Kapitel 35

Nick konnte im Nachhinein kaum glauben, wie einfach es gewesen war. Nachdem sie Raven hinter sich gelassen hatten, begegnete ihnen kein bekanntes Gesicht mehr, niemand sprach sie an, keiner versuchte sie auf zu halten und schließlich erreichten sie unbehelligt den Parkplatz.
Am liebsten hätte er laut geschrieen und einen Freudentanz aufgeführt, doch er beherrschte sich. Noch waren sie nicht vom Klinikgelände herunter.
Unter einiger Anstrengung hoben sie Paige aus dem Rollstuhl und auf die hintere Pritsche des Busses.
Sie hatten sich entschieden, Paige bei A.J. unter zu bringen. Nicks Wohnung war zum einen zu klein und lag im vierten Stock ohne Fahrstuhl. Außerdem war es gut möglich, dass es sich bereits herum gesprochen hatte, dass Paige mit ihm befreundet war. Womöglich würde ihr Vater bei ihm auftauchen und nachsehen wollen, ob sich seine Tochter dort befand.
Paige hatte seit der Begegnung mit Raven keinen Ton mehr gesagt und besorgt hatte Nick immer wieder zu ihr hinüber geblickt. Bereute sie bereits ihre überstürzte Flucht? Immerhin war sie mit diesem Raven verlobt und er liebte sie, auch wenn Nick nicht verstand, wie dieser Mistkerl es hatte zu lassen können, dass sie all die Jahre so von ihrem Vater behandelt worden war.
Vielleicht wünschte sie sich ja zu Raven zurück? Vielleicht war ihr erst jetzt aufgegangen, dass es außer ihm noch andere Möglichkeiten gab?
Die gesamte Fahrt wartete er förmlich darauf, dass sie ihn bat um zu drehen und sie zurück zu Raven zu bringen. Doch nichts geschah. Sie saß einfach klein und bleich auf dem Rücksitz und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Er hätte alles dafür gegeben um ihre Gedanken lesen zu können.
Schließlich fuhren sie in die Einfahrt von A.J.s Haus und das erste Mal kam so etwas wie Bewegung in Paige. Sie beugte sich neugierig etwas nach vorne um besser sehen zu können und fragte dann „wo sind wir?“
„Hier wohnt A.J.,“ erklärte Nick „es ist besser, wenn Du hier bleibst. Bei mir ist einfach nicht genug Platz für Dich und ... ,“
„Wirst Du ... ,“ unterbrach sie ihn und als er in ihre Augen sah, entdeckte er dort so etwas wie Angst „ ... ich meine ... wirst Du auch ... hier bleiben?“
Ein warmes Lächeln erhellte sein Gesicht „na klar. Glaubst Du, ich lasse Dich mit dem Irren alleine?“
Neben ihm lachte Maik leise „wenn er Dich jetzt hören könnte!“
„Würde er mir zu stimmen,“ gab Nick grinsend zurück, dann wandte er sich wieder Paige zu.
„Hab’ keine Angst,“ sagte er leise „ich lass’ Dich nicht alleine.“
„Danke,“ sagte sie schlicht und erwiderte sein Lächeln.

