Kapitel 20
Arbeitest Du schon lange als Surflehrerin? fragte Nick gerade und nippte an seiner Cola. Nachdem Paige tatsächlich nur ein Wasser bestellt hatte, hielt er es irgendwie nicht für angebraucht, etwas Alkoholisches zu trinken. Er konnte sich nicht daran erinnern jemals einer Frau beim ersten Date lediglich ein Glas Wasser spendiert zu haben. Aber sie wollte es eben so.
Eigentlich erst seit einer Woche. Aber es macht mir ungeheuren Spaß.
Das glaube ich Dir aufs Wort. Es muß toll sein sein Hobby zum Beruf zu machen.
Das stimmt. Aber das müsstest Du doch eigentlich am besten wissen, gab sie lächelnd zurück.
Innerlich zuckte er zusammen, versuchte aber ruhig zu antworten na ja, als Popstar hat man es nicht immer leicht. Aber grundsätzlich stimmt das schon. Die Musik bedeutet mir sehr viel.
Kann es sein, dass es Dich etwas nervös macht, wenn ich Dich auf Deine Arbeit anspreche? fragte Paige unvermittelt und brachte ihn damit ganz schön aus dem Konzept.
Ich ... also ... schon ... irgendwie ... also ... uhm ... ja.
Warum?
Das ist nicht so leicht zu erklären befürchte ich. Um Zeit zu gewinnen nippte er erneut an seinem Getränk.
Versuch es einfach. Ich würde es wirklich gerne wissen.
Nun ... es ist häufig so, dass die Frauen ... nun ja ... sie sind wohl oft weniger an mir als an meinem Job interessiert und ... ich weiß auch nicht ... es gefällt mir nicht besonders und nach einigen ziemlich schmerzlichen Erfahrungen bin ich wohl übervorsichtig geworden.
Das verstehe ich, sagte sie und er suchte vergeblich nach einem Anzeichen dafür, dass sie das vielleicht nur so daher sagte.
Ich selbst stamme aus einer Familie ... die ... sagen wir mal ... einen recht guten Namen hat. Es ist einfach unangenehm wenn man lediglich darauf reduziert wird.
Das stimmt, über den Tisch hinweg trafen sich ihre Blicke und Nick schluckte schwer. Etwas geschah mit ihm. Sein Herz zog sich zusammen, seine Handflächen wurden feucht und unbewußt fuhr er sich mit der Zunge über seine trockenen Lippen. Sie war einfach wunderschön und wenn sie ihn so ansah wie jetzt, wollte er sie am liebsten sofort in seine Arme schließen.
Lächelnd senkte sie den Blick in ihren Schoß.
Wo warst Du nur mein ganzes Leben lang? hörte er sich sagen und wäre dafür am liebsten auf der Stelle in irgendeinem Loch versunken.
Höchstwahrscheinlich nicht einmal weit entfernt, gab sie leise zurück.
Erzähl mir etwas von Dir, bat er, da er auf der Stelle alles über sie wissen wollte.
Da gibt es nicht sehr viel zu erzählen. Sag mir lieber was Deine Surfkünste machen.
Für einen Moment war er verwirrt. Das war nicht die Antwort mit der er gerechnet hatte. Als er in ihre Augen sah, erblickte er dort einen unnachgiebigen Zug. Sie würde ihm nicht mehr erzählen, als er bereits wußte und irgendwie machte ihn das unsagbar traurig. Vertraute sie ihm nicht?
Ich bin mir sicher, dass es da eine ganze Menge zu erzählen gibt, sagte er wider besseren Wissens und sah sofort, wie sie sich auf ihrem Stuhl verkrampfte. Erzähl mir doch mal etwas über Deine Familie. Lebt sie hier in L.A.?
Es war wohl die völlig falsche Frage gewesen, denn ihr Blick verfinsterte sich und sie wirkte, als würde sie gleich von ihrem Stuhl aufspringen und davon laufen.
O.k., ich ziehe diese Frage zurück, gab er also nach, doch sie sah immer noch nicht glücklicher aus.
