Kapitel 6
Sam beobachtete von ihrem Posten oben auf dem Balkon, wie Nick zu seinen Geschwistern trat und mit verschränkten Armen vor ihnen stehen blieb. Er wirkte in diesem Moment wie der strenge Vater, der seine Kinder bei etwas verbotenem erwischt hatte und ihr taten BJ und Aaron fast ein bißchen leid.
Sie konnte verstehen, daß Nick sich Sorgen machte und seine Geschwister beschützen wollte, doch er hatte scheinbar noch nicht verstanden, daß man mit Verboten und Mahnungen nicht immer weiter kam.
Diese ganze Familie war es nicht gewohnt von jemandem gesagt zu bekommen, was sie zu tun und zu lassen hatten und reagierten nun entsprechend auf die Zurechtweisungen.
In BJs Fall mit lauten Gezeter das dem Grundtenor ich wars nicht folgte und Aaron, der ebenfalls die Arme verschränkte und sich damit auf ein Kräftemessen mit seinem älteren Bruder vorbereitete.
Sam verspürte wenig Lust, sich dieses Drama mit anzusehen, also klappte sie ihr Buch zusammen und erhob sich schwerfällig von ihrem Stuhl. Als sie in das Wohnzimmer hinein trat genoß sie für einen Moment die kühle Luft, die ihr von der Sonne erhitztes Gesicht kühlte und das weiche Gefühl des Teppichs unter ihren Füßen.
Auf dem Weg zu ihrem Zimmer stellte sie mit einem leichten Lächeln fest, daß es hier immer noch aufgeräumt war. Sicher, das meiste hatte sie alleine erledigt, aber immerhin hatte sie es im Laufe des Vormittags geschafft, Leslie und BJ dazu zu bringen, unter lautem Murren und Gequengel den Teppich zu saugen.
Aaron und Angel hatten sich währenddessen um die Hunde gekümmert, allerdings auch erst, nachdem Sam ihnen klar gemacht hatte, wie sehr die kleinen Fellbündel darunter litten, den ganzen Tag in diesem Haus eingesperrt zu sein.
So weit so gut.
Als Angel ihr dann eröffnete, daß sie diesen Termin in der Stadt hatte, wußte Sam im ersten Moment nicht, ob sie sich für Angel freuen oder verärgert darüber sein sollte, daß sie dadurch gezwungen war den Rest des Tages mit ihrer Familie alleine zu verbringen. Sie hatte sich im Stillen gefragt, warum sie überhaupt hier her gekommen war.
Seit ihrer Ankunft am gestrigen Abend hatten sie weniger als zwei Stunden miteinander verbracht. Angel hatte sie zwar herumgeführt und ihr jeden Winkel dieses riesigen Hauses gezeigt, aber private Worte waren dabei kaum gefallen. Scheinbar hielt ihre Freundin es danach eher für nötig, den Abend mit ihren Geschwistern zu verbringen, was Sam zwar auf der einen Seite verstehen konnte, sich andererseits aber auch darüber ärgerte, weil sie schließlich wegen eines dringenden Hilferufs gekommen war und jetzt immer noch nicht schlauer war als vorher.
Sie hätte gerne gewußt, was genau Angel bedrückte, wie sie die Situation in diesem Haus empfand und was sie gedachte, zu diesem seltsamen Zusammenleben beizutragen.
Sam erreichte ihr Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Sie wollte alleine sein und sich endlich wieder unbeobachtete fühlen. Immerhin hatte sie heute den ganzen Tag unter den wachsamen Augen der Fernsehkameras verbracht, auch wenn sie sich sicher war, daß zumindest heute von ihr keine wirklich interessanten Bilder zu sehen gewesen waren.
Die Schlafzimmer waren für versteckte Kameras tabu, dafür hatte wohl Nick von Anfang an gesorgt und diese Tatsache beruhigte Sam ungemein. Die Vorstellung, daß ihr Millionen von Menschen dabei zusahen, wie sie sich auszog oder morgens aussah, wenn sie aus dem Bett stieg, war ihr am schwersten im Magen gelegen.
Allerdings konnten die Kamerateams weiterhin kommen und gehen, wie es ihnen paßte. Im Moment schienen sie sich zwar alle um den Pool herum versammelt zu haben - immerhin passierte dort im Moment das medienwirksame Drama - aber es dürfte nicht sehr lange dauern, bis sie sich wieder auf Sam besannen und nach ihr suchten.
Sie hatte also nicht viel Zeit, als sie jetzt den riesigen Strohhut auf ihrer Reisetasche ablegte, ihr Handy vom Nachtisch nahm, die Menütaste drückte und die ihr so vertraute Nummer heraussuchte. Mit klopfendem Herzen lauschte sie dem Klingelzeichen und betete inständig, daß sie wenigstens heute Erfolg haben würde. Die letzten fünf Versuche waren ergebnislos geblieben. Niemand hatte am anderen Ende abgenommen, nicht einmal der Anrufbeantworter hatte sich eingeschaltet und sie vermutete zu Recht, daß dies keinesfalls ein unglücklicher Zufall war.
