Kapitel 4

Als Samantha schließlich wieder das Haus erreichte, herrschte immer noch eine gespenstige Stille. Sie löste die Leinen der Hunde und machte sich dann auf den Weg in die Küche. Als sie das Wohnzimmer betrat blieb ihr beinahe das Herz stehen. Zwei der Kamerateams hatten sich auf die Sofas gefläzt und schienen noch halb zu schlafen. Als sie Sam nun bemerkten standen sie auf und hoben wie auf Kommando ihre Kameras auf die Schulter.
„Guten Morgen,“ grüßte Sam höflich und wurde augenblicklich nervös, als ein kleines, rotes Lämpchen verkündete, daß die Kameras nun eingeschaltet waren und jeden ihrer Schritte dokumentierten.
„Tun sie einfach so, als wären wir nicht da,“ riet ihr einer der Kameraleute. Sie nickte, auch wenn sie ihnen am liebsten gesagt hätte, daß sie sie in Ruhe lassen sollten.
Während sie das chaotische Wohnzimmer durchquerte fiel ihr wieder ein, was Angel ihr gestern gesagt hatte. Die mobilen Kameras waren nicht die einzigen Aufnahmegeräte in diesem Haus. Ärgerlich über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Nur weil man etwas nicht sehen konnte hieß es noch lange nicht, daß es nicht da war. Und das traf auf die versteckten Kameras in jedem der zehn Zimmer genau so zu, wie auf die Carter Familie, die im Moment noch friedlich schlief.
In der Küche angekommen hielt sie einen Moment inne. Während sie sich mit in die Hüften gestemmten Händen einen Überblick verschaffte, rang sie mit sich, ob sie hier aufräumen oder dies lieber ihren Gastgebern überlassen sollte. Sie wollte nicht, daß die fünf sich daran gewöhnten, das mit Sam so etwas ähnliches wie eine unbezahlte Putzfrau hier eingezogen war.
Andererseits ... wenn sie darüber nachdachte, daß sie hier ebenfalls Mahlzeiten zu sich nehmen und Geschirr, Besteck und Lebensmittel aus diesem Raum benutzten mußte, fühlte sie leichte Übelkeit in sich aufsteigen.
„Okay,“ sagte sie leise zu sich selbst. „Nur dieses eine Mal.“
Und damit machte sie sich an die Arbeit.

Sie hatte bereits die Hunde gefüttert, auf der Suche nach dem Hundefutter das meiste des Kühlschrankinhaltes in den Mülleimer befördert und so etwas wie eine Grundordnung wieder hergestellt. Die Spülmaschine lief bereits zum zweiten Mal, während sich Töpfe, Pfannen und andere Kleinigkeiten neben dem Spülbecken stapelten.
Sam tauchte gerade den ersten Topf in das warme Spülwasser, als Leslie müde blinzelnd und mit zerzausten Haaren in die Küche getapst kam.
„Guten Morgen,“ murmelte sie, ging an Sam vorbei und öffnete den Kühlschrank.
Während sie einen Kanister Milch heraus nahm fragte sie verwundert „was ist denn mit dem Kühlschrank passiert? Da ist ja nix mehr drin.“
„Alles andere war verdorben oder ungenießbar,“ informierte sie Sam und fuhr ruhig fort, das Geschirr zu spülen.
Leslies Blick glitt vom Kühlschrank zum Mülleimer.
„Du hast das einfach so weggeworfen?“ fragte sie mit gerunzelter Stirn und drehte sich dann zu Sam herum.
Ein weiteres Kamerateam betrat in diesem Moment rückwärtsgehend die Küche, gefolgt von einem mißmutigen Nick, der noch dabei war, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben.
Als er Sam und Leslie in der Küche entdeckte, grüßte er kurz mit einem Kopfnicken und lehnte sich dann mit verschränkten Armen gegen die Arbeitsplatte. Sein Blick huschte kurz über den Schaumberg im Spülbecken, dann hinüber zu Leslie und blieb schließlich am Mülleimer hängen.
„Was ... ?“ sagte er verständnislos und trat etwas näher heran.
