wohl und keine fünf Minuten später war das Mißtrauen wieder da. Dieses Hin und Her zermürbte ihn langsam aber sicher und lenkte ihn zudem von den wirklich wichtigen Dingen ab: Seiner Familie und der Musik.
Vielleicht sollte er sie einfach ignorieren. Sich mit ihr zu streiten funktionierte sowieso nicht und ihr die Wahrheit an den Kopf zu knallen auch nicht, weil sie immer alles vehement abstritt. Sie war ihm überlegen, verschlagener, als er bisher angenommen hatte und seltsamer Weise schmerzte ihn dieser Gedanke.
Deshalb schaute er auch nicht auf, als Angel neben ihm verkündete „da kommt sie wieder.“
„Oh ... sie sieht aber ziemlich aufgewühlt aus,“ bemerkte Leslie und dieser Kommentar ließ ihn dann doch seinen Blick heben.
Im selben Moment mußte er sich beherrschen, um nicht vor ihr zurück zu zucken. Ihr gesamter Körper schien unter einer ungeheuren Spannung zu stehen, während sie sich mit festem Schritt einen Weg durch das Lokal zu ihnen herüber bahnte. Es hätte ihn in diesem Moment noch nicht einmal gewundert, wenn aus ihren Fingern gleißende Blitze hervor geschossen wären, so wütend sah sie aus.
Auch das Kamerateam merkte wohl, daß hier etwas nicht stimmte, denn das unvermeidliche Scheinwerferlicht flammte in diesem Moment auf und beleuchtete Sams letzte Schritte, bevor sie sich vor ihrem Tisch aufbaute und Nick wütend anfunkelte.
„Wie konntest du das nur tun?“ herrschte sie ihn an.
„Was ...?“ setzte er an, doch sie ließ ihn gar nicht ausreden.
„Hast du denn keinen Funken Ehrgefühl? Du bist so was von hinterhältig, ich kann es gar nicht glauben! Die ganze Scheiße von wegen „nur hier wegen des Geldes“ und mir ein schlechtes Gewissen einreden wollen ... Ha! ... Das ist so was von billig Carter!“
„Sam, beruhig dich doch erst einmal ... ,“ versuchte Aaron zu Sam durchzudringen, doch sie ignorierte ihn genau so wie den Umstand, daß das halbe Lokal sein Besteck hatte sinken lassen und gespannt zu ihnen herüber starrte.
Ihre funkensprühenden Augen klebten an Nick fest und er hatte das Gefühl, unter diesem Blick auf die Größe einer Ameise zusammen zu schrumpfen, auch wenn er keine Ahnung hatte, was er getan haben sollte.
„Und ich frage mich noch, warum du auf einmal so nett zu mir bist und ob wir es vielleicht doch noch schaffen, irgendwie in diesem verrückten Haushalt zusammen leben zu können. Dabei hast du das von Anfang an geplant, oder? Gib es doch wenigstens zu!“
Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch sie hatte sich jetzt so richtig in Fahrt geredet.
„Willst du absichtlich mein Leben zerstören, hä? Was habe ich dir denn verdammt noch mal getan?“
„Sam. Bitte. Komm doch erst einmal runter,“ mischte sich nun Angel ein, die ebenfalls vollkommen verstört von Sams Gefühlsausbruch zu sein schien.
„Ich soll runter kommen?“ fuhr sie Nicks Schwester an und beschleunigte damit seinen Herzschlag um das doppelte. „Verdammte Scheiße, ihr habt mich reingelegt. Alle miteinander! Und ich soll mich beruhigen?“
„Wenn du nicht sofort damit aufhörst, meine Familie anzumachen, wirst du mich von meiner ungemütlichen Seite kennen lernen,“ sagte Nick und erhob sich aufgebracht von seinem Stuhl. Niemand griff in seinem Beisein seine Familie an!
