Kapitel 7
Nick versuchte, seine Wut in den Griff zu bekommen. Wie immer hatte er das Gefühl in Bezug auf seine Geschwister vollkommen versagt zu haben. Nicht nur, daß sie nicht verstanden, daß dieses Partygehabe nicht gut für sie war, sie hatten ihn auch noch beschuldigt, bereits alt und verknöchert zu sein und nicht verstehen zu können, was in der Jugend von heute vorging.
Das hatte ihn getroffen. Er war doch auch noch jung, verdammt noch mal. Doch im Gegensatz zu seinen Geschwistern hatte ein Teil von ihm sehr früh erwachsen werden müssen und anstatt froh darüber zu sein, daß hier wenigstens einer den Durchblick behielt, behandelten sie ihn, als sei er nicht ganz richtig im Kopf und ein Spielverderber.
Sein Magen knurrte, als er die Stufen zum Haus hinaufstieg und er beschloß, daß er Sam fragen würde, ob sie mit ihm Essen wollte.
Während er sich mit seinen Geschwistern stritt war ihm nämlich unvermittelt der Gedanke durch den Kopf geschossen, daß die Freundin seiner Schwester tatsächlich im Moment noch die einzig normale Person in diesem Chaos zu sein schien. Während er nun das kühle Innere des Hauses betrat nahm er sich vor, Sam ganz unvoreingenommen unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht hatte er sein Urteil zu schnell über sei gefällt, was, wie er zugeben mußte, für seinen Hitzkopf typisch war.
Er erreichte ihre Zimmertür und ohne darüber nachzudenken griff er nach der Türklinke und schob die Tür ein Stück auf. Gleich zwei Kameras surrten in seinem Rücken und er versuchte den Raum vor sich so gut es ging vor diesen neugierigen, kalten Augen abzuschirmen. Doch Samanthas Stimme, die von drinnen an sein Ohr drang, ließ ihn inne halten.
Ich weiß mein Schatz. Es tut mir wirklich leid, aber ... ich weiß es noch nicht genau.
Mein Schatz? Angel hatte gar nichts davon gesagt, daß Sam einen Freund hatte.
Aber bald. Ganz bestimmt. Im Moment bin ich dabei ... ,
Eine kurze Pause entstand und Nick wartete gespannt auf ihre nächsten Worte. Mit wem telefonierte sie und um was ging es hier? Sie klang irgendwie aufgewühlt, was er bisher so an ihr noch nicht erlebt hatte. Selbst wenn sie augenscheinlich wütend war, schien sie sich dennoch unter Kontrolle zu haben. Ein Wesenszug den er, wenn er ehrlich war, sehr an ihr bewunderte.
In diesem Moment sprach sie weiter und seine Augen weiteten sich, als er ihre nächsten Worte vernahm.
... für unsere Zukunft zu sorgen. Wenn du wieder bei mir bist, werden wir es ganz schön haben und niemand kann uns dann mehr trennen.
Für den Bruchteil einer Sekunde schwankte er zwischen der Möglichkeit, einfach in ihr Zimmer zu stürmen, ihr das Telefon zu entreißen und sie anzuschreien oder sich einfach mit einem lauten Türknallen von hier zu entfernen. Er hatte von Anfang an Recht gehabt! Von wegen sie wäre selbstlos, beherrscht und normal. Ha! Sie war auch nicht besser als alle anderen.
Im letzten Moment entschied er sich für einen unauffälligen Rückzug, schloß lautlos Sams Zimmertür und wandte sich seinen eigenen Räumlichkeiten zu. Bevor das Kamerateam hinter ihm über die Schwelle treten konnte, knallte er ihnen die Tür direkt vor der Nase zu und tigerte dann aufgebracht durchs Zimmer.
Wieder und wieder drehten ihre Worte in seinem Kopf Kreise. Hatte er sie vielleicht falsch verstanden? Aber was konnte man denn bei ich bin dabei für unsere Zukunft zu sorgen falsch verstehen?
Sie hatte sie alle herein gelegt: Angel mit ihrem Getue der besten Freundin, seine restlichen Geschwister, in dem sie so tat, als kümmere es sie wirklich, was in ihnen vorging und sie dazu brachte, die Wohnung aufzuräumen und ihn, in dem sie ihm weißmachte, sie sei ganz uneigennützig hier und wolle nur sein bestes.
