Kapitel 1
Als das Telefon klingelte, wußte Samantha Fields sofort, daß dies nichts Gutes bedeuten konnte. Drei Mal hatte in dieser Woche bereits ihr Telefon geklingelt und jedes Mal war ihre Stimmung danach in den Keller gesunken.
Die ersten beiden Anrufe kamen von Firmen, bei denen sie sich in den letzten Tagen vorgestellt hatte. Beide sagten ihr höflich aber bestimmt ab. So lief das nun schon beinahe ein halbes Jahr und langsam aber sicher begann Samantha an sich und ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Es war ja nicht so, daß sie übertriebene Vorstellungen von dem Job oder ihren Gehaltswünschen hatte. Sie war sich durchaus bewußt, daß sie ohne Studium, Ausbildung oder Berufserfahrung nur sehr schwer vermittelbar war und hatte von daher ihre Erwartungen bewußt niedrig gehalten. Sie wollte lediglich einen Fuß in die Tür bekommen. Marketing, PR, etwas mit Musik, notfalls auch ein Putzjob. Irgendetwas.
Doch nichts. Rein gar nichts in den letzten Wochen. Entweder war die Stelle kurz vorher vergeben worden oder Samantha paßte angeblich nicht in das Team oder man erklärte ihr, daß sie nicht geeignet für diese Art von Arbeit sei.
Doch das alles verblaßte vor dem Hintergrund des dritten Anrufs. Sie lauschte der sonoren Stimme ihres Anwalts und hörte ihm schweigend bis zum Ende zu, während er ihr erklärte, daß er in ihrem Fall erst wieder tätig werden konnte wenn sie die noch ausstehende Rechnung bezahlt hatte. Den restlichen Tag hatte sie sich weinend in ihr Bett verzogen und gehofft, daß die Welt sich endlich würde aufhören zu drehen und sie somit Frieden finden würde. Doch das geschah natürlich nicht und es blieb ihr nichts weiter übrig, als ihr Leben wieder aufzunehmen.
Dementsprechend zog sich also nun ihr Magen unbehaglich zusammen, als sie nach dem Telefonhörer griff und sich meldete.
Samantha Fields. Hallo?
Am anderen Ende der Leitung ertönte ein herzerweichendes Schluchzen, dann zog dieser Jemand hörbar die Nase hoch und stieß dann ein Sam. Du mußt kommen. Sofort! heraus.
Angel? fragte Samantha vorsichtig, weil sie sich nicht ganz sicher war, ob diese Stimme tatsächlich ihrer Freundin gehörte.
Es ist die Hölle Sam. Das kannst du dir nicht vorstellen. Alles brüllt durcheinander, Nick und Aaron prügeln sich die ganze Zeit, B.J. ist nur am Heulen und Leslie spielt wie immer die Erhabene.
Samantha wurde es schwindlig. Sie hatte so sehr gehofft, daß dieser Anruf niemals kommen würde.
Aber ... also ... ich weiß nicht Angel. Ich ... ,
Bitte Sam. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich brauche dich.
Das glaube ich dir doch auch. Aber ... ich weiß nicht ob es so gut wäre, wenn ich plötzlich im Fernsehen erscheine.
Angel schwieg, lediglich ihr anhaltendes Schluchzen drang durch den Hörer und in Samantha keimte Mitleid auf.
Möchtest du nicht einfach her kommen? Nimm dir eine Auszeit von einer Woche. Vielleicht ... ,
Das geht nicht. Nick guckt schon böse, wenn ich nur ne Nacht außer Haus verbringe. B.J. war schon zwei Mal kurz davor zu gehen, aber immer wieder hat er sie zurück geholt. Wir sind doch eine Familie. Wir sind hier um unsere Beziehung wieder auf die Reihe zu bekommen. Blah, blah, blah.
Naja, irgendwie hat er ja auch recht, bemerkte Samantha vorsichtig.
Eben. Deshalb mußt du herkommen. Vielleicht ... vielleicht hilft es uns, wenn jemand Außenstehndes dabei ist und ab und zu schlichtet.
