Kapitel 23

„Hey, alles klar bei Dir?“ fragte er A.J., nachdem er sich neben ihn an die Brüstung gelehnt hatte.
„Alles bestens,“ antwortete dieser in einem Ton der deutlich machte, dass überhaupt nichts in Ordnung war. Sein Blick suchte weiterhin die Tanzfläche ab, schien von einem Gesicht zu nächsten zu springen und blieb dann schließlich irgendwo unter ihm hängen.
Nick versuchte zu erkennen, was sein Freund da unten sah, doch er entdeckte nichts was A.J.s schlechte Laune erklären konnte. Er war sich allerdings sicher, dass es irgendetwas mit Sam zu tun haben musste. Schließlich war diese einfach verschwunden.
„Komm’ schon. Mir kannst Du nichts vormachen.“
A.J. seufzte. „Weißt Du, es ist eigentlich nichts, über das ich mich aufregen sollte und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich gleich in Tränen ausbrechen und mich unglaublich betrinken werde.“
Nick blickte erschrocken zu seinem Freund hinüber.
„Das meinst Du hoffentlich nicht ernst?“
„Was? Das mit dem Heulen oder das mit dem Betrinken?“ entgegnete A.J. sarkastisch und löste seinen Blick endlich von der Tanzfläche um Nick direkt in die Augen zu sehen.
„Beides. Was ist denn nur los? Wo ist Sam?“
Ein freudloses Lachen kam aus A.J.s Kehle und er deutete unter sich.
„Da unten. In den Armen irgendeines Typens, der sie erst einmal mit Tequila abgefüllt hat und sich jetzt einen netten Abend mit ihr macht.“
„Was? Wo?“ Nick lehnte sich ein wenig über die Brüstung und folgte mit den Augen A.J.s ausgestrecktem Arm. Nach kurzer Zeit hatte er Sams dunklen Haarschopf in der Menge entdeckt. Ein großer, gut aussehender Mann hielt sie im Arm und sie hatte vertrauensvoll den Kopf an seine Schulter gelehnt.
„Wie ist denn das passiert?“
„Das ist doch egal. Sie ist auf jeden Fall eindeutig beschäftigt und das nicht mit mir.“
„Wenn ich das richtig gesehen habe warst Du ebenfalls kurz abwesend,“ gab Nick zu bedenken, dem die junge, blonde Frau wieder einfiel die für eine Weile mit A.J. getanzt hatte.
„Du meinst Heather?“ entgegnete A.J. mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das ist eine Freundin die ich bei den anonymen Alkoholikern kennen gelernt habe. Wir haben uns lediglich ein wenig unterhalten und dann ist sie zurück zu ihrem Mann gegangen. Nichts Aufregendes also.“
„Vielleicht hat Sam das falsch interpretiert,“ gab Nick zu bedenken. A.J. lachte wieder sein trockenes Lachen.
„Wenn sie das in ihrem Nebel überhaupt mitbekommen hat.“
Er starrte erneut auf die Tanzfläche hinunter und dann wurden seine Augen ganz groß.
„Sie küsst ihn,“ sagte er fassungslos und drehte sich dann abrupt herum.
„Das reicht, ich verschwinde,“ sagte er und war schon halb auf dem Weg zu ihrer Sitzgruppe.
„Jetzt warte doch,“ rief Nick und beeilte sich, seinem Freund hinter zu kommen. A.J. hatte bereits seine Jacke vom Sofa gefischt und schüttelte der verblüfften Paige die Hand.
„Es war wirklich nett Dich kennen zu lernen, aber ich muß jetzt leider los.“
„Was? Aber wir sind doch noch gar nicht so lange ... ,“ setzte Paige an, während Nick A.J. am Arm packte und ihn nicht gerade sanft zu sich herum drehte.
