Kapitel 3

Samantha erwachte früh am nächsten Morgen. Angel hatte ihr das Gästezimmer zugewiesen, das recht winzig aber mit einem eigenen Bad ausgestattet war. Durch einen schmalen Spalt zwischen den orangenen Vorhängen drang das erste Tageslicht und kitzelte Sam in der Nase. Sie konnte kaum glauben, dass sie diese endlos lange Nacht endlich überstanden hatte.
Bis weit nach Mitternacht drang aus Aarons Zimmer laute Musik, bis irgendwann die sich überschlagende Stimme von Nick durch das Haus schallte und keine fünf Minuten später die Musik erstarb. Man hörte lautes Brüllen und das Schlagen von Türen, dazwischen die hohe Stimme von B.J. die irgendetwas zu diesem Streit beizutragen hatte, bis es endlich wieder still wurde.
Danach hatten immer mal wieder die Hunde an ihrer Tür gescharrt, doch sie hatte sich geweigert aufzustehen und sie herein zu lassen.
Als sie sich jetzt müde auf die Seite drehte war ihr klar, dass sie nicht wieder würde einschlafen können. Ihr Gehirn hatte seine Tätigkeit bereits aufgenommen und während sie sich gedanklich mit diesem Irrenhaus beschäftigte, in das sie so unvermittelt hineingeraten war, schlug sie die Decke zurück und setzte sich leise ächzend auf.
Wieder lag ein endlos langer Tag vor ihr. Ein weiterer Tag ohne Joshua. Sie stand auf, umrundete das Bett und zog ihre Reisetasche zu sich heran. In einem Seitenfach fand sie sein Foto in einem schlichten Silberrahmen und mit einem leisen Lächeln berührte sie sein Gesicht.
„Guten Morgen,“ flüsterte sie und ließ sich dann mit der Fotografie in ihren Hände noch einmal auf das Bett sinken.
Sein kleines Gesichtchen lächelte ihr entgegen, in den Händen hielt er einen grünen Bagger, den er damals am liebsten mit in sein Bett genommen hätte und der kleine Wirbel auf seinem Hinterkopf lies seine Haare in die Höhe stehen. Das Bild war vor einem Jahr entstanden. Damals war Samanthas Welt bereits dabei zu bröckeln, doch sie hätte niemals gedacht, dass alles so schnell in sich zusammen stürzen würde.
Sie vermisste ihren Sohn mit jeder Faser ihres Körpers. Es war einfach unnatürlich, dass ein Kind nicht bei seiner Mutter aufwuchs, sondern bei seinem Vater im fernen Boston weilte.
Doch im Moment ließ sich daran leider nichts ändern. Sie konnte die Anwaltskosten für den Sorgerechtsstreit nicht bezahlen und ohne Job hatte sie sowieso keine Chance. Sie seufzte verhalten. Irgendwie würde sie es schaffen. Sie musste einfach.
Sie verstaute das Foto wieder in ihrer Reisetasche und begab sich dann ins Badezimmer. Sie musste nur noch ein bisschen hier ausharren, dann konnte sie zumindest die nächsten Schritte in Angriff nehmen. Allerdings war sie sich nicht ganz sicher, ob sie dieses Chaos hier tatsächlich noch so lange ertragen konnte.

