Kapitel 9

Nick saß im Eßzimmer an dem großen Tisch und wartete darauf, daß Sam von ihrem morgendlichen Spaziergang zurück kehrte. Er war extra früh aufgestanden weil er glaubte, sie so noch erwischen zu können, aber scheinbar war sie schneller gewesen. Verwundert stellte er fest, daß die Hunde nicht da waren und schließlich hatte er sich dazu durchgerungen, an ihrer Zimmertür zu klopfen. Nachdem kein Laut an sein Ohr drang, öffnete er vorsichtig die Tür und fand ihr Bett leer vor.
Ob sie das jeden Morgen tat? Zum ersten Mal ging ihm auf, daß er keine wirkliche Ahnung davon hatte, was sie eigentlich genau den ganzen Tag tat. Der Gedanke, sich demnächst einmal die Videobänder anzusehen um damit herauszufinden, was sie den ganzen Tag so trieb war ihm durch den Kopf geschossen, aber dann fühlte er sich damit dann doch nicht wohl. Sicher, er hatte ein Mitspracherecht was die tatsächlich verwendeten Ausschnitte betraf, aber im Endeffekt nickte er am Ende dann doch nur die fertige Version ab und überließ den Rest den Profis.
Sam nun quasi auszuspionieren fühlte sich nicht richtig an und so hatte er den Gedanken recht schnell wieder verworfen.
Nun saß er also hier und wartete auf ihre Rückkehr und ihm wurde leicht flau im Magen wenn er daran dachte, was er Sam mitzuteilen hatte. Die ganze Nacht hatte er darüber nachgegrübelt, wie er es ihr beibringen sollte, noch dazu, wo er sich selbst mit dem Gedanken nicht sonderlich anfreunden konnte.
Sie zu einer Hauptperson in dieser Serie zu machen widerstrebte ihm nach wie vor und er ärgerte sich mehr als er sagen konnte darüber, daß er im Bezug darauf einfach überstimmt worden war. Es ging hier um seine Familie und nicht um irgendeine romantische Soap.
Als er hörte, wie die Eingangstür aufgeschoben wurde, straffte er sich augenblicklich, nahm noch einen Schluck von seinem inzwischen kalten Kaffee und machte sich langsam auf den Weg durch das Wohnzimmer.
Aus dem Flur hörte er Sams ruhige Stimme.
„Nein ihr zwei. Benehmt euch. Was habe ich euch beigebracht, hm? Kein Zerren und Ziehen an der Leine. Du auch Leyla. Ja, so ist es gut.“
Verwundert zogen sich seine Augenbrauen zusammen und er versuchte möglichst leise in den Flur hinaus zu treten. Was er dort sah, ließ in mitten im Schritt inne halten und ungläubig starrte er auf die Szene, die sich ihm bot.
Sam war gerade dabei, die Leinen der Hunde zu lösen und alle fünf Energiebündel, die normaler Weise nicht durch gute Worte oder Ermahnungen ruhig zu bekommen waren hockten brav auf ihren Hintern um sie herum. Sie bellten nicht, zerrten und zogen nicht an den Leinen und machten auch keine Anstalten einfach davon zu laufen.
„So ist es brav meine Süßen,“ hörte er Sam murmeln, die ihn offensichtlich noch nicht entdeckt hatte.
Leise ließ er sich an der Wand hinab in die Hocke sinken und beobachtete Sam weiterhin dabei, wie sie sich zu jedem der Hunde hinunter beugte, sie ausgiebig über den Kopf streichelte und jedem ein Leckerli zuschob.
Zwei der Hunde wurden unruhig, doch Sam hob lediglich mahnend den Zeigefinger und warf ihnen einen düsteren Blick zu und sofort kehrte wieder Ruhe ein.
Nick konnte einfach nicht glauben was er da sah. Das konnten unmöglich die gleichen Hunde sein, die normaler Weise das gesamte Haus verwüsteten und mehr als einmal ihr Geschäft auf den teuren Teppichen verrichtet hatten. Doch wenn er jetzt darüber nachdachte, hatte er schon lange keinen Hundehaufen mehr an unpassender Stelle vorgefunden.
