Kapitel 11
Samantha hatte das Gefühl, den restlichen Tag mehr oder weniger in Trance verbracht zu haben. Immer wieder spukte die Tatsache durch ihren Kopf, daß sie nun keine Möglichkeit mehr hatte, aus dieser Geschichte auszusteigen. Sie war gefangen in diesem Alptraum und noch dazu war das ihre eigene Schuld. Sie hätte sich den Vertrag genauer durchlesen und besser überlegen sollen, bevor sie ihre Unterschrift darunter setzte. Jetzt war es zu spät und dieser Gedanke schnürte ihr immer wieder die Kehle zu.
Sie hatte sich gleich nach dem Gespräch mit Nick auf ihr Zimmer zurück gezogen, doch keine fünf Minuten später hatte das Kamerateam die Tür wieder aufgezogen und sich in einer der Zimmerecken postiert. Als könne sie dort, ganz alleine wie sie war, irgend etwas wahnsinnig aufregendes anstellen!
Nach einer viertel Stunde schienen die Wände unaufhaltsam auf sie zuzukriechen, also hatte sie sich notgedrungen wieder hinaus begeben. Sie war eine Weile ziellos durchs Haus gestreift, hatte hier und dort ein bißchen aufgeräumt und sich schließlich mit einem Buch hinaus auf den Balkon gesetzt.
Nach und nach war das Haus zum Leben erwacht. Leslie und BJ tauchten als erste auf und es dauerte keine zwanzig Minuten, da lagen sie sich in den Haaren, weil BJ angeblich den letzten Rest Milch ausgetrunken hatte.
Sam war schließlich dazwischen gegangen, weil sich die Diskussion irgendwann nicht mehr um die Milch, sondern das miserable Schwesternverhältnis drehte.
Sie hatte die beiden Streithähne gezwungen, sich auf das Sofa zu setzen, hatte sich vor ihnen auf dem niedrigen Couchtisch nieder gelassen und versucht heraus zu finden, wo das Problem wirklich lag.
Nachdem beide Schwestern wieder in ihren Zimmern verschwunden waren, konnte Sam zwar nicht behaupten, daß sich irgend etwas an der Situation geändert hatte, aber sie hoffte, daß sie den beiden genügend Stoff zum Nachdenken mit auf den Weg gegeben hatte.
Angel und Aaron tauchten gleichzeitig in der Küche auf und gemeinsam mit ihnen würgte Sam ein kurzes Frühstück hinunter, bevor sie sich entschuldigte und sich nach unten an den Pool zurück zog. Stoisch schwamm sie ihre Bahnen, während sie versuchte, ihren Kopf frei zu bekommen und an etwas anderes zu denken als an die Möglichkeit, daß Greg sie irgendwann im Fernsehen sehen würde und damit ihre sowieso schon geringen Chancen, das Sorgerecht für Joshua zu bekommen, gegen Null sanken.
Als es schließlich Abend wurde, hörte sie, wie Nicks BMW die Auffahrt herauf kam und gleich darauf die Haustür geöffnet wurde. Sie befand sich wieder in ihrem Zimmer und war dankbar, als die Kameraleute sich zurückzogen um Nicks Ankunft ins Visier zu nehmen.
Sie hörte ihn an ihrem Zimmer vorbei und ins Wohnzimmer gehen, wo er Aaron und Leslie begrüßte, die bis dahin mit einem Videospiel beschäftigt gewesen waren.
Keine fünf Minuten später flog ihre Zimmertür auf und Leslie stand über beide Wangen strahlend vor ihrem Bett. Im Türrahmen erschien die unvermeidliche Kamera und Sam seufzte verhalten.
Nick sagt, wir gehen heute Abend aus! rief Leslie aufgeregt und ließ sich mit Schwung zu Sam auf das Bett fallen.
Oh, schön, entgegnete diese wenig begeistert. Immerhin würde sie damit einmal einen Abend ohne diese Nervensägen verbringen können, wofür sie Nick beinahe dankbar war.
