Kapitel 28
Die nächsten Tage versuchte Nick verzweifelt, irgendwie an Paige heran zu kommen. Er fuhr mehrere Male zu dem Herrenhaus hinauf und erreichte doch nur, dass er Ewigkeiten vor dem Eingangstor herum stand ohne einen Schritt weiter zu kommen.
Immerhin schien ihn der Wachmann mittlerweile als ungefährlichen Spinner abgetan zu haben, denn er versuchte erst gar nicht mehr mit Nick zu reden oder die Polizei zu rufen. Er beobachtete ihn lediglich aufmerksam aus seinem kleinen Häuschen heraus und schüttelte immer wieder verständnislos den Kopf.
Nick versuchte Paiges Telefonnummer heraus zu bekommen, doch er fand lediglich den Firmenanschluß, wo man ihm freundlich aber bestimmt mitteilte, dass Kyle Robinson nicht im Hause weilte und auch die nächsten Tage nicht zurück erwartet wurde. Ob dies eine Ausrede oder die Wahrheit war, vermochte Nick nicht zu sagen.
Er sprach täglich mit Maik, aber auch dessen Bemühungen, an die Robinson Familie heran zu kommen, waren allesamt kläglich gescheitert. Nach einer Woche saß Nick mutlos und verzweifelt in seiner Wohnung vor einem Stapel Papier, auf dem sich alles befand, was er über Kyle Robinson und sein Imperium hatte heraus finden können.
Mittlerweile hatte er einen guten Einblick in Paiges Leben erhalten. Er konnte sich denken, warum sie vor diesem Mann geflohen war, er wußte, dass sie nicht damit einverstanden sein konnte, diesen Raven zu heiraten und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen wenn er daran dachte, was sie in all den Jahren hatte durchmachen müssen.
Natürlich kannte er keine Details, aber es war nicht schwierig über die vielen Artikel im Internet auf ihr zu Hause zu schließen.
Kyle war ein rücksichtsloser Mistkerl, der gerne seine Geschäftspartner über den Tisch zog und dabei so geschickt vorging, dass ihm bisher weder das Gesetzt noch die Steuer irgendetwas anhaben konnte. Wenn Paige vor ihm davon gelaufen war, hatte er sich sicherlich zu Hause auch nicht anders verhalten.
Er überlegte gerade, was für Möglichkeiten ihm geblieben waren, als es an der Tür klopfte. In Erwartung, dass ihm Maik eine Besuch abstattete ging er zur Tür und öffnete. Doch statt des Surflehrers stand A.J. in den Türrahmen gelehnt und schwenkte eine Zeitung vor seiner Nase.
Das hier solltest Du Dir ansehen, sagte er statt einer Begrüßung und trat dann hinter Nick in die Wohnung.
Junge, Junge, hier sieht es ja aus, sagte sein Freund, der sich entsetzt das Chaos in Nicks Wohnung ansah.
Ich bin in den letzten Tagen nicht zum Aufräumen gekommen, entgegnete Nick schroff und lies sich auf die Couch fallen.
Bist Du zu überhaupt etwas gekommen? Ich meine, nicht das ich unhöflich sein möchte aber Du siehst so aus, als hättest Du eine Woche überhaupt nicht geschlafen, Deine Klamotten nicht gewechselt und außer trockenen Cornflakes nichts gegessen. Er schwenkte dabei eine leere Schachtel Kellogs vor Nicks Augen und lies sich dann neben ihn auf die Couch sinken.
Hör zu, gab Nick leicht gereizt zurück. Ich habe im Moment keinen Nerv für Smalltalk. Warum bist Du hier? Wenn nicht irgendetwas weltbewegendes geschehen ist empfehle ich Dir, schnellstens wieder zu verschwinden, da ich im Augenblick nicht der beste Gesprächspartner bin.
Oh, das sehe ich ganz deutlich, gab A.J. ironisch zurück und Nick begann sich unter dem intensiven Blick seines Freundes unwohl zu fühlen.
Vielleicht erzählst Du mir einfach mal, was hier ab geht, dabei machte er eine ausholende Handbewegung, die die Papierstapel auf dem Couchtisch und das Chaos in der Wohnung einschlossen..
Ich versuche an Paige heran zu kommen, was sich bisher als unmöglich heraus gestellt hat, gab Nick zurück.
Aha. Du hast ihr also vergeben?
Es hat sich heraus gestellt, dass alles nicht ganz so war, wie es auf den ersten Blick aussah, gab Nick widerstrebend zu.
Hm ... wie ist es denn dann?
Nun, sie ist vor ihrem Vater davon gelaufen und dieser Raven McKinley ist wohl tatsächlich der Schwiegersohn, den ihr Vater mehr oder weniger für sie ausgesucht hat. Sie wurde die ganzen Jahre unterdrückt, mußte sich den Befehlen ihres Vaters beugen und jetzt kommt niemand mehr an sie heran.
