Kapitel 30

Sie standen vor der riesigen Tafel, die Ihnen den Weg in sämtliche Abteilungen des Krankenhauses wies.
„Eigentlich müsste sie auf der Chirurgischen liegen,“ sagte Maik und deutete mit dem Kopf auf die rechte, obere Ecke der Tafel.
„Hm ... hoffen wir es. Also auf in den fünften Stock,“ entgegnete Nick und betrat vor Maik den Fahrstuhl.
Halb erwartete er, dass sie irgendjemand zurück halten würde. Immerhin war zumindest der Krankenschwester am Empfang bekannt, dass sie nur auf gut Glück hier herumstiefelten.
Doch niemand blockierte die Fahrstuhltüren und keiner rief laut, dass sie gefälligst stehen bleiben sollten.
Unbehelligt erreichten sie schließlich den fünften Stock. Als sie aus dem Fahrstuhl traten, standen sie erneut einem Empfangstresen gegenüber.
„Ich mach’ das,“ sagte Nick und trat an die Theke aus hellem Holz heran, hinter der eine weitere Krankenschwester stand und ihnen ebenfalls freundlich entgegen lächelte.
„Guten Tag,“ begrüßte Nick sie und machte sich diesmal die Mühe, das Namensschild an ihrer Uniform zu entziffern „Miss Clarksen.“
„Guten Tag Mr. Carter,“ lächelte sie und eine leichte Röte überzog dabei ihre Wangen. Innerlich jubilierte Nick. Es sah fast so aus, als hätte er hier so etwas wie einen Fan vor sich. Vielleicht hatten sie endlich auch einmal Glück. Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter und vertraulich beugte er sich zu der Krankenschwester hinüber.
„Nennen sie mich doch Nick,“ sagte er, legte den Kopf etwas schräg und warf ihr einen seiner interessierten und berühmten Nick Carter Blicke zu. Die Röte in ihrem Gesicht vertiefte sich „mein N-Name ist Jennifer,“ sagte sie und spielte dabei nervös mit dem Kugelschreiber in ihrer Hand.
„Es ist schön sie kennen zu lernen Jennifer,“ sagte er und beugte sich noch ein Stück weiter vor, so dass er nun halb auf der Theke lag.
„Was kann ich denn für sie tun?“ fragte Jennifer und traute sich dabei scheinbar nicht, ihm in die Augen zu sehen.
„Wir möchten eine Freundin besuchen. Paige Robinson. Ihre Kollegin unten am Empfang sagte, wir können sie hier finden.“ Er schämte sich nicht wirklich wegen dieser Lüge. Außergewöhnliche Situationen forderten unorthodoxe Maßnahmen. Abgesehen davon war es ihm noch nie schwer gefallen, in gewissen Situationen ein wenig zu flunkern.
„Oh, Miss Robinson,“ sagte die Krankenschwester sofort und Nick musste sich zurück halten um nicht vor lauter Aufregung über den Tresen zu springen.
„Sie liegt in Zimmer 504,“ fuhr sie fort und Nick konnte nicht mehr an sich halten. Er stemmte sich in die Höhe, beugte sich über die Theke und gab der verdutzten Krankenschwester einen beherzten Kuß auf die Wange.
„Ich liebe sie, ehrlich,“ sagte er voller Inbrunst und drehte sich dann mit triumphierenden Grinsen zu Maik herum. Dieser hob kurz den Daumen und nickte dann der Krankenschwester zu, die so aussah, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen.
„G-Gern g-geschehen,“ stotterte sie.
„Zimmer 504 also,“ sagte Nick und die Krankenschwester wies mit ausgestrecktem Arm nach rechts.
„Nochmals vielen Dank,“ sagte Nick und ging dann mit festem Schritt und Maik im Schlepptau den Gang hinunter.

Wie sich heraus stellte, lag das Zimmer am entgegen gesetzten Ende des Flures und die ganze Zeit hatte Nick Angst, dass plötzlich doch noch jemand auftauchen würde, der sie zurück hielt. Das alles war ihm fast zu glatt gegangen. Nachdem er eine Woche vergeblich versucht hatte, an Paige heran zu kommen waren sie hier auf überraschend wenig Widerstand gestoßen.
Gleichzeitig erfasste ihn eine unbändige Vorfreude. Er würde Paige jeden Moment wieder sehen, sie in seine Arme schließen können und wenn alles so lief, wie er sich das vorstellte, würde er sie noch heute irgendwie hier heraus schaffen.
Schließlich hatten sie die Tür zu Zimmer 504 erreicht.
„Vielleicht sollte ich alleine hinein gehen und Du passt auf, dass niemand kommt,“ sagte Nick und sah fragend zu Maik auf.
