Kapitel 12

Paige erwachte am nächsten Morgen und ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie das Rauschen der Wellen vernahm. So sollte es immer in ihrem Leben sein. Geweckt vom Ozean, nichts weiter vor sich als viele Stunden Spaß und Sorglosigkeit.
Nun ja ... von Sorglosigkeit konnte eigentlich keine Rede sein.
Während sie sich noch einmal in die Kissen kuschelte dachte sie an ihr eigentliches zu Hause. Hatten die Angestellten inzwischen bemerkt, dass sie nicht mehr da war und, was noch viel wichtiger war, auch nicht mehr zurück kommen würde?
Ihr Vater hatte von einem Lance gesprochen, der auf sie aufpassen sollte. Wenn sie Glück hatte, dann kannte Lance ihren Vater noch nicht so gut und würde nicht sofort alle verfügbaren Kräfte mobilisieren um sie zu finden. Allerdings war das relativ unwahrscheinlich. Ihr Vater machte gerne von Anfang an klar, was und wie er es wollte.
Höchstwahrscheinlich hatte dieser Lance jetzt Todesangst, weil er sie nicht finden konnte. Was würde er wohl ihrem Vater erzählen? Dass sie ausgebüchst war? Damit riskierte er, dass er seinen Job verlor und auch nie wieder eine Anstellung im Umkreis von 500 Meilen bekam.
Oder würde er sich Zeit verschaffen und alles daran setzten, sie innerhalb der zwei Wochen zu finden in denen ihr Vater unterwegs war?
So oder so standen ihre Chancen schlecht. Der Ort hier war zwar relativ sicher, denn keiner wußte von ihrer Verbindung zu Maik und dieser Surfschule, aber wer sie auch nur ein bißchen kannte wußte, wie viel ihr das Meer bedeutete. Hier würden sie ansetzen ... alle Gebäude am Strand untersuchen ... sämtliche Leute fragen ob sie das Mädchen mit den langen blonden Haaren gesehen hatten.
Es war nur eine Frage der Zeit bis sie sie aufspüren würden und diese Erkenntnis lag Paige wie ein Stein im Magen. Sie sollte besser nie vergessen, dass ihr Aufenthalt nur von beschränkter Dauer war.
Eine Weile grübelte sie darüber nach, ob sie Maik von ihrer Lage erzählen sollte. War es ratsam jemanden ein zu weihen? Jemand, dem sie vertraute und jemand, der sie notfalls decken konnte?
Andererseits hätte sie dann mehr erzählen müssen, als ihr lieb sein konnte. Maik hatte schon immer die „feinere“ Gesellschaft abgelehnt. Was würde er also dazu sagen, wenn er einem Mitglied davon Unterschlupf bot? Kannte sie ihn so gut um ihm ihr Leben an zu vertrauen? Kannte sie überhaupt jemandem, dem sie so weit vertraute?
Das Ergebnis war niederschmetternd und bevor sie in einen regelrechten Strudel von negativen Gedanken versinken konnte, stand sie lieber auf.

