Kapitel 33

Zum zweiten Mal am heutigen Tag fuhren Sie also in die Innenstadt L.A.s zum St. Marie Hospital. A.J. hatte seinen eigenen Wagen genommen, während Nick mit Maik in dessen VW-Bus saß. Nachdem Paiges linkes Bein komplett in einem Gips steckte, würden Sie die hintere Pritsche komplett benötigen, so dass für A.J. kein Platz mehr gewesen war und auch Nicks Cabriolet als Transportmittel ausschied.
Je näher sie dem Krankenhaus kamen, um so ruhiger wurde Nick. Er hatte sich die letzte Stunde immer wieder gefragt, was Paiges Sinneswandel wohl hervor gerufen hatte, doch er konnte sich bis jetzt keinen Reim darauf machen. Erst stieß sie ihn von sich und jetzt bat sie ihn um Hilfe.
Unbehaglich hatte er überlegt, ob die Tatsache, dass er sie aus dem Krankenhaus schmuggeln sollte auch etwas über ihre Gefühle zu ihm aussagte, doch er war zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen. Konnte sie ihn wirklich lieben, wenn sie ihn ohne mit der Wimper zu zucken aus ihrem Leben warf?
Doch je mehr Zeit verstrich, um so unwichtiger wurde diese Frage für ihn. Sie hatte ihn angerufen und um Hilfe gebeten und egal was vorher gewesen war, was sie über ihn dachte und fühlte, er würde alles für sie tun. Hinterher war noch genug Zeit um mit ihr die vielen offenen Fragen zu klären.
Als sie auf den Parkplatz fuhren, meldete sich Maik das erste Mal nach Paiges Anruf zu Wort.
„Hast Du irgendeine Idee, wie wir sie dort heraus bekommen sollen?“
„Nicht so wirklich,“ gestand Nick und blickte an der schneeweißen Häuserfront hinauf.
„Sie wird nicht laufen können,“ gab Maik zu bedenken und zog den Zündschlüssel aus dem Schloß.
„Ja, daran habe ich auch schon gedacht,“ stimmte ihm Nick zu. „Wir werden einen Rollstuhl besorgen müssen. Am besten nehmen wir den dann auch gleich mit nach Hause.“
„So kommt zu der Entführung also auch noch Diebstahl hinzu,“ sagte Maik und runzelte die Stirn.
„Wenn Dir das hier zu viel wird solltest Du gehen,“ sagte Nick ohne Tadel in der Stimme. „Ich kann verstehen, wenn Du aufhören möchtest.“
„Nein, das ist es nicht. Ich überlege nur was passiert, wenn sie uns erwischen. Paige wird wieder zurück in das Krankenhaus und somit zurück zu ihrem Vater müssen und uns sperren sie ein. Glaub mir, ich kann darauf wirklich gerne verzichten.“
„Wie gesagt, es ist kein Problem, wenn Du aussteigen möchtest.“
„Wer will aussteigen?“ fragte A.J. plötzlich, der die Beifahrertür des Busses geöffnet hatte und nun stirnrunzelnd von einem zum anderen sah.
„Niemand,“ gab Maik schnell zurück und öffnete ebenfalls seine Tür.
„Gut. Ich will nämlich nicht alleine im Gefängnis verrotten,“ meint A.J. und warf hinter Nick die Tür des Busses zu.
„Niemand wird ins Gefängnis gehen,“ sagte Nick überzeugt und klopfte A.J. dabei auf die Schulter.
„Ich nehme Dich beim Wort,“ grinste A.J. und folgte seinem Freund über den Parkplatz zur gläsernen Eingangstür des Krankenhauses.

Sie waren ruhigen Schrittes am Empfang vorbei gegangen und standen nun vor den Fahrstühlen. Jeden Moment rechnete Nick damit, dass sie jemand aufhalten würde, doch niemand kümmerte sich um sie. Unbehelligt erreichten sie den fünften Stock und unschlüssig blieben sie in der Mitte des Ganges stehen.
„Wir brauchen einen Rollstuhl,“ sagte Nick leise „und wir können das Krankenhaus nicht durch den Hauptausgang verlassen. Da sind zu viele Kameras.“
„Ich kümmere mich um den Rollstuhl,“ sagte A.J., sah sich einen Moment um und ging dann nach links den Gang hinunter.
„Und ich erkundige mich mal nach einem Seitenausgang,“ meinte Maik und trat an den Empfangstresen heran, der allerdings im Moment nicht besetzt war.
„Sie werden sich an uns erinnern,“ sagte Nick und fasste Maik sanft am Arm „besser Du schaust persönlich nach, wie wir hier heraus kommen. Es wird sicherlich eine Weile dauern, bis wir Paige in den Rollstuhl gesetzt haben. Wir treffen uns in ihrem Zimmer, o.k.?“
Maik blickte sich noch einen Moment unbehaglich um, doch dann nickte er.
„O.k.. Bis gleich also.“
Er drehte sich einmal um sich selbst, schien zu überlegen, wo er am besten mit der Suche beginnen sollte und wandte sich dann ebenfalls nach links.