„Leslie? Bist du verrückt?“ rief er sofort und deutete anklagend auf die Lebensmittel in der großen, schwarzen Plastiktüte. „Das sind bestimmt Lebensmittel im Wert von 200 Dollar!“
„Sag das nicht mir sondern ihr,“ sagte Leslie und zeigte vorwurfsvoll mit dem ausgestreckten Arm auf Samantha, die bisher weiterhin schweigend das Geschirr gespült hatte.
Sie spürte, wie Ärger in ihr aufstieg. Wenn Nick jetzt ein falsches Wort sagte, würde sie ihre Sachen packen und hier verschwinden. Anstatt sich hier über weggeworfene, verdorbene Lebensmittel aufzuregen, könnten sie ihr ruhig beim Spülen zur Hand gehen. Aber wahrscheinlich war das für diese „Stars“ zu viel verlangt.
„Sam?“ sagte Nick nun und schaffte es, ihren Namen wie eine Anklage klingen zu lassen.
„Nick?“ fragte Sam zurück, während sie eine Pfanne auf das Abtropfbett stellte, ein sauberes Geschirrhandtuch aus dem Hängeschrank nahm und es Leslie entgegen streckte. Doch diese dachte gar nicht daran, es in Empfang zu nehmen, sondern verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
„Warum wirfst du das alles weg? Geht’s dir noch ganz gut?“
„Hast du mal auf das Verfallsdatum gesehen?“ fragte Sam, während sie das Geschirrhandtuch frustriert zur Seite legte und sich wieder dem Spülbecken zuwandte. „Teilweise kommen dir die Sachen schon von alleine entgegen gelaufen. Wenn du davon noch was essen willst ... nur zu.“
„Aber ... das kann doch gar nicht sein ... ,“ sagte Nick und warf noch einmal einen genauen Blick in den Mülleimer.
„Doch kann es und falls es nicht zu viel verlangt ist, könnte mir hier ruhig mal jemand helfen,“ sagte Sam und unterdrückte nur mühsam die Wut, die in ihr aufstieg.
„Das kann Leslie machen, ich habe noch einen Termin,“ sagte Nick knapp und hatte die Küche schon halb durchquert.
„Schon klar!“ brüllte ihm Leslie hinterher. „Für wen hältst du dich eigentlich, ... ,“ sie folgte ihrem Bruder aus der Küche und Sam schüttelte den Kopf.
„Schlimmer wie Kleinkinder,“ hörte sie sich murmeln und zuckte dann erschrocken zusammen als ihr wieder einfiel, daß sie hier nicht alleine war und jedes ihrer Worte aufgezeichnet wurde.
Als nächstes tauchte Aaron auf. Er wirkte noch verschlafener als Nick und brachte nur ein undeutliches Gemurmel heraus, als er an Sam vorbei ging und die Kühlschranktür öffnete.
„Wow, da hatte aber jemand Hunger heute Nacht,“ murmelte er und goß sich gleich darauf ein Glas Milch ein.
Sam schüttelte genervt den Kopf.
„Hier,“ sagt sie, griff nach dem Geschirrhandtuch und streckte es ihm auffordernd entgegen. „Mach dich nützlich, dann gibt es vielleicht auch Frühstück.“
„Wer braucht schon Frühstück?“ fragte Aaron achselzuckend und trollte sich dann aus der Küche.
Den Blick gen Decke gerichtet blieb Sam zurück und begann ganz langsam von zehn rückwärts zu zählen. Ihr Plus raste, ihr Herzschlag hatte sich verdreifacht und am liebsten hätte sie dieses ganze Haus in klitzekleine Stücke gehauen. Was bildeten sich diese arroganten Schnösel eigentlich ein?
„Guten Morgen Sam,“ hörte sie es plötzlich hinter sich und spürte gleich darauf, wie sich Angels lange Arme von hinten um ihre Taille legten.
„Was soll an diesem Morgen bitte schön gut sein?“ fragte Sam, immer noch aufgebracht und wandte sich ihrer Freundin zu.
„Oh, oh. Was ist los?“ fragte diese.
„Das erzähle ich dir, wenn du mir mit dem verdammten Geschirr hilfst,“ sagte Sam und wedelte nun schon zum dritten Mal an diesem Morgen mit dem Geschirrhandtuch in ihrer Hand.
