Kapitel 25

Nick raste durch die Straßen von L.A. und kümmerte sich dabei weder um Geschwindigkeitsbeschränkungen noch um rote Ampeln. Laute Rockmusik dröhnte aus den Boxen und übertönten dabei die Gedanken, die wild in seinem Kopf herum wirbelten. Immer wieder spulten sich die Geschehnisse im Club vor seinem geistigen Auge ab. Er hatte sich erneut täuschen lassen, wenn auch diesmal auf eine ganz andere Art.
Sie hatte sich wirklich nicht für sein Image oder sein Geld interessiert. Genauer betrachtet noch nicht einmal für den kümmerlich Rest von ihm. Was sie gesucht hatte war ein bißchen Spaß und Ablenkung bevor sie mit diesem Schleimer vor den Traualtar trat. Er konnte nicht fassen, dass er darauf herein gefallen war und es zerriss ihm beinahe das Herz.
Mit quitschenden Reifen hielt er schließlich vor dem Studio an, wartete ungeduldig, bis der Wachmann ihm aufgeschlossen hatte und jagte dann, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, in den dritten Stock hinauf. Er feuerte seine Jacke in die Ecke des Sofas, zog die Drumsticks aus einer Schublade hervor und setzte sich dann hinter das Schlagzeug, das in einer schalldichten Kammer stand.
Eine Weile hämmerte er wie ein Wahnsinniger darauf ein. Mit jedem Schlag strömten die Tränen zahlreicher über sein Gesicht, mit jeder Bewegung schien ein weiteres kleines Stückchen seines Herzens heraus zu brechen und schließlich glitten ihm die Stöcke aus seinen zitternden Fingern. Er stand auf, lies sich gegen die Wand sinken und rutschte erschöpft an ihr hinunter, dann vergrub er sein Gesicht in den Händen und schluchzte hemmungslos.