In diesem Moment meldete sich plötzlich eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung und Sam zuckte erschrocken zusammen.
Williams. Hallo?
Hallo Viola. Ich möchte mit Joshua sprechen, entgegnete Sam und versuchte ihrer Stimme die Verachtung nicht anmerken zu lassen, die sie für diese Frau empfand.
Sie sah sie sofort klar und deutlich vor sich: Das lange, seidig glänzende, dunkle Haar, das hübsche Puppengesicht, die glatte Haut, die großen, blauen Augen und die atemberaubende Figur.
Eigentlich kein Wunder, daß ihr Ex-Ehemann Greg sich ausgerechnet diese Frau als ihre Nachfolgerin ausgesucht hatte.
Samantha? fragte Viola überflüssiger Weise.
Wer sonst?
Joshua ist nicht da, sagte ihre Gesprächspartnerin und klang, als würde sie sich darüber freuen.
Aber es ist bereits nach acht, sagte Sam entsetzt. Ein fünfjähriger Junge sollte um diese Uhrzeit bereits seinen Schlafanzug anhaben.
Siehst du, das ist der feine Unterschied zwischen dir und uns. Wir geben Josh die Entfaltungsmöglichkeiten die er braucht.
Schwachsinn Viola, sagte Sam und sprang aufgebracht vom Bett auf. Wo ist er? Ist Greg da?
Mein Mann ist geschäftlich unterwegs, informierte sie die andere Frau und Sam hörte, wie sie sich eine Zigarette anzündete und gleich darauf den Rauch lautstark in den Hörer blies.
Sie rauchte also immer noch im Haus und Sam konnte nur den Kopf schütteln. Warum in Gottes Namen war das Gericht bisher nicht zu der Überzeugung gelangt, daß ihr Sohn es bei seiner Mutter viel besser hatte?
Wars das? fragte Viola in diesem Moment.
Ich ... , setzte Sam an, doch dann hörte sie eine vertraute Kinderstimme im Hintergrund und sofort machte ihr Herz einen glücklichen Satz in ihrer Brust, nur um sich gleich darauf vor Ärger zu beschleunigen. Diese Hexe hatte sie angelogen!
Ist das Momy? fragte Joshua.
Nein mein Schatz, das ist ... ,
Ich zeichne dieses Gespräch übrigens auf, versuchte Sam es mit einem Bluff. Du weißt, daß ich mit ihm reden darf, wann immer ich will, also gib ihn mir gefälligst.
Sie konnte das Zögern von Viola beinahe körperlich spüren und ein triumphierendes Grinsen stahl sich auf Sams Gesicht.
Das würdest du nicht wagen, knurrte Viola schließlich leise.
Laß es doch darauf ankommen, gab Sam zuckersüß zurück.
Wer ist das denn? hörte Sam ihren Sohn quengeln. Nicht Momy?
Sie hörte Viola seufzen. Doch. Hier. Fünf Minuten und danach geht es sofort ins Bett.
Momy? hörte sie gleich darauf Joshua vorsichtig fragen und eine Welle von Glückseligkeit schlug über Sam zusammen.
Hey mein Schatz. Wie geht es dir? fragte sie und versuchte die Tränen zurück zu halten, die beim Klang seiner so schmerzlich vermißten Kinderstimme ihre Kehle hinauf gekrochen kamen.
Och ... eigentlich ganz gut, sagte ihr Sohn und sie konnte deutlich hören, das dies nicht der Wahrheit entsprach. Sicherlich stand Viola direkt neben ihm und achtete argwöhnisch auf jedes Wort. Oder bildete sie sich das alles nur ein?
Erzähl mir von deinem Tag.
Ich war beim Schwimmen, sagte ihr Sohn und wirkte dabei aufgekratzt. Wenigstens etwas, was ihr Ex-Mann richtig gemacht hatte. Scheinbar hatte er tatsächlich einmal darüber nachgedacht, was seinem Sohn Spaß machen könnte.
Und? Ich nehme an, du bist allen davongeschwommen.
Jimmy Miller hat mich unter Wasser gedrückt, informierte sie Joshua und Sams Augenbrauen zogen sich mißbilligend zusammen.
Wie gemein! Und dann? fragte sie.
Ich habe ihn an den Haaren gezogen und bin an den Rand geschwommen.
Aber Josh, das macht man doch nicht, das weißt du doch. Gewalt nützt niemandem. Du hättest es deiner Lehrerin sagen sollen.
Ich weiß Mom. Aber Jimmy ist so ein Ekelpaket ... ,
Sam mußte gegen ihren Willen Grinsen. Ein Ekelpaket also, ich verstehe.