Und das weißt Du alles weil ... ? hakte A.J. nach.
Weil ich mich informiert habe. Über Kyle Robinsons Geschäftspraktiken z.B., über den Gesundheitszustand ihrer Mutter, die Wohltätigkeitsveranstaltungen bei denen Paige immer so aussieht, als wünschte sie sich ganz weit weg. Es gibt tausend Dinge die ich über sie erfahren habe, aber nichts, was mich irgendwie weiter bringt.
Nick seufzte und rieb sich die müden Augen. Er war am Ende seiner Möglichkeiten angekommen und am liebsten hätte er geschrieen und getobt wenn er dafür noch irgendwo Energie in sich gefunden hätte.
Dann denke ich, wird Dich das hier äußerst glücklich machen, sagte A.J. und legte die Zeitung vor Nick auf den Tisch.
Was ist das? fragte Nick und faltete sie auseinander.
Seite 15, der Lokalteil, unten links, entgegnete A.J. und lehnte sich in die Polster zurück.
Raschelnd blätterte Nick die Zeitung durch, hielt auf Seite 15 inne und suchte den Artikel, den A.J. meinte. Schließlich fand er, was er gesucht hatte:
Robinson Erbin springt aus dem dritten Stock
Nick fühlte sich plötzlich, als hätte ihm gerade jemand einen Tritt in die Magengegend verpasst. Sämtliche Luft schien aus seinen Lungen entwichen zu sein und sein Magen drehte sich einmal um seine eigenen Achse.
Ich wußte nicht, ob Dir das bekannt ist und nachdem Dein Telefonanschluß die ganze Zeit besetzt war, bin ich eben persönlich vorbei kommen, sagte A.J. und holte ihn damit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Hektisch überfolg Nick den Artikel.
Wie erst heute bekannt wurde, hat Paige Robinson, die einzige Tochter von Kyle und Shona Robinson und die Erbin von Robinson Inc., einer der führenden Computerhersteller Amerikas, am vergangenen Samstag versucht, sich das Leben zu nehmen.
Wie ein Sprecher mitteilte, sei Sie aus dem dritten Stock ihres Elternhauses gesprungen.
Laut unserer Nachfrage bei den behandelnden Ärzten grenze es beinahe an ein Wunder, dass sich die 20 jährigen dabei lediglich einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch und mehrere Prellungen zu gezogen hat.
Als Grund für den Selbstmordversuch werden von dem Sprecher der Familie anhaltende Depressionen genannt, unter denen ihre Tochter schon seit Jahren leidet. Die Familie ist zuversichtlich, dass Paige in den nächsten Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden kann, um danach in eine Spezialklinik in der Schweiz verlegt zu werden.
Mein Gott, flüsterte Nick da stehe ich tagelang vor ihrem Haus und eigentlich liegt sie im Krankenhaus. Sie ist aus dem ... dritten Stock gesprungen ... mein Gott, wiederholte er und konnte die Tatsache noch gar nicht fassen, dass sie tatsächlich verletzt in einem Krankenhaus lag. Und wenn er sich nicht beeilte, hatten ihre Eltern sie in die Schweiz abgeschoben, wo er sie erst recht nicht mehr finden würde.
Ich muß wissen, in welchem Krankenhaus sie liegt, sagte Nick aufgeregt und war schon aufgesprungen um sich das Telefon zu schnappen.
Das dachte ich mir schon, sagte A.J. und wedelte mit einem kleinen Zettel in Nicks Richtung.
Du ... weißt wo sie ist? fragte Nick ungläubig und riss A.J. das Stück Papier aus der Hand.
JoJo war mir noch etwas schuldig, entgegnete A.J. grinsend und meinte damit ihren Freund bei dem kleinen, lokalen Radiosender, der sie jetzt schon einige Jahre ihrer Karriere begeleitete.
Das ist ... GROSSARTIG!! rief Nick und angelte nun doch nach dem Telefon.
Was machst Du? fragte A.J. und stand ebenfalls auf.
Ich muß Maik anrufen und dann fahren wir direkt zum Krankenhaus.
Maik?!
Ja. Das ist der Surflehrer, bei dem Paige eine Weile gewohnt hat. Er ist wirklich in Ordnung, glaub mir.
Oh, daran zweifle ich nicht, gab A.J. lächelnd zurück.
Wenig später waren sie auf dem Weg um Maik ab zu holen und um danach auf direktem Wege in das St. Maries Hospital zu fahren. Neue Energie pulsierte durch Nicks Körper und es viel ihm schwer, seinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu halten. Er würde sie retten, koste es was es wolle. Auf die Idee, das sie das vielleicht gar nicht wollte, kam er erst gar nicht.