Kapitel 34

Sie durchquerten die langen Flure, bogen ein paar Mal ab und standen schließlich erneut vor ein paar Fahrstuhltüren. Wenn Paiges Orientierungssinn sie nicht trog, dann befanden sie sich inzwischen in einem Seitenflügel des Krankenhauses und sie entspannte sich etwas.
„Wir müssen in den zweiten Stock hinunter,“ erklärte Maik und drückte den Rufknopf des Fahrstuhls „dann noch um ein paar Ecke und eine Treppe hinunter, da müssen wir Paige eben tragen.“
„Das wird kein Problem sein,“ sagte A.J. und wippte dabei nervös auf seinen Zehen.
Paige konnte immer noch nicht recht glauben, dass sie sich hier wie Verbrecher aus dem Krankenhaus stahlen. Noch unglaublicher fand sie allerdings die Tatsache, dass Nick sofort und ohne zu zögern zu ihr gekommen war.
Wenn sie ehrlich war, hatte sie damit eigentlich nicht gerechnet. Nachdem ihr klar geworden war, dass ihr Vater sie unmöglich einfach so gehen lassen würde und sei es nur um ihr ein letztes Mal zu beweisen, wer hier das Sagen hatte, hatte sie lange überlegt, wen und ob sie überhaupt anrufen sollte.
Konnte sie es verantworten, jemanden in die Fehde mit ihrem Vater hinein zu ziehen? Sie hatte keine konkreten Anhaltspunkte, dass ihr Vater sie tatsächlich in eine Klinik bringen würde, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass er es tun würde.
Sie hatte also die Möglichkeit, für den Rest ihres Lebens in der Schweiz vor sich hin zu vegetieren (was sie schmerzlich an ihre Mutter erinnerte), oder endlich Hilfe an zu nehmen.
Fünf Mal hatte sie angefangen Nicks Nummer zu wählen und immer wieder hatte sie, noch bevor es bei ihm klingeln konnte, wieder aufgelegt. War er tatsächlich ihre einzige Chance?
Eine Weile hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Maik an zu rufen, doch im Endeffekt hatte sie auch diese Idee wieder verworfen. Sie konnte nicht genau sagen wieso, immerhin war er einer ihrer besten Freunde und hatte schon einmal bewiesen, dass er uneingeschränkt hinter ihr stand.
Dann hatte sie für einen Moment die Augen geschlossen und sich in ihren Kissen zurück gelehnt. Nicks Gesicht war vor ihrem geistigen Auge aufgetaucht, sein Lächeln, seine strahlenden Augen, das Gefühl der Geborgenheit, das er ihr vermittelt hatte und schließlich hatte sie erneut zum Hörer gegriffen und seine Nummer gewählt.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, vielleicht zog sie ihn in etwas hinein, dass ihm mehr schaden würde, als er sich jetzt vorstellen konnte, doch die Aussicht, in seiner Nähe sein zu können, dass er für sie da war, hatte im Endeffekt gesiegt.
Sie betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Er hielt immer noch ihren Rollstuhl mit einer Hand fest, stand aber jetzt neben ihr und unterhielt sich leise mit A.J.. Irgendwie ging es wohl um ihre Unterbringung, doch in ihrem Kopf rauschte es und ihre Gedanken sprangen so schnell in ihrem Gehirn hin und her, dass sie nicht wirklich verstand, was die beiden besprachen.
Ein leises Ping verriet ihr, dass der Fahrstuhl angekommen war und leise öffneten sich die Türen. Als Paige erkannte, wer da gerade aus der Kabine trat, stieß sie einen leisen, erstickten Laut aus.
Ravens dunkle Augen hefteten sich sofort auf sie und voller Unverständnis blickte er dann von einem zum Anderen.
„Was tun Sie hier?“ fragte er barsch und trat nun endgültig aus dem Fahrstuhl heraus.
„Nichts, das sie etwas angehen würde,“ gab Nick zurück und machte Anstalten, Paige an Raven vorbei in den Fahrstuhl zu schieben.
„Moment!“
Raven packte den Rollstuhl und stellte auch noch einen Fuß vor das rechte Rad, so dass Nick ihn nicht weiter schieben konnte.
Maik trat sofort an ihn heran und fasste ihn am Arm.
„Sie sollten jetzt keinen Aufstand machen,“ sagte er gefährlich leise.
„Keinen Aufstand machen?“ Raven sah aus, als stünde er kurz vor der Explosion.
„Ist das dieser Typ ... uhm ... Raven oder so ähnlich?“ fragte A.J. an Nick gewandt, lies Raven dabei aber keine Sekunde aus den Augen.
„Genau der,“ gab Nick grimmig zurück.
„Raven bitte,“ sagte Paige leise. Sie hatte das Gefühl, gleich das Bewußtsein zu verlieren. Sie fühlte sich zittrig, das Atmen fiel ihr schwer und ihr Mund fühlte sich wie ausgedörrt an. „Wenn Du mich wirklich liebst, dann lässt Du uns jetzt gehen.“
„Was soll das heißen Paige? Ich sehe ja gar nicht ein, dass ich Dich hier mit diesen Komikern einfach so aus dem Krankenhaus spazieren lasse.“
„Ich geb’ Dir gleich Komiker,“ fuhr Nick auf und packte Raven am Kragen.
„NICK! Nicht, bitte,“ Paige lehnte sich aus ihrem Rollstuhl und bekam Nick am Hosenbein zu fassen.
Für einen Moment starrte er Raven noch böse ein, lies ihn dann aber widerwillig los.