Nick atmete ein paar Mal tief durch und wandte sich dann nach rechts. Der Korridor kam ihm unendlich lang vor. Was, wenn sie nachher aufgehalten wurden? Es gab hier keine Möglichkeit sich zu verstecken und bis sie im Fahrstuhl verschwunden waren, saßen sie so zu sagen auf dem Präsentierteller. Außerdem konnten sie den vielleicht gar nicht benutzen, das hieße dann, dass sie den endlosen Flur auf der anderen Seite auch noch hinunter mussten.
Er schluckte und schüttelte dann den Kopf als könne er seine Bedenken und die Angst, die ihn ganz langsam in Besitz nahm, abschütteln. Sie hatten keine andere Wahl. Wenn es schief gehen sollte dann würde es schief gehen. Es war jetzt einfach keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen.
Vorsichtig drückte er die Klinke zu Zimmer 504 herunter und schob die Tür auf.
Die Vorhänge waren zurück gezogen und das milde Licht der Nachmittagssonne schien herein. Paige saß in ihrem Bett und wirkte, als hätte sie sich, seit er sie verlassen hatte, nicht mehr bewegt. Mit großen Augen sah sie ihm entgegen und er bemerkte, wie sie nervös ihre Hände im Schoß knetete.
„Hi,“ begrüßte er sie und schloss die Tür hinter sich.
„Hallo,“ gab sie zurück und ein angestrengtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Danke, dass ... na ja ... dass Du so schnell gekommen bist.“
„Kein Problem. Maik sucht gerade nach einem Seitenausgang und A.J. besorgt eine Rollstuhl.“
Paiges Augen wurden noch größer.
„Du hast die Kavallerie mit gebracht?“
Gegen seinen Willen mußte er lachen, obwohl ihm eigentlich nach weinen zu mute war „na ja, ein bißchen Unterstützung können wir wohl gebrauchen.“
„Ich weiß gar nicht ... ,“ sie stockte, sah zu ihm auf und er wurde sich bewußt, dass er immer noch wie festgewachsen hinter der Tür stand. Schnell machte er ein paar Schritte in den Raum hinein und stellte sich dann neben sie an das Bett.
„Ich weiß gar nicht, wie ich Dir danken soll. Ich habe mich ... unmöglich benommen und ... na ja ... ich dachte, es wäre besser, wenn wir uns nicht mehr sehen. Aber ... ,“
„Du bist mir keine Erklärung schuldig,“ unterbrach er sie und fasste nach ihrer Hand, die sich eiskalt anfühlte.
„Oh doch. Ich bin Dir sogar noch viel mehr schuldig. Du ... ,“ sie biss sich auf die Unterlippe und lies ihren Blick aus dem Fenster wandern.
„Ich habe Dich wie den letzte Dreck behandelt und dann besitze ich auch noch die Frechheit Dich einfach an zu rufen und um Hilfe zu bitten.“
„Ich habe Dir doch gesagt, Du sollst mich anrufen, wenn Du es Dir anders überlegst und voila, hier bin ich,“ er breitete lächelnd die Arme aus, doch sie erwiderte sein Lächeln nicht.
„Das Schlimme ist,“ sagte sie leise „dass Du noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung hast, auf was Du Dich da einlässt. Wenn mein Vater heraus findet, wer mir geholfen hat, dann ... dann ...“
In ihren Augen glitzerte es verräterisch und ohne darüber nach zu denken streckte Nick die Hand aus und strich ihr sanft über die Wange.
„Es ist egal was Dein Vater mit mir macht. Verstehst Du das nicht? Ich ... ich möchte mit Dir zusammen sein. Alles andere ist mir egal.“
Sie seufzte und schüttelte den Kopf, doch scheinbar blieb ihr nichts mehr zu sagen, denn sie schwieg.
„Nun gut. Wenden wir uns den praktischen Dingen zu,“ sagte Nick und klang dabei fröhlicher, als er sich fühlte.
„Du hast hier doch bestimmt ein paar Sachen, die wir mitnehmen müssen.“
Paige nickte und deutete auf eine Einbauschrank an der gegenüberliegenden Wand.
„Da sind ein paar Klamotten drin, außerdem mein Morgenmantel, den sollte ich mir vielleicht über ziehen. Und im Bad sind auch noch ein paar Dinge. Leider ... nun ja, konnte ich noch nichts vorbereiten ... da ich ja hier irgendwie ... ,“ sie rüttelte demonstrativ an den Gitterstäben, die an ihrem Bett hochgeklappt waren „festsitze.“
„Kein Problem.“
Nick verschwand im Bad, packte alles was er fand in eine kleine Tasche, ging dann wieder hinüber in das Zimmer und zum Kleiderschrank.
In weniger als fünf Minuten hatte er alles zusammengepackt, Paiges Morgenmantel an das Fußende des Bettes gelegt und schaute dann besorgt auf die Zimmertür.
„Ich hoffe, A.J. kommt bald mit diesem Rollstuhl. Sonst haben wir wirklich ein Problem.“
Als hätte er nur auf das Stichwort gewartet, schwang plötzlich die Tür auf und A.J. kam herein. Vor sich her schob er einen Rollstuhl, der nicht wirklich stabil aussah und dessen Reifen auf dem glatten Linolium leise quitschten, als er ihn herum drehte und neben Paiges Bett abstellte.
