Kapitel 5
Nick lenkte den Wagen geschickt durch die Serpentinen, die den Berg hinunter in die Stadt führten. Gedanklich war er allerdings mit etwas ganz anderem beschäftigt.
Was fiel dieser Person eigentlich ein, sich in seinem Haus breit zu machen und ungefragt das Kommando zu übernehmen? Das war seine Sache. Und die Sache von Aaron, BJ, Leslie und Angel. Sam hatte dort nichts zu suchen. Sie brachte alles durcheinander und ihn dazu, sich schuldig zu fühlen. Verdammt!
Klar ... das mit dem Kühlschrank war bitter nötig gewesen. Er hatte selbst schon ein paar Mal daran gedacht die Lebensmittel nach ihrem Verfallsdatum durchzusehen, aber immer war etwas anderes dazwischen gekommen. Und jetzt hatte Sam ihm Schlamperei vorgeworfen.
Noch schlimmer, sie hatte sich um die Hunde gekümmert und die Küche tatsächlich in einen einigermaßen vorzeigbaren Zustand versetzt. Und das alles in weniger als ... nun ja ... zwei Stunden?
Er hätte das auch sehr gut alleine hingekriegt, wenn er nur mehr Zeit hätte. Vielleicht sollte er Angel mal fragen, was Sam eigentlich beruflich machte. Von Luft und Liebe konnte schließlich kein Mensch leben.
Oder von der Dämlichkeit eines Popstars flüsterte eine Stimme in seinem Kopf und er war nur zu gerne bereit, dieser Stimme Glauben zu schenken. Es passierte selten, daß er sich in diesem Punkt in einem Menschen irrte und wenn, dann fiel er meist sehr tief und hart. Er wollte Angel diese Erfahrung ersparen. Sie konnte niemanden an ihrer Seite gebrauchen, der sie nur ausnutzte. Punkt.
Mittlerweile hatte er die Innenstadt erreicht und verdrängte die Gedanken an Sam und das Chaos in seinem Haus in den hintersten Winkel seines Bewußtseins. Er hatte einen Job zu erledigen und dabei konnte er diese trübsinnigen Gedanken einfach nicht gebrauchen.
Als er auf den Parkplatz vor dem Studio vorfuhr, hatte er sich bereits von der Vergangenheit ab- und der Zukunft zugewandt. Während er aus dem Wagen stieg und ihn abschloß, summte er leise eine Melodie vor sich hin. Sie hatten gestern erst mit dem neuen Song angefangen und er spürte dieses eigentümliche Prickeln, wenn er neues Material hörte und sofort wußte, daß es ihn gepackt hatte. Er wollte diesen Song. Unbedingt.
Immer noch vor sich hinsummend zog er die schwere Feuertür auf, die in einen dämmrigen Eingangsbereich führte. Über einen kurzen Flur gelangte er zu einer Glastür, ging hindurch und durchquerte dann die kleine Lobby mit dem Empfangstresen aus poliertem Holz. Ein weiterer Flur schloß sich im hinteren Teil an, an dessen Ende eine unscheinbare Tür in das eigentliche Studio führte.
Das hier war sein Reich. Hier konnte er kommen und gehen wann er wollte, die Musik so laut aufdrehen, bis ihm beinahe der Schädel platzte und seine gesamten Emotionen in Form von Texten und Melodien aus sich heraus lassen. Nirgendwo sonst fühlte er sich so frei wie in diesem kleinen, fensterlosen Raum, der jetzt nur notdürftig erhellt wurde, als er eine kleine Schreibtischlampe über dem Mischpult anknipste.
Mit geübten Bewegungen schaltete er die unzähligen technischen Geräte und Computer ein und ließ sich dann seufzend in einen bequemen Ledersessel fallen. Mit ein paar schnellen Klicks der Maus startete er ein Programm und drehte die Musik dann langsam immer lauter, bis ihn der Beat komplett auszufüllen schien. Sein leises Summen ging im Wummern des Basses unter und ganz langsam entspannten sich sein Körper und sein Geist um das heraus zu lassen, was tief in ihm schlummerte.
Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, als er sich auf den Rückweg machte. Sie waren ein gutes Stück mit dem Song voran gekommen und er fühlte sich glücklich und zufrieden. Manchmal war dieser Prozeß, wenn sich langsam die einzelnen Puzzleteile an den richtigen Platz schoben, besser als Sex. Weniger schmerzhaft, weniger hinterhältig einfach freier und befriedigender.
