Kapitel 10
Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können einfach hier am Strand spazieren zu gehen, während sich über ihr der Weltuntergang zusammen braute? Hätte sie nicht gewußt, dass Nick irgendwo hinter ihr stand und ihr hinterher starrte, wäre sie sicherlich los gerannt um die schützende Surfschule so schnell wie möglich zu erreichen. Stattdessen riss sie sich zusammen und lief gerade so schnell, dass es noch nicht als rennen durch ging.
In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken. Sie dachte an das bevorstehende Gewitter und spürte, wie ihr die Angst die Kehle zu schnürte. Seit sie ein kleines Mädchen war beherrschte sie diese alles verzehrende Angst vor Blitz und Donner. Bilder aus ihrer Kindheit tauchten vor ihr auf, doch sie verdrängte sie schnell. Würde sie jetzt zulassen, dass sie sich vor ihren Augen zu einer plastischen Erinnerung zusammenbrauten, wäre sie sicherlich nicht mehr in der Lage auch nur noch einen Schritt zu tun.
Stattdessen versuchte sie sich mit dem Gedanken an Nick ab zu lenken. War es wirklich ein Zufall gewesen, dass sie sich schon wieder getroffen hatten? Andererseits ... woher hätte er wissen sollen, dass sie ausgerechnet jetzt und hier spazieren gehen würde?
Sein plötzliches Auftauchen und sein offensichtliches Interesse an ihr hatte sie doch sehr verblüfft. War er nicht erst gestern noch vor ihr geflüchtet und hatte sich später am Abend mit einer schönen rothaarigen vergnügt, während sie alleine auf dieser Party herum stand?
Und jetzt wollte er ihre Telefonnummer, wollte sie wieder sehen. Das passte alles nicht so recht zusammen.
Tief in ihrem Herzen freute sie sich allerdings auch darüber. Er war unbestreitbar ein gut aussehender, äußerst interessanter Mann und irgendetwas an ihm faszinierte sie ungemein. Vielleicht waren es seine Augen, die manchmal mehr von seinen wahren Gefühlen verrieten, als ihm lieb war, vielleicht war es aber auch nur der Umstand, dass sie sich jetzt schon das dritte Mal zufällig getroffen hatten. Wie oft passierte das schon im Leben und noch dazu in einer Millionen-Stadt wie L.A.?
Ein erstes leises Grummeln lies sie erschrocken zusammen zucken und mit einem schnellen Blick über die Schulter vergewisserte sie sich, dass Nick sie nicht mehr sehen konnte und rannte nun doch die letzten Meter dem rettenden Pfahlbau entgegen.
Mike und Moisha waren nirgends zu sehen, was Paige durch den Schleier aus Angst nur am Rande wahr nahm.
Sie hastete die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf an dessen Tür ein Zettel klebte. Mike teilte ihr mit, dass er und Moisha noch in eine nahegelegene Strandbar gegangen waren und wenn sie Lust hätte, solle sie doch nach kommen. Doch keine zehn Pferde hätten Paige jetzt noch vor die Tür gebracht.
Sie knüllte den Zettel zusammen, warf ihn unbeachtete hinter der Tür auf den Boden und schloss dann diese und die beiden Fenster mit Nachdruck.
Ein erster Blitz erhellte das innere des Zimmers und einige Sekunden später zerriss ein lauter, dröhnender Donner die Stille.
Paige schrie leise auf und robbte in die hinterste Ecke ihres Zimmers, wo sie die Beine fest an den Körper zog, sich die Ohren zu hielt und den Kopf auf die Knie legte.
Es wird vorbei gehen, sagte sie leise zu sich selbst es wird vorbei gehen, so wie immer. Doch auch diese Worte konnten ihr Zittern und das leise Wimmern nicht vertreiben. Mit aller Macht brach draußen nun das Unwetter los. Dicke Regentropfen trommelten gegen die Fensterscheiben und ein Blitz nach dem anderen tauchte das Zimmer in gleißendes Licht, dicht gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnern.
Pagie zuckte jedes Mal wie unter knallenden Peitschenhieben zusammen und vergrub sich dabei noch etwas weiter in ihrer Zimmerecke.
Eine ängstliche Kinderstimme meldete sich leise in ihrem Kopf zu Wort.
Daddy? Daddy, bist Du wach?