„So, und jetzt ab mit euch,“ lächelte Sam und wie auf Kommando stoben die Hunde davon und direkt auf ihn zu.
Er konnte leider nicht sehen, welche Reaktion seine unverhoffte Anwesenheit bei Sam hervorrief, denn er war eine ganze Weile damit beschäftigt, die aufgeregten Hunde zu bändigen, die wild um ihn herum sprangen.
Schließlich wurde er sich ihrer Turnschuhe gewahr, die in seinem Blickfeld auftauchten und langsam blickte er zu ihr auf. Sie hatte ihre Haare mit einem breiten, roten Band gebändigt, was ihr ausgesprochen gut stand. Im gleichen Moment fragte er sich, wann er angefangen hatte, sie tatsächlich wie ein weibliches Wesen zu betrachten.
„Bist du aus dem Bett gefallen?“ fragte Sam gutmütig.
„Nein. Ich ... ,“ doch weiter kam er nicht, denn Leyla sprang ihm direkt ins Gesicht und er konnte gerade noch den Kopf zur Seite drehen, bevor sie ihm mit ihrer feuchten, rosa Zunge über das Gesicht lecken konnte.
„Leyla! Aus!“ rief Sam aufgebracht und sofort machte sein Hund einige Schritte rückwärts.
„Und jetzt Sitz! Ja, so ist es brav,“ lächelte Sam und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihm zu. „Was wolltest du sagen?“
„Wie ... ,“ er deutete mit großen Augen auf seinen Hund. „Wie hast du das gemacht?“
„Ein bißchen Training, ein bißchen Zeit und viiiiiel Liebe,“ lächelte sie.
„Klingt einfach,“ entgegnete er.
„Sagen wir so ... Disziplin ist weder deine noch ihre Stärke,“ grinste sie, klatschte dann auffordernd in die Hände und verschwand mit den Hunden im Schlepptau im Wohnzimmer.
Immer noch leicht benommen von diesem außergewöhnlichen Schauspiel stemmt Nick sich in die Höhe und folgte ihr.
Als er die Küche betrat, war Sam bereits dabei die fünf Futternäpfe mit Trockenfutter zu füllen, während die Hunde daneben saßen und jeden ihrer Schritte mit aufgeregt zuckenden Ohren verfolgten.
Nachdem Sam auch den letzten Napf auf den Boden abgestellt hatte, wandte sie sich den Hunden zu. „So. Und jetzt mal ran ans Futter,“ lächelte sie und sofort machten die Hunde sich über ihr Frühstück her.
„Du bist doch sicherlich nicht hier um dich mit mir über die Hunde auszutauschen, oder?“ fragte sie dann, nahm sich eine Tasse aus dem Schrank und füllte Kaffee aus der Thermoskanne hinein.
„Nein,“ gab er zu und fühlte sich immer noch schlecht bei dem Gedanken, ihr jetzt sagen zu müssen was das Produzententeam beschlossen hatte.
„Sollen wir ein bißchen nach draußen gehen? Dieses Geschmatze macht mich ganz irre,“ lächelte sie.
Er nickte und ging ihr voraus hinaus auf den Balkon.
Es war noch früh am Morgen, aber die Sonne brannte bereits unerbittlich auf sie hinunter und so zog er zwei Stühle in den etwas kühleren Schatten der Hauswand und bedeutete ihr, sich zu ihm zu setzen.
„Das wirkt so formell,“ bemerkte sie, während sie sich neben ihm nieder ließ.
„Ist es auch,“ nickte er.
„Bitte keine Standpauke mehr wegen deiner Familie, was du glaubst, das ich über dich denke oder ähnliche Reizthemen. Ich habe wirklich keine Lust mehr, mich mit dir zu streiten,“ sagte sie.
„Vielleicht komme ich später darauf zurück,“ entgegnete er und registrierte mit einigem Stolz, daß sie tatsächlich über seinen Satz schmunzelte.
Verwirrt fragte er sich, warum ihm plötzlich daran gelegen war, daß sie über seine Scherze lachte, doch wie vorhin schob er diesen Gedanken, kaum daß er in seinem Hirn aufgetaucht war, vehement zur Seite.
