Kapitel 8
Eine Woche war vergangen, seit Nick Sam am Telefon belauscht hatte und bisher hatte er es nicht geschafft, mehr als zwei zusammenhängende Sätze mit ihr zu sprechen.
Manchmal vermutete er, daß sie ihm absichtlich aus dem Weg ging, dann wieder hatte er selbst so viel um die Ohren, daß er gar nicht auf die Idee kam länger als irgend nötig über seinen Gast nachzudenken und dann waren da ja auch noch seine Geschwister, die ihn langsam aber sicher um den Verstand brachten.
Immerhin hatten sie das größte Chaos im Haus so langsam unter Kontrolle und er mußte leider zugeben, daß Sam daran einen nicht gerade geringen Anteil hatte. Sie brachte es nicht nur fertig, unermüdlich durch die Räume zu gehen und die Unordnung zu beseitigen, sondern sie brachte auch seine Geschwister dazu, immer öfter mit Hand anzulegen.
Oft genug war er in die Küche geplatzt und hatte Sam dabei ertappt, wie sie mit BJ am Herd stand, gemeinsam mit ihr kochte und sich dabei angeregt mit ihr unterhielt. Manchmal fand er sie auch in Aarons Zimmer wieder, wie sie andächtig seiner Musik lauschte und hin und wieder einen Kommentar dazu abgab.
Nur Angel schien es nicht großartig zu interessieren, daß sie hier war. Meist lag sie unten am Pool oder war in der Stadt bei irgendeinem geschäftlichen Termin. Manchmal hörte er, wie sich sich lautstark darüber stritten. Oder zumindest Angel wurde laut. Von Sam war während dieser Zeit kaum etwas zu hören. Sam wollte offensichtlich von hier fort und Angel überredete sie jedesmal wieder, noch ein bißchen zu bleiben. Nick verstand seine Schwester nicht. Ihr Verhalten legte nahe, daß sie keinen Wert auf Sams Anwesenheit legte, doch dann rutschte sie wieder förmlich vor ihr auf den Knien um sie zum Bleiben zu bewegen.
Er hatte versucht mit Angel zu reden, wollte ihr begreiflich machen, daß sie sich nicht zu sehr auf Sam verlassen sollte, weil sie in seinen Augen nicht aufrichtig war, doch er stieß bei seiner Schwester auf taube Ohren.
Überhaupt ... jeder schien akzeptiert zu haben, daß Sam wie selbstverständlich hier wohnte. Nur ihm paßte dies nach wie vor nicht.
Schließlich hatte er sich dazu durchgerungen Sam direkt darauf anzusprechen, wann sie gedachte, dieses Haus wieder zu verlassen. Er lief den langen Flur hinunter und hielt vor ihrer Zimmertür an. Die Hand zum Klopfen erhoben zögerte er noch einen Moment. Vielleicht war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Vielleicht sollte er das Ganze auf später verschieben, wenn er auch nicht sagen konnte, warum er so dachte.
Sam ist nicht da, hörte er plötzlich Aarons Stimme und erstaunt drehte er sich zu ihm herum. Sein Bruder lehnte in seiner offenen Zimmertür und musterte Nick aufmerksam.
Ist sie nach Hause gefahren? fragte dieser hoffnungsvoll.
Nein, Aaron schüttelte den Kopf. Gott sei Dank, wie ich bemerken möchte. Sie hat was davon gesagt, daß sie sich einen Job suchen will.
Einen Job? fragte Nick skeptisch.
Ja. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich deshalb an dich wenden, du hättest sicherlich ne Idee, aber sie hat das kategorisch abgelehnt und ist von dannen gezogen. Wenn du dich beeilst erwischst du sie vielleicht noch. Sie ist gerade eben raus.
Danke, nickte Nick und ging hinüber zur Eingangstür. Noch während er sie öffnete fragte er sich, warum er das jetzt eigentlich tat. Es konnte ihm doch wohl egal sein, wo Sam sich gerade aufhielt.
Er hatte noch keine Fuß über die Schwelle getan, als er bereits ihre aufgebrachte Stimme hörte. Moment ... aufgebrachte Stimme? Sam? Da konnte doch etwas ganz und gar nicht stimmen.
... werdet keine Kamera in meinem Wagen installieren, habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt? Und ihr werdet auch nicht mit mir mitfahren. Falls ihr es noch nicht mitbekommen habt ... ich fahre zu einem VORSTELLUNGSGESPRÄCH. Wie sieht das denn aus, wenn ich da mit einem Kamerateam im Schlepptau auftauche?
Sam stand neben ihrem Wagen in der Hofeinfahrt, hatte die Hände in die Hüften gestemmt und funkelte das Kamerateam vor ihr wütend an.
Was ist denn hier los? schaltete sich Nick in das Gespräch ein.
Sam fuhr augenblicklich zu ihm herum.
War das deine tolle Idee? giftete sie ihn an.
Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.
Die wollen Kameras in meine Wagen installieren, schleuderte sie ihm entgegen und zeigte dabei mit einem zitternden Finger auf die Kameraleute. Das geht einfach zu weit. Das ist meine Privatsphäre und darin hat niemand etwas zu suchen. Schon schlimm genug, daß sie mich in diesem verdammten Haus überall hin verfolgen.
Moment, versuchte er sie zu beruhigen und hob abwehrend die Hände, während er sich an das Kamerateam wandte. Wer hat gesagt, daß in Sams Wagen Kameras sollen? So weit ich weiß, befindet sich nur in meinem eine.
