Kapitel 31

Kaum hatte Nick ihr Zimmer verlassen, atmete Paige zitternd aus und schlug die Hand vor den Mund. Was sie eben getan hatte, war das schwerste, was sie jemals hatte tun müssen.
Er hatte so ... verletzt ausgesehen und so unendlich ... traurig. Als sie aufgewacht war und sein vertrautes Gesicht gesehen hatte, war sie im ersten Moment unglaublich verwirrt und ganz kurz war sie der Meinung gewesen, immer noch zu träumen. Ihr Herz hatte heftig geschlagen und sie hätte vor Freude beinahe laut aufgeschrieen.
Doch sofort hatte sie an ihren Vater gedacht. Sie hatte ihn noch nie so wütend und gereizt erlebt wie in den letzten paar Tagen. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sie wohl in der Luft zerrissen und hinterher ihre kläglichen Überreste zum Frühstück verspeist. Doch so begnügte er sich für’s erste damit, sie mit Nichtachtung zu strafen.
Er besuchte sie jeden Tag, saß eine Stunde neben ihrem Bett und tat dabei so, als sei sie überhaupt nicht da. Natürlich, Image war für ihn alles. Niemand hätte es wohl verstanden, wenn er seine kranke Tochter nicht besucht hätte, das machte es für sie aber auch nicht leichter.
Das Einzige was sie wirklich aufrecht hielt war der Gedanke an die Schweiz. Allerdings hatte Nick sie in diesem Punkt schwer verunsichert. Ihr Vater hatte immer von einem Internat gesprochen, Nick erwähnte allerdings eine Klinik. Höchstwahrscheinlich hatte er das der Presse entnommen und bekannter Maßen schrieben die so einige Dinge, die nicht ganz der Wahrheit entsprachen, allerdings blieb ein letzter Rest Zweifel.
Was, wenn ihr Vater tatsächlich vor hatte, sie in eine Privatklinik einweisen zu lassen? Die Geschichte mit den Depressionen war ja noch nicht einmal weit hergeholt. Immerhin war sie tatsächlich aus dem dritten Stock gesprungen, mit dem Ziel, sich das Leben zu nehmen. Aus heutiger Sicht für sie völlig unverständlich - eine Kurzschlußreaktion – doch sie hatte zu diesem Zeitpunkt einfach keinen anderen Ausweg gesehen.
Wieder sah sie Nick vor sich, wie er unsicher und mit gerunzelter Stirn vor ihrem Bett stand. Sie war so kurz davor gewesen ihre Arme nach ihm aus zu strecken. Sie wollte zu ihm, in seine Umarmung, die sie vor allem Bösen beschützen würde und sie wollte ihm so gerne sagen, wie viel sie für ihn empfang.
Doch irgendetwas hatte sie zurück gehalten. Sie hatte ihm absichtlich weh getan und hoffte, dass sie ihn so von ihr und somit auch von ihrem Vater weg getrieben hatte. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn Kyle Robinson erfuhr, welche Rolle Nick in dieser ganzen Geschichte spielte. Raven hatte Nick erstaunlicher Weise mit keinem Wort erwähnt und so hatte sie ebenfalls geschwiegen.
Sollte ihr Vater erfahren, dass sie sich so nahe gekommen waren würde er sicherlich dafür sorgen, dass Nick nicht einmal mehr am Nordpol eine einzige Platte verkaufen konnte.
Sie hatte leider schon zu oft mit ansehen müssen, wie ihr Vater systematisch den guten Ruf und das Leben anderer Menschen zerstört hatte und sie wollte Nick auf jeden Fall davor beschützen.
Der Preis den sie dafür zahlen musste erschien ihr vergleichsweise gering. Nick war in Sicherheit, alles andere zählte nicht.
Ein Schluchzer entrang sich ihrer Kehle und sie rollte sich, so gut das eben mit ihrem eingegipsten Bein ging, in ihren Kissen zusammen. Er würde nie erfahren, wie sehr sie ihn liebte und alleine der Gedanke, dass sie ihn vielleicht nie wieder sehen würde machte sie fast wahnsinnig. Doch so war es schon immer in ihrem Leben gewesen: Es zählte nicht, was sie wollte, stattdessen kümmerte sie sich darum, dass niemand anderes zu Schaden kam. Auch diesmal würde der Schmerz vorbei gehen und irgendwann, wenn sie endlich erwachsen und selbstständig war, würde sie alles nachholen, was sie bis jetzt verpasst hatte. Nicht mehr lange ...