Es tut mir leid, ich bin wohl etwas zu neugierig. Wenn Du nichts erzählen möchtest ist das vollkommen o.k..
Bist Du Dir sicher? Ich ... ich bin einfach nicht der Typ der gerne über sich redet.
Ich kann damit leben, wirklich! Ich finde es schade, aber ... nun ja ... wenn Du das nicht möchtest ... ,
Sie wirkte erleichtert, dann nickte sie gut ... also zurück zu Deinen Surfkenntnissen.
Sie saßen immer noch an dem kleinen Tisch nahe beim Fenster, um sie herum waren bereits die Stühle hochgestellt und hinter der Bar saß ein einsamer Barkeeper, der sich die Wiederholung eines Footballspiels im Fernsehen an sah. Ab und an warf er einen gelangweilten Blick zu ihnen hinüber, aber Paige hatte noch keine Lust jetzt schon zu gehen. Es war einfach so angenehm sich mit Nick zu unterhalten.
Nachdem er erst einmal aufgetaut war und sie die Sache mit ihrer Personen geklärt hatten, waren sie schließlich zu allgemeinen Themen übergegangen. Sie hatten alles diskutiert. Angefangen beim Thema Treue in einer Beziehung über Vertrauen zu anderen Menschen bis hin zu der miserablen Footballsaison hatten sie nichts ausgelassen und für Paige war die Zeit wie im Flug vergangen.
In vielen Dingen waren sie sich erschreckend ähnlich und immer wieder hatten sie gelacht, wenn sie erneut eine Übereinstimmung gefunden hatten.
Wie sie war er oft mit den Gedanken ganz wo anders, wenn er sich eigentlich auf wichtige Dinge konzentrieren sollte, wie sie liebte er das Meer und den Wassersport, wie sie legte er Wert auf Treue, Vertrauen, Ehrlichkeit. Sie hörten fast die gleiche Musik und hatten die gleichen Filme zu Hause im Regal stehen.
Was sie nicht teilten war der Wunsch nach einem festen Wohnort. Nick hatte erklärt, dass er in diversen Hotelzimmern auf der ganzen Welt seine Jugend verbracht hätte und sich daher kaum vorstellen konnte, sein ganzes Leben an ein und dem selben Fleck zu verbringen.
Paige hingegen wünschte sich ein zu Hause, einen Ort, zu dem sie immer zurück kehren konnte und der ihr Schutz bot. Sie konnte sich nicht vorstellen auf der ganzen Welt zu Hause zu sein.
Doch im Moment stellte das alles kein Hindernis da. Sie waren zusammen an einem Ort, das sollte für den Anfang reichen.
Schließlich trat ein Kellner auf sie zu und meinte mit Bedauern in der Stimme es tut mir leid, aber wir schließen jetzt.
Oh ... , Nick sah sich sichtlich erstaunt um und Paige lächelte in sich hinein. Konnte es möglich sein, dass er nicht mitbekommen hatte, wie sich das Lokal langsam aber sicher leerte und die Bedienungen die Tische um sie herum abgewischt hatten?
Dann ... zahle ich wohl, sagte er und zog seine Brieftasche hervor.
Ich hatte vier Wasser, glaube ich, sagte Paige und holte ebenfalls ihre Geldbörse hervor.
Wenn Du mich beleidigen willst, dann zahl ruhig selbst, sagte Nick und lächelte zu Paige hinüber.
Nichts läge mir ferner, entgegnete sie aber ich bin durchaus in der Lage für mich selbst zu sorgen.
Oh, das bezweifle ich nicht, dabei zwinkerte er ihr zu und sie mußte lachen. Geschlagen steckte sie ihre Geldbörse wieder ein und Nick zahlte die Rechnung.
Gemeinsam traten sie schließlich auf die Straße hinaus. Mittlerweile wehte ein kräftiger Wind von der See herüber und Paige fröstelte.
Hier, nimm meine Jacke, sagte Nick und legte sie ihr um die Schultern.