Ha! Sein bestes. In Sams Fall bedeutete das wohl sein Geld und seinen Namen. Und das alles noch von jeder Menge Kameras für die Ewigkeit festgehalten.
Er ärgerte sich über sich selbst, daß er auch nur für einen Augenblick geglaubt hatte, sie sei tatsächlich das, was sie vorgab zu sein. Da zeigte sich doch mal wieder, daß er einfach auf sein Bauchgefühl hören sollte. Immer wenn er dies in der Vergangenheit nicht getan hatte und lieber auf seinen gesunden Menschenverstand oder, noch schlimmer, auf sein Herz gehört hatte, war dieser Schuß nach hinten losgegangen und hatte ihn schmerzhaft zu Boden gestreckt.
Gott sei Dank hatte er dies in Sams Fall frühzeitig bemerkt, bevor es soweit kommen konnte, daß er sie gern hatte und sie tiefer in sein Leben ließ, als gut für ihn war. Sie schien auf den ersten Blick ein vernünftiger Mensch mit Prinzipien und halbwegs realistischen Ansichten zu sein und ehe er es sich versah hatte er angefangen zu akzeptieren, daß sie sich hier aufhielt und vielleicht doch eine gute Freundin für Angel sein konnte.
Aber wenn man genauer hinsah, durchdrang sie genau die gleiche Selbstsucht, genau die selbe Habgier und Verschlagenheit, wie er sie bereits zu Genüge in seinem mehr als aufreibenden Leben erlebt hatte.
Blieb die Frage, was er jetzt gegen sie unternehmen sollte. Er mußte Angel unbedingt vor ihr warnen, bevor sie sich zu tief in diese Freundschaft einließ und am Ende hart und tief fallen gelassen wurde.
Leider konnte er dieses Vorhaben nicht sofort in die Tat umsetzen. Angel war immer noch nicht von ihrem Termin zurück und auch sein Magen verlangte immer noch nach Nahrung.
Er fuhr sich noch einmal mit den Fingern durchs Haar, blieb dann für einen Moment, die Hände weiterhin hinter seinem Kopf verschränkt, am Fenster stehen und starrte blicklos hinaus.
Ich krieg dich Sam, murmelte er, dann drehte er sich auf dem Absatz herum und begab sich, nur leidlich beruhigt, in die Küche.
Er war bereits dabei seinen Teller in die Spülmaschine zu räumen, als Sam in der Küche auftauchte. Ohne sie eines Blickes zu würdigen nahm er ein Bier aus dem Kühlschrank und verließ den Raum so schnell es ihm möglich war. In der letzten halben Stunde hatte sich seine Wut auf diese Person ein wenig gelegt, doch jetzt flammte sie lodernd und mit gleicher Stärke wieder auf.
Ein Kamerateam folgte ihm hinaus auf den Balkon, während das andere bei ihr in der Küche blieb. Unten am Pool war die Party immer noch in vollem Gange. Irgend jemand hatte Musik angemacht und das Wummern der Bässe wurde immer wieder von lautem Gelächter durchbrochen.
Er fühlte, wie er sich bereits wieder darüber zu ärgern begann, hatte aber gerade im Moment überhaupt keine Lust sich auf irgendwelche Diskussionen einzulassen. Also umrundete er das Haus und ließ sich gleich darauf auf der, dem Pool abgewandten Seite des Hauses, auf einen Stuhl fallen.
Es hätte wirklich schön hier draußen sein können. Samtene Dunkelheit hatte sich über den Wald unter ihm gelegt, eine ungeheure Anzahl an Sternen glitzerte am Himmel und der Mond war als schmale, goldgelbe Sichel am Firmament auszumachen.
Doch der Glanz der Sterne verblaßte, als einer der Kameraleute das gleißende Scheinwerferlicht einschaltete und er fühlte sich mehr denn je wie auf dem Präsentierteller. Manchmal fragte er sich tatsächlich, warum er das alles hier tat. Eigentlich hatte er gedacht, so einen Teil seines Lebens wieder in den Griff zu bekommen und gleichzeitig auch noch etwas für seine Karriere und seine Fans zu tun. Auch wenn sich das merkwürdig anhörte, aber er wollte diesen gesichtslosen Menschen da draußen zeigen, wer er wirklich war, wollte endlich mit ein paar Gerüchten und Vorurteilen aufräumen und einfach einmal ohne Maske vor der Welt stehen. Er wollte ihnen sagen seht her. Das bin ich. Ein normaler Mensch mit alltäglichen Fehlern und Schwächen.
