Kapitel 22

Der Club war laut und voll, was Paige ein wenig beruhigte. Sie hatte lange darüber nachgedacht ob es eine gute Idee gewesen war mit Nick hier her zu gehen. Immerhin war das nicht irgendein Club, sondern ein beliebter Treffpunkt der High-Society. Es war recht wahrscheinlich, dass sie hier jemandem über den Weg lief, der sie kannte.
Doch im Endeffekt war sie dieses Risiko gerne eingegangen, was sie auf gewisse Weise erschreckte. Noch nie war es ihr so schwer gefallen Paige Robinson und Paige das Surfergirl zu trennen. Wenn sie nicht aufpasste, saß sie schneller wieder in ihrem goldenen Käfig als sie Piep sagen konnte.
Entsprechend angespannt spähte sie deshalb in die Runde. Gesichter tauchten im Licht des Stropokoplichtes auf und verschwanden auch gleich wieder, Menschen drängten sich an ihr vorbei, die sie nicht einmal eines Blickes würdigten und sie sah auf den ersten Blick niemanden, den sie kannte.
Etwas beruhigter stieg sie also hinter Nick die Treppe in den VIP-Bereich hinauf und zielsicher steuerte er auf einen Mann und eine junge Frau zu. Sie lehnten nebeneinander am Geländer der Empore und wirkten beide etwas angespannt.
„Hallo ihr zwei Hübschen,“ rief Nick und legte den beiden die Arme um die Schultern. Paige war verblüfft. Eigentlich hatte sie gedacht Sam und A.J. seien beides Männer.
„Paige, das ist Sam,“ stellte er sie der dunkelhaarigen Frau vor, die sie freundlich anlächelte und gleich darauf ihre Hand schüttelte. Sam war hübsch, vielleicht nicht im klassischen Sinne, dafür war ihre Nase ein wenig zu krumm und ihre Wangenknochen zu hoch, aber sie hatte eine umwerfende Ausstrahlung, die sie Paige gleich sympathisch machte.
„Und das hier ist mein Kumpel A.J.,“ fuhr Nick fort und hatte dabei seinem Freund immer noch einen Arm um die Schulter gelegt.
„Es ist schön Dich kennen zu lernen,“ lächelte dieser und schüttelte ihr ebenfalls die Hand. Für einen Moment fühlte Paige sich eingeschüchtert von dem intensiven Blick dieser faszinierenden Augen, doch gleich darauf rief sie sich innerlich zur Ordnung. Das hier waren Freunde von Nick und somit niemand, vor dem sie Angst haben musste.
Sie warf einen kurzen Blick zu Nick hinüber. Die beiden schienen so unterschiedlich zu sein und doch wußte sie inzwischen, das Nick auf das Wort seines Freundes sehr viel Wert legte. Ihr Herz machte einen kleinen Satz als er sie direkt ansah und sie anlächelte, dann fasst sie Sam leicht am Arm.
„Wollen wir uns setzen?“
Paige nickte dankbar. Sie brauchte wohl noch eine Weile um sich hier vollkommen sicher zu fühlen, aber für den Anfang war alles bestens gelaufen.
Nick und A.J. verschwanden gleich darauf um etwas zu trinken zu besorgen, während sich Paige mit Sam in die hinterste Ecke der Empore verzog, wo sie sich auf eines der gemütlichen Polstersofas nieder ließen.

