Kapitel 2

„Wie konntest du das tun ohne vorher mit mir darüber zu sprechen?“ schrie Nick Carter seine Schwester an und versuchte mühsam, seine Beherrschung nicht zu verlieren. Das hatte ihm ja gerade noch gefehlt. Nicht nur, daß er bereits gezwungen war, irgendwie mit seinen drei Schwestern auszukommen – ganz zu schweigen von seinem kleinen Bruder Aaron, der ihn noch zur Verzweiflung brachte – jetzt wollte auch noch irgendeine Freundin von Angel hier einziehen. Verstand sie denn nicht, daß das genau die Art von Freundin war, die nicht mehr da sein würde wenn es ernst wurde?
„Seit wann muß ich dich um Erlaubnis fragen, wenn ich meine Freunde sehen will?“ giftete Angel zurück.
Sie standen sich in der Küche des weitläufigen Hauses gegenüber. Nick hatte die Hände zu Fäusten geballt, seine meerblauen Augen sprühten Funken und seine blonden Haare klebten ihm verschwitzt an der Stirn. Angel hingegen hatte die Arme um ihren schmalen Körper geschlungen und wirkte eiskalt, während sie unnachgiebig zurück starrte.
Ein Kamerateam stand hinter ihr und hatte die dunkle Linse auf ihn gerichtet. Scheinwerfer erhellten jeden Winkel der Küche, das dreckige Geschirr in der Spüle, den überquellenden Mülleimer und den mit Krümeln übersäten Fußboden. Er brauchte sich nicht herum zu drehen um zu wissen, daß Angel das gleiche, kalte Auge entgegenstarrte.
„Sie kann dich ja besuchen kommen, aber doch nicht gleich hier einziehen! Das haben wir doch alles schon besprochen. Du ... ,“
„Nein, das haben wir nicht besprochen!“ fuhr ihm Angel ins Wort.
„Wir waren uns doch darüber einige, daß hier nur die Familie zusammen ist. Selbst Wes und Charly dürfen nicht hier wohnen.“ Entgegnete Nick und meinte damit die beiden Freunde seiner Schwestern B.J. und Leslie.
„Weil sie es nicht wollten. Das ist ein Unterschied. Ich brauche Sam.“
„Warum? Wenn du ein Problem hast, dann komm’ zu mir.“ Nick zwang sich dazu, seine Lautstärke zu dämpfen. Doch es fiel ihm mehr als schwer.
„Und wenn ich ein Problem mit dir habe?“ gab Angel unbeeindruckt zurück.
„Dann erst recht.“
„Ja, ja. Schon klar. Wer brüllt hier denn den ganzen Tag herum und spielt sich als Familienoberhaupt auf, hm?“
„Ich versuche eben, alles richtig zu mache. Ich will nicht euer Vater sein sondern der ältere Bruder, zu dem man geht, wenn man Probleme hat.“
„Tut mir leid, aber dafür bist du im Moment der Falsche.“
Angels Worte trafen ihn bis ins Mark und er versuchte krampfhaft, sich dies nicht anmerken zu lassen. Sie waren doch schließlich hier um wieder zusammen zu finden und er als der älteste hatte nun mal die Verantwortung, ob ihnen das nun paßte oder nicht.
Leider hatte er manchmal das Gefühl, daß er seine Sache nicht besonders gut machte. Er war zu unbeherrscht, ließ sich von Aaron viel zu schnell auf die Palme bringen, konnte nicht mit ansehen, wie seine Schwestern sich hier wie im Urlaub fühlten und bereits am Mittag den Champagner aus dem Kühlschrank holten.
Er hatte also bereits genug Probleme, auch ohne daß eine Fremde hier herumgeisterte und alle nur noch mehr durcheinander brachte.
„Diese Sam wird nicht hier einziehen. Hast du mich verstanden?“
„Tja, das wird sich jetzt wohl nicht mehr ändern lassen,“ gab Angel schulterzuckend zurück.
Er hatte den Mund bereits geöffnet um ihr eine entsprechende Antwort entgegen zu schleudern, als es an der Tür klingelte. Sofort hob ein mehrstimmiges Gebell der fünf Hunde an, die sich mit der Carter Familie dieses Domizil teilten und augenblicklich verstand man sein eigenes Wort nicht mehr.
Er hörte das Getrampel von mehreren Füßen, während seine Geschwister eilig Richtung Tür liefen um die Hunde irgendwie zu bändigen, Angel schob sich an ihm vorbei und ehe er sie zurückhalten konnte war sie bereits im Flur verschwunden, das Kamerateam dicht auf den Fersen. Gleich darauf hörte er sie ihre Freundin begrüßen.