Als er in die Auffahrt zu seinem Haus einbog, holte ihn die Realität allerdings langsam aber sicher wieder ein. Leicht angespannt fragte er sich, was ihn zu Hause wohl erwartete. Würde er direkt in ein Streitgespräch platze? Oder hatten sich seine Geschwister einen schönen Tag gemacht und damit sämtliche ihrer Pflichten und Aufgaben vergessen? Wahrscheinlich war das Haus voller Leute, der Alkohol floß in Strömen und keiner würde auf ihn hören wenn er ihnen versuchte zu erklären, daß dies nichts mit dem wahren Leben zu tun hatte.
Klar, er feierte auch gerne und ausgiebig, aber er hatte bei einem seiner engsten Freunde miterleben müssen was es hieß, sich selbst zu überschätzen. Seitdem ließ er es ein bißchen langsamer angehen und er hoffte, daß er das in nächster Zeit auch seinen Geschwistern würde klar machen können.
Er stellte den Wagen ab und ging das kurze Stück zur Eingangstür hinüber. Als er diese aufschloß wappnete er sich innerlich gegen das Schlimmste. Doch soweit er hören konnte, war drinnen alles still.
Als erstes kamen ihm die Hunde entgegen gerannt und für eine kleine Weile war er damit beschäftigt sie ausgiebig zu streicheln und sie kurz zu begrüßen. Gleich darauf tauchte auch das erste Kamerateam auf. Sie folgten ihm, während er sich zu erst Richtung Wohnzimmer wandte, das Eßzimmer durchquerte und dann einen Blick in die Küche warf. Nichts. Noch nicht einmal Unordnung, Dreck oder Durcheinander. Er war im höchsten Maße alarmiert.
Mit Nachdruck schob er die Glastür zurück, die hinaus auf den Balkon führte. Er zog sich um das gesamte Haus herum und man konnte von hier oben direkt auf den Pool und den angrenzenden Garten hinunter sehen. Schon von weitem hörte er das Platschen im Wasser und mehrere Stimmen, die sich lautstark unterhielten. Er trat an die Brüstung heran und blickte nach unten.
Das Wasser glitzerte aquamarin in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne und mindestens fünf Personen hielten sich im Moment darin auf. Die Liegen, die den Pool umstanden waren ebenfalls besetzt. Dazwischen konnte er BJ und Aaron ausmachen, die mit einer Gruppe Mädchen zusammen saßen und gerade lauthals über irgend etwas lachten.
Angel, Leslie und Sam suchte er vergebens. Er hoffte, daß Letztere ihre Drohung wahr gemacht und abgereist war und betete inständig, daß Angel ihr nicht gefolgt war.
Hey Bruderherz, ertönte es plötzlich von unten. Aaron hatte ihn entdeckt und winkte zu ihm herauf.
Hey. Kleine Party? rief Nick zurück.
Aaron breitete die Arme aus und grinste breit. Die Mädels können mir eben nicht widerstehen.
Hör auf zu träumen du Zwerg, lachte BJ, wofür sie von ihrem Bruder einen ordentlichen Hieb auf das Knie verpaßt bekam. Sofort war eine kleine Rangelei im Gange die damit endete, daß BJ und Aaron kreischend und vollbekleidet im Pool landeten.
Nick schüttelte mißbilligend den Kopf. Genau so hatte er sich das vorgestellt: Die halbe Stadt amüsierte sich auf seine Kosten und BJ und Aaron befanden sich mittendrin.
Wo sind Leslie und Angel, versuchte er sich bei seinen beiden Geschwistern Gehör zu verschaffen, doch die waren zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig unter Wasser zu drücken.
Himmel! Kann mir irgend jemand sagen ... , setzte er erneut an, diesmal mit einer gehörigen Portion Wut in der Stimme.
Leslie ist bei ihrem Freund und Angel hatte einen Termin für ein Fotoshooting, hörte er plötzlich eine Stimme von rechts und zu Tode erschrocken fuhr er herum.
Sam saß auf einem Stuhl, die Beine auf einen anderen gelegt und hielt ein Buch in den Händen. Auf ihrem Kopf thronte ein riesiger Strohhut, ihre Nase war von der Sonne krebsrot verbrannt und die Gläser ihrer Brille spiegelten so sehr, daß er ihre Augen nicht erkennen konnte.
Du bist ja immer noch hier, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust.
Das hast du deiner Schwester zu verdanken, sagte sie und senkte den Kopf um sich wieder in ihr Buch zu vertiefen.
Was hat sie dir denn gezahlt? fragte er und machte angriffslustig zwei Schritte auf sie zu.
Gezahlt? fragte sie stirnrunzelnd zurück.
Tu doch nicht so scheinheilig, sagte er und machte einen weiteren Schritt in ihre Richtung. Du bist doch nicht aus purer Nächstenliebe hier.
Er hatte voll ins Schwarze getroffen, das sah er daran, wie sie den Kopf zwischen die Schultern zog und das Buch wie ein Schutzschild gegen ihre Brust drückte.
