Kapitel 26

Nick erwachte durch lautes Geklapper und ein Räuspern, das wie durch Watte in sein Hirn drang. Vorsichtig öffnete er die Augen und blinzelte dann gegen das helle Sonnenlicht an. Sein Blick viel auf ein paar Beine die in olivgrünen Jeans steckten und stirnrunzelnd lies er seinen Blick höher wandern. Ein fremdes, bärtiges Gesicht lächelte auf ihn hinunter.
„Guten Morgen, gut geschlafen?“
„Wer sind sie?“ fragte Nick zurück und setzte sich langsam auf. Er versuchte den pochenden Kopfschmerz zu ignorieren und verzog trotzdem schmerzhaft das Gesicht.
„Mein Name ist Bart. Was machst Du hier, wenn ich mal so fragen darf?“
Jetzt erst sah Nick sich um. Er befand sich immer noch im Studio. Dunkel erinnerte er sich daran, dass er irgendwann erschöpft auf das Sofa gefallen war.
„Ich muß wohl eingeschlafen sein,“ murmelte Nick und stand auf.
„Das sehe ich genau so. Allerdings würde mich trotzdem interessieren, wie Du hier herein gekommen bist. Andere Leute müssen sehr viel für die Studiozeit bezahlen und können sie nicht so einfach verschlafen.“
Bart schien sichtlich misstrauisch zu sein.
„Tut mir leid. Ich habe hier vor einiger Zeit mein Album aufgenommen und ... na ja ... ab und zu lässt mich der Wachmann rein wenn hier niemand mehr ist.“
„Dein Album?“ Bart hob eine Augenbraue und musterte ihn nun mit Interesse.
„Ja. Ist aber nicht so wichtig. Ich verschwinde wohl besser.“
„Wenn Du möchtest kannst Du gerne noch bleiben. Wir könnten einen kreativen Kopf gebrauchen. Die Mädels hier sind, unter uns gesagt, nicht gerade der Bringer. Ein bißchen Unterstützung wäre nicht schlecht.“
Nick lächelte, was seinen Kopfschmerz erneut heraufbeschwor.
„Tut mir leid. Aber ich befürchte mein Bett ist mir jetzt lieber.“
„Nun gut,“ entgegnete Bart sichtlich enttäuscht „aber falls Du es Dir noch anders überlegen solltest ... wir sind den ganzen Tag hier.“
„Alles klar.“
Er klopfte Bart noch einmal auf die Schulter, hob seine Jacke, die in der Nacht von der Couch gefallen war, vom Boden auf und ging langsam aus dem Studio.
Er wartete einen Moment auf den Fahrstuhl und als sich die Türen öffneten kamen ihm drei kichernde Blondinen entgegen.
„Hi,“ grüßten sie und warfen ihm aufreizende Blicke zu. Er brummelte nur etwas Unverständliches und war froh, als sich die Fahrstuhltüren hinter ihm schlossen.
Zum ersten Mal gestattete er sich einen leisen Gedanken an Paige. Er fühlte sich immer noch, als hätte ihn eine Dampfwalze überfahren. Ihr Verrat war so groß, sie hatte sein Vertrauen schändlich missbraucht und dabei hatte sie tatsächlich so gewirkt, als meinte sie es ernst als sie so unvermittelt bei ihm vor der Tür gestanden hatte.
Er versuchte ihr Gesicht in den hintersten Winkel seines Gehirns zu verbannen und trat durch die große Drehtür hinaus in den Sonnenschein. Langsam schlenderte er zu seinem Wagen, stieg ein und lies das Verdeck hinunter. Er sehnte sich nach einem starken Kaffe, einer heißen Dusche und einer Lösung für all seine Probleme. Aber wenn er nicht vorhatte sich auf der Stelle um zu bringen, mußte Punkt drei auf seiner Liste wohl noch etwas warten.