„Gott sei Dank dass du da bist.“
Nick schnaubte. Er war keineswegs dankbar. Um ehrlich zu sein war er stinkwütend.
Er verließ die Küche und ging den langen, mit Steinplatten ausgelegten Flur bis zur Eingangstür hinunter. Hinter sich hörte er die Kameraleute, die ihm ungerührt folgten. Angel versperrte ihm die Sicht auf die Neue, die in ihren Armen lag und ihr beruhigend über den Rücken strich. Die Hunde sprangen bellend um sie herum, während sie versuchte, sie so gut es ging mit einem Fuß auf Abstand zu halten.
„Leyla, AC. Ist gut jetzt,“ fuhr Angel die Hunde schließlich an und scheuchte sie mit einigen resoluten Handbewegungen den Flur hinunter und direkt in B.J.s Arme, die ihnen gerade entgegen kam. Sie hatte ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug eine große, dunkle Sonnenbrille.
„Kommt her meine Babys,“ sagte sie mit ihrer rauhen Stimme und hob gleich darauf einen der beiden, kleinen Terrier auf ihre Arme. „Laß bloß meine Hunde in Ruhe Angel. Hast du gehört?“ keifte sie dann, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in ihrem Zimmer.
Endlich kam Nick dazu, einen ausgiebigen Blick auf Angels Freundin zu werfen. Sie war ziemlich klein, wahrscheinlich ging sie ihm gerade mal bis zur Brust. Ihre Haare hatte sie im Nacken zusammen gebunden, standen ihr aber trotzdem in alle Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Ihr Gesicht war eher nichtssagend und wäre er ihr auf der Straße begegnet, hätte er sie wahrscheinlich keines Blickes gewürdigt. Das war nicht sein Niveau. Ganz eindeutig. Wenigstens konnte er dann auch sicher sein, daß Aaron seine Finger von ihr ließ und das beruhigte ihn ein wenig.
„Komm rein,“ sagte Angel in diesem Moment und schloß hinter Sam die Tür. Jetzt gab es also kein Zurück mehr und Nick spürte, wie schon wieder Zorn in ihm aufwallte. Verdammt! Sie sollte nicht hier sein.
Sam wirkte ein wenig verwirrt und auch eingeschüchtert. Ihre Augen huschten unruhig hin und her, erfaßten dabei immer wieder die Kameras und versuchte dann, ihnen den Rücken zuzukehren. Doch das hatte wenig Sinn. Die Kameras waren überall. Versteckt in Lampen, an den Wänden und da das wohl noch nicht genügte, waren grundsätzlich drei Kamerateams bestehend aus jeweils drei Leuten anwesend. Es war schwer hier drin so etwas wie eine Privatsphäre aufrecht zu erhalten und er spürte, das ihr neuer Gast dies im Bruchteil von einer Sekunde erkannt hatte.
„Das ist Nick,“ stellte Angel ihn in diesem Moment vor und er machte zwei weiter Schritte auf Sam zu.
„Nick, das ist Sam,“ sagte Angel und fixierte ihn dabei mit ihren dunklen Augen.
Um Höflichkeit bemüht streckte er Sam die Hand entgegen.
„Hi. Freut mich dich kennen zu lernen,“ quetschte er hervor.
„Gleichfalls,“ entgegnete Sam und er war überrascht über den festen, klaren Klang ihrer Stimme.
„Na komm. Ich zeig dir erst einmal das Haus,“ sagte Angel in diesem Moment und zog Sam von ihm fort und weiter in das Haus hinein. Nick schüttelte langsam den Kopf. Die Neue sah nicht so aus, als würde sie es hier lange aushalten und wenn er ehrlich war, konnte er ihr das noch nicht einmal verdenken.
Eine Hand schlug ihm unvermittelt auf die Schultern und als er erschrocken herumfuhr, sah er sich seinem jüngeren Bruder Aaron gegenüber. Sein Gesicht war schmaler als sein eigenes und der Körper noch schlaksig, doch auf seinem Arm rankten sich bereits die ersten Tatoos, ein heller Ziegenbart entsprang unter seinem Kinn und blondes Haar fiel ihm immer wieder in die Augen. Er liebte seinen Bruder, aber mit der gleichen Inbrunst konnte er ihn manchmal auch hassen. Vielleicht waren sie sich zu ähnlich, wer wußte das schon?
„Und, wie ist Angels Freundin?“ fragte Aaron, während er sich auf seine Schulter stützte.
„Ein nichtssagendes, verschrecktes Entlein,“ gab Nick zurück.
