Kapitel 13
Samantha fühlte sich gleichzeitig entspannt und unwohl. So lange sie sich auf die Gespräche am Tisch konzentrierte war alles in bester Ordnung. Sie fühlte sich akzeptiert und Teil eines Ganzen, während die Gespräche sich um alltägliche Dinge drehten. Jeder der fünf Geschwister hatte irgendeine Geschichte zu erzählen, ein kleines Problemchen oder Sorgen und alle schienen bemüht, sich diese anzuhören und in irgendeiner Weise weiterzuhelfen. Und dabei brachten sie es auch noch fertig, Sam in die Gespräche mit einzubeziehen. Nie hatte sie das Gefühl, sie gehöre hier nicht her und nicht zu letzt Nicks kleine Ansprache vor dem Essen hatte ihr das klar und deutlich vor Augen geführt.
Innerlich schmunzelte sie immer noch über sein entsetztes Gesicht, als ihm so unverhofft ein Kompliment zu ihrer Person heraus gerutscht war. Im ersten Moment wäre sie am liebsten im Boden versunken. Jeder hatte seine Worte hören können und nicht nur das ... die halbe Welt würde wahrscheinlich zukünftig live und in Farbe auf der Mattscheibe dabei zusehen können, wie Nick ihr ein Kompliment machte, das sie selbst als nicht wirklich gerechtfertigt empfand.
Ja, sie hatte sich an diesem Abend ein wenig herausgeputzt und ja, dadurch hatte eine unerwartete Veränderung ihres Äußeren stattgefunden, doch innerlich war sie immer noch die Selbe.
Das spürte sie am deutlichsten, wenn sich ihre Augen und Gedanken von ihrem Tisch wegbewegten. Wenn sie sich verstohlen umsah hatte sie das Gefühl, hier nicht hin zu gehören. Alle Gäste um sie herum trugen teure Garderobe, gaben sich selbstsicher und weltgewandt, während sie selbst sich klein und unbedeutend fühlte. Noch dazu zogen bereits die Kameraleute alle Blicke auf sich und die Anwesenheit der Carter Familie tat sein Übriges. Das hier war nicht ihre Welt. Hier fühlte sie sich linkisch und unsicher.
Was hatte sie denn schon groß vorzuweisen? Sie hatte keinen Job, kein Geld und war eine schlechte Mutter. Was würden die Anwesenden wohl zu ihr sagen, wenn sie dies alles wüßten?
Wahrscheinlich hätte der Kellner sie erst gar nicht bedient und Nick hätte ihr nie im Leben ein Kompliment gemacht. Höchstwahrscheinlich hätte keiner der Carter Kids auch nur ein Wort mit ihr gewechselt und sie fragte sich, ob das der Grund dafür war, daß sie sich, was ihr Privatleben betraf, so bedeckt hielt.
Auch wenn diese fünf sie regelmäßig in den Wahnsinn trieben und das Haus ein einziges Chaos war, so fühlte sie sich dort doch wohl. Sie war nicht mehr allein, sie hatte Menschen um sich herum, die etwas auf das gaben was sie zu sagen hatte und die bemerkten, wenn Sam sich wie heute Abend, veränderte. Sie sagten ihr ihre Meinung, auch wenn diese manchmal nicht wirklich gerechtfertigt oder fair war und das war etwas, was sie in dieser Form schon lange nicht mehr erlebt hatte.
Sie versuchte zwar Nick die ganze Zeit davon zu überzeugen, daß er einen falschen Weg im Umgang mit seinen Geschwistern einschlug, aber im Grunde bewunderte sie ihn für seine Offenheit und die Leidenschaft, mit der alle fünf an dieses Projekt heran gingen. Dass dabei Konflikte nicht ausblieben, war selbstverständlich und auch wenn sie es manchmal übertrieben, so war doch die Basis mehr als gut.
Und jetzt in Mitten dieses Familienbündnisses zu sitzen, wärmte sie auf eine schwer zu erklärende Art und der Gedanke, daß dies in Bruchteilen von Sekunden vorbei sein könnte, ängstigte sie.
