Kapitel 36
Nachdem Nick Wut entbrannt das Zimmer verlassen hatte, senkte sich Stille über den Raum. Paige wusste noch gar nicht so genau, wie ihr geschehen war. Sie wollte ihn doch nur beschützen! Kyle war vielleicht kein Monster, aber er kam dem schon sehr nahe.
Sie dachte zurück an einige Angestellte, die seinen Zorn auf sich gezogen und von denen man danach nie wieder etwas gehört hatte.
Sie hatten weder einen Job in einem anderen Unternehmen hier in der Nähe bekommen, noch hatte irgendjemand aus dem großen Bekanntenkreis ihres Vaters mit ihnen Kontakt und das, nachdem einige von ihnen in ihrem Haus wie selbstverständlich ein und aus gegangen waren.
Ihr Vater hatte Macht und er nutzte sie wo er konnte. Es würde ihn nur ein müdes Lächeln kosten, Nicks Karriere zu zerstören.
Die Frage die sich ihr dadurch aufdrängte war offensichtlich: Warum war sie trotzdem hier?
Die Antwort war mehr als simpel. Sie liebte ihn ... doch genau das würde ihnen früher oder später das Genick brechen. Sie wünschte, sie könnte ihre Gefühle einfach abschalten, die sie immer wieder zu solch unbedachten Taten wie diesen Hilferuf verleiteten. Es wäre um so vieles einfacher den Abstand zu ihm zu wahren und ihn zu vergessen. Besser für sie und besser für ihn.
Sie merkte, wie ihre Lider schwer wurden. Einige Male blinzelte sie noch müde im Halbdunkel des Zimmers, überlegte, wie sie Nick am Besten die Situation erklären sollte und ohne es zu bemerken, schlief sie schließlich ein.
Einige Zeit später wurde sie durch ein Geräusch geweckt. Sie versuchte sich zu orientieren. Wo war sie? Und was war das für ein Geräusch?
Mühsam kämpfte sich ihr Bewusstsein aus ihrem Traum hinauf an die Oberfläche. Langsam öffnete sie die Augen und sah sich für einen Moment verwirrt um.
Draußen war es inzwischen Dunkel geworden und eine kühle Briese strich über ihren Körper. Sie begann zu frösteln. Regen. Das hatte sie also geweckt. Die Terrassentüren standen immer noch weit offen und der Wind blähte die Vorhänge auf. Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben und auf das Parkett. Von ihrem Platz im Bett konnte sie bereits kleine Pfützen erkennen, die sich unter den Vorhängen gebildet hatten.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Hatte man sie vergessen? Warum war noch niemand hier, um die Türen zu schließen?
Ängstlich blickte sie sich im Raum um. Der Rollstuhl stand zu weit von ihrem Bett entfernt und selbst wenn sie ihn hätte erreichen können, hätte sie es wohl kaum geschafft, sich aus eigener Kraft dort hinein zu setzen.
Sie fühlte ein schmerzhaftes Pochen in ihrem gebrochenen Bein. Scheinbar war die ganze Anstrengung heute etwas zu viel für sie gewesen. Und immer noch war sie hier alleine, der Regen prasselte weiterhin in das Zimmer hinein und sie überlegte gerade, ob sie nach jemandem rufen sollte, als ein gleißendes Licht die Dunkelheit zerriss, dem gleich darauf ein Ohren betäubender Donner folgte.
Wie erstarrt blieb sie für einen Moment in ihre Kissen gelehnt sitzen, dann spürte sie, wie ein ängstliches Beben ihren gesamten Körper erfasste.
Kein Gewitter ... bitte nicht jetzt, flüsterte sie, doch wie zum Hohn flammte erneut ein Blitz auf und tauchte das Zimmer für den Bruchteil einer Sekunde in gleißende Helligkeit. Als der Donner die Stille zerriss, war sie bereits in ihren Kissen nach unten gerutscht und hatte sich die Bettdecke über den Kopf gezogen. Leise wimmernd versuchte sie sich zusammen zu rollen, doch ihr Bein protestierte mit stechenden Schmerzen dagegen und so konnte sie nichts weiter tun, als ihre Hände an die Ohren zu pressen und die Augen fest zu schließen.
Konnte ein Blitz durch die offene Terrassentür herein fahren und sie töten? Vielleicht würde jetzt endlich das vollendet, was als Kind nicht geklappt hatte? Immerhin war der Blitz damals nicht weit von ihr eingeschlagen. Wahrscheinlich hatte Gott nur auf eine solche Gelegenheit gewartet um sie endgültig zu sich zu holen.