Was ziehst du an? fragte Leslie weiter und stand bereits vor Sams Kleiderschrank um den Inhalt einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.
Ich? Gar nichts. Ich bleibe hier, entgegnete Sam verständnislos.
Oh nein. Leslie schüttelte demonstrativ den Kopf. Du kommst selbstverständlich mit.
Nein Leslie, wirklich. Ich bin ganz glücklich wenn ... ,
Heyyy, BJ kam in ihr Zimmer gestürzt und warf sich, wie ihre Schwester keine Minute zuvor zu Sam auf das Bett. Wir gehen essen. In einem ganz schicken Restaurant. Ist das nicht großartig?
Du in einem schicken Restaurant ... , sagte Leslie abfällig und verdrehte die Augen.
BJ wollte bereits auffahren, als sie von Sams warmer Hand auf ihrem Arm gestoppt wurde.
Könnt ihr nicht einmal einen Abend miteinander verbringen, ohne euch dabei anzugiften? fragte sie.
Sie hat angefangen, protestierte BJ und deutete dabei auf ihre Schwester, die immer noch ungerührt in Sams Kleidern wühlte.
Leslie? Würdest du dich bitte bei deiner Schwester entschuldigen? Das war wirklich nicht sehr nett.
Jetzt fängst du auch noch an mir in den Rücken zu fallen, fuhr Leslie auf und drehte sich mit in die Seiten gestemmten Hände zu ihr herum.
Ich falle niemandem in den Rücken und ich ergreife keine Partei, informierte Sam sie ruhig. Aber ich kann auch nicht dabei zusehen, wie du BJ manchmal behandelst. Glaubst du nicht, daß du ihr damit weh tust?
Genau! ereiferte sich BJ, doch Sam brachte sie mit einem kurzen Blick zum Schweigen.
Leslie schien unentschlossen und wandte sich wieder dem Kleiderschrank zu.
Also hier ist ja nichts dabei, das für heute Abend passend wäre, sagte sie kopfschüttelnd. Ich leihe dir was von mir.
Ich möchte nicht ... , setzte Sam an.
Du kannst auch was von mir haben. Meine Sachen sind viel cooler, mischte sich BJ ein.
Deine Sachen sind reif für die Heilsarmee, giftete Leslie.
Du mieses Stück, fuhr BJ auf und schoß auf ihre Schwester zu. Was bildest du dir eigentlich ein?
Ich sage nur die Wahrheit.
Du hast doch keine ... ,
Du weißt doch ... ,
Komm mir nicht ... ,
Das Gekeife war ohrenbetäubend, ein weiters Kamerateam tauchte auf und postierte sich in der Zimmerecke und Sam war kurz davor, einfach zu explodieren.
HEY!! brüllte sie schließlich, stellte sich zwischen die beiden Kampfhähne und packte beide am Arm. Jetzt ist es genug, Herr Gott noch mal. Benehmt euch endlich wie zwei erwachsene Menschen. Ihr seid beide wunderschön, habt eine tolle Familie, keine Geldsorgen und solltet dafür verdammt noch mal mehr als dankbar sein.
Mit großen, erstaunten Augen sahen die beiden sie an. So hatten sie die ruhige, bedachte, etwas langweilige Samantha noch nie erlebt.
So. Und jetzt Abmarsch in eure Zimmer. Macht euch fertig für heute Abend und versucht das Essen wenigstens ein bißchen zu genießen. Euer Bruder gibt sich so viel Mühe, da hat er ja wohl einen ruhigen, netten Abend verdient!
Augenscheinlich immer noch mehr als verwirrt sahen sich die beiden kurz an und trotteten dann ohne ein weiteres Wort davon, eines der Kamerateams im Schlepptau.
Sam fuhr sich mit den Händen seufzend über das Gesicht. Sie war direkt in der Hölle gelandet und zum wiederholten Male fragte sie sich, womit sie das verdient hatte.