„Die Kutsche ist da Mademoiselle,“ lächelte er und deutete eine Verbeugung an.
„Vielen Dank A.J.. Wirklich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das ist alles ... ,“
„Ja, ja. Ich weiß. Wir sind schon ein unschlagbares Team,“ unterbrach A.J. sie grinsend und legte Nick freundschaftlich einen Arm um die Schulter.
„Nun gut. Schauen wir mal, ob wir sie da irgendwie hinein bekommen,“ meinte dieser und trat an das Bett heran. Einen Moment untersuchte er das Bett, bis er den Knopf gefunden hatte, mit dem er das Metallgitter herunter klappen konnte.
„Erst einmal sollten wir die Bremsen feststellen,“ sagte A.J. und zog fachmännisch an einem Hebel an der rechten Seite des Rollstuhls.
„Hey, hast Du einen Lehrgang dafür gemacht?“ witzelte Nick, doch A.J. schüttelte den Kopf.
„Wir haben meinen Großvater eine Weile in so einem Gefährt herum gefahren. Da lernst Du alle Tricks. Im Übrigen sind die Dinger unglaublich bequem und noch dazu rasend schnell.“ Ein spitzbübisches Grinsen war bei seinen letzten Worten auf seinem Gesicht erschienen und Paige kicherte leise.
„Ich hoffe, ihr wollt mit mir keine Rennen fahren.“
„Och, das übernehmen wir dann schon selbst, wenn wir erst einmal hier heraus sind,“ meinte A.J. grinsend.
Nick stand inzwischen neben Paige. Er legte ihr den Morgenmantel um die Schultern und sie schlüpfte mit den Armen hinein.
„O.k. ... uhm ... am besten legst Du mir einen Arm um die Schulter. A.J., Du nimmst die Beine, o.k.?“
„Klaro,“ er salutierte und umfasste dann vorsichtig Paiges Gipsfuß und ihr unversehrtes Bein.
Paige legte Nick einen Arm um die Schulter, er schob seine Hände unter ihren Oberkörper und die Knie und zählte dann langsam bis drei.
„Eins ... zwei ... drei.“
Gemeinsam hoben sie Paige hoch und setzten sie gleich darauf in den Rollstuhl.
A.J. klappte eine der Fußstützen nach oben, so dass Paiges Gipsbein bequem darauf liegen konnte, löste dann die Bremse und drehte sie dann einmal um sich selbst.
„Und? Wie ist es?“
„Toll,“ gab Paige zurück, doch die Knöchel ihrer Hände, die die Armlehnen umfasst hielten, traten weiß hervor und straften ihren lockeren Tonfall Lügen.
„Wir schaffen das schon,“ sagte Nick sanft und drückte sacht ihre Schulter.
„Ich ... hoffe es.“
„Wo ist Maik eigentlich?“ fragte A.J. plötzlich, dem erst jetzt auf zu fallen schien, dass hier jemand fehlte.
„Er sucht einen anderen Ausgang. Unten sind so viele Kameras ... wenn wir da raus spazieren, können wir auch gleich hier bleiben.“
„Verstehe,“ A.J. nickte und lies hörbar seine Fingerknöchel knacken.
In diesem Moment ging die Tür auf und erschrocken zuckten sie alle drei zusammen. Doch es war nur Maik der sich beinahe lautlos in den Raum schob, einen letzten, prüfenden Blick in den Flur warf und sich dann zu den dreien umwandte.
„Ich habe einen Weg gefunden. Allerdings müssen wir dafür durch das halbe Krankenhaus wandern. Hallo Paige,“ sagte er etwas verspätet, beugte sich zu ihr hinunter und umarmte sie.
„Alles o.k. bei Dir?“
Sie schüttelte den Kopf, entgegnete aber tapfer „geht schon.“
„Das ist mein Mädchen,“ lächelte Maik und strich ihr sanft über das Haar.
„Wir müssen es riskieren,“ sagte Nick unbehaglich „geh’ Du voraus. A.J. und ich folgen Dir. Wird schon schief gehen.“
Sie sahen sich ein letztes Mal an, holten gemeinsam tief Luft, dann zog Maik die Tür auf, spähte den Gang hinunter und bedeutete ihnen dann, ihm zu folgen.
Nicks Herz klopfte laut und heftig und er war der Meinung, dass das jeder im Umkreis von fünf Meilen hören musste. Seine Handflächen waren feucht und krampfhaft umklammerte er die Griffe an Paiges Rollstuhl. Angst floss durch seine Adern und er hatte das Gefühl, dass er plötzlich alles um sich herum viel klarer und deutlicher wahrnehmen konnte. Ein paar Schwestern kreuzten ihren Weg, Patienten liefen langsam mit ihren Angehörigen die Gänge auf und ab, doch seltsamer Weise schien niemand von ihnen Notiz zu nehmen. Vielleicht hatten sie Glück. Vielleicht ...

Kapitel 34