„Es geht um die Kameras in deinem Wagen,“ setzte er an und wappnete sich gegen die Hasstiraden und Vorwürfe, die jetzt ganz sicher kommen würden. Doch zu seiner Überraschung blieb sie ganz ruhig und sah ihn weiterhin mit ihren ernsten, braunen Augen an, die hinter den Brillengläsern noch größer wirkten.
„So wie es aussieht, kommst du nicht darum herum,“ fuhr er fort.
„Wieso nicht?“ fragte sie und eine mißbilligende Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen.
„Der Sender inklusive der Produzenten sind der Meinung, daß sie dich tiefer in die Sendung einbinden möchten.“
„Was ... was bedeutet das?“ Sie wirkte verwirrt und Nick fragte sich, ob sie einfach nur eine exorbitant gute Schauspielerin war, oder wirklich keine Ahnung hatte, was er ihr damit sagen wollte.
„Die ersten beiden Folgen wurden einem Testpublikum vorgeführt,“ holte er also etwas weiter aus. „Und die anschließende Befragung hat ergeben, daß die meisten Zuschauer dich gerne öfter sehen möchten.“
„Wie bitte?“ Sie verschluckte sich an ihrem Kaffee und hustete einen Moment, so daß Nick sich veranlaßt sah, ihr vorsichtig auf den Rücken zu klopfen.
„Du bekommst mehr Sendezeit, das bedeutet, du wirst in die Aktivitäten der Familie stärker mit eingebunden. Außerdem wird dich ein Kamerateam auch außerhalb dieses Hauses begleiten,“ wurde er also etwas konkreter und fühlte dabei wieder wie Wut ihm aufstieg. Sie hatte in diesem Teil seines Lebens und dem seiner Geschwister nichts zu suchen, Herr Gott noch mal.
„Das ist unmöglich,“ entgegnete sie bestimmt und schüttelte zur Bekräftigung den Kopf.
„Tja. Leider hast du keinerlei Mitspracherecht. Du hast einen Vertrag unterschrieben und in diesem verpflichtest du dich, für die Dauer deines Aufenthalts sämtliche Änderungen, Kamerateams und auch uns zu ertragen.“
„Dann gehe ich,“ sagte sie und hatte sich bereits halb von ihrem Stuhl erhoben.
„Moment,“ entgegnete er und zog sie mit sanfter Gewalt wieder zurück auf ihren Stuhl. „Außerdem kannst du erst gehen, wenn die Staffel abgedreht ist, es sei denn, die Produzenten lassen dich vorzeitig aus dem Vertrag aussteigen.“
„Ich will sofort mit dem Verantwortlichen sprechen,“ sagte sie und er konnte ihr ansehen, wie viel Beherrschung es sie kostete, in diesem Moment nicht an die Decke zu gehen.
„Das kannst du gerne tun, aber das wird dir nichts nützen. Henry ist Feuer und Flamme für diese fixe Idee.“
Sie starrte ihn ungläubig und mit großen Augen an.
„Gib mir ein Telefon,“ sagte sie kalt und ohne mit der Wimper zu zucken zog er sein Handy aus der Hosentasche, wählte Henrys Nummer und reichte ihr das Telefon.
Sie stand auf und verschwand im Wohnzimmer.
Er hörte ihre Stimme, konnte aber nicht verstehen, was sie sagte. Er schüttelte den Kopf. Sie hatte gegen Henry keine Chance. Er war Geschäftsmann. Durch und durch. Und wenn er die Gelegenheit witterte, mit dieser Sache noch mehr Profit zu machen, dann würde er über Leichen gehen und jemand wie Samantha würde als aller erstes über die Klinge springen.
Keine zehn Minuten später trat sie wieder zu ihm hinaus auf den Balkon. Auf ihren Wangen waren hektische, rote Flecken erschienen und in ihren Augenwinkeln glitzerte es verräterisch.
Sie streckte ihm ohne ein Wort zu sagen das Telefon entgegen und als er es an sich nahm, ließ sie sich schwer auf ihren Stuhl zurück fallen.
„Ich verstehe das nicht,“ sagte sie leise und ihre Stimme klang dumpf. „Ich bin doch nun wirklich nichts, was man unbedingt sehen muß. Ich tue nichts, ich sage nichts und ich bin viel zu normal im Gegensatz zu euch.“
„Vielen Dank für das Kompliment,“ entgegnete Nick ironisch.
