Kapitel 38
Mit Kyles Hilfe hatten sie Richard Clarkson recht schnell aufgespürt. Kyle hatte heimlich in alten Personalunterlagen geblättert, ein paar Anrufe getätigt und ihnen wenig später die Adresse mitgeteilt. Außerdem hatte er das Geheimnis gelüftet, warum Clarkson mit seinem Wissen nie an die Öffentlichkeit gegangen war. Clarkson war ebenfalls in einige der dunklen Machenschaften von Kyle Robinson verstrickt gewesen. Er wäre genau so ins Gefängnis gewandert wie sein Boss und nach dem dieser ihn entsprechend bearbeitet und mit einer fürstlichen Summe zum Schweigen gebracht hatte, war er einfach untergetaucht.
Doch als sie bei ihm auftauchten, schien Clarkson überaus glücklich zu sein, seine Geschichte endlich los werden zu können. Nachdem er Paige eine Weile misstrauisch gegenüber gestanden hatte (immerhin war sie die Tochter seines so verhassten Ex-Bosses) redete er wie ein Buch. Er erzählte von Steuerhinterziehung, unlauteren Wettbewerbsmethoden, Schmiergeldaffären und Bestechungen. Leider hatte er keine Unterlagen, die seine Behauptungen untermauern konnten, doch auch hier war ihnen Kyle behilflich.
Sie konnten nicht einmal die Hälfte von dem beweisen, was Clarkson ihnen berichtet hatte, doch im Endeffekt reichten ein paar kleinere Beweise aus.
Eines schönen Tages spazierten sie schließlich in Kyles Büro. Besser gesagt, Nick marschierte und schob dabei Paiges Rollstuhl vor sich her.
Als sie an Kyles Sekretärin vorbei gingen, sprang diese hektisch auf und wollte ihnen den Weg versperren, doch Nick ging unerbittlich weiter und schließlich betraten sie Kyles Büro.
Dunkle, wuchtige Möbel verliehen dem Zimmer eine einschüchternde Würde und Nick konnte sich nicht vorstellen, wie der monströse Schreibtisch, hinter dem Kyle saß und ihnen mit vor Überraschung weit geöffneten Augen entgegen starrte, überhaupt hier herein gekommen war. Er sah jedenfalls nicht so aus, als könne er von Menschenhand auch nur einen Zentimeter bewegt werden.
Paige? Kyle schien sich schnell von seiner Überraschung erholt zu haben und stand nun auf. Mit festem Schritt kam er um den Schreibtisch herum und musterte dabei Nick von Kopf bis Fuß.
Hallo Dad, erwiderte Paige mit eisiger Stimme und betonte dabei das Wort Dad mit einer solchen Ironie, dass Kyle für einen Moment verwundert inne hielt.
Wir möchten Dir einen Deal vorschlagen, kam Paige ohne Umschweife zum Punkt. Kyles Augen begannen spöttisch zu funkeln und er lies sich halb auf der Kante seines Schreibtisches nieder.
Einen Deal? So, so, er verschränkte die Arme vor der Brust und sämtliche Sanftheit war aus seinen Gesichtszügen verschwunden.
Vielleicht erzählst Du mir erst einmal, wo Du Dich die letzten Tage herum getrieben hast.
Ich werde Dir gar nichts erzählen. Du wirst zu hören und uns dann gehen lassen und zwar für immer.
Kyle lachte schallend auf, wobei er den Kopf in den Nacken warf.
Der war gut Paige, wirklich.
Für Nick hörte sich dieses Lachen eher nach dem Brüllen eines Raubtieres an und in diesem Moment verstand er erst so richtig, welche Macht dieser Mann besaß. Kein Wunder dass sich seine Tochter all die Jahre vor ihm gefürchtet hatte.
Vielleicht solltest Du mir einfach zu hören, entgegnete Paige und Nick war beinahe stolz darauf, dass ihrer Stimme keine Spur von Angst an zu hören war, obwohl er genau wußte, wie sehr sie sich in diesem Moment vor ihrem Vater fürchtet.
Paige zog eine dünne Mappe aus einem Umschlag hervor, der bisher unbeachtet auf ihren Knien gelegen hatte.
Kyle hatte mittlerweile seinen Posten am Schreibtisch verlassen und näherte sich langsam dem Rollstuhl. Er stützte die Hände auf die Armlehnen und brachte sein Gesicht ganz nahe an das seiner Tochter.
Nick spannte sich an und war schon auf halbem Wege um den Rollstuhl herum, als Paige die Hand hob und ihm bedeutete stehen zu bleiben.
Du machst mir keine Angst mehr, sagte sie ihrem Vater fest ins Gesicht und hielt ihm dann einige Blätter Papier unter die Nase.
