Kapitel 9
Nick war eindeutig zu früh dran für seine Verabredung mit A.J. und Samantha. Das war ihm seit Jahren nicht mehr passiert und zeigte nur, wie sehr er sich darauf freute seinen Freund und Bandkollegen wieder zu sehen. Er hatte darüber nach gedacht und war zu dem Schluß gekommen, dass er A.J. fast ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen hatte. Seit dem war so viel passiert. Er hatte sein Soloalbum produziert, eine Tour ganz alleine durch die USA hinter sich gebracht und dann war da natürlich noch die Sache mit Candice. Irgendwie drängte es ihn, A.J. davon zu erzählen und zu hören, was sein Freund dazu zu sagen hatte.
Als er jetzt den schmalen Pfad zum Strand hinunter kletterte, darauf bedacht seine Kleidung nicht all zu sehr zu beschmutzen, dachte er wieder an Miranda und die wundervolle Nacht die sie zusammen verbracht hatten. Fast im selben Moment tauchte das Gesicht von Paige vor ihm auf.
Warum hatte er sich nur so blöd bei ihrer ersten Begegnung angestellt, war vor ihrem Kuß und ihrer Zärtlichkeit geflohen, während er kein Problem damit hatte Miranda mit zu sich nach Hause zu nehmen?
Bestand irgendein Unterschied zwischen den beiden Frauen? Vielleicht war es die offene Art, mit der Miranda gleich von Anfang an klar gestellt hatte, dass sie nicht auf eine Beziehung aus war, vielleicht war es aber auch der Umstand, dass er sich trotz seiner schlechten Erfahrungen und dem erst so kurz zurück liegenden Ende seiner Beziehung irgendwie zu Paige hin gezogen fühlte.
Das erste Mal hatte er es gespürt, als sie gemeinsam auf den Surfbrettern saßen und in den Wellen schaukelten, aber da hatte er es sich noch nicht eingestehen wollen. Immerhin kam er so zu sagen direkt von dem Fiasko seiner letzten Beziehung.
Dann hatte er mit Paige getanzt und war überrascht gewesen, wie sehr er sie vermisst hatte, nachdem sie in den Weiten des Hauses verschwunden war. Selbst Mirandas Zärtlichkeiten hatten den Gedanken an sie nicht ganz vertreiben können. Die Heftigkeit seiner Gefühle, die er immer noch zu leugnen versuchte, erschreckten ihn. Zum ersten Mal ahnte er, dass er die wahre Liebe und das wirkliche Gefühl jemandem ganz und gar verfallen zu sein, noch gar nicht kennen gelernt hatte. So sehr ihn auch seine Beziehungen zu anderen Frauen enttäuscht und geschmerzt hatten, so wenig trauerte er ihnen wirklich nach.
Er hatte angenommen, dass das daher kam, dass sie ihn betrogen und ausgenutzt hatten, dass er eben keinen positiven Aspekt an seinen früheren Beziehungen mehr finden konnte und es deshalb selbstverständlich war, dass der Schmerz über den Verlust immer schneller nach lies.
Jetzt begann er langsam zu begreifen, dass es nicht immer das Beste war, den einfachsten Weg zu gehen. Nur weil er die Frauen haben konnte hieß das noch lange nicht, dass er sie auch liebte (auch wenn er sich das in der Vergangenheit sehr erfolgreich eingeredet hatte).
Er hatte den feinen Sandstrand erreicht, zog seine Schuhe aus und krempelte sich die Hosen bis zu den Knien auf.
Dann schlenderte er mit den Händen in den Hosentaschen am Wasser entlang und lies das Restaurant, das im warmen Glanz von unzähligen Kerzen hoch über dem Strand thronte, hinter sich zurück.
Er fragte sich was Paige wohl gerade machte. Was hatte sie gedacht, als sie (und das stand ohne Zweifel fest) auf der Party ins Wohnzimmer zurück gekommen war um ihren Pullover zu holen und ihn mit Miranda hatte tanzen sehen? Würde er sie jemals wieder sehen?
Eine Gestalt, die scheinbar unschlüssig einige hundert Meter entfernt von ihm am Rande des Wassers stand, erregte seine Aufmerksamkeit.