Er versprach sich einiges davon. Persönlich und finanziell. Und auch wenn einige seiner Freunde diesen Schritt überhaupt nicht nachvollziehen konnte, so war er bisher doch davon überzeugt gewesen, das richtige zu tun. Immerhin hatte er es so tatsächlich geschafft, seine Familie an einen Ort zusammen zu bringen. Nach den vielen, fruchtlosen Versuchen der Vergangenheit grenzte dies beinahe an ein Wunder.
Doch gerade jetzt im Moment war er sich nicht mehr sicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Irgendwie wuchs ihm das alles über den Kopf und als er plötzlich leise Schritte hinter sich hörte, war er der festen Überzeugung, daß genau diese Person an dem ganzen Schlamassel schuld war.
Was willst du? knurrte er also, noch bevor Sam überhaupt den Mund aufgemacht hatte.
Ehrlich gesagt suche ich Gesellschaft, hörte er sie sagen, dann trat sie in sein Blickfeld, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ungefragt neben ihn.
Sie trug immer noch das T-Shirt von heute Nachmittag, das ihr viel zu weit war und nicht erahnen lies, welche Kurven sich darunter verbargen, doch der Strohhut war verschwunden, ihr Haar ringelte sich widerspenstig um ihr Gesicht und auf ihren Wangen zeigten sich rote Flecken.
Etwas verwundert stellte er fest, daß sie geweint hatte, was ihm wahrscheinlich ohne das erbarmungslose Licht der Scheinwerfer gar nicht aufgefallen wäre.
Ich habe aber keine Lust auf Gesellschaft, gab er trotzdem unbeeindruckt zurück.
Ihr Blick suchte seinen und zwei Kränze aus hellem Licht erschienen in ihren Brillengläsern.
Tut mir leid, murmelte sie, erhob sich wieder und schlurfte an ihm vorbei zurück zur Vorderseite des Hauses.
Warte! rief er ihr hinterher und war darüber genau so erstaunt wie sie.
Sie hielt inne und drehte sich wieder zu ihm herum.
Die Kameras nahmen sie erbarmungslos ins Visier und er wußte genau, was die Zuschauer sagen würden, wenn sie diese Einstellung zu sehen bekamen. Was macht so eine häßliche, graue Maus im Haus der Carters?
Er merkte, daß ihn diese Frage ebenfalls brennend interessierte und er beschloß, den Spieß einfach mal herum zu drehen.
Setz dich, sagte er und deutete auf den Stuhl neben sich. Wollten doch mal sehen, was aus dieser falschen Schlange heraus zu bekommen war.
Sie zögerte noch einen Moment, doch dann kam sie langsam wieder zu ihm herüber und ließ sich neben ihn auf den Stuhl sinken. In ihrer Hand tauchte plötzlich ein Weinglas auf und sie nippte langsam daran, während sie ihren Blick hinaus in die Weiten des Alls schweifen lies.
Anstrengender Tag? fragte er und versuchte seiner Stimme einen mitfühlenden Klang zu geben.
Sie zuckte mit den Schultern. Ein wenig.
Wolltest du nicht mit Angel in die Stadt fahren? Wäre doch sicherlich interessant zu sehen, wo und wie sie arbeitet.
Das war auch mein Gedanke, nickte sie aber deine Schwester war der Meinung, daß sie alleine besser klar käme.
Tja, so ist sie, nickte er. Erzähl mal, wie habt ihr euch kennen gelernt?
Ihr Blick löste sich von dem Ausblick vor ihr und wandte sich ihm zu. Er fühlte sich plötzlich schutzlos und nackt, als sich ihre ernsten Augen auf ihn richteten. Jede noch so feine Linie ihres Gesichts wurde in gnadenloses Scheinwerferlicht getaucht und leicht verwundert stellte er fest, daß sich unter diesen unmöglichen Kraut-und-Rüben-Locken tatsächlich feine Gesichtszüge und ein überraschend sinnlicher Mund befanden.
Ich habe sie in Tränen aufgelöst auf einer Parkband gefunden, erzählte sie und in Nick zog sich bei dieser Vorstellung alles zusammen.