Oh nein Angel. Wenn ich komme dann nur, um dir das Händchen zu halten. Ich werde mich nicht einmischen, ich werde keine Gruppensitzungen mit abhalten und ihr laßt mich aus euren Familienstreitigkeiten schön brav heraus, ist das klar?
Hauptsache du kommst, hörte sie Angel leise sagen und Samantha schüttelte langsam den Kopf.
Gib mir ne Stunde Bedenkzeit. Ich kann das nicht so schnell ... ,
In Ordnung. Eine Stunde, dann melde ich mich wieder, in Ordnung?
Im Hintergrund entstand plötzlich ein riesiger Lärm, eine männliche Stimme schrie AARON!! und eine ganze Horde Hunde fing an zu bellen.
Ich muß Schluß machen. Bis später. Und schon war nur noch das Freizeichen zu hören.
Leicht benommen beendete Samantha das Gespräch. Mit leicht zitternden Knien ließ sie sich auf das Sofa sinken und starrte bewegungsunfähig vor sich hin, während die Gedanken in ihrem Kopf wild hin und her sprangen.
Das Bild von Angel entstand vor ihrem geistigen Auge. Sie waren rein äußerlich so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Angel war hochgewachsen hatte dunkles, langes, glattes Haar und große, ausdrucksstarke Augen.
Samantha hingegen war klein und zierlich und eine wilde Mähne aus dunkelblonden Locken kräuselte sich um ihr ovales Gesicht. Sie fand ihre Nase zu lang und ihre Lippen zu schmal, was, wie sie fand, durch ihre Brille noch verstärkt wurde.
Zudem fehlte ihr das gewisse Etwas. Wenn Angel irgendwo erschien, flogen ihr sofort sämtliche Blicke und Herzen zu. Samantha hingegen wurde meist übersehen. Sie war nicht häßlich, aber dennoch unscheinbar.
Mit ihren achtzehn Jahren war Angel die jüngste von fünf Geschwistern und damit begannen auch schon die Probleme.
Angels Eltern hatten sich vor fünf Jahren mehr als unschön scheiden lassen und als wäre dies nicht schon Belastung genug, wurde das Ganze auch noch in allen Einzelheiten in der Öffentlichkeit ausgetragen. Angels ältester Bruder Nick war Mitglied in einer weltweit bekannten Boyband und so stürzte sich die Presse wie die Geier auf den immer skurriler werdenden Rosenkrieg von Jane und Bob Carter.
Die fünf Geschwister wurden nach der Trennung in alle Winde verstreut. Während Nick sein eigenes Leben führte und kaum zu Hause war, entschieden sich Angels Zwillingsbruder Aaron und ihre beiden Schwestern B.J. und Leslie zu ihrem Vater zu ziehen, während Angel selbst bei ihrer Mutter blieb.
Und auch wenn sich alle irgendwie bemühten den Kontakt aufrecht zu erhalten und sich weiterhin nahe zu sein, so mißlang dies doch gründlich. Heute waren sich die fünf auf gewisse Weise fremd. Sie waren zwar Geschwister und sich aus diesem Grund auch irgendwie nahe, doch keiner von ihnen hatte wirklich eine Ahnung, was im Leben des anderen tatsächlich los war.
Also hatte Nick diese Idee mit der Fernsehshow gehabt. House of Carters, eine Dokusoap über das Zusammenleben der fünf Geschwister, hoch in den Hügeln von Hollywood. Als Angel ihr zum ersten Mal davon erzählte, hatte Samantha die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen und gefragt, ob das ihr Ernst sei. Wer wollte all die Wunden und jahrelang unterdrückten Gefühle ausgerechnet vor einem Millionenpublikum ausbreiten? Und das auch noch freiwillig?
Doch Angel hatte angemerkt, daß es für sie alle nur Vorteile hatte. Zum einen waren sie so gezwungen, sich ihren Problemen zu stellen, denn sie hatten alle Verträge unterschrieben, die sie zur Zahlung einer hohen Geldstrafe verpflichtete, sollte einer von ihnen vorzeitig aussteigen. Zum anderen hatte beinahe jeder von ihnen eine Karriere im Auge, die es galt anzukurbeln und was paßte da besser als eine landesweit ausgestrahlte Dokumentation?