Ein kleines Mädchen von etwa vier Jahren mit blondem Lockenschopf und einem Plüschhasen namens Mr. Bunny im Arm steht vor dem Bett ihrer Eltern.
Daddy? die kleine Stimme wird immer ängstlicher, draußen tobt ein Sturm, Blitze blenden immer wieder die kleinen, weit aufgerissenen Augen.
Was ist denn Paige? kommt die ungehaltene Stimme ihres Vaters aus dem Berg von Kissen und Decken über ihr.
Ich habe Angst, piepst das kleine Mädchen und drückt Mr. Bunny noch etwas fester an sich. Paige weiß, wenn ihre Mutter da gewesen wäre, dann hätte sie sie jetzt zurück in ihr Bett gebracht, dabei beruhigend auf sie eingeredet und ihr Geschichten erzählt, bis das Unwetter vorbei ist. Doch ihre Mum ist auf einer Erholungsfahrt, wie ihr ihr Vater heute morgen erklärt hat. Diese Erholungsfahrten macht sie in letzter Zeit öfter und Paige fragt sich ob ihr Vater recht hat wenn er behauptet, dass sie nicht ganz unschuldig daran ist, dass ihre Muter so viel Zeit außer Haus verbringt.
Ein ungeduldiges Schnauben kommt aus dem Bett, Stoff raschelt und Kyle setzt sich, mit vom Schlaf zerzausten Haaren im Bett auf.
Es gibt keinen Grund Angst zu haben Paige. Das ist ein Gewitter, das tut Dir nichts und jetzt geh gefälligst wieder in Dein Bett.
Aber da ist es so unheimlich, sagt die kleine Paige wieder und versucht die Tränen zurück zu halten. Wenn sie weint macht das ihren Daddy nur wütend, auch wenn sie nicht so genau weiß warum.
Verdammt noch mal Paige, stell Dich nicht so an. Das ist ein ganz normales kleines Gewitter. Geh in Dein Bett und lass mich schlafen.
Das kleine Mädchen beginnt zu zittern und kann die Tränen nun nicht länger zurück halten.
Aber es ist so laut, schluchzt sie und Mr. Bunny hat auch Angst, das hat er mir gesagt.
Die Bettdecke wird plötzlich zurückgeschlagen und die großen Füße ihres Daddys werden über die Bettkante geschwungen.
Mr. Bunny hat Angst?
Für einen kurzen Moment denkt das kleine Mädchen, dass ihr Daddy jetzt mit ihr zusammen in ihr Zimmer gehen, sie führsorglich zudecken und ihr dann eine Geschichte vorlesen wird, so wie es ihre Mum immer tut, doch als sie hoffnungsvoll in das Gesicht ihres Vaters aufblickt, sieht sie dort Wut und etwas, was sie noch nicht deuten kann.
Später wird sie erkennen, dass sie das erste Mal echte Verachtung in diesen kalten Augen gelesen hat, aber in diesem Moment ist sie noch zu klein um zu erkennen, wie sehr ihr Vater es hasst, dass sie so schwach ist.
Mr. Bunny hat also Angst? wiederholt er, weil sie nicht geantwortet hat und langsam nickt sie.
Na, da müssen wir doch etwas dagegen tun, was?
Ein erneuter Donner rollt über das Haus hinweg und Paige vergräbt erschrocken ihr Gesicht in Mr. Bunnys abgenutztem Fell.
Komm mit, sagt ihr Vater und fasst sie am Arm.
Wo gehen wir hin? fragt das kleine Mädchen ängstlich und lässt sich in ihrem Nachthemd, das ihr noch etwas zu groß ist, den Gang entlang und die Treppe hinunter ziehen.
Ich werde Mr. Bunny jetzt zeigen, dass er keinen Grund hat vor einem Gewitter Angst zu haben, sagt ihr Daddy grimmig und öffnet die Haustür.
Daddy? Paige bleibt erschrocken stehen und weiß nicht, was sie davon halten soll. Will er wirklich mit ihr dort hinaus? Es regnet und ein kalter Wind bläst durch ihr Nachthemd, was sie frösteln lässt. Außerdem ist da draußen das Gewitter. Die Blitze werden sie treffen und sofort töten.
Daddy nicht, protestiert Paige, als Kyle sie an ihrem Arm nach draußen zieht.
Ich werde Dir beweisen, dass es nichts gibt, wovor Du Angst haben mußt, entgegnet Kyle fest und er klingt fast so, als würde ihm das Ganze Spaß machen.