Trotz der Hände, die sie unter ungeheurer Kraftanstrengung auf ihre Ohren presste, drangen die Donnerschläge immer wieder zu ihr durch. Jedes Mal zuckte sie wie unter Peitschenhieben zusammen. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte, damit sie nicht laut auf schrie.
Bitte, schluchzte sie leise bitte schließt die verdammte Tür. Bitte!!
Nick erhob sich langsam aus dem Sessel in dem er gesessen und das Gewitter beobachtet hatte. Er fühlte sich immer noch wie betäubt und befürchtete, dass sich dieses Gefühl niemals legen würde. Zum wiederholten Male fragte er sich, warum sie ihm das antat, doch auch diesmal fand er keine Antwort darauf.
Ich werde mal nach ihr sehen, sagte er zu A.J., der bequem auf der Couch ausgestreckt lag und in einer Zeitschrift blätterte.
Klar, mach das. Vielleicht ist sie jetzt besser gelaunt.
Ha, ha, gab Nick freudlos zurück.
Er schlurfte den Flur hinunter und versuchte sich innerlich gegen ihren Anblick zu wappnen. Er durfte einfach nicht zu lassen, die sie ihm noch einmal so weh tat.
Vorsichtig schob er die Tür auf. Als erstes stellte er erschrocken fest, dass er vergessen hatte, dass die Terrassentüren noch offen standen. Im Raum war es empfindlich kalt geworden und mit einigen schnellen Schritten war er bei der Terrassentür und schloss sie mit Nachdruck.
Dann wandte er sich besorgt zum Bett um, doch er konnte lediglich die Bettdecke erkennen, unter der einige blonde Strähnen hervor schauten. Verdammt, er hatte sie ja beinahe erfrieren lassen! Jedenfalls zitterte der kleine Hügel unter der Bettdecke wie Espenlaub.
Sein schlechtes Gewissen türmte sich meterhoch vor ihm auf und vorsichtig trat er an das Bett heran. Er fasste nach der Decke und wollte sie herunter ziehen, doch sofort grabschte eine schmale Hand danach und er hätte schwören können, dass er einen erstickten Schrei gehört hatte.
Besorgt runzelte er die Stirn, setzte sich auf den Bettrand und strich beruhigend über die Stelle, unter der er ihre Schultern vermutete.
Paige? fragte er leise, doch er bekam keine Antwort.
Hey, es ist alles in Ordnung. Es tut mir leid, ich habe vergessen, dass die Türen noch offen standen.
Wieder kam keine Reaktion von ihr und so langsam wurde ihm mulmig.
Erneut fasst er nach der Bettdecke und hielt den Zipfel diesmal ganz fest, damit sie ihm diesen nicht wieder entreißen konnte, doch diesmal erschien keine Hand, als er die Decke vorsichtig von ihrem Gesicht herunter zog.
Ihr Anblick erschreckte ihn zutiefst. Aus ihrem Gesicht war alle Farbe gewichen, sie presste die Hände fest gegen die Ohren und die Augen hatte sie so fest sie konnte zusammen gekniffen. Ein erneuter Donner zerriss die Stille und sie zuckte wie unter Schmerzen zusammen.
Paige? versuchte er es erneut und berührte sie dabei sanft am Arm. Diesmal schrie sie wirklich, riss dabei allerdings die Augen weit auf. Scheinbar benötigte sie einen Moment, bis sie registrierte, wer da bei ihr auf dem Bett saß, doch dann schnellte sie in ihrem Bett in die Höhe und warf sich in seine Arme.
Er drückte sie verwirrt an sich und strich ihr dann beruhigend über den Rücken.
Hey, es ist alles in Ordnung Kleines ... ich ... ich bin bei Dir, siehst Du? ... Dir kann gar nichts passieren, o.k.?
Sie schluchzte leise an seiner Schulter und ihr ganzer Körper fühlte sich an, als sei er aus Stein gemeißelt, so angespannt war jede ihrer Muskeln.
Umständlich schwang er die Beine in das Bett und ohne sie loszulassen legte er sich neben sie. Sie vergrub sofort ihren Kopf an seiner Brust und presste erneut ihre Hände auf die Ohren.
Ihre Nähe verwirrte ihn, das Zittern ihres Körpers weckte seinen Beschützerinstinkt und sein Herz pochte laut und heftig. Alles was er sich vorher in Punkto Abstand halten eingeredet hatte, war dahin. Stattdessen zog er sie noch etwas fester an sich und redete beruhigend auf sie ein, auch wenn er sich nicht sicher war, ob sie ihn überhaupt hören konnte.
Noch nie hatte er einen Menschen erlebt, der so offensichtlich in Panik war. Und das wegen eines einfachen, kleinen Gewitters!