„Mist. Und da habe ich gedacht, es kommt endlich mal etwas Anständiges ins Haus.“
„Reichen dir deine kleinen Spielgefährtinnen nicht mehr aus?“ neckte ihn Nick und wurde für diese Bemerkung sofort von seinem Bruder in den Schwitzkasten genommen.
„Das nimmst du zurück!“ rief er kichernd und versuchte Nick Richtung Boden zu ziehen.
„Keine Silbe davon!“ widersprach Nick lachend, während sie gefährlich schwankten und dann mit einem dumpfen Schlag zu Boden gingen.
Kreischend und lachend rangen sie miteinander, bis Nick schließlich auf Aarons Brust saß und seine Hände gen Boden drückte. Leyla, seine kleine Boxerhündin kam angerannt und schnupperte interessiert an Aarons Gesicht.
„Heeee, geh weg,“ rief er und versucht den Kopf zur Seite zu drehen, doch Nick hielt ihn an Ort und Stelle.
„Wirst du mir jetzt endlich gehorchen?“ fragte er nur halb im Scherz und hatte alle Mühe, den sich heftig wehrenden Aaron unter sich festzuhalten.
„Niemals!“
„Gut, dann muß ich andere Methoden anwenden.“
Nick löste eine Hand und begann damit, Aaron am Hals zu kitzeln, was dieser mit lautem Geheule beantwortete. Ihre Stimmen hallten laut und schrill von den mit Stein getäfelten Wänden wieder und es würde sicherlich nicht mehr lange dauern, bis die ersten Beschwerden kamen.
„Hey!“ Das war unverkennbar Leslies Stimme und sie klang mehr als aufgebracht. „Habt ihr sie noch alle? Geht es auch ein bißchen leiser verdammt noch mal?“
Als Nick aufblickte, sah er sich direkt den funkelnden Augen seiner Schwester gegenüber.
„Aaron hat seine Strafe verdient,“ grinste er in dem Bemühen, Frieden zu stiften.
„Das ist mir scheißegal,“ giftete Leslie. „Man versteht bei dem Krach ja sein eigenes Wort nicht mehr.“
„Ach komm schon Les,“ sagte Aaron unter ihm und überrascht über die unerwartete Hilfe lies Nick Aaron los und stand langsam auf. Aaron ergriff seine ausgestreckte Hand und lies sich aufhelfen.
„Aber wehe einer von uns ist mal lauter,“ beschwerte sich Leslie mit vor der Brust verschränkten Armen. „Dann kann Mr. Nick Carter hier nicht schnell genug den Übervater raushängen lasse.“
„Ist ja schon gut,“ sagte Aaron und hob beschwichtigend die Arme. „Wir sind schon ruhig.“
„Das will ich euch auch geraten haben.“ Mit diesen Worten machte Leslie auf dem Absatz kehrt und verschwand wieder in ihrem Zimmer.
Aaron streckte ihr die Zunge heraus und kicherte dann leise.
„Siehst du,“ hörten sie plötzlich eine Stimme hinter sich und fuhren beide erschrocken zu Angel herum. „So sind sie immer.“
Sam stand neben ihr und musterte Nick und Aaron mit unergründlichem Blick. Nick fühlte sich augenblicklich wie ein Schuljunge, der bei einer unerlaubten Rauferei erwischt worden war und das ärgerte ihn.
„Habt ihr nichts Besseres zu tun als hier herum zu stehen und uns anzustarren?“ fragte er deshalb etwas heftiger als beabsichtigt.
Angel schüttelte den Kopf und schob Sam an ihnen vorbei den langen Gang hinunter. Nick sah ihnen nach, bis sie an dessen Ende im Wohnzimmer verschwanden, dann wandte er sich wieder seinem Bruder zu.
„Das gibt nur noch mehr Ärger. Soviel kann ich dir jetzt schon versprechen,“ sagte er.
„Nicht bei ihrem Aussehen. Die sehe ich doch noch nicht einmal, wenn sie direkt vor mir steht,“ entgegnete Aaron.
„Na komm schon. Sei nicht so gemein.“ Woher kam plötzlich der Wunsch, diesen Eindringling zu verteidigen?
„Uhm, paß bloß auf Mr. Carter. Am Ende versaust du dir noch deine Ruf als Herzensbrecher,“ kicherte Aaron und brachte sich vorsorglich aus der Reichweite seines Bruders. Doch Nick blieb einfach noch eine Weile im Flur stehen, während in seinem Kopf das Surren der Kameras dröhnte und er versuchte, die Neue irgendwie in sein Weltbild einzupassen. Doch so wirklich gelang ihm dies nicht.

Kapitel 3