Als sie hinunter in die Küche kam, erwarteten sie Maik und Moisha die zusammen an dem kleinen Tisch saßen und frühstückten.
„Guten Morgen Paige,“ begrüßte sie Maik und stand auf um einen Teller und Besteck für sie zu holen.
„Guten Morgen,“ grüßte sie zurück und zog sich einen Stuhl heran.
„Hast Du gut geschlafen? Das Gewitter war ganz schön heftig was?“ fragte Moisha und löffelte dabei weiter ihren Obstsalat.
„Ja und ja,“ lächelte Paige und versuchte dabei nicht an das Drama von letzter Nacht zu denken.
„Darf ich Dich etwas fragen?“ sagte Maik, während er Paige frisch gepressten Orangensaft in ein Glas goss.
„Sicher.“
„Warum bist Du hier?“
Das Messer glitt Paige aus der Hand und viel scheppern zurück auf den Teller.
„Hey, das war doch nur eine kleine harmlose Frage,“ entgegnete Maik, doch sein Lächeln erreichte dabei seine Augen nicht.
Moisha löffelte weiterhin unbekümmert ihren Obstsalat, doch der kurze Seitenblick auf Maik entging Paige nicht.
„Steckst Du in Schwierigkeiten?“ hakte Maik sanft nach und setzte sich rittlings auf seinen Stuhl.
„So ... könnte ... man ... es nennen.“ Es hatte wohl keinen Sinn zu lügen.
„Wie ... tief steckst Du denn drinn?“
„Hm ... sehr tief würde ich sagen.“
„Polizei?“
„Nein ... noch nicht denke ich.“
Maiks Gesicht verfinsterte sich und er sah Moisha an.
„Es geht uns im Grunde ja nichts an,“ sagte diese schließlich und legte ihren Löffel bei Seite „aber wir haben keine Lust in irgendetwas verstrickt zu werden, verstehst Du? Unser Traum von Hawaii ist in greifbare Nähe gerückt und wir haben so hart dafür geschuftet ... wir möchten nur wissen, ob Gefahr besteht ... nun ja ... dass wir unseren Traum auf unbestimmte Zeit verschieben müssen.“
„Ich denke nicht,“ gab Paige vage zurück. Sie hatte wirklich keine Ahnung, ob ihr Vater den beiden Probleme machen konnte. Möglich war bei ihm alles. Sie war erst zwanzig und somit noch nicht volljährig. Was konnte man jemandem anhaben, der einer minderjährigen, weggelaufenen Streunerin Unterschlupf gewährte?
„Du „denkst“ schon?“ fragte Maik leise.
„Ich weiß es einfach nicht ... aber wenn ihr Probleme befürchtet, dann gehe ich wieder. Wirklich ... ich finde schon einen Platz.“
„Nein!“ Maik schüttelte entschieden den Kopf. „Das werde ich auf keinen Fall zu lassen. Wir möchten einfach nur gerne wissen, was auf uns zu kommen könnte. Hast Du jemanden umgebracht oder bist Du einfach nur weg gelaufen? Wie Du Dir vielleicht denken kannst, liegt dazwischen ein sehr großer Unterschied.“
Paige mußte lächeln und etwas von ihrer Angst legte sich.
„Letzteres,“ gab sie zu.
Wieder ein kurzer Blick zwischen Maik und Moisha. Scheinbar hatten sie am vergangenen Abend ausführlich darüber diskutiert.
„Wovor oder vor wem bist Du davon gelaufen?“ fragte Moisha sanft und lehnte sich etwas auf ihrem Stuhl nach vorne.
Paige schaute verständnislos von einem zum anderen. Was dachten denn die beiden?
„Von zu Hause?“
„Wurdest Du ... schlecht behandelt?“ fragte Moisha weiter und da ging Paige ein Licht auf.
„Oh ... ihr meint, ob ich verprügelt wurde oder sexuell belästigt oder so etwas?“
Moisha lehnte sich erschrocken zurück.
„So etwas in der Art,“ gab Maik zu und diesmal lies sein Lächeln sein gesamtes Gesicht erstrahlen.
„Nein ... nicht direkt.“
Sein Lächeln erstarb.
„Ich habe wahrscheinlich nur das Problem, das so viele Teenager mit mir teilen. Ich hasse meine Eltern ... oder besser gesagt ... meinen Vater. Er ist ... nun ja ... er hält gerne die Fäden in der Hand und das passt mir nicht. Also habe ich beschlossen meinen Collegeabschluß ohne ihn durch zu ziehen.“
Näher an der Wahrheit war einfach nicht möglich. Sie wollte nicht über die Gewittergeschichte reden, nicht über die geplante Hochzeit und die Bürde, eine Robinson zu sein. Sie wollte nur ihre Ruhe.
Maik nickte „das kann ich sehr gut nach voll ziehen. Ich bin mit 16 von zu Hause weg. Allerdings hat mein Vater gesoffen wie ein Loch und war nicht immer sehr nett zu mir.“
„Ich weiß,“ sagte Paige sanft, die sich sehr gut an das Gespräch erinnerte, in dem Maik ihr von seinem prügelnden Vater erzählt hatte.
„Wird er nach Dir suchen?“ fragte Moisha.
„Davon gehe ich aus,“ nickte Paige.
„Wir werden auf jeden Fall tun, was wir können,“ sagte Maik und streichelte sanft ihren Arm.
„Danke. Ich danke Euch beiden wirklich sehr,“ sagte Paige ein wenig gerührt und senkte den Blick.
„Keine Ursache,“ sagten Maik und Moisha gleichzeitig und lachten dann.
Dann klatschte Maik aufmunternd in die Hände.
„Dann stärke Dich jetzt erst einmal, damit ich Dir dann meinen Lieblingskunden übergeben kann. Damit wir uns nicht missverstehen ... ich hasse ihn ... aber ihr kommt sicherlich gut miteinander aus.“
Paige verzog das Gesicht „Du bist grausam.“
„Ich weiß,“ lachte Maik, stand auf, küsste Moisha schmatzend auf den Mund und begab sich dann nach draußen um die Surfschule zu öffnen.
„Er ist wirklich einer der Besten,“ sagte Paige zu Moisha und diese antwortete wie ihr Freund zuvor „ich weiß.“

Kapitel 13