Was war denn hier los? hörte sie plötzlich Nicks Stimme und innerlich verdrehte sie die Augen. Nicht der auch noch!
Nur ein kleiner Schlagabtausch zwischen deinen Schwestern. Nichts besonderes, sagte Sam und schaute zu ihm auf.
Er lehnte in der Zimmertür, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sein Haar war noch feucht vom Duschen.
Ich verstehe, nickte er langsam. Wir gehen heute Abend aus. Du solltest dich langsam fertig machen.
Ich komme nicht mit, sagte Sam und ließ sich auf das Bett fallen.
Klar kommst du mit. Wir haben uns alle einen netten, ruhigen Abend in der Stadt verdient.
Einen netten, ruhigen Abend? fragte Sam zweifelnd.
Naja ... , setzte Nick an, als erneut laute Stimmen zu ihnen herüber drangen.
Das kannst du Sam ja wohl nicht antun. Guck dir den Fetzen doch mal an!
Aber deiner ist besser, oder was? schallte es zurück.
Nick und Sam sahen sich einen Moment seufzend an, dann stahl sich ein Grinsen auf Nicks Gesicht. Sam konnte gar nicht anders. Ihre Mundwinkel zuckten kurz, dann begann sie ebenfalls zu grinsen und bevor sie sich versahen, kichernden sie vergnügt vor sich hin.
Du kannst mich unmöglich mit diesen Monstern alleine lassen, sagte Nick immer noch schmunzelnd.
Warum nicht? Sind schließlich deine Geschwister, nicht meine.
Aber so ein bißchen Unterstützung deinerseits könnte ich schon gebrauchen.
Komm schon. Du bist doch ein großer, starker Kerl. Du schaffst das schon.
Nick seufzte und schüttelte den Kopf. Du weißt, daß du mit mußt, oder? sagte er vorsichtig.
Steht das auch in meinem Vertrag? fragte Sam spitz.
Als Nick lediglich nickte, wurde Sam flau im Magen. Das ist so was von ... von ... , ihr gingen die Worte aus, also begnügte sie sich mit einem genervten Schnauben.
Ich weiß, nickte Nick.
Sam schüttelte den Kopf und seufzte abgrundtief. Gib mir zehn Minuten.
Du hast eine halbe Stunde, lächelte er, dann zog er sich aus ihrem Zimmer zurück und verschwand aus ihrem Blickfeld.
Worauf habe ich mich hier nur eingelassen? murmelte Sam resignierend und drehte sich herum um im Badezimmer zu verschwinden. Leider versperrte ihr das verbliebene Kamerateam den Weg.
Hättet ihr die Güte, mich eine Weile alleine zu lassen? In einer halben Stunde stehe ich euch wieder voll und ganz zur Verfügung, sagte sie sarkastisch, stellte aber mit leiser Befriedigung fest, daß die drei Männer tatsächlich abzogen.
Trotzdem schaffte sie es nicht bis ins Badezimmer, denn Leslie und BJ kamen in ihr Zimmer gestürmt, jede einen Arm voller Kleider an sich gepresst.
Hier, wir haben dir ein bißchen was heraus gesucht, sagte Leslie und warf den unordentlichen, bunten Haufen auf Sams Bett.
Da brauchst du gar nicht groß nachsehen, ereiferte sich BJ und türmte ihre eigenen Kleider einfach über Leslies Stapel. Bei meinen Sachen findest du bestimmt viel eher was.
Sam verrollte die Augen und schüttelte dann den Kopf. Das ist wirklich sehr nett von euch. Lasst mir die Sachen einfach hier und ich suche mir etwas aus, in Ordnung?
Aber ... , begann Leslie.
Wir könnten dir doch ... , setzte BJ an.
Nein. RAUS! rief Sam, allerdings mit einem leisen Lächeln auf dem Gesicht und deutete demonstrativ in Richtung Tür.