„Ich weiß nicht,“ Maik sah sich unsicher um. „Ich komme mir gerade wie ein Einbrecher vor. Was passiert, wenn uns jemand entdeckt oder ihr Zimmer voller Leute ist? Eigentlich sollten wir nicht hier sein.“
„Erstens ist das hier genau der Ort an dem wir sein sollten und zweitens kennen die uns doch gar nicht. Falls da drinnen wirklich jemand bei ihr ist, kann ich immer noch so tun, als hätte ich mich in der Tür geirrt. Dann warten wir, bis ihr Besuch weg ist und schnappen sie uns dann.“
„Wie Du meinst,“ Maik sah immer noch nicht so aus, als hielte er das alles für einen guten Plan, doch er setzte sich gegenüber der Zimmertür auf einen Stuhl und nickte dann auffordernd in Richtung Zimmertür.
Nick drehte sich herum und legte die Hand auf die Klinke. Noch einmal atmete er tief durch, schob dann vorsichtig die Tür auf und trat langsam in das Halbdunkel dahinter.
Die Vorhänge waren beinahe komplett zu gezogen und sperrten so das Sonnenlicht aus. Zu seiner Linken stand ein riesiges Krankenhausbett und darin lag eine schmale, zierliche Gestalt, deren linkes Bein bis zum Oberschenkel eingegipst und ausgestreckt auf der Bettdecke lag. Seine Glückssträhne schien an zu halten, denn es befand sich außer ihnen niemand mehr im Zimmer.
„Paige?“ fragte er leise um sie nicht zu erschrecken und trat dann langsam an das Bett heran.
Sie hatte die Augen geschlossen und ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten ihm, dass sie tief und fest schlief.
Eine Welle der Zuneigung überflutete ihn. Unendlich langsam streckte er seine Hand aus und berührte zärtlich ihr Gesicht. Sie war so wunderschön. Sein Herz zog sich zusammen und ein aufgeregtes Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus. Er mußte sie auf der Stelle von hier fort bringen, bevor ihr Vater wieder auftauchte.
Sanft rüttelte er sie deshalb an der Schulter und nach einer ganzen Weile schlug sie langsam die Augen auf.
„Was ... ,“ murmelte sie und verstummte dann, als sie Nick erkannte.
„Hi,“ sagte er lächelnd und setzte sich vorsichtig zu ihr auf den Bettrand.
„Was machst Du denn hier?“ fragte sie entgeistert und versuchte offensichtlich richtig wach zu werden.
„Nun ja ... ich wollte Dich sehen und ... uhm ... Dir helfen ... und mich entschuldigen ... und ... ,“
„Stop,“ sie hob eine Hand und lies sie gleich darauf wieder kraftlos auf die Bettdecke fallen. „Mal ganz langsam. Entschuldigen? Wofür? Mir helfen? Wieso? Ich meine ... was tust Du hier verdammt noch mal?“
Sie versuchte sich auf zu richten und sah dabei immer wieder ängstlich zur Tür.
Nick wollte ihr helfen, doch sie wehrte ab. Schließlich hatte sie sich unter einiger Mühe aufgesetzt und erschöpft lies sie ihren Kopf zurück in die Kissen sinken.
„Du solltest nicht hier sein,“ sagte sie leise und rieb sich die Augen.
„Ich denke schon, dass ich jetzt hier sein sollte,“ entgegnete Nick mit gerunzelter Stirn und fasste nach ihrer Hand, doch sie zog sie sofort zurück.
„Nick, verstehst Du das denn nicht? Wenn mein Vater Dich hier erwischt sind wir beide so gut wie tot.“
„Was soll das? Dein Vater ist auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er sollte Dich nicht so behandeln.“
„Wie behandelt er mich denn?“ fragte sie und der Sarkasmus in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
„Nun ja ... ,“ Nick wurde unsicher. So hatte er sich das eigentlich nicht vorgestellt. Er hatte gedacht sie würde sich freuen ihn zu sehen, stattdessen schien es so, als wolle sie ihn möglichst schnell wieder los werden.
„Sagen wir es mal so ... er ist kein wirklich netter Mensch und wie Maik mir erzählt hat, bist Du vor ihm davon gelaufen. Ein paar Tage später lese ich in der Zeitung, dass Du aus dem dritten Stock gesprungen bist. Korrigiere mich wenn ich falsch liege, aber das alles klingt nicht danach als hättet ihr ein liebevolles Verhältnis zueinander.“
„Mein Verhältnis zu meinem Vater geht Dich gar nichts an,“ sagte sei schroff „und dass ich gesprungen bin war so etwas wie ... ein ... Unfall. Es wäre wirklich besser wenn Du jetzt wieder verschwindest.“
„Aber ... ich meine ... Paige ich möchte ... ,“
„Was? Mich hier heraus holen? Tut mir leid Nick aber das geht nicht. Wie Du siehst, bin ich noch für eine ganze Weile an dieses verdammte Bett gefesselt. Aber wenn das vorbei ist fahre ich in die Schweiz und glaub mir, diese Chance von meinem Vater weg zu kommen, lasse ich mir von niemandem nehmen.“
„Und was ist ... mit ... uns?“
Er fühlte sich, als hätte sie ihm gerade einen Dolch in sein Herz gerammt. Seit er erfahren hatte wer sie wirklich war und was diese Gesichte im Club zu bedeuteten hatte, war er sich ziemlich sicher gewesen, dass sie ebenfalls etwas für ihn empfand, dass sie sich genau so schnell und heftig in ihn verliebt hatte, wie er in sie. Und jetzt? Jetzt machte sie ihm unmissverständlich klar, dass er gehen sollte.