Was würden sie wohl über sie denken, wenn sie wüßten, warum sie ursprünglich in dieses Haus eingezogen war? Dass sie Geld brauchte, um einen Sorgerechtsstreit zu führen, den sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sowieso verlieren würde? Nick hatte mit seinen Anschuldigungen nicht so ganz unrecht. Natürlich war sie wegen des Geldes hier her gekommen. Aber inzwischen war da so viel mehr, daß ihr Angst und Bange wurde wenn sie darüber nachdachte, daß in spätestens zwei Monaten alles vorbei sein würde, jeder wieder seiner eigenen Wege ging und sie wieder zurück in ihre leere, kalte Wohnung mußte.
Sam?
Samantha zuckte erschrocken zusammen und als sie aufblickte stellte sie unbehaglich fest, daß Nick scheinbar schon des öfteren ihren Namen gerufen hatte, denn alle fünf Geschwister grinsten über das ganze Gesicht.
Was? fragte sie und versuchte ein entschuldigendes Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern.
Dein Telefon klingelt, grinste Nick und deutete auf ihre Handtasche, die sie über ihre Stuhllehne gehängt hatte. Und das schon eine ganze Weile.
Du mußt wirklich ganz weit weg gewesen sein, schmunzelte Aaron neben ihr, während sie hektisch ihr Handy hervorkramte.
Als sie einen Blick auf das Display warf, erstrahlte ein freudiges Lächeln auf ihrem Gesicht. Joshua!
Bin gleich wieder da, murmelte sie noch, dann war sie bereits auf dem Weg zum Ausgang, damit sie sich mit ihrem Sohn ungestört unterhalten konnte. Befriedigt stellte sie fest, daß ihr das Kamerateam nicht folgte. Während sie durch die breite Glastür in eine dunkle, warme Nacht hinaustrat, drückte sie sich das Telefon ans Ohr.
Hallo mein Schatz, begrüßte sie ihren Sohn und stellte sich neben einen großen Buchsbaum in der Nähe des Eingangs.
Was hast du dir dabei gedacht?? schallte es aus dem Hörer und Sam brauchte ein paar Sekunden um zu begreifen, daß sie nicht ihren Sohn am Telefon hatte.
Was ... ? setzte sie an, doch Greg ließ sie gar nicht zu Wort kommen.
Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Was willst du deinem Sohn eigentlich noch alles zumuten?
Was meinst du?
Ach komm mir doch nicht so, verdammt noch mal! Weißt du wie lange ich gebraucht habe, um ihn wieder einigermaßen runter zu holen? Die haben ihm erzählt sie würden ihn zu einem Fernsehstar machen und seit dem tanzt er uns auf der Nase herum!
Ich weiß immer noch nicht was du meinst Greg. Samanthas Herz klopfte schnell und heftig und sie versuchte sich irgendeinen Reim auf das zu machen, was ihr Greg da abgehackt wie aus einem Maschinengewehr an den Kopf knallte.
Du weißt nicht was ich meine? fuhr Greg auf und wurde noch eine Spur lauter. Du hast mal wieder Scheiße gebaut Samantha! Das ist los. Du willst ins Fernsehen? Schön. Aber laß Josh da gefälligst raus.
Was hat Josh denn ... , setzte sie an und wußte immer noch nicht, was Greg so sehr in Rage versetzt hatte. Er konnte doch von der Show noch gar nichts wissen. So weit sie informiert war, wurde die Sendung erst in ein paar Wochen ausgestrahlt.
Dann will ich dich mal aufklären ... , sagte Greg und seine Stimme troff nur so vor Sarkasmus und Verachtung. Heute morgen stand urplötzlich ein Kamerateam vor unserer Haustür. Sie faselten etwas von Hintergrundmaterial über dich und daß sie gerne einen Trailer über uns drehen möchten. Einen Trailer!! Greg klang, als würde er gleich vor lauter Wut in Ohnmacht fallen und in Sams Kopf drehte sich plötzlich alles.
Viola wußte gar nicht wie ihr geschieht. Sie sind an ihr vorbei ins Haus gestürmt, haben die Kamera auf sie gerichtet und gleich darauf Josh ins Visier genommen.
Gott sei Dank hat sie mich angerufen, aber bis ich kam hatten die Typen sie bereits über dich und mich und Joshua ausgequetscht wie eine Zitrone!! Herr Gott noch mal, was hast du dir dabei nur wieder gedacht?