Am späten Nachmittag öffnete sich pünktlich auf die Minute Paiges Zimmertür und Kyle Robinson betrat ihr Krankenzimmer. Wie üblich sagte er keinen Ton, ging um ihr Bett herum, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich, wobei sein Blick aus dem Fenster zu seiner rechten schweifte und holte dann aus seinem Aktenkoffer eine Zeitung hervor.
Paige hatte ihn aus halb geschlossenen Augenlidern beobachtet. Jetzt schloss sie sie wieder und tat so, als ob sie schlief. Meist, wenn sie sich tatsächlich an der Schwelle zwischen Wachen und Schlafen befand, konnte sie sich fast selbst einreden, dass ihr Vater einfach nicht mit ihr sprach weil er dachte sie schliefe und sie nicht wecken wollte.
Doch natürlich war ihr Vater weit davon entfernt rücksichtsvoll zu sein. Seine Gleichgültigkeit und sein beharrliches Schweigen schmerzten sie weit mehr, als es jeder Wutanfall getan hätte. Scheinbar war sie mittlerweile so unwichtig geworden, dass er sie noch nicht einmal mehr hasste.
Es schien, als habe Kyle Robinson erkannt, dass er sie nicht dazu zwingen konnte bei seinen Plänen mit zu spielen und so wartete er einfach die Zeit ab, bis er sie los werden konnte.
Als er ihr das erste Mal von seinem Vorhaben erzählt hatte, sie in die Schweiz zu schicken, hatte sie es erst einmal nicht glauben können. So viele Jahre hatte er sich vehement geweigert, sie auch nur auf dem Campus der Universität in L.A. wohnen zu lassen. Er hatte es wieder und wieder mit dem Gesundheitszustand ihrer Mutter, ihrer Verantwortung gegenüber der Familie und ihrem Namen gerechtfertig, doch im Grunde war es ihm immer nur darum gegangen, sie in seiner Nähe und so in seinem Einflußbereich zu halten.
Dass er dieses Vorhaben jetzt aufgegeben hatte zeigte nur überdeutlich, dass er innerlich bereits mit ihr abgeschlossen hatte. Er brauchte sie nicht mehr, hatte keine Verwendung mehr für sie und wie das eben so mit Dingen war, die ihre Halbwertszeit überschritten hatten, warf er sie einfach weg. In diesem Fall in ein Internat in der Schweiz, wo sie ihren Abschluß zu Ende bringen konnte. Was danach passieren sollte, darüber hatten sie nicht gesprochen.
Ein ungutes Gefühl beschlich Paige, während sie versuchte ruhig und flach zu atmen. Was, wenn Nick tatsächlich recht hatte? Wenn sie in eine Klinik gebracht wurde? Ihr Vater verfügte über genug Geld und Einfluß um sie für den Rest ihres Lebens dort ein zu sperren. Ob sie nun tatsächlich krank war oder nicht, spielte in diesem Fall keine Rolle.
Hätte er ihr von der Klinik erzählt, wenn er tatsächlich vorgehabt hätte, sie dort einweisen zu lassen? Höchstwahrscheinlich nicht.
Ging er ein Risiko ein, wenn er sie in ein Internat steckte? Diese Frage konnte sie nicht so recht beantworten. Hätte man sie gefragt, so hätte sie mit einem klaren „nein“ geantwortet. Immerhin war es ihr größter Wunsch unabhängig zu sein. Wenn möglich würde sie noch nicht einmal mehr an Kyle denken, wenn sie erst einmal hier heraus war, aber er würde es womöglich anders sehen.
Alles was ihm im Leben etwas bedeutete, waren seine Firma und sein guter Ruf. Alles andere konnte den Bach herunter gehen: Seine Familie, sein Haus, sein Geld, aber es durfte auf gar keine Fall Schmutz auf seine Firma geworfen werden.
Befürchtete er, sie könnte sich an ihm rächen? Hatte sie die Mittel dazu?
Die Wahrheit war wohl, dass sie nicht wirklich etwas in der Hand hatte, aber durchaus die Kontakte um an seinem Stuhl zu sägen. Sie war immerhin seine Tochter und hatte gewisse Einblicke in die Firmenpolitik und die Geschäfte, die ihr Vater tätigte. Wenn sie lange genug wühlte, würde sie sicherlich auch irgendetwas finden, da war sie sich sicher.
Für einige Minuten versuchte sie die Erkenntnis, die langsam in sie einsickerte, von sich zu schieben, doch im Endeffekt kannte sie ihren Vater zu gut. Wenn er einen legalen Weg finden konnte um sie für immer von ihm fern zu halten, dann würde er den gehen. Und eine Klinik in der Schweiz passte wunderbar in dieses Konzept.

Kapitel 32