Kapitel 11
Sie waren auf dem Weg in die Stadt und immer wieder huschte Nicks Blick hinauf zum Rückspiegel. Er konnte darin Sams Gesicht sehen, während sie die meiste Zeit abwesend aus dem Fenster starrte. Um ihn herum herrschte eine angeregte Unterhaltung zwischen seinen Geschwistern, die sich tatsächlich alle auf den Abend zu freuen schienen und ausnahmsweise nicht mit einander stritten.
Doch im Grunde interessierte ihn das im Moment herzlich wenig. Zu sehr war er damit beschäftigt, Sams unglaubliche Verwandlung irgendwie in seinem Hirn unterzubringen.
Er hatte bereits beim Wagen gewartet, als sie aus der Haustür trat und langsam zu ihm hinüber geschlendert kam.
Im ersten Moment hatte er sie für eine seiner Schwestern gehalten, auch wenn keine von ihnen diesen sicheren, grazilen Gang hatte. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß dieses hübsche Wesen, das mit einem Lächeln auf ihn zukam, die gleiche Sam war, die normaler Weise in weiten, unansehnlichen Klamotten und mit wirrem Haar herum lief.
Das enganliegende Shirt zeigte ihm endlich die ansehnlichen Kurven ihrer Brüste, die sie bisher so gut versteckt hatte, der Schal in ihrem Haar bändigte ihre widerspenstigen Locken und enthüllte ihr Gesicht mit der klassischen, geraden Nase und den vollen Lippen und der Bund ihrer Hose saß so tief, daß er am liebsten seine Hände genau dort plaziert hätte, wo die helle Haut ihres erstaunlich flachen Bauches mit den hervorstehenden Beckenknochen schimmerte.
Sag bloß ich bin die erste, begrüßte sie ihn und er war sich im ersten Moment nicht sicher, ob er überhaupt einen Ton hervor bringen konnte.
Er räusperte sich kurz und zuckte dann betont lässig mit den Schultern. Wie das mit Frauen so ist. Man muß immer auf sie warten, gab er lächelnd zurück.
Wenig später waren sie unterwegs in die Stadt und er war immer noch nicht darüber hinweg, welche Verwandlung mit Sam stattgefunden hatte. Seine Geschwister hatten sich mit Komplimenten beinahe überschlagen, doch er hatte kein Wort über ihre Erscheinung verloren. Er wollte nicht, daß sie dachte, er interessiere sich plötzlich für sie. Was im Grunde lächerlich war, das wußte er selbst, doch er konnte einfach nicht aus seiner Haut.
Und so begnügte er sich damit, sie immer wieder verstohlen im Rückspiegel zu beobachten.
Ich werde ein riesiges, fettes Steak essen, schwärmte Aaron gerade.
Na super, beschwerte sich Angel ich nehme schon alleine bei dem Gedanken zwei Kilo zu.
Die Anwesenden kicherten belustigt und auch Sams Mundwinkel verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln, was Nick ganz schwindlig machte. Verdammt, was war nur mit ihm los? Er mochte sie doch noch nicht einmal und nur, weil sie sich ausnahmsweise in einigermaßen ansehnliche Klamotten geworfen hatte, die ihr noch nicht einmal selbst gehörten, änderte sich doch plötzlich nicht die ganze Welt!
Er war beinahe froh darüber, als er vor dem Restaurant vorfuhr und sich erst einmal darum kümmern konnte, daß sein Wagen ordentlich geparkt wurde und sie ihren reservierten Tisch zugewiesen bekamen.
Eines der Kamerateams war ihnen in einem weiteren Wagen gefolgt und so zog die kleine Gruppe verständlicher Weise die Aufmerksamkeit sämtlicher Gäste auf sich, als sie das Restaurant betraten. Nick störte das relativ wenig. Er war es gewohnt immer und überall angestarrt zu werden, doch Sams wachsendes Unbehagen entging ihm nicht.
Als sie wenig später alle Platz genommen hatten stellte er leicht erschrocken fest, daß sie ihm direkt gegenüber saß und es ihm somit schwerfallen würde, sich von ihrem Anblick loszureißen.
Das Restaurant war gut besucht. Der luftig hohe Raum zog sich in einer L-Form um ein riesiges Wasserbecken herum, das bis hinauf an die Decke reichte und in dem Luftblasen unablässig in die Höhe stiegen. Im Boden eingelassene Strahler tauchten die darin hin und her wallenden Pflanzen in blaue und violette Töne. In der Mitte des ausladenden, rechteckigen Tisches brannten einige Kerzen und ließen Sams Haut verführerisch schimmern.
Verdammt, er mußte aufhören sie so anzusehen. Sonst würde er zum einen keinen einzigen Bissen herunter bekommen und sich zum anderen zum kompletten Volltrottel des Abends machen.