„Du willst mir etwas über Familie erzählen?“ entgegnete Sam fassungslos und stemmte die Hände in die Hüften. „Gerade du? Du hast gerade meine zerstört ohne mit der Wimper zu zucken. Du hast mich auf dem Präsentierteller vorgeführt! Du bist schuld daran, daß gerade meine letzten Chancen den Bach runter gegangen sind und ausgerechnet DU willst mir erzählen, ich solle deine Familie nicht anmachen?? In welcher Welt lebst du eigentlich?“
Er hörte zwar ihre Worte, verstand aber nicht ihren Sinn. Doch im Grunde war ihm das im Moment sowieso herzlich egal. Seine Wut schäumte über. „Ach, halt die Klappe, verdammt noch mal. Du hast dich doch hier eingeschlichen, du tust doch die ganze Zeit so, als wolltest du nur unser „bestes“. Du mischst dich ungefragt in unser Leben ein, machst einen auf nett und hilfsbereit und tust dann auch noch so überrascht, wenn es heißt, daß du aus deinem Vertrag nicht raus kommst!“
Sie starrte ihn mit offenem Mund an, ihr Atem ging unglaublich schnell und ihr Gesicht glühte. Noch nie hatte er sie so gesehen und er stellte erschrocken fest, daß er sie am liebsten gepackt hätte um sie so lange zu küssen, bis sie endlich aufgab.
„Ich sage es nur einmal Nick,“ sagte sie in diesem Moment und klang dabei, als könne sie sich nur mühsam beherrschen. „Laß meinen Sohn in Ruhe. Ein für alle Mal!“
Mit diesen Worten riß sie ihre Handtasche von der Stuhllehne, drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte aus dem Lokal.
Als hätte gerade eben jemand bei ihm den Stecker gezogen sah er ihr erstarrt und mit großen Augen nach. Ihren SOHN? Jetzt verstand er gar nichts mehr.
„Was war denn das?“ fragte Leslie in diesem Moment leise und sprach damit aus, was sie alle dachten.
„Ich habe keine Ahnung, aber so habe ich sie noch nie erlebt,“ sagte Angel und klang ebenfalls vollkommen fassungslos.
„Hey Nick,“ hörte er Aarons Stimme, während er immer noch wie versteinert auf die Ausgangstür starrte, durch die Sam erhobenen Hauptes verschwunden war. Immer noch konnte er sich nicht rühren.
„Nick,“ versuchte es nun auch BJ.
„Hm?“ machte er nur, während seine Knie einknickten und er schwer wieder zurück auf seinen Stuhl fiel.
„Alles in Ordnung?“ fragte Aaron und unter Aufbietung seiner gesamten Kräfte konnte er endlich seinen Blick von der Tür losreißen und sich seinen Geschwistern zuwenden.
Sie wirkten auf seltsame Art verstört und sämtliche Augen waren fragend auf ihn gerichtet. Als hätte er irgendeine Erklärung für Sams Verhalten!
Also schüttelte er den Kopf, sich nicht bewußt, daß er damit eine Antwort auf Aarons Frage gab.
„Hey. Sie hat das bestimmt nicht so gemeint,“ sagte Angel und legte ihm mitfühlend eine warme Hand auf den Arm.
„Was?“ Nick blinzelte ein paar Mal und fand so endlich wieder in die Realität zurück.
„Na, die hat dir ja einiges an den Kopf geknallt,“ erklärte BJ und nahm einen weiteren, kräftigen Schluck von ihrem Wein, während sie gleichzeitig einen vorbei eilenden Kellner anhielt und das nächste bestellte.
„So habe ich sie noch nie erlebt,“ nickte Aaron.
„Ich habe euch doch von Anfang an gesagt, daß ihr mit ihr vorsichtig sein sollt, oder?“ sagte Nick und verschränkte die Arme vor seiner Brust.
Eigentlich hätte er erleichtert sein sollen, daß sich endlich seine unbestimmte Ahnung über Sam bestätigt hatte, doch er fühlte inzwischen nichts als eine schmerzende Leere in sich.
„Jetzt mal ehrlich,“ sagte Leslie. „Sam ist nicht so. Das wissen wir doch alle, oder?“ Sie warf einen fragenden Blick in die Runde und Nick konnte nicht fassen, daß seine Geschwister alle nickten. Sie hatten doch eben live und in Farbe mitbekommen, wie Sam drauf war. Wie konnten sie da immer noch glauben, daß sie das Unschuldslamm war, das sie vorgab zu sein?
Laß meinen Sohn in Ruhe! Die Worte tauchten klar und mit Nachdruck in seinem Kopf auf und sein Magen zog sich unangenehm zusammen. Was hatte sie damit nur gemeint? Hatte sie wirklich einen Sohn? Und wenn ja, wo war er jetzt und was, verdammt noch mal, hatte er damit zu tun?
„Nick?“ wandte sich Leslie an ihn.