Ihr Freund hatte ihr gerade telefonisch mitgeteilt, daß er eine andere gefunden hat und dementsprechend ... nun ja ... sie war ganz schön durch den Wind.
Nick wandte den Blick von Sam ab und starrte hinaus in die Nacht. Er erinnerte sich daran, daß Angel ihn irgendwann angerufen hatte und erzählte, daß ihr Freund sie verlassen hatte. Doch damals klang sie eher erleichtert und befreit. Er hatte jedenfalls nicht den Eindruck gehabt, daß Angel unter dieser Trennung all zu sehr litt.
Ich habe ihr erst einmal eine heiße Schokolade spendiert und sie hat mir die ganze verkorkste Geschichte erzählt. Es war irgendwie seltsam. Ich meine ... wir kannten uns überhaupt nicht, doch sie hat bereitwillig jede intime Kleinigkeit über ihn vor mir ausgebreitet. Ich weiß noch, daß ich mich damals gewundert habe, daß sie keine Freunde oder Familie zu haben schien, bei denen sie sich ausweinen konnte. Von daher ... , sie zuckte mit den Achseln.
Und dann? fragte Nick um sie zum Weiterreden zu bewegen.
Sam seufzte neben ihm leise. Ich weiß auch nicht. Ab da ... stand mein Handy kaum noch still. Ich glaube, sie braucht jemanden, an den sie sich anlehnen kann, jemanden, der ihr zuhört und ihr ab und zu mal einen Rat gibt. Ich weiß, das klingt komisch, denn du bist immerhin ihr Bruder, aber es scheint mir manchmal so, als hätte sie so jemanden noch nie gehabt. Also ich meine ... jemand er bedingungslos für sie da ist.
Sie hätte auch zu mir kommen können, murmelte er leicht gekränkt.
Ich glaube, dafür steht ihr euch zu nahe, sagte Sam zu seiner Verblüffung.
Wie meinst du das?
Naja ... wenn ich mir das hier so ansehe ... , sie schüttelte den Kopf. Ihr habt vielleicht im Moment noch keine wirkliche Ahnung davon, was in den Leben der anderen wirklich los ist und ihr habt euch sicherlich auch gefühlsmäßig irgendwie voneinander entfernt, aber trotzdem seid ihr Geschwister. Ich glaube, sie hatte Angst, daß du sie ... hm ... nicht wirklich vorurteilsfrei beurteilen würdest.
Wie klingt denn das? fragte er erschüttert. Ich bin doch kein Unmensch!
Nein, ein feines Lächeln erschien auf Sams Gesicht. Aber ein sehr schwieriger, wenn ich das mal so sagen darf.
Und du? fragte er herausfordernd.
Was ist mit mir? fragte sie zurück und er bemerkte befriedigt, daß sie unbehaglich auf ihrem Stuhl herum zu rutschen begann.
Na ja ... warum bist du hier?
Das hatten wir doch schon, oder? fragte sie und ihre Stirn legte sich in mißtrauische Falten. Ich bin hier, weil Angel mich angerufen hat und ich ihre Freundin bin.
Das glaube ich immer noch nicht, sagte er gerade heraus.
Sam verschränkte die Arme vor der Brust und wandte den Blick ab.
Glaub doch was du willst. Es ist doch egal was ich sage. Du vertraust niemandem.
Ach hier seid ihr, unterbrach plötzlich Angels Stimme ihr Gespräch und Nick ärgerte sich maßlos darüber. Er war gerade dabei gewesen, so richtig in Fahrt zu kommen und er war sich ziemlich sicher, daß er nur noch zehn Minuten gebraucht hätte um Sam winselnd vor sich zu haben.
Hey, rief Sam aus und er meinte, Erleichterung in ihrer Stimme zu hören. Wie ist es gelaufen. Erzähl!
Bei Sams Scheinheiligkeit wurde Nick richtiggehend übel und er mußte sich beherrschen, um ihr nicht einfach seine geringe Meinung über sie ins Gesicht zu schreien. Doch Angel war bereits dabei ihren Tag in allen Einzelheiten plappernd wie ein Wasserfall von sich zu geben und er brachte es dann doch nicht übers Herz seiner Schwester die gute Laune zu verderben. Er würde Sam schon noch entlarven. So viel stand fest.