Kapitel 9

Es war bereits dunkel als Sam vor dem Carter Haus vorfuhr und den Motor abstellte. The Killers sangen leise in ihrem Ohr und eine unbändige Sehnsucht nach einem intakten zu Hause wütete in ihrem Herzen.

And sometimes you close your eyes
and see the place where you used to live
When you were young

They say the devil's water, it ain't so sweet
You don't have to drink right now
But you can dip your feet
Every once in a little while

You sit there in your heartache
Waiting on some beautiful boy
To save you from your old ways
You play forgiveness
Watch it now here he comes

He doesn't look a thing like Jesus
But he talks like a gentleman
Like you imagined when you were young
(He talks like a gentlemen, like you imagined when)
When you were young

Wenn sie zurück dachte, konnte sie sich kaum daran erinnern, wann sie das letzte Mal so etwas wie ein zu Hause gehabt hatte. Als ihre Eltern sich scheiden ließen war sie zwölf und die Jahre davor waren geprägt durch Streitereien, zerschlagenem Porzellan, Tränen und Angst. Sie hatte sich schon lange nicht mehr in ihrem Elternhaus zu Hause gefühlt. Lange bevor ihr Vater seine Sachen packte und die Familie Hals über Kopf verließ.
Danach war sie mit ihrer Mutter beinahe jedes Jahr umgezogen. Immer auf der Flucht vor dem Gerichtsvollzieher, auf der Suche nach Glück und Zufriedenheit, die sie nie fanden.
Als sie siebzehn wurde war Sam bereits innerlich wie erstarrt. Die Welt in der sie lebte fühlte sich kalt und abweisend an. Da war keine Liebe, keine Geborgenheit und kein Platz, an den sie hingehörte.
Dann traf sie Greg und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl geliebt zu werden, irgendwo hin zu gehören und sich dort sicher zu fühlen.
Joshua war nicht geplant gewesen und doch hatte Sam sich von Anfang an auf ihr Kind gefreut. Sie wollte es besser machen als ihre Eltern, wollte ihrem Sohn die Liebe und Aufmerksamkeit schenken, die ihr selbst verwehrt geblieben war.
Unglücklicher Weise hatte sie sich zu sehr auf Greg und seine Liebe verlassen. Sie hatte weder einen Schulabschluß noch eine Ausbildung vorzuweisen, als Joshua geboren wurde und als Greg keine zwei Jahre später seine Sachen packte und zu diesem Flittchen zog, hatte sie nichts. Sie hatte kein Geld gespart, sich mit ihrer Mutter überworfen und keine Chance auf einen Job.
Greg beantragte umgehend das alleinige Sorgerecht, bekam es nach einigem Hin und Her und üblen Streitereien schließlich auch zugesprochen und für Sam brach endgültige die Welt zusammen. Sie hatte zwar ein Besuchsrecht eingeräumt bekommen, doch da Greg hunderte von Meilen entfernt lebte war es ihr nicht möglich Joshua oft zu sehen.
Seit diesem Zeitpunkt beseelte sie nur noch ein Gedanke: Sie mußte ihr Leben wieder auf die Reihe bekommen, einen Job finden und sich das Sorgerecht zurück erkämpfen. Sie war eine gute Mutter und sie liebte Joshua mit jeder Faser ihres Körpers. Sie würde niemals kampflos aufgeben.
Doch nach einem Tag wie heute, an dem sie von einer Adresse zur nächsten gezogen war, sich für jede Putzstelle, jeden Spül- und Kellnerjob beworben hatte und rein gar nichts damit erreicht hatte, zweifelte sie langsam selbst daran, daß sie irgendwann aus eigener Kraft wieder auf die Füße kommen konnte.
Langsam ließ sie den Kopf auf das Lenkrad sinken und spürte, wie sie die Verzweiflung übermannte. Sie wollte das alles nicht mehr. Sie wollte sich nicht mehr in einem Haus prostituieren für Menschen, die sie sowieso nur als billige Putzfrau ansahen. Sie wollte sich nicht mehr jeden Tag dem mißbilligenden Blick von Nick aussetzen, wollte sich nicht mehr so nutzlos und hilflos fühlen. Ihre Tränen tropften unaufhaltsam hinunter in ihren Schoß, während sie ein hemmungsloses Schluchzen schüttelte.
Was, in Gottes Namen, hatte sie nur falsch gemacht, um dieses Leben zu verdienen?
Sie bekam nicht mit, wie ein blonder Haarschopf an der Fensterscheibe erschien und auch nicht, wie der Türgriff betätigt wurde. Erst als im Wageninneren automatisch das Licht anging registrierte sie, daß sie nicht mehr alleine war.
Zu Tode erschrocken fuhr ihr Kopf in die Höhe und sie sah sich augenblicklich Nicks sorgenvoll zusammengekniffenen Augen gegenüber.
„Hau ab,“ schleuderte sie ihm entgegen und versuchte die Tür wieder zu zu ziehen, doch er hielt sie unnachgiebig fest. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fanden seine Finger den Schalter für die Innenbeleuchtung und gleich darauf versank Samantha wieder in der schützenden Dunkelheit der Nacht.
„Ist etwas passiert?“ fragte er vorsichtig.
„Nein. Alles bestens,“ schniefte Sam und versuchte die Tränen zurück zu drängen. Er sollte sie nicht so sehen. Er sollte sie in Ruhe lassen mit seinem mißtrauischen Blick und der Verachtung, die darin lag.
„Warum weinst du dann?“ fragte er weiter.