Sie blickte in die entgegen gesetzte Richtung, hatte ihm den Rücken zu gewandt und schien zu überlegen, ob sie den Weg, den ihre Fußspuren in den Sand gemalt hatten, zurück gehen oder lieber hier stehen bleiben sollte.
Ihr langes Haar wurde durch den aufkommenden Wind über ihre Schulter geweht und Nick sog scharf die Luft ein. Konnte das sein? War es möglich, dass er nur an sie zu denken brauchte um sie wieder zu sehen?
Innerlich schimpfte er sich einen Idioten. So etwas gehörte dann ja wohl doch in die mystische Sagenwelt aber es war nun wirklich ein bemerkenswerter Zufall, dass er sie das dritte Mal und in so kurzer Zeit zufällig traf.
Er beschleunigte seine Schritte und hatte sie fast erreicht, als sie einen letzten Blick in den Himmel warf um die sich dort zusammen brauenden Wolken zu begutachten und sich dann in die entgegen gesetzte Richtung von ihm entfernte.
Paige? rief er um sie daran zu hindern erneut so einfach aus seinem Leben zu verschwinden.
Sie zuckte zusammen und fuhr erschrocken zu ihm herum. Mittlerweile näherte er sich ihr im Laufschritt und hatte sie gleich darauf erreicht.
Nick? ungläubig starrte sie ihn an.
Ja ... ich weiß ja auch nicht, aber irgendjemand scheint beschlossen zu haben, dass wir uns wieder sehen sollten.
Sie war unfähig irgendetwas zu antworten. Mit offenen Mund starrte sie ihn an, dann wanderte ihr Blick wieder hinauf in den Himmel und danach wieder zurück zu ihm.
Ich ... habe leider keine Zeit. Ich muß zurück bevor das Gewitter los bricht.
Irrte er sich oder hörte er echte Angst in ihrer Stimme?
Wohin zurück? Vielleicht kann ich Dich ja fahren.
Er wollte sich seine Chance nicht ein zweites Mal entgehen lassen, doch sie schüttelte den Kopf.
Es ist nicht weit von hier, das schaffe ich schon.
Gibst Du mir wenigstens Deine Telefonnummer? Ich würde ... na ja ... ich würde Dich gerne wieder sehen.
Echte Verblüffung machte sich auf ihrem Gesicht breit und sofort fühlte er sich unsicher. Vielleicht hätte er nicht so schnell vorgehen sollen, aber sie war im Begriff vor ihm davon zu laufen ... oder zumindest vor dem Gewitter zu fliehen ... er hatte also keine Zeit für das übliche Um-den-heißen-Brei-herum-Gerede.
Ich ... habe kein Telefon, brachte sie irgendwie heraus und sah erneut, mittlerweile äußerst beunruhigt, zum Himmel hinauf.
Es war schön Dich wieder zu sehen, aber ich muß jetzt wirklich los, sagte sie schließlich, lächelte noch einmal etwas schief, drehte sich um und ging einfach davon.
Völlig perplex blieb Nick wie angewurzelt stehen, bis die Information langsam in sein Gehirn einsickerte, dass sie tatsächlich dabei war erneut aus seinem Leben zu gehen.
Wie hoch war wohl die Wahrscheinlichkeit sie ein viertes Mal zufällig irgendwo wieder zu treffen? Verschwindend gering stellte er fest und beeilte sich, ihr nach zu kommen.
Als er sie erreicht hatte, passte er seine Schritte den ihren an und lief eine Weile schweigend neben ihr her.
Verfolgst Du mich? brach Paige schließlich die Stille und sah dabei misstrauisch zu ihm hinüber.
Nein, nicht direkt. Ich möchte einfach nur einen Weg finden, wie ich Dich erreichen kann.
Warum?
Das war eine gute Frage. Benahm er sich hier nicht gerade wie ein Psychopath? Gestern war er noch in Panik vor ihr geflüchtet und heute rannte er ihr wie ein Schoßhündchen hinterher.
Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so genau, gab er zu ich denke nur, dass es doch unglaublich viele Zufälle sind, findest Du nicht? Wie oft trifft man einen Menschen drei Mal einfach so?
Das ist allerdings wirklich sehr außergewöhnlich. Zumal wenn man bedenkt, dass es sicherlich einige Mädchen gibt die alles dafür geben würden Dir wenigstens einmal in ihrem Leben so nahe zu kommen und es trotz ausgiebiger Planung nicht schaffen.
