Kapitel 27
Nick verfluchte sich bestimmt zum hundertsten Mal, dass er so viel getrunken hatte. Er konnte in seinem Zustand nicht mehr fahren und war somit dazu verdammt, hilflos neben Maik auf der unbequemen Pritsche des alten VW-Busses zu sitzen. Mehr als einmal hatte er Maik seinen Mercedes angeboten, doch dieser hatte immer wieder mit Nachdruck den Kopf geschüttelt.
Am Ende mache ich noch irgendetwas kaputt und wenn mich irgendjemand in dieser elitären Karre sieht, lachen sie sich hinterher über mich tot.
Schließlich hatte Nick aufgegeben und war zu Maik in den Bus gestiegen.
Die Fahrt hinaus aus L.A. und in die Hügel von Hollywood hinauf kam ihm unendlich langsam vor. Immer wieder schaute er auf seine Uhr obwohl ihn das keinen Schritt weiter brachte. Paige war nun schon fast einen ganzen Tag wieder zu Hause. Was auch immer passiert war, als sie ihrem Vater gegenüber stand, war längst vorbei. Trotzdem hatte er das Gefühl sich beeilen zu müssen.
Sie hatten eine Weile gebraucht, um ihre Adresse heraus zu finden. Es schien, als sei das Anwesen von Kyle Robinson besser geschützt als Fort Knox, doch eine halbe Stunde im Internet und einige hastig getätigte Anrufe später waren sie unterwegs.
Die Scheinwerfer des Busses schnitten helle Schneisen in die Dunkelheit und je weiter sie in die Berge hinein fuhren, um so einsamer wurde es.
Nick erschauerte innerlich. Das hier war ganz sicher das Unheimlichste, was er je getan hatte. Er fuhr mit einem Mann, den er kaum kannte, in einem klapprigen VW-Bus, der jederzeit an der nächsten Ecke stehen bleiben konnte, durch einen dunklen Wald zu einem Herrenhaus, in dem ihn ein bösartiger Vater erwartete, der ganz sicher seine Tochter nicht so einfach heraus geben würde.
Er wünschte, er hätte A.J. mit genommen. Sein Freund hätte ihn sicherlich beruhigt und über seine Angst nur gelacht. Doch so wie es aussah, mußte er sich mit Maik und der Ungewissheit zufrieden geben.
Nach einer ganzen Weile bog Maik in eine kleine Seitenstraße ab und wenig später kam der Bus vor einem schmiedeeisernen Tor zum Stehen.
Das müsste es sein, sagte Maik und lies ungläubig seine Blick über das riesige Anwesen schweifen.
Na dann mal los, sagte Nick und hatte schon den Türgriff in der Hand.
Warte, Maik hielt ihn am Arm fest. Was willst Du denn sagen? Ich meine ... ich glaube nicht, dass wir da so einfach hinein spazieren können.
Nick lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück und folgte nun Maiks Blick hinaus aus dem Fenster.
Das Grundstück wurde von einer hohen, efeuüberwucherten Steinmauer umgeben und das Tor sah mehr als massiv aus. In einem kleinen Häuschen daneben brannte Licht und Nick vermutete, dass ein Wachmann darin saß und ihre Anwesenheit bereits bemerkt hatte.
Über die hohen Mauern hinweg konnte man in einiger Entfernung zwei spitze Türme ausmachen, die wohl zu der Robinsonschen Villa gehören mussten.
Ich weiß es auch nicht, gestand Nick aber einen Versuch ist es wert.
Damit wandte er sich erneut der Tür zu und diesmal lies ihn Maik ohne Widerrede aussteigen. Gleich darauf waren sie auf dem Weg über die Straße und steuerten direkt auf das Häuschen des Wachmannes zu.
Als sie es fast erreicht hatten trat ein untersetzter Mann in blauer Uniform und Baseballkappe auf dem Kopf heraus.
Guten Abend die Herren, begrüßte er sie kann ich irgendetwas für sie tun?
Der Mann wirkte misstrauisch und hielt genügen Abstand zu dem schmiedeeisernen Tor, das ihn von Maik und Nick trennte.
Guten Abend, entgegnete Nick wir möchten gerne zu Paige Robinson.
Ein erschrockener Ausdruck huschte über das Gesicht des Wachmannes, doch gleich darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle.
Tut mir leid, das geht nicht.
Aber warum nicht? fragte Nick und ballte die Hände in den Hosentaschen zu Fäusten.