„Das geht dich gar nichts an,“ fuhr sie ihn an, klaubte ihre Tasche und Jacke vom Beifahrersitz und stieg aus. Dabei versuchte sie sich so weit wie möglich von Nick fernzuhalten, trotzdem streifte ihr Arm seine Brust, als sie sich an ihm vorbei ins Freie schob.
„Ich würde jetzt nicht da rein gehen,“ stellte er fest und drückte die Autotür vorsichtig zu.
„Wieso?“ fragte Sam, die in ihrer Tasche nach einem Taschentuch kramte, damit sie wenigstens einigermaßen manierlich aussah, bevor die verdammten Kameras sie wieder ins Visier nahmen.
„Leslie gibt ne Party. Lauter abgefahrene Typen, die denken sie wären Musiker. Sie bevölkern das halbe Haus,“ informierte Nick sie.
„Und du hast sie noch nicht hinaus geworfen?“ bemerkte Sam, während sie sich lautstark die Nase putzte.
„Hab’s versucht. Hat nicht geklappt,“ gab er achselzuckend zurück.
Sam schüttelte den Kopf. „Du solltest vielleicht endlich akzeptieren, daß deine Geschwister ein eigenes Leben führen. Du kannst ihnen nicht alles verbieten, nur weil es dir gerade nicht in den Kram paßt.“
„Was soll denn das jetzt bitteschön heißen?“ ereiferte er sich und machte ein paar Schritte auf sie zu.
Sam seufzte und schüttelte den Kopf. Sie hatte absolut keine Lust, Nick Nachhilfe im Umgang mit seiner Familie zu geben.
„Na komm schon. Du weißt doch immer alles so viel besser,“ sagte er und der Sarkasmus war nicht zu überhören. Auf Nicks Stirn war eine steile Falte erschienen und seine blauen Augen funkelten angriffslustig.
„Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst, aber ich bin nicht dein Feind,“ bemerkte Sam, zog das Gummiband aus ihren Haaren und versuchte, sie wider einigermaßen zu bändigen, was leider mißlang. So wie immer eigentlich, dessen war sie sich durchaus bewußt.
„Nicht mein Feind, hm? Aber mein Geld nimmst du gerne, oder?“
Sam stöhnte auf und richtete den Blick gen Himmel. „Sind wir wieder an diesem Punkt angekommen?“ fragte sie erschöpft.
„Ja. Und wir werden so lange immer wieder da landen, so lange du mich nicht davon überzeugt hast, daß ich unrecht habe.“
„Das ist unmöglich,“ stellte Sam fest und wünschte sich augenblicklich ganz weit weg. In die Karibik, oder ihretwegen auch an den Nordpol. Einfach nur weg von hier.
„Was soll das jetzt wieder heißen?“
„Wenn du dir einmal eine Meinung gebildet hast, kann dich niemand vom Gegenteil überzeugen, mögen die Argumente noch so gut sein.“
„Das stimmt doch gar nicht!“ ereiferte er sich.
„So? Warum, glaubst du, gerätst du mit Aaron immer wieder aneinander? Weil ihr euch gerade in diesem Punkt so unglaublich ähnlich seid. Keiner kann nachgeben, jeder beharrt auf seinem Standpunkt und wenn ihr euch nicht mehr weiter zu helfen wißt, geht ihr wie die Bekloppten aufeinander los. Du kannst es nicht verkraften, wenn dir jemand widerspricht, wenn dir jemand auf den Kopf zusagt, daß du im Unrecht bist. Anstatt einzulenken oder wenigstens für eine Sekunde darüber nachzudenken explodierst du gleich.“
Nick starrte sie aus großen Augen an. Sollte sie ihn tatsächlich dazu gebracht haben, ihr zuzuhören? Das hielt sie eigentlich für unmöglich.
„Wie kommst du eigentlich dazu, mich zu kritisieren? Das ist ... ,“
„Ich habe dich nicht kritisiert,“ unterbrach ihn Sam und unglaublicher Weise fuhr er ihr nicht direkt ins Wort. „Ich habe dir nur gesagt, was ich über dich denke. Deine Ziele und Motivation sind wirklich ehrbar. Du willst das richtige, aber manchmal einfach mit den falschen Mitteln. Mehr wollte ich gar nicht sagen. Und jetzt werde ich ins Bett gehen. Ich bin müde. Gute Nacht.“
Ohne noch einen Blick zurück zu werfen ging sie hinüber zur Eingangstür, schlüpfte ins Haus und schlich sich so schnell wie möglich zu ihrer Zimmertür.
Kurz bevor sie allerdings darin verschwinden konnte, hielt sie Nicks Stimme zurück.
„Woher willst du das denn wissen, hä? Du kennst mich überhaupt nicht!“
Seufzend drehte Sam sich noch einmal zu ihm herum und zuckte zusammen, als sie die Männer entdeckte, die langsam und mit laufender Kamera auf sie zukamen.
„Du hast recht, ich kenne dich nicht. Aber ich habe Augen im Kopf und ich lebe schon eine ganze Weile hier. Du bist jemand, der seine Wut und seine Enttäuschung gerne vor sich her trägt. Du magst denken, daß du deine Emotionen ganz tief in dir vergraben hast. Aber statt dessen läßt du sie an der Oberfläche explodieren, ohne deinem Gegenüber auch nur die geringste Chance zu geben. Wie gesagt, du meinst es nur gut, aber ... hör ab und zu auf das, was dir deine Geschwister sagen. Traue ihnen etwas zu. Das nennt man Vertrauen Nick. Das kann man nicht lernen, das kann man nur fühlen. Und jetzt gute Nacht.“
Damit ließ sie ihn einfach stehen und knallte geräuschvoll die Tür hinter sich zu. Dies war ohne Frage einer der schlimmsten Tage ihres Lebens und alles was sie wollte war, ihm dadurch zu entkommen, in dem sie sich im Schlaf in eine bessere Welt träumte.

Kapitel 10