Ja! Er hat Lynnie gestern einen Frosch in ihren Rucksack getan und sie hat ganz laut geschrieen bis Miss Tombland gekommen ist und ihn rausgeholt hat.
Ach du meine Güte, grinste Sam und schüttelte den Kopf. Sie vermißte ihren Sohn in diesem Moment so sehr, daß sich alles in ihr schmerzhaft zusammen zog. Sie verpaßte die wichtigste Zeit seines Lebens und diese kurzen Telefonate waren bei weitem kein Ersatz dafür.
Moooom ..., fragte er jetzt und flüsterte dann wann kommst du mich denn holen? Hier ist es doof.
Ich weiß mein Schatz. Es tut mir wirklich leid, aber ... ich weiß es noch nicht genau, antwortete Sam wahrheitsgemäß und schluckte hart. Aber bald. Ganz bestimmt. Im Moment bin ich dabei ... , ja was eigentlich? Sollte sie ihrem Sohn sagen, daß sie sich unter die wachsamen Augen von dutzenden von Fernsehkameras begeben hatte, nur um das Geld für den nächsten Gerichtstermin zusammen zu bekommen? Keine Information, die ein fünfjähriger gebrauchen konnte beschloß sie.
... für unsere Zukunft zu sorgen. Wenn du wieder bei mir bist, werden wir es ganz schön haben und niemand kann uns dann mehr trennen.
Ihr Sohn schwieg einen Moment, dann hörte sie ihn erneut leise in ihrem Ohr. Viola hat mich gestern gehauen, sagte er und seine Stimme zitterte dabei gefährlich.
WAS? Sam war entsetzt.
Ich habe die Milch verschüttet. Das ist aber auch doof in diesen komischen Beuteln und dann hat sie gesagt, ich wäre genau so ein Versager wie meine Momy und hat mich gehauen.
Sam konnte es einfach nicht fassen. Was fiel dieser dämlichen, strunzdummen Person eigentlich ein? Nur weil sie ihren Ex-Mann geehelicht hatte hieß das noch lange nicht, daß sie sich an ihrem Sohn vergreifen konnte.
Was ist ein Versager Momy? hörte sie Josh weiter plappern.
Joshua! Zeit fürs Bett, hörte sie nun Viola im Hintergrund. Das laute Klappern ihrer Absätze verriet Sam, daß sie scheinbar ihren Sohn doch kurz alleine gelassen hatte.
Okay Joshua. Ich werde mit ihr reden, okay? Das wird sie nicht noch einmal machen und ich rufe dich ganz bald wieder an, in Ordnung?
Ich will aber zu dir, hörte sie Joshua sagen und das leise Schluchzen, daß seine Worte begleitete, schnitt ihr direkt ins Herz.
Ich weiß mein Schatz. Denk immer daran ... ich bin ganz nahe bei dir. Immer. Ich denke jeden Tag an dich und ganz bald sind wir wieder zusammen und niemand kann uns dann wieder trennen. Hörst du?
Hm, murmelte er wenig überzeugt und schniefte leise.
Ich weiß, du bist der tapferste Krieger, der mir jemals begegnet ist. Gib mir noch ein bißchen Zeit, ja? Ich liebe dich. Mehr als alles andere auf der Welt.
Mehr als Spaghetti? fragte Joshua, der sich scheinbar nicht vorstellen konnte, daß man irgend etwas mehr lieben könnte.
Tausendmal mehr als Spaghetti, lächelte Sam unter Tränen.
Ich hab dich auch tausendmal mehr lieb, sagte Joshua noch, dann hörte Sam, wie ihm gewaltsam der Hörer entrissen wurde.
Jetzt ist aber genug. Abmarsch ins Bett. Wie siehst du überhaupt wieder aus? Geh und wasch dich. Ich komme gleich um dich zuzudecken.
Das kann ich schon alleine! hörte sie Joshau ärgerlich rufen und gleich darauf vernahm sie das Tapsen seiner nackten Füße auf dem Fliesenboden, die sich immer weiter vom Telefon entfernten.
So! Bist du jetzt zufrieden? Du hast Josh zum Weinen gebracht und ich werde wieder Ewigkeiten brauchen, bis er sich beruhigt hat.
Du mieses Biest! giftete Sam in den Hörer. Wage es noch einmal dich an meinem Sohn zu vergreifen dann ... ,
Was dann? fragte Viola und sie konnte das gehässige Grinsen auf deren Gesicht beinahe vor sich sehen. Du kannst dir doch noch nicht einmal den Flug hierher leisten. Das Lachen, das diesen Ausspruch begleitete, brachte Sam endgültig aus der Fassung.
Ich schwöre dir, ich bringe dich um wenn du ihm irgend etwas tust. Ich werde ... ,
Doch Viola unterbrach sie. Ja, ja. Schon klar. Machs gut.
Und gleich darauf vernahm Sam nur noch das gleichmäßige Tuten des Freizeichens.