Weil das nicht geht und jetzt entfernen sie sich bitte von diesem Grundstück, gab der Wachmann lapidar zurück und trat demonstrativ einen Schritt auf sie zu.
Hören sie, schaltete sich Maik ein wir wollen ihnen wirklich keinen Ärger machen. Wir möchten lediglich wissen, ob es ihr gut geht.
Wie kommen sie darauf, dass es ihr nicht gut gehen könnte? entgegnete der Wachmann nun noch eine Spur misstrauischer und lies langsam seine Hand in Richtung des Revolvers wandern, der in einem Halfter an seiner Seite steckte.
Ist es denn so? fragte Nick statt einer Antwort zurück.
Darüber kann ich ihnen keine Auskunft geben und jetzt verschwinden sie oder ich rufe die Polizei.
Bitte, versuchte es Nick noch einmal verzweifelt uns liegt wirklich sehr viel an ihrem Wohlergehen und ... nun ja ... das letzte Mal als wir sie gesehen haben ging es ihr nicht besonders gut. Alles was wir wissen wollen ist wirklich, wie es ihr jetzt geht und ob sie gut ... ähm ... aufgehoben ist.
Dies ist ihr Elternhaus, sagte der Wachmann drohend es geht ihr also bestens. Und jetzt machen sie, dass sie hier weg kommen.
Maik berührte Nick am Arm und bedeutete ihm, mit ihm zurück zum Wagen zu kommen. Doch Nick wollte nicht so schnell aufgeben.
Was versuchen Sie vor uns zu verbergen?
Nick! Maik packte ihn nun fester am Arm das hat doch keinen Sinn. Der Typ wird uns gar nichts sagen. Wir werden einen anderen Weg finden.
Nick riss sich los das hier ist unsere einzige Chance zu erfahren, wie es ihr geht und ich werde hier nicht weg gehen, bevor ich es nicht weiß. Also? bei seinem letzten Wort, hatte er sich wieder dem Wachmann zu gewandt.
Dieser schüttelte den Kopf, drehte sich um und ging zurück zu seinem Häuschen. Durch die hell erleuchteten Fenster konnte sie sehen, wie er zum Telefon griff.
Nick hör zu, wir sollten hier verschwinden, sagte Maik eindringlich. Er ruft jetzt bestimmt die Polizei und ich kann mir Schöneres vorstellen als eine Nacht auf irgendeinem Revier zu verbringen.
Aber hast Du nicht auch das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt? fragte Nick und starrte die breite, gepflasterte Auffahrt hinauf an deren Ende sich eine riesige Villa in den Nachthimmel erhob.
Mag ja sein, dass hier etwas nicht in Ordnung ist, aber das bekommen wir auch nicht heraus, wenn wir noch länger hier stehen und darauf warten, dass uns die Polizei abholt.
Ich gehe hier nicht weg, sagte Nick stur und verschränkte die Hände vor der Brust ich will da rein. Ich will wissen, ob es ihr gut geht und wenn möglich sie mit zu mir nach Hause nehmen.
Du bist nicht nur unglaublich stur sondern auch ausgesprochen dämlich, ereiferte sich Maik. In welcher Welt lebst Du eigentlich? Dieser Typ wird uns niemals da rein lassen und selbst wenn, bekommen wir Paige höchstwahrscheinlich gar nicht zu Gesicht sondern von ihrem Vater einen Tritt in den Hintern verpasst.
Memme, brummelte Nick.
Besser als ein dämlicher Dickschädel, gab Mike zurück.
Der Wachmann hatte sein Telefonat mittlerweile beendet und stand nun in der Tür seines kleinen Häuschens und beobachtete sie.
Lass uns fahren, drängte Maik.
Ich weiß nicht ... , Nick wußte nicht was er tun sollte. Er war Paige so nahe und doch hätte er nicht weiter von ihr entfernt sein könne. Sämtliche Instinkte sagten ihm, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte und dass er hier bleiben sollte um heraus zu finden, was genau hier vor sich ging.
Andererseits hatte Maik recht. Sie würden auf diese Weise nicht das geringste erreichen.
Also gut, nickte er schließlich und hörte Maik neben sich erleichtert aufatmen fahren wir.
Geschlagen trottete er hinter Maik über die Straße und kletterte gleich darauf auf die Pritsche des VW-Busses. Ein letztes Mal warf er einen Blick zu dem riesigen Haus zurück und schwor sich wieder zu kommen und heraus zu finden, was mit Paige geschehen war.