Anweisung von oben, antwortete einer der Kameraleute achselzuckend.
Falls es euch noch nicht aufgefallen sein sollte. Ich ..., damit zeigte er demonstrativ auf seine Brust ... bin oben. Hier wird nichts ohne mich entschieden.
Tja, dann sollten sie wohl ab und zu mal an ihr Handy gehen, sagte der andere grinsend.
Er spürte, wie Wut in ihm aufstieg.
Ich kläre das. Sofort, informierte er die Umstehenden, zog sein Handy aus der Tasche und trat ein paar Schritte zur Seite.
Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen.
Hallo Henry, begrüßte er seinen Produzenten unwirsch. Was soll das mit einer Kamera in Samanthas Wagen?
Nick? Gut, daß du endlich anrufst. Ich habe schon mehrere Nachrichten bei deinem Auftragsdienst hinterlassen. Du wirst es nicht glauben. Wir haben die ersten, geschnittenen Folgen dem Testpublikum vorgeführt. Du erinnerst dich?
Dunkel, gab er zu und ärgerte sich darüber, daß er diesen Termin vergessen hatte. Aber durch das Chaos hier und die Arbeit an seinem Soloalbum und dem der Band hatte er das komplett vergessen.
Nun ... rate, wer die höchsten Sympathiepunkte bekommen hat.
Nick wurde es vor Schreck heiß und kalt.
Bitte sag mir nicht ... ,
Doch! Samantha Fields ist die beliebteste Person im Haus bei der Zielgruppe zwischen 12 und 27. Und ich kann dir auch sagen wieso.
Wieso? fragte Nick wenig begeistert. Das hier war eine Katastrophe.
Sie identifizieren sich mit ihr. Eine durchschnittliche Frau, eher unscheinbar, lebt im Hause der Carters und mischt die Prominenz dabei ordentlich auf. Außerdem, und das finde ich noch das beste an der ganzen Sache, wünschen sich 37%, daß sie mit Aaron zusammen kommt und ganze, phänomenale 56% hoffen auf ein Happy End mit dir. Na, wie klingt das?
Nick hatte das Gefühl, daß ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Hatte er gerade gedacht, das hier sei eine Katastrophe? Nein, das war die totale Vernichtung. Durch Sam geriet alles ins Wanken, was er mit dieser Sendung eigentlich bezweckt hatte. Es sollte hier nicht darum gehen, wer mit wem verkuppelt wurde, sondern darum, wie eine Familie wieder zusammen fand.
Das gefällt mir nicht Henry, sagte Nick langsam, nachdem er seine Sprache wieder gefunden hatte.
Vorsichtig sah er sich nach Samantha um. Sie stand etwas abseits, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte immer noch aufgebracht zu ihm herüber.
Bleib kurz dran, ja? bat er seinen Produzenten und wandte sich dann an das Kamerateam. Ihr werdet sie jetzt fahren lassen und ich kläre das mit Henry ab.
Die Kameraleute sahen unsicher von einem zum anderen, doch Sam nutze die Gunst der Stunde. In Windeseile hatte sie die Tür ihres Wagens aufgerissen, sich hineingesetzt und raste wenig später in einem Affentempo rückwärts die Auffahrt hinunter.
So Henry. Jetzt noch mal ganz langsam zum Mitschreiben, setzte er neu an, während er die Haustür aufzog und hinein in den Flur trat. Das Konzept basiert auf die Zusammenführung meiner Familie und es ist mir scheißegal, wie beliebt diese Samantha Fields ist. Sie ist hier nur Gast, kann vielleicht in ein paar Szenen hineingeschnitten werde, aber ansonsten bleibt sie außen vor, hörst du mich?
Nick, er hörte, wie Henry am anderen Ende seufzte. Hier geht es um mehr als um dich und deine Familie, kapierst du das nicht? Hier geht es um möglichst hohe Einschaltquoten und darum, daß die Sendung Gewinne einfährt. Und Samantha Fields ist der Schlüssel dazu, ob dir das nun paßt oder nicht.
Es paßt mir nicht Henry. Und damit basta. Sie wird nicht ... ,
Oh doch, sie wird. Du bist zwar Produzent, aber nicht alleiniger Herrscher. E! wollen sie haben. Genau so wie wir. Du wirst dich fügen müssen.
Wieso will der Sender sie auf einmal haben? Verdammte Scheiße Henry, das ist immer noch mein Projekt und ich entscheide ... ,
FALSCH! Nick, denk doch mal nach. Etwas besseres kann dir doch gar nicht passieren.
Aber sie spielt falsch, verdammt noch mal. Sie ist wegen der Kohle hier und ich habe absolut keine Lust, sie darin auch noch zu unterstützen.
Und wenn dem so ist ... um so besser. Deck es auf ... am besten vor laufenden Kameras und das ganze Land wird sich diese Folge ansehen. Wir werden berühmt Mann!
Das genügte. Ohne ein weiteres Wort legte Nick auf und krampfte seine Faust um das Handy in seiner Hand. Wut wallte durch seine Adern bis er das Gefühl hatte, gleich daran ersticken zu müssen.
Verdammt, was bildeten sich diese Oberfutzis eigentlich ein? Das hier war sein Konzept, sein Herzblut, seine Familie und ganz alleine seine Sache. Er entscheid, wer wann und wo auftauchte und niemand, schon gar keine kleine, dahergelaufene, jobsuchende Versagerin würde ihm diesen Traum kaputt machen. Dafür würde er schon sorgen.