Er hatte den gesamten Tag auf seinem Balkon verbracht, hatte am späten Mittag mit einem Bier angefangen und war nun, als die Sonne langsam unter zu gehen begann, bei seinem dritten Glas Whisky angekommen. A.J. hätte ihm sicherlich eine Moralpredigt gehalten.
„Es ist nicht gut Deine Probleme in Alkohol zu ertränken,“ flüsterte Nick vor sich hin, die Stimme seines Freundes imitierend „sieh Dir an, wohin mich das gebracht hat. Ich möchte nicht, dass Dir das gleiche passiert.“
Er prostete mit seinem halbvollen Glas dem Sonnenuntergang zu, nahm einen kräftigen Schluck und erwiderte dann seinem Freund „aber manchmal ist es einfach angenehm nicht mehr denken zu müssen Kumpel. Gönn es mir. Morgen ist ein neuer Tag.“
In diesem Moment klingelte es an der Haustür. Vor Schreck stieß er beinahe sein Glas um, stand dann auf und stellte dabei fest, dass er wohl mehr getrunken hatte, als seinem aufrechten Gang gut getan hätte.
Bevor er die Tür öffnete dachte er einen flüchtigen Moment daran, was er wohl tun würde, wenn Paige jetzt davor stand. Aber innerlich schimpfte er sich gleich darauf einen Idioten. Sie würde nicht wieder kommen - nicht heute, nicht morgen, nie wieder.
Tatsächlich stand nicht Paige vor der Tür sondern Maik, der unübersehbar wütend war.
„So mein Freund. Du sagst mir jetzt sofort, was Du mit Paige gemacht hast, sonst schwöre ich Dir, wird das hier ganz schlimm für Dich ausgehen.“
„Was ich mit ihr gemacht habe?“ Nick lachte sarkastisch und öffnete die Tür weiter. „Komm’ rein und ich erzähl’ Dir, was Deine hübsche Freundin mit mir gemacht hat. Vorausgesetzt Du möchtest das hören.“
Maik runzelte die Stirn und folgte dann Nick durch das Wohnzimmer.
„Auch einen Whisky?“ fragte Nick und lies sich schwer in seinen Sessel fallen.
„Nein danke.“ Maik schien sich nur widerstrebend Nick gegenüber zu setzen und wirkte immer noch so, als würde er ihm gleich den Kopf abreißen.
„Aaaaalso,“ begann Nick und nahm einen erneuten Schluck aus seinem Glas „der gestrige Abend lief fantastisch bis zu dem Zeitpunkt, als ihr Verlobter im Club auftauchte und sie mit nach Hause genommen hat.“
„Ihr Verlobter?“ Als Nick zu Maik hinüber sah, blickte er direkt in dessen weit aufgerissene Augen.
„Ungefähr so habe ich auch aus gesehen,“ kicherte er.
„Ich wußte nichts von einem Verlobten.“
„Willkommen im Club!“
„Das ist ernst,“ murmelte Maik und sah dann auf die Flasche, die zwischen ihnen auf dem Tisch stand „ich glaube, ich trinke doch einen.“
„Gläser sind in der Küche, bedien’ Dich.“
Maik stand auf und nachdem ihn Nick einen Weile in der Küche rumoren hörte, trat er wieder zu ihm hinaus auf den Balkon.
„Du sagst also, ihr Verlobter ist aufgetaucht?“
„Yep.“
Maik schenkte sich etwas von dem Whisky ein und lehnte sich dann in seinem Sessel zurück.
„Hat er irgendetwas über ihren Vater gesagt?“
Nick lachte trocken auf „Du meinst den Multimillionär, Computerfreak und Herrscher über das Robinson-Imperium?“
Maik verschluckte sich an seinem Getränk und sah Nick erneut mit großen Augen an.
„Das ist nicht Dein ernst.“
„Sag mal, ich dachte ihr hättet mal was miteinander gehabt. Wußtest Du das nicht?“
„Nein,“ Maik schüttelte langsam den Kopf.
„Was weißt Du überhaupt über sie?“
„Das sie vor ihrem Vater davon gelaufen ist.“
Nick brauchte einen Moment um diese Feststellung in sich auf zu nehmen.
„Sie ist weg gelaufen?“ hakte er deshalb noch einmal nach.
„Ja ist sie. Sie hatte fürchterliche Angst vor ihm. Ich weiß nicht genau wieso oder was da genau abgelaufen ist, aber sie wurde ganz weiß um die Nase als wir sie darauf angesprochen haben.“
Nick stellte sein Glas auf den Tisch und fühlte sich plötzlich vollkommen nüchtern.
„Dieser Typ, ihr Verlobter ... wie hieß der nochmal ... Raven McIrgendwas ... der hat auch so etwas erwähnt. So etwas in der Art „man läuft vor Kyle Robinson nicht davon“ oder so ähnlich. Ich ... Gott, ich riesen Vollidiot,“ er schlug sich gegen die Stirn als er langsam begriff, welchen großen Fehler er begangen hatte, als er sie in diesem Club einfach alleine stehen lies.
„Dieser Raven war bestimmt geschickt worden um sie zu suchen. Das war übrigens auch der Grund warum ich Dir nicht gleich verraten habe, dass sie bei mir ist.“
„Sie hatte Angst das man sie findet,“ sagte Nick leise „und ich Idiot zerre sie auch noch in diesen Club wo es vor reichen Leuten nur so wimmelt.“
„Du konntest es nicht wissen,“ versuchte Maik ihn zu beruhigen.
Nick schüttelte den Kopf „nein. Ich hätte doch sehen müssen, dass sie etwas bedrückt. OH MANN ... ,“ hilflos warf er die Arme in die Luft „und ich habe sie immer für ihre Selbständigkeit und Freiheit bewundert.“
„In gewissem Sinne ist sie das auch. Sie ist eine bemerkenswert starke Frau, allerdings glaube ich, dass ihr Vater das nicht so sieht.“
„Was meinst Du hat er mit ihr gemacht, als er sie wieder hatte?“
„Ich habe keine Ahnung ... so weit wollten wir nicht gehen. Es hat uns für den Anfang gereicht zu wissen, warum sie so unvermutet bei uns aufgetaucht ist und warum sie so darauf bedacht ist, sich zu verstecken. Das war auf jeden Fall offensichtlich. Sie wollte auf keinen Fall gefunden werden, sie wollte ihren College-Abschluß machen und dann verschwinden.“
„Ich muß zu ihr,“ sagte Nick fest und erhob sich aus seinem Stuhl.
„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist,“ entgegnete Maik, stand aber ebenfalls auf.
„Ich muß es wissen ... ich muß wissen ob es ihr gut geht und was dieser Raven mit ihr vor hat.“
„Ich komme mit.“
„Das ist wirklich nett, aber ich schaffe das sicherlich auch alleine.“
„Ich kenne sie schon etwas länger als Du. Also, wenn Du willst darfst DU MICH begleiten.“
Ein breites Grinsen erhellte bei den Worten Maiks Gesicht und Nick mußte lachen.
„Du bist wirklich in Ordnung ... für einen Surflehrer,“ fügte er grinsend hinzu und erntete dafür von Maik einen bösen Blick.

Kapitel 27