Zack. Da war es wieder. Die Anspielung auf seinen Beruf, seinen Status. War sie genau so wie all die Anderen? Wollte sie nur den Nick Carter, den alle sahen? Unsicher geworden wurde er langsamer und blieb schließlich ganz stehen.
Sie drehte sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu ihm herum, blieb für einen Moment stehen, blickte zum wiederholten Male in den Himmel und setzte ihren Weg dann einfach fort.
Du findest mich in der Surfschule Vegas, rief sie ihm über die Schulter hinweg zu ohne dabei langsamer zu werden.
Wie versteinert sah er ihr nach. Ihre Silhouette wurde immer kleiner vor dem mittlerweile dunklen Himmel und verschwand dann schließlich als kleiner Punkt am Horizont. In der Ferne konnte er ein Haus auf Pfählen ausmachen. Ob das die Surfschule war, von der sie gesprochen hatte? Wollte er das überhaupt wissen?
Gedankenversunken drehte er sich um und lief langsam zurück zu dem kleinen Pfad, an dessen Ende immer noch seine Schuhe lagen. Er schlüpfte hinein, brachte seine Kleidung in Ordnung und kletterte zum Parkplatz des Restaurants hinauf.
Von A.J.s Wagen war noch keine Spur zu sehen, worüber er irgendwie froh war. Er brauchte wohl noch einen Moment um seine Gedanken zu ordnen.
Er betrat das Lokal und wurde von einem Kellner an einen der Tische nahe beim Fenster geführt. Man hatte versucht das Lokal möglichst mediteran aussehen zu lassen. Rechteckige Holztische, rot-weiß karierte Tischdecken und Kerzen in leeren Weinflaschen gaben dem Restaurant eine behagliche Note, doch all zu viel nahm Nick davon nicht wahr. Sein Blick wanderte aus der großen Glasfront hinaus, während seine Gedanken immer noch bei Paige verweilten.
Warum war sie so schnell verschwunden? Hatte sie Angst vor dem herannahenden Gewitter, oder lag es doch an ihm? Sollte er sie in der Surfschule besuchen? Was oder besser wen sah sie in ihm?
Eine Hand, die vor seinem Gesicht herum fuchtelte riss ihn aus seinen Gedanken.
Hey Kleiner.
Erschrocken blickte Nick auf und sah A.J. vor seinem Tisch stehen. So etwas wie Erleichterung überflutete ihn. Vielleicht wußte A.J. ja, was er tun sollte.
Hey Mann, ich habe Dich gar nicht bemerkt, lächelte er, erhob sich und umarmte seinen Freund.
Das habe ich bemerkt, lachte A.J. während Nick das Mädchen bemerkte, das hinter ihm stand.
Er hätte sie beinahe nicht wieder erkannt, so sehr hatte Samantha sich verändert. Ihre Augen waren immer noch so tief grün wie damals und ihr Haar schien, abgesehen von den vereinzelten, helleren Strähnen immer noch so dunkel wie damals zu sein. Doch das jugendlich knochige war verschwunden. Sie hatte die richtigen Rundungen an den richtigen Stellen, das kurze, dunkelrote Kleid stand ihr einfach wundervoll und die Ohrringe die sie heute trug waren um einiges geschmackvoller als diese riesigen Plastikdinger, die sie damals getragen hatte.
Eigentlich begrüßt man ja die Lady zu erst, sagte er lächelnd und zog Samantha in seine Arme. Sie fühlte sich gut an, irgendwie erwachsen, vertraut und ungewohnt zu gleich.
Was denke ich hier eigentlich? Wunderte Nick sich, schob Samantha ein Stück von sich und sagte Lass Dich an sehen. Wow ... immer noch so hübsch wie damals.
In der selben Sekunde beschloss er, A.J. nichts von Paige zu erzählen. Es erschien ihm nicht richtig über sie zu reden, wenn noch eine dritte Person dabei war. Vielleicht würde er seinem Freund demnächst mal einen Besuch abstatten und vielleicht hatte er Paige bis dahin ja wieder gesehen und war etwas schlauer und nicht mehr so verwirrt wie in diesem Moment.
Kapitel 10