Die beiden zuckten mit den Schultern, drehten sich dann aber ohne zu murren herum und ließen Sam endlich alleine. Mit Nachdruck schloß sie die Tür und verbarrikadierte sich danach im Badezimmer.
Während sie unter der lauwarmen Dusche stand, versuchte sie sich gedanklich auf diesen Abend vorzubreiten. Wenn es in dem Restaurant genau so weiter ging, wie hier zu Hause, sah sie schwarz. Nicht nur, daß ihr die Streitereien mehr und mehr auf die Nerven gingen, sie hatte außerdem absolut keine Lust die ganze Zeit von sämtlichen Gästen des Restaurants angestarrt zu werden, weil es die Carter Familie nicht lassen konnte, sich gegenseitig anzuzicken.
Als sie schließlich erfrischt, in ein großes Badehandtuch gewickelt und mit einem weiteren auf ihrem Kopf aus dem Badezimmer trat, sah sie einen Moment seufzend auf den riesigen Berg bunter Kleider hinunter, der sich auf ihrem Bett türmte.
Sie mußte einen Kompromiß finden, so viel war klar, sonst würden sich wahrscheinlich die Hasstiraden den ganzen Abend auf sie richten, weil sie sich für das falsche Kleidungsstück entschieden hatte.
Während sie sich ihre Haare nachlässig trocken rubbelte besah sie sich den Stapel genauer. Gut die Hälfte davon legte sie gleich beiseite, da sie darin unmöglich das Haus verlassen konnte. Sie war schließlich eine junge, selbstbewußte Frau und kein Flittchen.
Als sie ihre widerspenstigen Locken schließlich mit einem grobzinkigen Kamm durchkämmte, lagen nur noch einige wenige Kleidungsstücke ausgebreitet auf der Bettdecke.
Also gut ..., murmelte Sam und entschied sich schließlich für eine khakifarbene Hose von Leslie, deren Hosenbeine extrem weit geschnitten waren und fließend über ihre nackten Zehen fielen, als sie hinein schlüpfte. Der Bund saß tief auf ihrer Taille und sie fragte sich beklommen, ob sie mit diesem unangenehmen Gefühl den ganzen Abend verbringen konnte. Es war ihr einfach unangenehm, daß ihr Bauchnabel darüber hervor lugte und daß sie das Gefühl hatte, jeden Moment die Hose zu verlieren um schlußendlich nackt in diesem Restaurant zu stehen.
Ach verdammt, murmelte sie schließlich. Bei den anderen hält das doch auch. Stell dich nicht so an Samantha.
Dann griff sie nach einem dunkelrosa Shirt mit tiefem, runden Ausschnitt das BJ gehörte. Es schmiegte sich perfekt an ihren Körper und endete knapp oberhalb des Hosenbundes.
Zum Schluß kramte sie aus ihrem eigenen Schrank einen hauchdünnen Baumwollschal hervor, der farblich hervorragend zu dem Shirt paßte und band es sich um den Kopf. Als sie ihn schließlich im Nacken verknotet hatte und die langen Enden fließend über ihren Rücken fielen, betrachtete sie sich für einen Moment in der Spiegeltür des Kleiderschrankes. Sie drehte sich nach allen Seiten, registrierte dabei das angenehme Gefühl, das die weiten, schwingenden Hosenbeine verursachten und genoß tatsächlich zum ersten Mal ihr eigenes Spiegelbild.
Gar nicht so übel Fields, murmelte sie und staunte über sich selbst, daß sie an dieser Verwandlung tatsächlich Gefallen fand.
Sie trug noch etwas Make-Up auf, tupfte blassrosa Lippgloss auf ihre Lippen und schlüpfte dann in ihre flachen, schwarzen Ballerinas.
Ready for Takeoff, murmelte sie, verstaute ihr Handy und die Geldbörse in ihrer Handtasche, hängte sich diese um und löschte im Hinausgehen das Licht.