„Was mit uns ist? Nick, es gibt kein uns. Verstehst Du das denn nicht? So lange ich hier in L.A. bleibe, wird mir mein Vater das Leben zur Hölle machen. Er gibt mir die Chance in die Schweiz zu gehen. Darauf warte ich schon mein ganzes Leben.“
„Und was werden sie dort mit Dir tun? Hast Du Dir das schon einmal überlegt?“ entgegnete er heftiger als beabsichtig. „Sie werden Dich in eine Klinik stecken, Deine „Depressionen“,“ er malte die Anführungszeichen mit den Fingern in die Luft „behandeln. Und wenn ich Deinen Vater richtig einschätze werden in dieser Behandlung vielleicht sogar ein paar Medikamente enthalten sein, die Dich für den Rest Deines Lebens ruhig stellen. Willst Du das wirklich?“
Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und für einen Moment glaubte er, dass er zu weit gegangen war, doch dann schüttelte sie lediglich traurig den Kopf.
„Ich kann nicht anders. Bitte geh’ jetzt.“
Für einen Moment saß er wie versteinert auf ihrem Bett und starrte sie an. Jedes Detail prägte sich in sein Gedächtnis ein. Ihr blasses Gesicht mit den dunklen Augenringen, die Lippen, die sie unnachgiebig aufeinander gepresst hatte, ihre wunderschönen Augen, die diesen entschlossenen Zug um die Augenwinkel hatten und ihr langes blondes Haar, dass sich über das Kopfkissen ergoss.
Er spürte, wie tief in ihm Tränen aufstiegen. Ruckartig stand er auf und sah voller Unverständnis auf sie hinunter.
„Es tut mir leid. Ich hätte gleich merken müssen, dass Du Probleme hast und Dir helfen sollen, dann wäre das alles hier nicht passiert. Aber glaub mir, in die Schweiz zu gehen ist nicht die große Rettung auf die Du hoffst.“
„Das werde ich sehen wenn ich dort bin,“ gab sie unnachgiebig zurück.
„Aber vielleicht ist es dann bereits zu spät,“ entgegnete Nick leise.
Für einen Moment stand er schweigend neben ihrem Bett. Er hätte sie so gerne in den Arm genommen und ihr gesagt wie sehr er sie liebte, aber das schien ihm jetzt unmöglich. Eine weitere Zurückweisung würde er wohl nicht überleben.
Stattdessen nickte er, ging langsam rückwärts zu ihrer Zimmertür und öffnete sie langsam.
„Ich wünsche Dir alles Gute. Falls Du ... na ja ... doch noch Hilfe brauchen solltest ... Du hast ja meine Nummer.“
„Hm,“ sie nickte zögernd, ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal und dann trat er hinaus in den Flur, der ihm plötzlich viel zu grell beleuchtet vorkam. Er schloss lautlos die Tür und blieb dann wie versteinert davor stehen. Sein Blick bohrte sich in das lindgrün gestrichene Holz vor ihm und er mußte sich beherrschen um nicht einfach mit seiner Faust dagegen zu schlagen.
„Und? Wie geht es ihr?“
Maik war neben ihm erschienen und aufgeregt fasste er Nick am Arm.
„Bestens denke ich,“ entgegnete Nick langsam „sie ist ganz versessen darauf in die Schweiz zu kommen.“
„Was?“
„Ich erkläre es Dir auf dem Weg nach unten,“ sagte er matt und schlurfte den Gang hinunter in Richtung der Fahrstühle. Er hatte das Gefühl, als gehöre sein Körper nicht mehr ihm, als gehorche er irgendwelchen geheimen Befehlen, die nicht von ihm kamen.
Er wollte doch gar nicht gehen. Er wollte in das Krankenzimmer zurück stürmen, Paige in den Arm nehmen und sie notfalls gegen ihren Willen hier heraus schleppen.
Doch stattdessen drückte er den Fahrstuhlknopf und ignorierte die bohrenden Fragen von Maik. Er würde später noch genug Zeit haben sich darüber klar zu werden, was da gerade eben geschehen war.

Kapitel 31