Eines der Kamerateams tauchte hinter ihr auf und nahm ihn ins Visier.
Ich bin hier, weil mich Angel darum gebeten hat, sagte sie mit ruhiger Stimme.
Schon klar, schnaubte er.
Nick, ich habe keine Ahnung, was in deinem Kopf vorgeht, aber eines kannst du mir glauben: Wenn ich Angel nicht so gern hätte, wäre ich schon lange weg. Ich meine ... , sie schüttelte den Kopf und deutet über die Brüstung hinunter zum Pool. Sieh dir das an. Das geht seit heute mittag so. Und ungefähr alle halbe Stunde klingelt es erneut an der Tür und es kommen noch mehr. Ich habe ja nichts dagegen ... immerhin ist es ja ihr zu Hause, aber wenn du mich fragst ... ,
Dich fragt aber keiner, unterbrach er sie.
Sie stutzte einen Moment, schüttelte dann den Kopf und widmete sich wieder ihrem Buch.
Nick starrte sie noch eine Weile an, weil er dachte, daß sie ganz bestimmt noch etwas sagen würde. Sie würde es auf einen Streit anlegen, oder sich bei ihm entschuldigen, oder ihm Vorhaltungen machen oder ... doch nichts dergleichen geschah. Sie las ruhig und friedlich in ihrem Buch und tat im Übrigen so, als sei er überhaupt nicht da.
Er warf erneut einen Blick über die Balkonbrüstung. Aaron stieg gerade aus dem Wasser, streckte BJ eine Hand entgegen um ihr hinaus zu helfen und ließ dann im letzten Moment los, so daß sie mit einem lauten Platschen zurück ins Wasser fiel.
Nick mußte unwillkürlich kichern. Genau das hätte er auch getan.
Er hörte Sam unter ihrem ausladenden Sonnenhut etwas murmeln und gereizt fuhr er wieder zu ihr herum.
Was hast du gesagt?
Sie hob den Kopf und nun konnte er auch endlich ihre Augen sehen. Sie wirkten müde und es lag ein trauriger Zug darum.
Ich sagte, es muß schön sein seine Familie bei sich zu haben.
Verblüfft starrte er sie mit offenem Mund an.
Ja, das ist es ... manchmal, gab er zu und entlockte Sam damit ein feines Lächeln.
Nur manchmal? fragte sie und das Lächeln wurde breiter.
Naja ... , Sein Blick wanderte wieder hinunter zu BJ und Aaron. Sie sind eben meine Geschwister. Ich liebe sie. Alles andere bekommen wir auch noch in den Griff.
Das ist gut, nickte sie.
Und genau deshalb ... , er biß sich auf die Unterlippe und schluckte den Rest, der ihm auf der Zunge lag hinunter.
... willst du mich nicht hier haben, vollendete sie seinen Satz.
Er nickte.
Das verstehe ich sogar. Aber es war Angels Entscheidung und nicht deine. Du solltest ihnen ab und zu einfach vertrauen.
Von unten erscholl ein markerschütternder Schrei und Sam und Nick stürzten beide gleichzeitig an das Geländer. Aaron hing zwischen zwei hochaufgeschossenen Kerlen und zappelte mit den Füßen, während sie ihn auf BJs Geheiß langsam Richtung Pool schleppten. Sie hielt ein Glas in den Händen, aus dem die letzten Tropfen irgendeiner Flüssigkeit tropfte.
Ich wußte gar nicht, daß Eiswürfel so etwas auslösen können, sagte Sam neben Nick nachdenklich.
Glaub mir, nickte er wissend. Das ist noch viel schlimmer, als es sich eben angehört hat.
Sie sahen sich für einen Moment an, dann brachen sie gleichzeitig in Gekicher aus.
Er hat es bestimmt verdient, gluckste Sam.
Worauf du wetten kannst.
Das amüsierte Gekicher steigerte sich nach und nach in haltloses Gelächter. Mittlerweile konnte Nick kaum noch an sich halten. Sein Lachen hallte laut über den Garten und er mußte sich den Bauch halten, weil er bereits begann zu schmerzen. Er konnte noch nicht einmal sagen, warum er so sehr lachen mußte, aber es fühlte sich befreiend an.
Der Gedanke, daß diese Sam vielleicht doch gar nicht so übel war wie er erst gedacht hatte, schoß ihm plötzlich durch den Kopf. Während er sie dabei beobachtete, wie sie sich verstohlen einige Lachtränen von der Wange wischte, kam sie ihm nicht mehr wirklich bedrohlich vor und er fragte sich, warum er eigentlich so heftig auf sie reagiert hatte. Schließlich hatte sie ihm doch eigentlich nichts getan.
Doch diese unerwartete Erkenntnis sollte bedauerlicher Weise nicht sehr lange anhalten.