Und was ist jetzt mit Dir? fragte sie und kuschelte sich tiefer in die Jacke.
Ich werde elendig erfrieren, aber das macht nichts. Immerhin wird dann auf meinem Grabstein stehen er opferte sich für eine Frau. Das wird mir die Unsterblichkeit verleihen.
Wahrscheinlich wird auf Deinem Grab stehen er erfror aus Blödheit, was Dich vielleicht auch unsterblich machen wird, aber sicher nicht so, wie Du Dir das vorgestellt hast, gab Paige lachend zurück.
Tot ist tot, stellte Nick trocken fest und stimmte in ihr Lachen mit ein.
Darf ich Dich denn nach Hause fahren? fragte er, als sie sich wieder etwas beruhigt hatten.
Das wäre sehr nett. Ich möchte Maik ungern aus dem Bett klingeln.
Wunderbar. Mein Wagen steht gleich hier drüben.
Paige hatte gar nicht gemerkt, wie schnell sie dem Apartmentkomplex näher gekommen waren. Sie fühlte Bedauern, dass der Abend so schnell zu Ende ging.
Sie stiegen in Nicks Wagen ein und sie legte entspannt ihren Kopf an die kühle Scheibe. Am liebsten wäre sie bis in alle Ewigkeit mit ihm durch die Nacht gefahren. Er war ihr hier so nahe und sie fühlte sich so überaus geborgen in seiner Nähe.
Was hältst Du davon, wenn wir morgen Abend zusammen ausgehen? Ich bin sozusagen mit zwei Freunden von mir verabredet ... Sam und A.J. ... sie würden sich sicherlich freuen Dich kennen zu lernen ... und ... na ja ... ich würde mich auch freuen Dich wieder zu sehen.
Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu und sein Lächeln hüllte sie wie eine warme Decke ein. Sie würde mit ihm überall hingehen!
Gerne.
Toll! Ich meine ... schön ... das freut mich ... also ...
Er fing schon wieder an zu stottern. Ein Zeichen dafür, dass er sich nicht sicher gewesen war, ob sie ja sagen würde. Überrascht stellte sie fest, dass sie auf dem besten Wege war, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben.
Seine offensichtliche Unsicherheit, die den Beschützerinstinkt in ihr weckte, obwohl sie genau wußte, dass er den überhaupt nicht nötig hatte, seine Augen, die sie heute Abend so oft unglaublich liebevoll angesehen hatten, seine Sicht auf das Leben, die trotz allem Starrummel und einer alles anderen als gewöhnlichen Jugend doch so bodenständig war ... das alles zog sie wie magisch an.
Viel zu schnell erreichten sie die Surfschule und nachdem Nick den Motor abgestellt hatte, saßen sie noch eine Weile zusammen in der behaglichen Dunkelheit und Stille des Wageninneren.
Es war ein sehr schöner Abend, sagte Paige schließlich und bereitete sich innerlich darauf vor, aus dem Wagen zu steigen.
Das fand ich auch ... eigentlich schade, dass er schon vorbei ist.
Ja, das stimmt. Aber wir sehen uns ja schon bald wieder.
Du hast recht. Ist es in Ordnung, wenn ich Dich gegen neun abhole?
Das passt mir gut. Ich bin sehr gespannt Deine Freunde kennen zu lernen.
Versprech Dir lieber nicht zu viel davon. Gerade A.J. kann manchmal eine ganz schöne Nervensäge sein.
So wie Du? fragte Paige grinsend.
Heeeeeyyyy, Nick knuffte sie lachend in die Seite ich bin gar nichts im Vergleich zu ihm.
Na gut, dann werde ich Dir das jetzt mal glauben.
Für einen Moment sahen sie sich noch lächelnd in die Augen, dann öffnete Paige widerstrebend die Wagentür.
Bis morgen, rief Nick ihr hinterher.
Ja, bis nachher, lachte Paige und schloß die Tür.
Dann sah sie ihm hinterher, bis seine Rücklichter von der Nacht verschluckt wurden.
Kapitel 21