Kapitel 11

Als Nick an der Seite von A.J. und Samantha das Lokal verlies, hatte sich das Gewitter verzogen und der Himmel aufgeklart.
Es war noch nicht sehr spät, aber er hatte das dringende Bedürfnis alleine zu sein und so lehnte er ab, als A.J. fragte, ob sie noch etwas unternehmen sollten.
Nick merkte sehr wohl, dass sein Freund misstrauisch wurde als er Müdigkeit vortäuschte, doch das war ihm mittlerweile egal.
Der Abend war sehr schön gewesen, auch wenn er sich nicht immer hatte richtig konzentrieren können. Es hätte tatsächlich nicht viel gefehlt und er hätte den beiden von Paige erzählt, doch stattdessen hatten sie sich in eine Diskussion über das Schicksal verstrickt und so hatte er das Thema lieber auf sich beruhen lassen.
Später, als sie alle noch gemütlich einen Kaffe tranken und sich Samantha einen riesigen Eisbecher bestellte, waren sie auf das Thema „Candice“ gekommen.
Erst stockend, dann immer flüssiger hatte er nüchtern über seine zurückliegende Beziehung erzählt. Im Laufe des Gesprächs war ihm immer klarer geworden, dass er dieses Mädchen nicht vermisste. Von Anfang an hatten sie nur scheinbar Gemeinsamkeiten gehabt.
Erst jetzt, im Nachhinein, sah er die vielen Situationen, in denen er mit Blindheit geschlagen gewesen war, in denen er immer wieder etwas getan hatte, dass so gar nicht zu ihn passen wollte und er erkannte, dass der Schmerz den er fühlte nicht von Verlust sondern von Erkenntnis stammte.
Zum ersten Mal überlegte er, was für ein oberflächliches Leben er bisher geführt hatte. Bestimmt von seinem Job und seinem Image hatte er eine Rolle gespielt, die er nur ganz selten und nur bei ganz bestimmten Menschen ablegte.
Selbst heute Abend hatte er eine Maske aufgesetzt. Er war sich nicht sicher ob er A.J. überzeugt hatte, aber Samantha hatte ihm ohne Zweifel den Liebeskummer mit Candice abgekauft.
Gedanken verloren fuhr er jetzt auf der Küstenstraße Richtung City. Er versuchte zu ergründen, woher dieses plötzliche Aufwachen kam. Konnte es wirklich sein, dass Paige in irgendeiner Weise etwas damit zu tun hatte?
Vielleicht nicht ihre Person aber das Gefühl des „frei seins“ das sie vermittelte? Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er sich der Band nicht angeschlossen hätte? Wäre er heute glücklicher? Zufriedener?
Er hatte alle Möglichkeiten seine Träume zu verwirklichen und trotzdem schien es ihm manchmal so, als hätten diese Träume einen schalen Beigeschmack, als suche er nur nach einem Ersatz für das private Glück, das er bisher noch nicht gefunden hatte.
Sein Wagen fand von ganz alleine den Weg zum Studio. Als er wie so oft gegen die Scheibe der großen Drehtür klopfte und ihm ein verschlafener Wachmann aufschloß, fühlte er, wie langsam Ruhe in ihm einkehrte.
Die Musik war ein Teil seines Lebens, seine ständige Begleiterin und das war etwas, was ihm niemand nehmen konnte. Selbst wenn er irgendwann keine einzige Platte mehr verkaufen würde, so half sie ihm doch dabei seine Gedanken zu ordnen und sich einfach zufrieden zu fühlen.
Wie schon so oft machte er kein Licht in dem, mit jeder Menge technischer Gerätschaften ausgestatteten Raum, sondern setzte sich im Licht der Straßenlaterne ans Fenster, legte sich die Gitarre über die Knie und klimperte eine Weile darauf herum.
Sollte er Paige in dieser Surfschule aufsuchen? Eigentlich brauchte er sich diese Frage gar nicht zu stellen, denn es war klar dass er sie wieder sehen mußte und sei es nur um sicher zu gehen, was sie über ihn dachte.
Er war immer wieder hin und her gerissen, einfach nicht in der Lage ihre Worte objektiv und mit Abstand zu betrachten. Hinter jeder kleinen Bemerkung vermutete er eine Anspielung auf seine Arbeit und seinen Status. Er fürchtete sich so sehr davor nicht für das geliebt zu werden was er war, dass er sich manchmal schon Dinge einredete nur um sich selbst vor einer erneuten Enttäuschung zu bewahren.
Wie lange konnte er sein Leben noch so weiter führen? Immer misstrauisch darauf bedacht den Sinn hinter den Worten der Anderen zu erkennen, niemals vollständig vertrauen zu können.
Er fühlte sich plötzlich unglaublich einsam aber im Gegensatz zu sonst fand er diesen Gedanken überhaupt nicht beunruhigend. Vielleicht war das der Schlüssel ... vielleicht sollte er einfach aufhören nach der großen und viel zitierten Liebe zu suchen. Vielleicht gab es diese für ihn einfach nicht.

Love is not for you and me

sang er leise und starrte hinauf zum Mond, während seine Finger traurige Akkorde auf der Gitarre anstimmten.

Not for you and me

wiederholte er und sah dabei Paiges Gesicht vor sich.

Hiding all the emptines inside, trying to be someone else
What you want me to be ...

Er schüttelte den Kopf, hielt einen Moment inne und wiederholte dann die Akkorde

Hiding all the emptines inside, trying to be someone else,
What I want me to be, what I want you to see

Stimmte das? Wollte er jemand anderes sein? Eigentlich fand er diesen Nick Carter ganz sympathisch. Er hatte Talent, hatte Spaß an seinem Leben, ein paar wirklich gute Freunde ... doch es schien ihm, als sei er nicht ganz vollkommen, als suche er nach einem tieferen Sinn in seinem Leben.

What is the truth of life?

Ein paar schnelle Akkorde und sein Blick schweifte wieder hinaus zum Mond, der fast so hell strahlte wie die Laterne die ihm halb den Blick versperrte.

The truth of living or the truth of beeing?

Er schüttelte erneut den Kopf. Mit so einem Schwachsinn würde er niemals die Charts stürmen.
Seine Finger spielten bekanntere Akkorde und seine Stimme wurde etwas lauter

Help me figure out the difference between right and wrong, weak and strong, day and night, where I belong,
Help me make the right decisions know wich way to turn, lessons to learn and just what my purpose is here

Ob er jemals jemandem begegnen würde, der ihm tatsächlich dabei helfen konnte sich selbst zu finden und, was noch viel wichtiger war, würde er diesen Menschen überhaupt erkennen, wenn er ihm gegenüber stand?

Kapitel 12