Nick und Aaron machten zwar bereits erfolgreich Musik, doch ihr Stern war bereits am Sinken, Leslie wollte ebenfalls Karriere als Sängerin machen und Angel hoffte auf einen lukrativen Modellvertrag. Nur B.J. schien kein konkretes Ziel zu haben, was, wie Angel Samantha anvertraute, ihr größtes Problem sei.
Tja, und nun sollte Samantha in diese ganze Tragödie mit hinein gezogen werden. Kameras 24 Stunden am Tag, Streitigkeiten zwischen Geschwistern, bei denen sie nichts zu suchen hatte und Aufmerksamkeit der Medien, die sie im Moment überhaupt nicht gebrauchen konnte.
Langsam stand sie auf und trat durch eine Schiebetür in ihr kleines Büro. Neben dem Computer lag ein kleiner Stapel Papiere und als sie ihn an sich nahm, begann ihr Magen nervös zu flattern.
Es gab tatsächlich einen Grund, der sie bewegen könnte, in dieses Haus einzuziehen. Mal abgesehen von ihrer Freundschaft zu Angel natürlich. Sie kannten sich noch nicht sehr lange und sie hatte ihre Familie noch nie gesehen, aber etwas verband sie miteinander. Da war ein instinktives Verstehen und Parallelen in ihrer Vergangenheit, die sich Samantha Angel nahe fühlen ließ. Auch Samanthas Eltern hatten sich scheiden lassen, auch in diesem Fall war das Ganze nicht sehr freundlich abgelaufen und zu ihrem Vater hatte sie seitdem keinen Kontakt mehr.
Doch das alles hätte sie sicherlich nicht dazu gebracht vor laufenden Kameras in dieses Haus einzuziehen.
Sie ließ sich wieder auf das Sofa sinken und zog die obersten, zusammengehefteten Seiten Papier zu sich heran. Angel hatte ihr diese vor zwei Wochen in die Hand gedrückt als klar wurde, daß sie tatsächlich in das Hausprojekt einsteigen würde und die Produzenten sie darüber in Kenntnis setzten, daß niemand einfach so vorbei schauen konnte, wenn er nicht eben diese Verträge unterschrieb, die Samantha nun in Händen hielt.
Sie blätterte schnell auf die letzte Seite und betrachtete mit gerunzelter Stirn die Summe, die dort als Tagessatz angegeben war. Unglaublich, daß sie dafür bezahlt werden sollte, um ihrer Freundin beizustehen.
Andererseits war das Geld genau das, was sie jetzt brauchte.
Dringend brauchte, um ehrlich zu sein.
Es widerstrebte ihr aus diesem profanen Grund nach Hollywood zu fahren. Sie würde jeden verachten, der sich nur des Geldes und der Aufmerksamkeit wegen und auf Kosten der anderen ins Rampenlicht stellte. Und jetzt tat sie genau das gleiche.
Nein, du versuchst dabei auch noch einer Freundin zu helfen, sagte Samantha laut, doch das beruhigte leider nicht ihre innere Stimme, die ihr immer wieder ins Ohr flüsterte, daß das hier nicht richtig war.
Wieder glitt ihr Blick über die dreistellige Zahl. Eine Woche und sie konnte den Anwalt bezahlen. Vielleicht hatte sie dann doch noch eine Chance. Und wenn sie das nur dadurch erreichen konnte, wenn sie einer Freundin zu Hilfe eilte und sich damit den unbarmherzigen Augen mehrer Kameras aussetzte, dann sollte es wohl so sein.
Ihre Hand zitterte leicht, als sie einen Kugelschreiber zu sich heran zog, die Papiere auf dem kleinen Couchtisch glattstrich und dann ohne noch einmal darüber nachzudenken schwungvoll ihre Unterschrift auf die letzte Seite setzte.