„Mach jetzt keine Fehler, o.k.? Wenn dieser Typ Sam abgefüllt hat, braucht sie vielleicht unsere Hilfe. Schon einmal darüber nach gedacht?“
„Sam braucht keine Hilfe und schon gar nicht von mir,“ gab A.J. heftig zurück. „Du kennst sie doch. Sie weiß immer selbst am besten was richtig ist, sie lässt sich in ihr Leben nicht hinein reden und trifft ihre eigenen Entscheidungen. Höchstwahrscheinlich würde sie mir nur einen Vortrag darüber halten, dass ich mich gefälligst nicht in ihr Leben einmischen soll.“
„Und Du glaubst davon zu laufen ist die richtige Entscheidung?“ fragte Nick. Es ging ihm weniger darum A.J. unbedingt hier zu behalten. Er hatte einfach Angst er könnte irgendeine Dummheit begehen, vielleicht wieder mit dem Trinken anfangen und somit erneut sein Leben auf den Kopf stellen.
„Was soll ich denn Deiner Meinung nach tun? Ich habe keine Lust mir das den ganzen Abend über an zu sehen. Es tut mordsmäßig weh, verstehst Du das nicht?“
„Vielleicht sollten wir einfach alle gemeinsam gehen,“ mischte Paige sich zaghaft ein, die noch nicht ganz verstanden hatte um was es hier eigentlich ging.
„Nein. Ich will Euch nicht den Abend ruinieren,“ sagte A.J. sanft, zog seine Jacke an und umarmte Nick noch einmal.
„Mach’ Dir keine Sorgen. Ich komme schon klar. Ich fahre jetzt nach Hause und lege mich ins Bett. Morgen ist die Sache hoffentlich vorbei und vergessen.“
„Ich lasse Dich nicht alleine gehen,“ gab Nick bestimmt zurück und warf einen Blick zu Paige hinüber. Diese nickte. Sie würde mitgehen und Nick war darüber sehr erleichtert.
„Nick! Ich bin kein Kleinkind mehr, o.k.? Und auch wenn mir das vielleicht keiner zu traut ... ich bin durchaus in der Lage mein Leben alleine zu leben.“
„Aber ... ,“ versuchte es Nick erneut.
„Kein Aber. Ich bin weg. Noch einen schönen Abend,“ und mit diesen Worten drehte sich A.J. herum und machte sich auf den Weg nach unten.
Nick sah ihm hinterher und wußte nicht was er tun sollte. Konnte er ihn einfach alleine gehen lassen? Was wenn A.J. wirklich wieder anfing zu trinken? Konnte er sich das jemals verzeihen?
„Hey,“ unbemerkt war Paige neben ihn getreten und legte ihm sanft eine Hand auf den Arm. „Er ist ein großer Junge, er kann auf sich selbst aufpassen.“
„Genau das bezweifle ich. Weißt Du, er ist Alkoholiker. Ich meine ... er ist schon seit einer Weile trocken ... aber ... ,“ er wußte nicht wie er seine Gefühle ausdrücken sollte.
„Du hast Angst um ihn, das ist auch vollkommen o.k.,“ hörte er Paige sagen „aber er will sich nicht helfen lassen. Ob Du willst oder nicht, er lebt sein eigenes Leben und wenn er der Meinung ist, dass er alles im Griff hat, kannst Du überhaupt nichts dagegen tun.“
„Und wenn doch?“ fragte er und legte langsam einen Arm um ihre Schulter. Er brauchte jetzt ihre Nähe und das Gefühl ihres Körpers an seiner Seite beruhigte ihn tatsächlich ein wenig.
Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und sagte leise „Du bist nicht für ihn verantwortlich. Wenn er meint er muß sich jetzt betrinken kann ihn nichts und niemand davon abhalten. Du kannst es höchstens herauszögern aber im Endeffekt wird er sowieso machen was er will sobald Du ihm den Rücken zu drehst.“
„Ich wünschte ... ,“ setzte er an, als sie plötzlich von einer dunklen Männerstimme unterbrochen wurden.
„Paige?“
Sie hob erschrocken den Kopf und er spürte, wie sie zusammen zuckte. Misstrauisch musterte er den Mann vor sich. Er war sich sicher, dass er ihn noch nie zuvor gesehen hatte.

Kapitel 24