Wir sollten dringend mal zusammen shoppen gehen, sagte Angel gerade zu Sam, während sie ihre Speisekarte beiseite legte. Du siehst einfach umwerfend aus in den Klamotten.
Dankeschön, nickte Sam verlegen und Nick meinte, ihre Wangen glühen zu sehen.
Und wir zwei Hübschen müssen dringend mal zusammen ausgehen, fügte Aaron mit einem seiner berühmt-berüchtigten Kleinjungenlächeln hinzu und legte Sam vertraulich einen Arm um die Schultern.
Meinst du nicht, ich bin ein bißchen zu alt für dich? schmunzelte Sam. Deine Freunde werden dich auslachen und dir vorwerfen, daß du mit deiner Mutter unterwegs bist.
Die Erwähnung des so problematischen Familienmitglieds, ließ augenblicklich die Gespräche am Tisch verstummen und Sam schaute sich bestürzt um.
Tut mir leid. So war das doch nicht ... , setzte sie an, doch Leslie winkte ab.
Ist schon in Ordnung. Es ist einfach ... ein blödes Thema.
Was eßt ihr denn, sprang Nick in die Bresche und erntete dafür von Sam einen dankbaren Blick, der ihn innerlich um zwanzig Zentimeter wachsen ließ.
Ein Kellner trat an ihren Tisch und nahm ihre Bestellung entgegen. Nick orderte ein Filet Mignon und Rotwein dazu, einfach weil dies die ersten Positionen auf der Karte waren und versuchte sich innerlich zur Ordnung zu rufen. Das hier war sowas von lächerlich!
Die Gespräche wandten sich anderen Themen zu und entgegen seinen Befürchtungen begann er sich ganz langsam zu entspannen. Es fühlte sich gut an, mit seiner gesamten Familie an einem Tisch zu sitzen, sich gepflegt zu unterhalten und so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Hier her zu kommen war eindeutig eine seiner besseren Ideen gewesen.
Als das Essen schließlich kam, nutzte er die Gelegenheit, klopfte kurz mit der Gabel an sein Glas und räusperte sich.
Oh, oh. Jetzt folgt eine von Nicks berüchtigten Reden, schmunzelte Leslie.
Ein gleißendes Licht erstrahlte plötzlich über dem Auge der Kamera und hob damit ihren Tisch aus der Anonymität des Restaurants ins buchstäbliche Rampenlicht.
Worauf du dich verlassen kannst, entgegnete Nick ungerührt und warf noch einmal einen Blick in die Runde bevor er zu sprechen begann. Ich wollte eigentlich nur sagen, daß ich glücklich und stolz darauf bin, daß wir alle hier versammelt sind und daß es ein wunderschönes Gefühl ist, mit euch hier zu sein. Ich bin stolz auf jeden einzelnen von euch. Auf das, was ihr geleistet habt, wie ihr euch jeden Tag bemüht miteinander auszukommen und wie weit wir es bisher gebracht haben. Und auch Sam gilt mein Dank ...
Er sah, wie sie zusammenzuckte und einen nervösen Schluck von ihrem Weißwein nahm.
Du bist oft genug unser Rammbock und ich denke, es wird Zeit, daß wir dir dafür die Anerkennung zollen, die dir dafür ohne Frage zusteht. Du hast Aaron beigebracht, daß er seine Klamotten nicht überall herum liegen lassen soll, unterstützt Angel wo es nur geht und schaffst es sogar, zwischen Leslie und BJ Frieden zu stiften ... ,
Was ihr in den seltensten Fällen gelingt, fügte Aaron breit grinsend hinzu.
... und außerdem, fuhr Nick unbeirrt fort siehst du heute Abend einfach wunderschön aus.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Sam an. Hatte er das eben wirklich gesagt? Jesus! Das hätte nicht passieren dürfen. Wo kamen denn die Worte plötzlich her?
Sams Gesicht war inzwischen feuerrot angelaufen, seine Geschwister kicherten belustigt und warfen sich vielsagende Blicke zu. Ganz klar: Er hatte es mal wieder vermasselt.
Also Cheers, brachte er dieses Drama schnell zu Ende und hob sein Glas.
Sie prosteten sich zu und er war noch nie so froh gewesen, sich über sein Essen her machen zu können.
Unbehaglich stellte er fest, daß jedes einzelne seiner Worte auf Film gebannt worden war und daß Henry sicherlich einen Freudentanz aufführen würde, wenn er das Material zu sehen bekam. Er hatte gerade 56 % der potentiellen Zuschauer glücklich gemacht und das auch noch gegen seinen Willen. Das Leben war manchmal mehr als ungerecht.