„Was?“ entgegnete er mürrisch.
„Du weißt, daß sie im Grunde ihres Herzens ein guter Mensch ist, oder?“
„Nein!“ rief er aufgebracht. „Wir haben doch gerade gesehen, was für ein Mensch sie ist, oder?“ er machte eine vage Handbewegung Richtung Tür und sah dabei Sams versteinerte Miene vor sich. „Sie hat mir irgendwelche Anschuldigen an den Kopf geworfen, von denen ich noch nicht einmal die Hälfte verstanden habe und hat mir nicht einmal die Chance gegeben, irgend etwas darauf zu sagen.“
„Kommt mir bekannt vor,“ warf Leslie mit einem halbherzigen Lächeln und einem bezeichnenden Blick auf Nick ein.
„Ihr habt doch alle einen Knall!“ fuhr er auf und schnellte von seinem Stuhl in die Höhe.
„Wo willst du hin?“ fragte Angel alarmiert.
„Ich werde sie mir jetzt mal zur Brust nehmen und wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie freiwillig ihre Sachen packen und gehen,“ knurrte er und war schon halb um den Tisch herum um Sam zu folgen.
„Warte! Das kannst du nicht machen!“ rief BJ ihm hinterher, doch er war bereits auf dem Weg Richtung Ausgang.
„Nick!“ eine Hand packte ihn am Arm und er wirbelte herum.
„Was ist Angel?“ fuhr er sie an.
„Du kannst uns doch nicht ... hier alleine ... lassen,“ sagte sie und wirkte mehr als verwirrt.
Der Blick aus ihren großen, dunklen Augen holte ihn ein Stück auf den Boden zurück und als er aufsah, standen seine restlichen Geschwister hinter ihr und sahen mit den gleichen, hilflosen Blicken zu ihm auf.
Er seufzte, schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand hilflos durchs Haar. Wieso mußte nur alles, was er anpackte in einer Katastrophe enden? Das gemütliche Essen konnten sie vergessen, das ganze Lokal war beunruhigend still geworden, sämtliche Gäste starrten sie mit großen Augen sensationsgierig an, die Kamerascheinwerfer tauchten die gesamte Szenerie immer noch in unbarmherziges Licht und aus dem hinteren Teil des Lokals sah er einen Mann in Anzug und Krawatte auf sie zukommen. Sicherlich der Manager dieses Restaurants.
Schnell faßte Nick in seine Hosentasche und zog ein Bündel Geldscheine hervor.
„Hier Leslie. Nimm das, bezahl das Essen und nehmt euch ein Taxi nach Hause. Ich komme so schnell wie möglich nach, in Ordnung?“
Zögernd streckte sie die Hand aus, doch sie wirkte nicht wirklich beruhigt.
„Bitte, sei nett zu ihr,“ sagte Angel in diesem Moment und schlang ihre Arme um seine Taille.
Er zog sie an sich und drückte sie kurz. „Wir werden sehen. Ich muß jetzt auf jeden Fall los. Wir sehen uns zu Hause.“
In diesem Moment erreichte sie der Mann in dem dunklen Anzug. Ohne ein weiteres Wort löste sich Nick von seiner Schwester und wandte sich mit schnellen Schritten Richtung Ausgang. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er die vier jetzt allein ließ, aber wenn er nicht bald mit Sam reden konnte, würde er noch durchdrehen.
Während er darauf wartete, daß sein Wagen vorgefahren wurde, trat das Kamerateam schweigend neben ihn.
„Nein,“ sagte er bestimmt und schüttelte den Kopf. „Geht wieder rein. Das geht niemanden etwas an.“
Einer der Kameraleute setzte zum Protest an, doch Nick baute sich vor ihm auf und funkelte ihn wütend an. „Wenn Sie morgen noch einen Job haben wollen, sollten sie jetzt zusehen, daß sie Land gewinnen,“ knurrte er.
Die drei Männer sahen sich ratlos an, dann drehte sich der erste herum und ging zurück in das Lokal. Die anderen beiden folgten ihm und Nick atmete erleichtert auf.
Jetzt mußte er nur noch Sam finden. Er würde sie heute ein für alle mal los werden und sich dann endlich wieder auf seine Familie konzentrieren können. Ein guter Plan, der leider einen bitteren Beigeschmack in seinem Mund hinterließ.

Kapitel 15