Raven hatte Paige in eisigem Schweigen nach Hause gefahren. Als sie schließlich vor dem Eingangsportal anhielten, schwangen die schweren Flügel auf und Paige sah zu ihrem Entsetzen, wie ihr Vater heraus trat. So wie es aussah, hatte er tatsächlich seinen Japanaufenthalt vorzeitig beendet und sie konnte sich nur ansatzweise vorstellen, was das für eine Auswirkung auf seine Stimmung haben musste. Wenn er etwas mehr hasste als seine Tochter, dann war es wohl, in seinen geschäftlichen Angelegenheiten gestört zu werden.
Seine Miene war undurchdringlich, doch sein gesamter Körper schien unter Hochspannung zu stehen. Noch bevor sie die Hand ausstrecken konnte, riss er die Beifahrertür auf und zerrte sie nach draußen.
„Was hast Du Dir dabei gedacht,“ zischte er und sein Gesicht war ihrem dabei ganz nahe. Paige schwieg, da sie nicht wußte was sie sagen sollte. Jedes Wort würde ihn nur noch wütender machen, sofern das überhaupt noch möglich war. Er schüttelte sie, so dass ihre Zähne schmerzhaft aufeinander schlugen.
„Sag mir verdammt noch mal, was in Dich gefahren ist!“ brüllte er.
„Ich halte das hier nicht mehr aus,“ schrie sie ihm plötzlich entgegen und Tränen der Wut rannen dabei über ihr Gesicht. Sie sah das Aufblitzen in seinen Augen einen Moment zu spät und klatschend traf seine Hand ihre Wange. Ihr Kopf wurde zur Seite geschleudert und sie stöhnte auf.
„Meinst Du nicht, das ist genug jetzt?“ hörte sie Ravens erschrockene Stimme wie durch dichten Nebel.
„Die feine Dame hat noch lange nicht genug,“ knurrte Kyle und zerrte sie hinter sich her dem Eingang entgegen.
„Ich danke Dir, dass Du sie zurück gebracht hast,“ sagte er über seine Schulter hinweg zu Raven „aber Du fährst jetzt besser nach Hause.“
„Aber ... ,“ versuchte Raven das Unausweichliche hinaus zu schieben, doch Kyle blieb unnachgiebig. Er blieb stehen und drehte sich zu Raven herum.
„Wir sehen uns morgen. Gute Nacht,“ und damit zog er Paige hinter sich her und verschwand im Haus. Mit einem lauten Krachen schlug die Tür hinter ihnen zu und Paige hatte augenblicklich das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Die plötzliche Dunkelheit der Eingangshalle und die drückende Stille legte sich schwer auf ihre Seele und sie hatte das Gefühl, lebendig begraben zu sein.
Kyle stieß sie die Treppe hinauf, den langen Flur entlang und öffnete dann ihre Zimmertür. Im ersten Moment konnte sie nicht genau sagen, was sich verändert hatte, aber irgendetwas war anders. Nachdem sie unsanft auf ihr Bett gestoßen wurde, fiel es ihr allerdings wie Schuppen von den Augen.
Jegliche persönlichen Gegenstände waren verschwunden. Die Bilder an den Wänden, die kleinen Kerzenständer, ihre Stereoanlage, ihre Bücher ... alles war nicht mehr da. Die Regale waren gähnend leer, die Wände klinisch weiß und nur auf ihrem Schreibtisch befanden sich einige ihrer Schulbücher.
„Das hier wird für die nächsten zwei Monaten der Ort sein, an dem Du Dich ausschließlich aufhalten wirst,“ verkündete Kyle, der schwer atmend in der Mitte des Zimmers stand.
„Wenn Du Hilfe für Dein Studium benötigst, werde ich jemanden kommen lassen. Ansonsten wirst Du Deine Zeit mit Lernen verbringen. Ich will Dich nicht sehen, ich will keine Mucks von Dir hören und wenn Du Deinen Abschluß gemacht hast, wird es eine kleine Zeremonie in unserem Garten geben. Du wirst mit Raven in ein Penthaus in der Stadt ziehen, wirst seine, brave, kleine Ehefrau sein und Dich gefälligst ruhig verhalten. Wenn Du auch nur ansatzweise diesen Pfad verlässt schwöre ich, dass Du mich von einer ganz anderen Seite kennen lernen wirst.“
Er gab ihr nicht die Möglichkeit etwas darauf hin zu erwidern. Noch bevor er das letzte Wort vollständig ausgesprochen hatte, war er bereits aus der Zimmertür hinaus und schlug sie gleich darauf mit Schwung hinter sich zu.
Wie unter Schock blieb Paige bewegungsunfähig auf ihrem Bett sitzen. Das konnte er doch nicht ernst meine? Sie würde ... ersticken ... wahnsinnig werden ... sterben. Ihr Blick wanderte langsam über die leeren Regale, über die Wände, an denen an einigen Stellen noch die etwas helleren Rechtecke der Bilder zu sehen waren, bis hin zu ihrem Schreibtisch, auf dem der Stapel Bücher vom herein fallenden Mondlicht wie durch einen Spot beleuchtet wurden.
So wollte sie nicht leben ... so KONNTE sie nicht leben. Sie erhob sich langsam von ihrem Bett und mit ruckartigen Bewegungen ging zu ihrem Schreibtisch. Vorsichtig kletterte sie auf ihren Stuhl, öffnete das Fenster darüber und krabbelte vorsichtig über den Tisch hinaus auf das breite Fensterbrett. Mit einer Hand hielt sie sich am Rahmen fest, während sie sich in die Höhe stemmte. Der Wind pfiff kalt durch ihr dünnes T-Shirt und wehte ihr das Haar aus dem Gesicht erhitzten Gesicht. Weit unter sich konnte sie die dunkle Rasenfläche erkennen. Ob es reichen würde? Sie schätzte, dass es ungefähr sechs Meter bis zum harten Boden waren. Was wäre, wenn sie sich nur ein Bein brach, oder noch schlimmer, für immer im Rollstuhl sitzen müsste? Doch müde dachte sie, dass das auch schon egal war. Schlimmer als jetzt würde sie sich nie wieder fühlen.
Langsam lies die den Fensterrahmen los, breite die Arme aus, schloß die Augen und sprang. Das letzte an was sie dachte war Nicks liebevolles Lächeln, dann hörte die Welt um sie herum auf zu existieren.

Kapitel 26