Als sie wenig später hinaus in den langen Flur trat, war es im Haus noch totenstill. Sicherlich war sieben Uhr morgens nicht unbedingt die aktive Zeit dieser seltsamen Familie und auch die Kamerateams schienen noch nicht auf den Beinen zu sein. Aus den tiefen des Hauses hörte sie das Getrappel von kleinen Pfoten auf sich zukommen und gleich darauf kamen Leyla und AC um die Ecke gebogen.
„Guten Morgen ihr zwei,“ sagte Sam leise, während sie in die Hocke ging und die beiden abwechselnd hinter den Ohren kraulte.
Ihr Blick schweifte den Gang hinunter und leicht angewidert rümpfte sie die Nase. Zwei kleine Hundehaufen lagen mitten im Flur.
„Na, wer von euch hat es nicht aushalten können, hm?“ fragte sie.
Die beiden Hunde sahen sie an, als hätten sie jedes Wort verstanden, trauten sich aber nicht, mit der Pfote auf den Schuldigen zu zeigen.
Also machte Sam sich auf den Weg in die Küche. Das Wohnzimmer sah aus, als hätte eine Horde Wilde darin gehaust. Die Kissen waren von der Couch gefegt, Flaschen, Gläser und benutzte Teller standen auf dem Boden und auf dem Couchtisch und eine Spielekonsole lag vor dem großen Fernseher umgekippt auf dem Boden.
Sam schüttelte den Kopf, registrierte im Vorbeigehen, dass der Esstisch auch nicht viel besser aussah und betrat dann die Küche.
„Mann, Mann, Mann,“ murmelte Sam. Es war ihr unbegreiflich, wie die fünf in diesem Saustall leben konnten.
Sie machte einen großen Bogen um den überfüllten Mülleimer, neben dem sich bereits der Unrat auf dem Boden stapelte und griff mit spitzen Fingern nach der Küchenrolle.
Wenig später hatte sie die Hinterlassenschaften der Hunde beseitigt und zwei Müllsäcke mit Getränkekartons, Essensresten und Verpackungsmaterial gefüllt, während sich sämtliche Hunde um sie herum eingefunden hatten und begeistert jeden ihrer Schritte verfolgten. Schließlich suchte Sam aus einem bunten Sammelsurium von Leinen und Halsbändern an der Haustür fünf passende heraus, band sie den Hunden um den Hals und verließ mit den Müllsäcken, den aufgeregt kläffenden Hunden und der Hosentasche voller Hundekuchen das Haus.
Es war ein bisschen schwierig die Einfahrt hinunter zu kommen, ohne dabei von einem der Hunde zu Boden gerissen zu werden oder einen der Müllsäcke zu verlieren, doch schließlich verstaute sie die Säcke in einem großen Müllcontainer und machte sich dann auf den Weg.
Ein verschlungener Pfad führte den Hügel hinauf und hinter das Haus, wo ein kleines Waldstück begann. Die Hunde zogen und zerrten an den Leinen, doch Sam traute sich nicht, sie los zu lassen. Wenn sie einen der Hunde verlor, konnte sie wahrscheinlich gleich ihr Todesurteil unterschreiben.
Sie wanderte eine ganze Weile den Hügel hinauf, während die Sonne immer höher kletterte und die Luft erwärmte, bis sie schließlich auf eine kleine Kuppe gelangte. Mittlerweile schwer atmend und verschwitzt ließ sich auf einen flachen Felsbrocken nieder. Die Hunde schienen ebenfalls erledigt zu sein, denn sie legten sich anstandslos zu ihren Füßen und eine ganze Weile durchbrach lediglich ihr abgehacktes Hecheln die Stille.
Hier oben war es wirklich wunderschön. Um sie herum rauschte der Wind in den Bäumen, weiter unten konnte sie eine Straße ausmachen, auf der Autos so klein wie Spielzeuge vorbei fuhren und direkt vor ihr breitete sich wie ein grauer Teppich Los Angeles aus. Sie genoss die Ruhe und streckte ihr Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegen. Sie musste sich diesen Ort gut merken. Wenn es ihr unten in diesem Haus zuviel wurde, brauchte sie einfach nur hierher kommen und sie hätte ohne Zweifel ihre Ruhe.
Ihr Blick fiel hinunter auf die Hunde.
„Na wie sieht es aus? Habt ihr auch ein paar Tricks auf Lager? Und ich meine nicht in den Flur zu kacken.“
Fünf pelzige Gesichter drehten sich ihr aufmerksam zu, spitze Ohren wurden in die Höhe gereckt und alles in allem wirkten sie so, als warteten sie nur auf ein Kommando von ihr um sich zu erheben, Saltos zu schlagen oder Männchen zu machen.
„Na gut. Wir fangen mit dir an Leyla,“ sagte Sam, stand auf und band die anderen vier Hunde am Stamm eines kleine Baumes fest. Sofort begannen die Hunde zu bellen und wie verrückt an ihren Leinen zu ziehen.
„Hey, mal ganz langsam,“ verschaffte Sam sich gehör, ließ sich vor den vier Hunden in die Hocke nieder und förderte einige Hundekuchen zu Tage. Sofort wurde das Gekläffe noch lauter.
„Also von Erziehung habt ihr wohl noch nie was gehört, oder?“ murmelte Sam kopfschüttelnd.
„Also gut. Lektion eins: Es gibt nur etwas zu fressen, wenn ihr ruhig seid.“
Sie wartete, bis sich alle fünf Hunde gesetzt hatten und bis auf ein kurzes Brummen und Murren der Lärm verstummt war. Dann lobte sie jeden einzelnen ausgiebig und streckte ihm dann einen Hundekuchen entgegen.
Wenn sie schon mit der Carter Familie nicht auskam, dann konnte sie sich wenigstens ein bisschen intensiver um die Hunde kümmern.

Kapitel 4