Doch sie schien ihn gar nicht zu hören. Immer wieder schüttelte sie den Kopf und schien komplett verwirrt zu sein.
„Hör zu ... so wie es aussieht kommst du aus der Nummer nicht so schnell heraus, also sollten wir einfach das beste daraus machen.“
„Du verstehst das nicht,“ sagte sie und wandte ihm ihr Gesicht zu. „Dass ich hier bin hatte nur den einzigen Grund um für Angel da zu sein. Ich möchte nicht im Fernsehen auftauchen. Ich ... das kann ich mir nicht leisten, okay?“
„Na komm schon. Du wußtest doch genau, auf was du dich eingelassen hast. Nicht umsonst hat dich ein Kamerateam direkt an der Eingangstür in Empfang genommen,“ sagte er grimmig. So naiv konnte doch nun wirklich niemand sein. „Und selbst wenn ... was tust du noch hier? Angel scheint jedenfalls nicht wirklich an dir interessiert zu sein.“
Sam seufzte und schüttelte den Kopf. „Ich weiß, daß das für dich nicht nachvollziehbar ist, aber Angel redet dann, wenn sie es möchte. Bis dahin ist es ihr einfach wichtig, daß jemand für sie da ist, sollte es nötig sein.“
„Das ergibt keinen Sinn,“ entgegnete Nick.
„Ich sag ja, du kannst das nicht verstehen.“
„Und was tut sie für dich? Ich meine ... sie hat dich hierher geholt und kümmert sich dann überhaupt nicht um dich.“
„Ich weiß.“ Erneut schüttelte Sam den Kopf. „Ich glaube, sie ... wie soll ich das sagen ... sie interessiert sich in erster Linie für sich. Das mag jetzt herzlos klingen aber ... so ist sie eben. Ich kann das akzeptieren, auch wenn es mir manchmal schwer fällt.“
„Das könnte ich nie im Leben. Eine Freundschaft besteht doch aus Geben und Nehmen,“ widersprach er kopfschüttelnd.
„Ich kenne es nicht anders,“ gab sie mit einem Achselzucken zurück.
„Wie meinst du das?“
„Na ... mein ganzes Leben lang hat sich nie jemand für mich interessiert. Nicht wirklich zumindest. Es gibt niemanden, der mich wirklich kennt und mit der Zeit habe ich gelernt, mich damit zu arrangieren. Vielleicht ... na ja ... will ich auch gar nicht, daß jemand tiefer in mich hinein sieht.“
„Irgendwie beruhigt es mich, daß du dich genau so knallhart analysierst wie mich,“ grinste Nick, was Sam ein leises, belustigtes Schnauben entlockte.
Sie schwiegen eine Weile, während sie den Blick über das im Morgendunst friedlich wirkende Los Angeles schweifen ließen und ihren eigenen Gedanken nachhingen.
Nick konnte sich nicht daran erinnern, wann er in den letzten Wochen einen solchen Frieden empfunden hatte und unbehaglich fragte er sich, wieviel Sam dazu beitrug.
„Ich werde dann mal ... ins Studio fahren,“ sagte er deshalb und erhob sich.
„Klar,“ nickte Sam.
„Ich wünsche dir einen nicht all zu anstrengenden Tag mit den vier Chaoten,“ lächelte er. „Sollte was sein, ruf mich einfach an, in Ordnung?“
Mißtrauisch blickte sie zu ihm auf. „Warum bist du auf einmal so nett zu mir?“
Er zuckte mit den Achseln. „Wenn ich es weiß, sage ich dir bescheid.“
„Beruhigend,“ nickte sie.
„Bis heute Abend.“
„Ja. Viel Spaß.“
Während er den BWM aus der Parklücke zurück setzte und die lange, enge Auffahrt hinunter brauste fragte er sich immer noch, warum dieses Gespräch in keinem einzigen Punkt so verlaufen war, wie er sich das vorgestellt hatte und wie Sam es schaffte, selbst in einer so brisanten Situation ruhig zu bleiben.

Kapitel 11