Ich habe davon nichts gewußt, versuchte Sam sich zu verteidigen, doch das schien Gregs Wut nur noch mehr anzustacheln.
Jetzt komm mir bloß nicht so! Die Masche mit dem unschuldigen Hausmütterchen hat dir damals der Richter schon nicht abgekauft.
Wirklich Greg. Ich schwöre es! Ich habe nicht ... ,
Es ist mir ehrlich gesagt scheißegal, was du hast und was nicht. Ich lasse doch meinen Sohn nicht in irgendeiner von diesen geschmacklosen Dokusoaps auftreten!! Aber so was paßt zu dir, nicht wahr? Du hast schon immer versucht dich auf alle möglichen Arten bei ihm einzuschmeicheln!
Was soll denn das jetzt heißen? brauste Sam auf. Ich habe ihn nie in irgendeiner Weise beeinflußt. Das weißt du! Wir haben uns geschworen immer fair zu sein, gerade wegen Joshua. Ich könnte niemals etwas tun, das ihm schadet!
Ach nein? Und warum ist er immer so verstört, wenn du dich mal wieder dazu herab gelassen hast, ihn anzurufen? Warum jammert er mir immer wieder die Ohren voll, daß er Viola nicht leiden kann?
Woher soll ich das denn wissen? Sam war den Tränen nahe. Was passierte hier? Sie hatte doch nie ... Sie wollte doch nicht ...
Diese Fernsehgeschichte wird ein Nachspiel haben, das verspreche ich dir! giftete Greg in den Hörer und dann dröhnte plötzlich nur noch das Freizeichen in Sams Ohr.
Wie zur Salzsäule erstarrt blieb sie stehen und versuchte zu begreifen, was da eben gerade passiert war.
Ein Fernsehteam bei Greg zu Hause? In ihrem Kopf entstanden sofort grausame Bilder. Sie wußte schließlich inzwischen nur zu gut wie es sich anfühlte, wenn ständig das Auge einer Kamera jeden Schritt verfolgte, wie erbarmungslos und aufdringlich die Kamerateams sein konnten und mit welcher Unverfrorenheit sie auch noch die größte Katastrophe auf Zelluloid bannten. Wie mußte es dann erst auf ihren kleinen Joshua gewirkt haben, als diese fremden Männer plötzlich in seine Welt einbrachen?
Und dann mit dieser gräßliche Viola an seiner Seite, die sicherlich die Gelegenheit genutzt hatte, um den Männern jedes noch so kleine Detail über seine mißratene Mutter auf die Nase zu binden.
Samanthas Knie wurden bei dieser Vorstellung weich und mit einem leisen Stöhnen ließ sie sich gegen die Hauswand sinken. Wie hatte es nur soweit kommen können?
Nick!
Der Gedanke raste mit der Geschwindigkeit und der Macht eines D-Zugs durch ihr Gehirn. Natürlich! Er wollte es ihr heimzahlen. Vielleicht hatte er das Ganze auch von vornherein so geplant. Es machte sich doch sicherlich gut, wenn man zusätzlich zu dem eigenen Familiendrama noch das einer völlig Fremden zeigen konnte. Vielleicht wollte er sogar Parallelen zu seiner eigenen Mutter aufzeigen. Also hatte er dafür gesorgt, daß die ganze Welt erfuhr, was für ein Mensch sie war und wie gründlich sie als Mutter versagt hatte. Bessere Voraussetzungen für hohe Einschaltquoten gab es doch gar nicht!
Deshalb war er in letzter Zeit so nett zu ihr gewesen. Er hatte gewußt, daß er noch ein Ass im Ärmel hatte, sie in Sicherheit gewogen um sie am Ende mit einem Handstreich zu vernichten.
Ihr wurde speiübel und nur unter Aufbietung ihrer gesamten Kräfte schaffte sie es, sich nicht hier an Ort und Stelle zu übergeben.
Das wirst du mir büßen Carter! murmelte sie leise und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Wenn ich mit dir fertig bin wirst du dir wünschen, niemals geboren worden zu sein.
Die Wut verlieh ihr neue Kraft. Mit einem Ruck stieß sie sich von der Hauswand ab, straffte sich und marschierte dann zurück in das Lokal. Nick Carter erwartete die Abreibung seines Lebens, so viel stand fest. Niemand legte sich ungestraft mit Samanthas Familie an!