Bitte! bettelt das kleine Mädchen und stolpert hilflos hinter dem großen Mann her.
Als sie das schützende Vordach des großen Eingangsportals verlassen prasselt der Regen ungehindert auf sie nieder. In Sekundenschnelle ist ihr Nachthemd durchnässt und klebt an ihrem Körper. Schützend drückt sie Mr. Bunny an sich. Er könnte eine Erkältung bekommen und sie verlassen wie ihre Mummy, das wäre nicht gut, das wäre gar nicht gut.
Erneut sticht ein gleißend heller Blitz durch die Nacht, dicht gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donner und Paige schreit auf.
Nein Daddy ... bitte ... ich habe Angst, schreit sie und ihre Tränen vermischen sich mit dem Regen auf ihrem Gesicht.
Verdammt noch mal. Bist Du etwa ein Waschweib das vor seinem eigenen Schatten Angst hat? brüllt Kyle und schüttelt seine Tochter Das hier ist nur ein Gewitter Himmel Herr Gott nochmal. Verstehst Du das? Geht das in Dein kleines Spatzenhirn hinein? Das ist nichts, wovor Du Dich ... , seine nächsten Worte gehen in einem erneuten Donnerschlag unter. Ein Blitz folgt dem nächsten und Paige kneift fest die Augen zu.
Sieh mich an wenn ich mit Dir rede, brüllt Kyle und packt sie nun fester an beiden Armen.
Leise wimmernd und weinend öffnet Paige die Augen.
Nur. Ein. Gewitter. Sagt er noch einmal und dann explodiert die Welt um sie herum.
Holzsplitter treffen sie, sausen wie Geschosse durch die Luft und ein besonders großer reißt ein Loch in den Ärmel ihres Nachthemds. Sie möchte schreien und davon laufen, aber sie hat Todesangst, kann ihre kleinen Füße nicht dazu bewegen auch nur einen kleinen Schritt zu machen.
Mit weit aufgerissenen, glasigen Augen starrt sie auf den Baum der eben noch neben ihr gestanden hat und jetzt irgendwie komisch aussieht. Flammen schlagen aus dem Stamm, die Äste sind in unnatürlichen Winkeln abgeknickt, große und kleine Äste liegen um sie herum verteilt im Gras und der Geruch nach brennendem Holz sticht ihr in die Nase.
Da hol mich doch der Teufel, sagt ihr Vater neben ihr verwundert. Als sie zu ihm aufblickt sieht sie Blut über seine Wange laufen.
Daddy? stößt sie panisch hervor, aber er kann sie nicht hören, da der Wind die leisen Worte von ihren Lippen reißt und in die entgegen gesetzte Richtung davon weht.
Gedankenverloren hebt ihr Vater eine Hand zu seinem Gesicht, die andere hält immer noch ihren Arm umklammert und wie versteinert steht er da und blickt auf das, was bis eben noch ein Baum gewesen war.
Hast Du das gesehen? fragte er seine Tochter und sieht dabei unglaublich glücklich aus.
Paiges Körper beginnt unkontrolliert zu zittern, ihre Zähne schlagen dabei klappernd aufeinander und ihre Blase entleert sich ohne ihr Zutun. Für einen kurzen Moment fragt sie sich, ob ihr Daddy jetzt verrückt geworden ist, dann wird es um sie herum dunkel und ... still.
In dem kleinen Zimmer unter dem Dach wachte Paige wie aus einer Trance auf. Verwundert registrierte sie, dass es ruhig um sie herum geworden war. Äußerst vorsichtig nahm sie die Hände von den Ohren immer darauf bedacht, sie so schnell wie möglich wieder an ihre Ohren zu pressen, sollte das Gewitter doch noch nicht vorbei sein. Doch lediglich ein paar vereinzelte Regentropfen verirrten sich noch an die Fensterscheiben.
Sie lauschte noch eine Weile wachsam und aufs äußerste gespannt in die Dunkelheit hinein, doch kein Blitz flammte auf und kein Donner zerriss ihren Kokon aus Stille.
Erleichtert atmete sie aus und strich sich einige verschwitzte Haarsträhnen aus dem Gesicht. Wieder einmal hatte sie ein Gewitter überlebt ... was nicht hieß, dass das auch für das nächste galt.
Kapitel 11