Deine letzte Steuerklärung, sagte sie, während Kyle erbost danach griff, dann holte sie einige weitere Papiere hervor und das hier sind Kopien von Deinen Büchern die ... na ja ... sagen wir mal so ... eigentlich in Deinem Safe zu Hause liegen sollten und die Du, warum auch immer, dort aufbewahrt hast. Ich denke, Du wirst fest stellen, dass sie nicht wirklich mit den Papieren in Deiner Hand übereinstimmen.
Nick konnte es kaum glauben, aber Kyle wurde tatsächlich blass und seine Hand zitterte, als er nun auch nach den anderen Papieren in Paiges Hand griff.
Er warf nur einen kurzen Blick darauf, dann lies er die Hände sinken und sah seine Tochter sprachlos an.
Was ... ? Wie zum Teufel ... ?
Er atmete schwer und wirkte dabei wie ein Stier kurz vor dem Rodeo. Seine Nasenflügel blähten sich und seine Gesichtsfarbe wechselte von blass zu krebsrot.
Das tut hier nichts zur Sache. Du kannst die Unterlagen selbstverständlich behalten, es sind nur Kopien. Ich verlange, dass Du mich und meine Freunde in Ruhe lässt, anderen Falls werden diese Papiere der Staatsanwaltschaft vorgelegt und ich kann Dir jetzt schon versprechen, dass das nicht das Einzige sein wird, was sie finden werden.
Kyle war sprachlos und kochte vor Wut. Seine Augen schienen aus den Höhlen zu treten und unbewußt zerknüllte er die Papiere in seinen Händen.
Was bildest Du Dir eigentlich ein? zischte er schließlich. Ich lasse mich doch nicht von meiner eigenen Tochter erpressen.
Oh, Dir wird gar nichts anderes übrige bleiben, gab Paige kalt zurück. Deine Freiheit gegen meine, ich finde, das ist ein fairer Tausch.
Für einen Moment starrten sich Vater und Tochter noch Hass erfüllt an, dann wandte sich Paige zu Nick um.
Lass uns gehen. Ich denke, er hat verstanden.
Nick fasste nach den Griffen des Rollstuhls, drehte Paige herum und strebte dem Ausgang des Büros entgegen. Noch nie hatte er so dringend von einem Ort fort kommen wollen.
Das werdet ihr bereuen, schrie Kyle plötzlich hinter ihnen auf und Nick lief es eiskalt den Rücken hinunter.
Du kannst gar nichts tun, gab Paige lediglich zurück und beugte sich vor um die Türklinke zu ergreifen.
Mit einem krachen fuhr Kyles Faust dicht neben ihrem Kopf gegen die Tür und sie zuckte erschrocken zurück.
Hier geblieben Fräulein, knurrte er und packte sie an der Schulter. In diesem Moment legte sich irgendwo in Nicks Gehirn ein Schalter um. Ohne darüber nach zu denken packte er Kyle am Aufschlag seines Jacketts und stieß ihn vor sich her in den Raum hinein. Nick überragte ihn um beinahe einen Kopf und seiner Wut hatte der alte Mann nichts entgegen zu setzen. Mit zutiefst erschrockenem Gesichtsausdruck taumelte er vor Nick her.
Mit einem letzten festen Stoß beförderte Nick Kyle schließlich in seinen Schreibtischsessel, dann stützte er sich mit beiden Händen auf die Armlehnen, fast genau so, wie Kyle es zuvor bei Paiges Rollstuhl gemacht hatte und verharrte kurz vor dessen Gesicht, in dem sich jetzt deutlich Furcht spiegelte.
Hören sie zu ... hören sie mir ganz genau zu. Wenn sie sie nicht in Ruhe lassen, dann komme ich wieder und ich schwöre ihnen, das wird ziemlich unangenehm für sie aus gehen. Lassen sie sie in Ruhe oder ich schwöre, ich breche ihnen sämtliche Knochen einzeln.
Was bilden Sie sich eigentlich ... , Nick packte Kyles Hand und drückte zu.
Haben wir uns verstanden? fragte er durch zusammen gepresste Zähne und sah zu seiner Befriedigung, wie sich Kyles Gesicht vor Schmerz verzog. Für einen Moment schien Kyle fest entschlossen zu sein, sich von ihm nicht einschüchtern zu lassen, doch Nick verdoppelte seine Anstrengungen und mit einem leisen Schmerzenslaut nickte Kyle schließlich. Augenblicklich ließ Nick dessen Hand los und trat einen Schritt zurück.
Sie verlangt nicht mehr, als das sie sie in Ruhe lassen. Ich denke, diesen Gefallen können sie ihrer Tochter ruhig tun.
Damit trat er zurück, durchquerte mit festem Schritt den Raum und blieb bei Paige stehen. Er drückte ihr aufmunternd die Schulter und drehte sich noch einmal zu Kyle herum. Dieser saß in seinem Sessel und starrte auf seine Hand hinunter. Scheinbar konnte er noch nicht fassen, was da gerade mit ihm geschehen war.
Paige öffnete nun endgültig die Tür und gemeinsam verließen sie Kyle Robinsons Büro.