Sie sah sofort, daß Angel rein gar nichts von ihrem Vorschlag hielt, doch ein Blick in Sams funkensprühenden Augen belehrte sie scheinbar eines besseren. Zögerlich griff sie nach dem Handtuch und stellte sich neben Sam an die Spüle.
„Also?“ fragte sie, während sie nach dem ersten Topf griff.
„Deine Geschwister haben mich erst angemacht, daß ich euren Kühlschrank von diesen lebenden Schimmelkulturen befreit habe und haben sich dann verdrückt als es ums Spülen ging. Könntest du ihnen vielleicht mal begreiflich machen, daß zum Zusammenleben auch so etwas wie haushaltliche Pflichten und eine gewisse Ordnung gehören?“
„Ich würde ja jetzt sagen, du klingst wie meine Mutter, aber wie wir beide wissen ... ,“ setzte Angel an und ein breites Grinsen erschien auf ihrem Gesicht.
„Angel wirklich, das ist nicht lustig. Wie wollt ihr zusammen leben, wenn sich jeder vor der Arbeit drückt?“
„Komm’ schon Sam. Sei nicht so streng. Es wird sich schon jemand erbarmen.“
„Klar. Ich!“
„Niemand hat dich darum gebeten,“ tönte es plötzlich von links und als Sam aufsah, stand Nick im Durchgang zum Eßzimmer und funkelte sie angriffslustig an.
Er hatte sich umgezogen, trug Jeans und ein weißes Hemd und wirkte einigermaßen wach. Für einen Moment blieb Sams Blick an seinen blauen Augen hängen, die, durfte man den Klatschspalten glauben, mehr als einmal zu einem beziehungstechnischen Fiasko geführt hatten. Ohne Frage ... er war attraktiv und strahlte eine gewisse Stärke aus. Gleichzeitig schien er aber auch ein solcher Kotzbrocken zu sein, daß Sam sich nicht erklären konnte, wie überhaupt eine Frau auf ihn hereinfallen konnte.
„Wenn ich es nicht mache, macht es gar keiner,“ gab Sam also zurück. „Ich wollte euch lediglich mit gutem Beispiel voran gehen. Ich dachte, wenn ihr seht, daß der Gast sich bemüht, werdet ihr vielleicht auch kooperativer.“
„Du sagst es. Du bist hier Gast. Also misch dich nicht in unsere Angelegenheiten ein.“
„Nick!“ fuhr Angel auf und schlug mit dem Geschirrhandtuch nach ihrem Bruder. „Wir können froh sein, daß Sam hier ist.“
„So?“ Nick zog in gespielter Verblüffung die Augenbrauen hoch. „Da bin ich anderer Meinung.“
Sam schloß für einen Moment die Augen. Niemand konnte ihr so viel Geld zahlen, um sich diese Beleidigungen noch länger an zu hören. Sie wollte gerade den Spüllappen ins Becken werfen und ihre Sachen packen gehen, als Nick bemerkte „ich werde jetzt noch mit meinem Hund raus gehen und dann bin ich weg.“
„Die Hunde waren schon draußen und sind gefüttert,“ informierte ihn Sam, während sie sich die Hände abtrocknete und sich zu ihm herum drehte.
„Was?“ Er schien verblüfft.
„Ja. Sie hatten zwar bereits ihr Geschäft im Flur verrichtet, aber ein bißchen Bewegung hat ihnen sicherlich gut getan.“
„Oh ... ,“ er wußte scheinbar nicht, was er sagen sollte.
„Sonst noch etwas?“ fragte sie herausfordernd und reckte das Kinn in die Höhe.
„Uhm ... nein,“ er schüttelte den Kopf.
„Gut, dann werde ich mal meine Sachen packen ... ,“
„Bleib hier,“ sagte Angel und faßte sie am Arm. „Du kannst nicht gehen. Bitte.“
„Aber ... ,“ setzte Sam an.
„Ich werde dann mal,“ zog sich Nick geschickt aus der Affäre und gleich darauf hörte Sam, wie hinter ihm die Haustür ins Schloß fiel.
Sam seufzte abgrundtief. Sie mußte hier raus und das ganz schnell.

Kapitel 5