Nick und A.J. waren gerade zurück gekehrt, als aus den Boxen Paiges Lieblingslied erklang. Überschwänglich sprang sie auf.
„Ich liebe dieses Lied! Wer geht mit tanzen?“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg die Stufen hinunter und kämpften sich dann durch die Menschenmenge in die Mitte der Tanzfläche vor.
Kaum hatten sie eine Stelle gefunden, auf der sie alle vier Platz fanden, zog Nick Paige zu sich heran und begann mit ihr zu tanzen.
Seine Hände ruhten warum und weich auf ihrem Rücken und sein Gesicht war dem ihren ganz nahe. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen und er schien sie buchstäblich mit seinen Augen zu verschlingen. Paige legte ihm langsam ihre Arme um den Hals und verschränkte ihre Hände in seinem Nacken.
Sie konnte ihren Blick nicht von seinen Augen abwenden, registrierte am Rande wie er ihr noch ein Stück näher kam und ihre Nasen nun fast gegeneinander stießen.
So tanzten sie eine halbe Ewigkeit. Egal welches Stück gerade lief, wie schnell oder wie langsam es war, sie schmiegten sich eng aneinander und vergaßen einfach alles weitere um sich herum.
Nach einer ganzen Weile schien Paige wie aus einem Traum auf zu wachen. Irgendwo in ihrem Hinterkopf hatte eine Warnglocke laut und vernehmlich angefangen zu schrillen. Was hatte Maik gesagt? Du weißt sicherlich dass es nicht besonders hilfreich ist mit einem Popstar an deiner Seite von der Bildfläche zu verschwinden, oder?
Er hatte recht und doch brachte sie es nicht fertig auch nur einen Zentimeter von Nick ab zu rücken. Sie fühlte sich bei ihm so unglaublich wohl und beschützt. Vielleicht war er sogar in der Lage die Sache mit ihrem Vater zu verstehen. Doch bei diesem Gedanken angekommen wurde ihr das Herz bleischwer. Selbst wenn er es verstehen würde, ihr Vater würde es ganz sicher nicht.
Nick spürte sofort, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war.
„Was ist los?“ fragte er leise und sie schüttelte nur den Kopf. Sie konnte ihm das nicht erzählen. Unvermittelt blieb er stehen, um sie herum tanzten die Menschen unbeirrt weiter und Paige begann sich unwohl zu fühlen. Er war ihr eindeutig zu nahe gekommen und das nicht nur in körperlicher Hinsicht.
Während sie einen Schritt zurück trat, schaute sie sich das erste Mal aufmerksam um. Kannte sie ein Gesicht? War hier vielleicht jemand, der ihrem Vater verraten konnte, wo sie war?
Am Rande registrierte sie, dass Sam nicht mehr da war und A.J. angestrengt zwischen den tanzenden Körpern versuchte, zur Bar hinüber zu schauen.
„Was ist los?“ wiederholte Nick, diesmal mit einem äußerst beunruhigten Unterton in der Stimme.
„Nichts ... ich möchte mich nur gerne ... wieder setzen.“
Er kaufte ihr die Geschichte nicht ab, das sah sie sofort, aber scheinbar kam er zu dem Schluß, dass es jetzt keinen Sinn hatte weiter zu bohren. Stattdessen nickte er und wandte sich an A.J..
„Wir gehen wieder nach oben,“ hörte sie Nick sagen.
„Ich komme mit,“ entgegnete A.J. warf noch einen letzten Blick in Richtung Bar und folgte ihnen dann von der Tanzfläche herunter und die Treppe zur Empore hinauf.
Paige und Nick setzten sich wieder auf das Sofa, doch A.J. stellte sich an die Brüstung und blickte auf das Treiben unter sich.
Nick sah zwischen ihm und Paige hin und her. Es war offensichtlich dass er nicht wußte, wem von beiden er sich zu erst widmen sollte.
„Geh’ nur zu ihm. Ich komme auch für einen Moment alleine klar,“ sagte sie deshalb und hoffte, er würde es tun damit sie ein wenig Zeit hatte um ihre Gedanken zu ordnen und sich eine gute Ausrede für ihn einfallen zu lassen.
„Ich weiß nicht,“ wieder huschte sein Blick zur Empore und wieder zurück zu ihr.
„Mir geht es gut. Wirklich! Kümmere Dich um Deinen Freund.“
„Aber Du wirst nicht weglaufen, oder?“ fragte ängstlich und aus einem Impuls heraus strich sie ihm sanft über die Wange.
„Ich bleibe genau hier und ich werde niemals einfach weg laufen.“
Für einen Moment sah er sie an, dann stahl sich ein schüchternes Lächeln auf sein Gesicht und er nickte. Er beugte sich hinüber, küsste sie sanft auf die Wange und stand dann auf um sich zu A.J. zu gesellen.
Für einen Moment starrte sie ihm überrascht hinterher. Ihr ganzes Gesicht brannte und in ihrem Magen tanzten tausende, kleiner Schmetterlinge. Für einen Moment sah sie das gesamte Ausmaß der Katastrophe vor sich. Sie liebte ihn und selbst die Angst vor ihrem Vater würde sie nicht aufhalten können. Diese Geschichte würde ganz böse enden und sie konnte nichts dagegen tun.

Kapitel 23