Draußen lies der Sturm langsam nach, die Blitze kamen nun nur noch selten und der Donner wurde immer leiser. Trotzdem entspannte sich Paige in seinen Armen nicht und er küsste sie sanft auf die Stirn.
Es ist vorbei, flüsterte er.
Ich will noch nicht sterben, gab sie leise und unter Schluchzen zurück. Scheinbar hatte sie ihn nicht gehört.
Du wirst nicht sterben, sagte er sanft und faste nach ihrer Hand. Vorsichtig und unendlich langsam zog er sie von ihrem Ohr und legte sie schließlich auf seine Brust.
Es ist alles gut, sagte er leise und strich ihr dabei immer wieder über das Haar.
Ist es vorbei? flüsterte sie und schmiegte sich noch etwas enger an ihn.
Ja. Alles wieder ruhig, gab er zurück.
Sie gab einen unendlich erleichterten Seufzer von sich, der genau so gut ein Schluchzen hätte sein können, und krallte sich dann in seinem T-Shirt fest.
Ich habe solche Angst.
Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich beschütze Dich, was auch immer passiert.
Wirklich? hauchte sie.
Ich bin hier, oder nicht?
Ja ... ich ... Nick? sie richtete sich in seinen Armen auf um ihm in die Augen sehen zu können. Ihre Wangen waren von Tränen ganz nass und aus einer kleinen Wunde an ihrer Lippe sickerte etwas Blut. Vorsichtig hob er die Hand und wischte ihr zärtlich die Tränen aus dem Gesicht.
Was ist? fragte er leise.
Ich liebe Dich, sagte sie und erneut schimmerten Tränen in ihren Augen.
Seine Hand verharrte auf ihrer Wange und er sah sie mit großen Augen an, unfähig irgendetwas darauf zu erwidern. Er wartete darauf, dass sie ihm jetzt sagen würde, dass er verschwinden sollte. Immerhin war das ihre Taktik bisher gewesen. Ihn heran kommen lassen und dann von sich stoßen. Doch zu seinem Erstaunen sagte sie ich liebe Dich schon eine ganze Weile, weißt Du? Ich ... dachte, ich müsste Dich vor meinem Vater schützen, ich dachte, Du könntest damit vielleicht nicht umgehen ... oder ... na ja ... mich irgendwann dafür hassen, dass ich Dich in diese Geschichte mit hinein gezogen habe. Doch ... die Wahrheit ... , sie atmete zitternd aus, schluckte und setzte dann noch einmal an. Doch die Wahrheit ist, dass ich nicht mehr ohne Dich leben möchte und ... nun ja ... dass es mir leid tut, dass ich Dich so schäbig behandelt habe. Ich weiß, dass ich von Dir kein Mitleid oder gar Liebe zu erwarten habe ... ich möchte nur, dass Du weißt, wie viel Du mir bedeutest und ... ,
Er schnitt ihr das Wort ab, in dem er ihren Kopf zu sich hinunter zog und sie sanft auf den Mund küsste. Er schmeckte ihr Blut, doch das war ihm im Moment herzlich egal. Sanft küsste er erst ihren einen, dann den anderen Mundwinkel, vergrub seine Finger in ihrem Haar und schlang den anderen Arm fest um ihre Taille. Er fühlte, wie ihre Zunge sanft über seinen Mund strich und mit einem leisen Seufzer öffnete er die Lippen.
Er fühlte sich, als sei sein Kopf losgelöst vom Rest seines Körpers. Er hielt hier die Frau die er über alles liebte in den Armen ... sie liebte ihn, was er immer noch nicht ganz glauben konnte und ihr Kuss war so süß und aufreizend, dass es ihm die Sinne vernebelte.
Langsam löste sie sich von ihm und sah ihn unsicher an.
Was ... war ... das denn jetzt? fragte sie verlegen und ein kleines Lächeln spielte dabei um ihren Mund.
Ich befürchte, ich konnte mich nicht mehr beherrschen. Tut mir leid, grinste er und strich ihr sanft das zerzauste Haar aus dem Gesicht.
Verzeihst Du mir? fragte sie unsicher und begann mit ihrem Zeigefinger die Form seiner Lippen nach zu malen.
Schon vergessen, gab er ehrlich zurück.
Wirklich? Ich meine ... ich könnte verstehen wenn ... ,
Hey, er fasste nach ihrer Hand, weil er das Gefühl hatte nicht richtig denken zu können so lange sie weiterhin so aufreizend langsam über seine Lippen strich ich ... ich liebe Dich, weißt Du? Da verzeiht man so einiges.
Für einen Moment sahen sie sich liebevoll in die Augen, tauchten ein in die Seele des Anderen und verloren sich darin, dann senkte Paige ihre Lippen erneut auf seine und sie hörten für eine ganze Weile auf zu denken.