„Raven, hör mir zu, o.k.?“
Ravens Blick lag finster auf Nicks Gesicht, doch nachdem ihn Paige ein zweites Mal ansprach, löste er sich scheinbar widerwillig von seinem Widersacher und trat einen Schritt zur Seite um Paige besser ansehen zu können.
„Mein Vater will mich in eine Privatklinik in die Schweiz bringen. Ich halte das nicht aus, verstehst Du das?“ Sie versuchte gefasst zu klingen, all ihre Überzeugung in ihre Stimme zu legen, doch sie klang kraftlos und fast weinerlich.
„Privatklinik? Ich glaube, da hast Du etwas falsch verstanden,“ sagte er kopfschüttelnd. „Er hat ein gutes Internat für Dich ausgesucht. Er bietet Dir die Unabhängigkeit, die Du immer wolltest. Warum läufst Du gerade jetzt davon?“
„Du kennst meinen Vater, oder? Raven, Du kennst ihn doch,“ eindringlich beugte sie sich noch ein Stück zu ihm hinüber und nahm seine Hand. Sie spürte undeutlich, wie Nick hinter ihr einen Schritt zur Seite trat. Scheinbar hatte er Angst, dass Raven sie nicht mehr los lassen und einfach den Gang hinunter hinter sich her schleifen würde. Doch Paige wußte es besser. Raven war kein schlechter Kerl, auch wenn der Einfluß ihres Vaters vieles in ihm verändert hatte.
„Ich weiß, dass Kyle nie etwas tun würde, dass Dir schadet,“ gab Raven stur zurück.
Paige schüttelte seufzend den Kopf. Wenn sie doch nur mehr Zeit gehabt hätte!
„Findest Du es wirklich in Ordnung, dass er mich zu einer Hochzeit zwingen will, dass er mich zu Hause einsperrt wie sein Eigentum, dass er mir meine Freiheit nimmt, jeden meiner Schritte kontrolliert? Raven, wach auf. Kyle Robinson tut nur etwas, wenn es ihm einen Vorteil bringt. Was meinst Du, warum er Dich so fördert? Der ideale Schwiegersohn, noch dazu mit Bestnoten in Harvard.“
Sie lies ihre Worte eine Weile wirken und konnte förmlich dabei zu sehen, wie sich in Raven die widersprüchlichsten Gefühle stritten. Loyalität zu seinem Vorgesetzten, Freund und Mentor, die Liebe zu ihr, die sie vielleicht heute das erste Mal wirklich sah, die Angst etwas Falsches zu tun und der immer noch vorhandene Unglaube, was Kyles Aufrichtigkeit anbelangte.
„Raven,“ sagte sie leise „lass mich gehen. Bitte. Egal was mein Vater mit mir vor hat, ich möchte nicht dabei sein. Sei es nun ein Internat oder doch die Klinik. Ich möchte endlich wirklich frei sein.“
Für einen Moment sah er sie noch unsicher an. Dann wanderte sein Blick hinüber zu Nick, dann zu Maik und schließlich zu A.J., dann legte sich sein Blick wieder auf ihr Gesicht.
„Was habt ihr vor,“ sagte er leise und sein Tonfall verriet Paige, dass er sich bereits geschlagen gab.
„Ich weiß es noch nicht. Erst einmal müssen wir hier heraus. Dann sehen wir weiter.“
Erneut schüttelte Raven den Kopf.
„Das ist Wahnsinn und das weißt Du. Wenn irgendetwas nicht nach Kyles Nase läuft, wird er fuchsteufelswild.“
„Ich weiß. Aber es ist nunmal nicht zu ändern. Er wird mich niemals freiwillig gehen lassen, das weißt Du genau so gut wie ich.“
Widerstrebend nickte er, trat endlich einen Schritt von dem Rollstuhl zurück und lies ihre Hand los.
„Ihr solltet gehen, bevor ich es mir anders überlege,“ presste er hervor und senkte den Blick.
„Ich danke Dir,“ sagte Paige erleichtert und den Tränen nahe.
„Hm,“ brummte Kyle nur, streckte dann die Hand aus und strich ihr damit sanft über das Gesicht.
„Wir müssen los,“ sagte Nick unvermittelt und schob den Rollstuhl Richtung Fahrstuhl.
„Paige?“
Nick drehte den Rollstuhl so, dass sie Raven ansehen konnte und verharrte dann mit dem Finger über dem Fahrstuhlknopf.
„Was?“
„Ich liebe Dich, das weißt Du, oder?“
Sie nickte langsam.
„Du hättest mich um Hilfe bitten können,“ fuhr er fort und Paige lächelte traurig.
„Hättest Du mir überhaupt zu gehört?“ gab sie leise zurück.
Raven zuckte mit den Schultern „ich weiß es nicht,“ gestand er.
„Wenn ... Du ... etwas brauchst, lass es mich wissen, o.k.?“
Sie nickte und wischte sich verstohlen eine Träne von der Wange.
„Gut.“ Raven nickte, was für Nick das Zeichen war, den Knopf für den zweiten Stock zu drücken und langsam schlossen sich die Fahrstuhltüren hinter ihnen.
„Eigentlich gar kein so schlechter Kerl,“ sagte A.J. und gab gleich darauf einen Schmerzenslaut von sich.
„Aua! Mensch Nick, was soll das?“
„Nur weil er uns hat gehen lassen, ist er noch kein guter Mensch,“ gab dieser zurück und seine Stimme klang so, als müsse er sich beherrschen um nicht sofort laut los zu schreien.
Paige starrte auf ihre gefalteten Hände hinunter. Nein, Raven war wirklich kein schlechter Kerl, nur leider hatte er sich bis jetzt Zeit gelassen, um ihr diese Seite an ihm zu zeigen.

Kapitel 35