„Das hier ist also ab heute Dein Reich,“ verkündete A.J. und schob Paige in ein helles Zimmer mit einem riesigen Bett, Einbauschrank und hohen Glastüren, die hinaus auf eine kleine, mit Terrakotta geflieste Terrasse hinaus führten.
„Ich hoffe, es gefällt Dir,“ setzte er noch hinzu, während Nick Paiges Reisetasche in eine Ecke stellte.
„Es ist wundervoll,“ nickt Paige und fasste nach A.J.s Hand.
„Danke! Wirklich, ich weiß gar nicht, wie ich das jemals wieder gut machen kann.“
„Oh, da fällt mir bestimmt etwas ein,“ lachte A.J., beugte sich hinunter und küsste sie auf die Wange.
„Ich ... geh’ dann mal und ... mache irgendetwas anderes,“ grinste er, warf Nick noch einen kurzen Blick zu und zog beim Hinausgehen die Tür hinter sich zu.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte Nick, der geschäftig um Paige herum lief, die Terrassentüren öffnete, um etwas frische Luft herein zu lassen, dann die Vorhänge zu zog, damit die grelle Sonnen sie nicht so sehr blendete und zum Schluss die Bettdecke zurück schlug.
„Ich denke schon,“ gab sie zurück.
„Gut. Schauen wir mal, ob wir Dich unbeschadet aus diesem Ding da heraus bekommen.“
Er war neben sie getreten und beugte sich jetzt zu ihr hinunter. Sie legte ihm einen Arm um die Schulter, er schob seine Arme unter ihren Körper und nach einem kurzen „eins ... zwei ... drei,“ hob er sie hoch und lies sie vorsichtig in die Kissen gleiten.
Nach weiteren fünf Minuten hatte er ihr einige Kissen in den Rücken und unter ihren Gipsfuß geschoben, den Rollstuhl zur Seite gestellt und ihre wenigen Habseligkeiten ausgepackt.
Dann setzte er sich zu ihr auf den Bettrand und fasste nach ihrer Hand. Für eine Weile sahen sie sich stumm in die Augen, dann räusperte er sich und senkte verlegen den Blick. Irgendwie fühlte er sich das alles im Moment sehr unwirklich an. Er hatte sie entführt! Mann oh Mann, was eine durch geknallte Aktion.
„Ist denn mit Dir alles in Ordnung?“ fragte Paige diesmal und er wiegte den Kopf, so als sei er sich nicht ganz sicher.
„Ehrlich gesagt ist das alles doch irgendwie ... nun ja ... sehr seltsam,“ gestand er und wagte es immer noch nicht, sie an zu sehen.
„Da hast Du allerdings recht,“ gab sie leise zurück „ich ... es tut mir leid. Ich mache Euch so große Umstände ... das ... ,“
„Nein, nein,“ unterbrach er sie „weißt Du, auch wenn diese Aktion mehr als ungewöhnlich war, so bin ich doch unglaublich froh, dass Du mich angerufen hast. Ich dachte ... na ja ... ich dachte, Du wolltest mit mir nichts mehr zu tun haben.“
Nun sah er sie direkt an. Er wollte so gerne in ihren Augen lesen, dass das alles ein Missverständnis gewesen war, dass sie ihn eigentlich so sehr liebte, wie er sie, doch zu seiner großen Enttäuschung las er nichts von alledem in ihrem Gesicht.
„Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, wenn wir uns nie wieder gesehen hätten,“ sagte sie und er hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand eine glühende Faust in den Magen gerammt.
„Wie meinst Du das?“
„Er wird mich nicht in Ruhe lassen und wenn er heraus bekommt wer mir geholfen hat, dann wird er Dich fertig machen.“ Sie beugte sich nach vorne und fasste nach seiner Hand. Eindringlich sprach sie weiter.
„Jetzt ist noch Zeit. Du kannst mich zurück bringen ... Du kannst ... ,“
„Hör’ auf damit, verdammt noch mal!“
Wut war in ihm aufgestiegen und er sprang erregt auf.
„Stell’ ihn doch nicht immer wie ein Monster dar. Auch er ist nur ein Mensch, verstehst Du? Und ich im Übrigen auch!“
Damit drehte er sich herum und knallte die Tür geräuschvoll hinter sich zu. So langsam hatte er keine Lust mehr auf diese Berg- und Talfahrt. Erst lies sie ihn an sich heran, dann stieß sie ihn weg, dann rief sie ihn an und wieder schöpfte er Hoffnung, nur um gleich darauf wieder einen Tritt verpasst zu bekommen. Er hatte eindeutig genug davon!!

Kapitel 36