Kapitel 8

Paige schlug die Augen auf und blickte an eine raue Betondecke die mit unregelmäßige Rissen durchzogen war. Ihr Rücken und das Genick schmerzten fürchterlich und vorsichtig richtete sie sich auf. Sie streckte sich, wobei ihre Knochen laut und vernehmlich knackten und strich sich dann müde die langen Haare aus dem Gesicht.
Entmutig sah sie sich um. Sie hatte in der vergangenen Nacht einige Meilen zu Fuß zurück gelegt, wobei ihre Sporttasche mit jedem Schritt schwerer über ihrer Schulter hing, und schließlich einen Wagen angehalten, in dem eine junge Frau saß, die sicherlich nicht viel älter als sie selbst war und die sie mit in die Stadt genommen hatte ohne irgendwelche Fragen zu stellen.
Am Ende war sie hier gelandet: In der Garage, in der ihr BMW und die Surfbretter standen.
Jetzt öffnete sie die Autotür, stieg aus und streckte sich erneut. Sie braucht einen Plan, wie sie ihr neues Leben organisieren würde, aber ohne ein anständiges Frühstück schien ihr das unmöglich. Sie zog ihre Sporttasche vom Rücksitz des Wagens und entnahm ihr einige Kleidungsstücke. Eine viertel Stunde später war sie umgezogen und hatte sich an dem kleine Waschbecken, das im hinteren Teil der Garage an der Wand hing, gewaschen.
Durch eine kleine Stahltür gelangte sie auf die schmale Seitengasse und wenig später schlenderte sie durch das erwachende, pulsierende Leben von L.A.. An einem kleine Cafe hielt sie schließlich an und setzte sich an einen der runden Tisch vor dem Lokal mit Blick auf die Straße, die durch einige kleine, niedrige Büsche teilweise verdeckt wurde.
Nachdem sie einen Kaffee und eine Schale Müsli mit Joghurt bestellt hatte lehnte sie sich entspannt zurück und streckte ihr Gesicht in die Sonne. Äußerlich völlig entspannt, arbeitete es hinter ihrer Stirn auf Hochtouren.
Sie brauchte eine Unterkunft, denn eine weitere Nacht in ihrem Auto zu verbringen erschien ihr wenig erstrebenswert. Außerdem benötigte sie einen Weg um an Geld zu kommen.
Sie hatte ein kleines Bankguthaben von dem ihr Vater nichts wußte und von dem u.a. auch die Garage und der Wagen bezahlt wurden. Doch Paige wußte, dass dieses Geld nicht lange ausreichen würde, da der Nachschub so zu sagen abgeschnitten worden war. In der Vergangenheit war es nicht schwer gewesen ihre Mutter um etwas Bargeld zu bitten oder von ihrem großzügigen Taschengeld eine gewisse Summe zurück zu legen. Doch diese Zeiten waren vorbei. Und selbst wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, sie würde den Teufel tun und auch nur einen weiteren Cent von ihrem Vater an nehmen.
Die Kellnerin kam mit ihrem bestellten Kaffee und dem Müsli und Paige genoss für eine Weile die Freiheit einfach in der Sonne zu sitzen und ihr Frühstück zu genießen. Zu Hause hätte sie alleine in dem großen, dunklen Esszimmer gesessen, dass mit eben so dunklen Möbeln vorgestellt war und sie jeden Morgen aufs neue zu erdrücken drohte.
Ihr Vater war sicherlich früh heute Morgen Nach Japan aufgebrochen und es würde eine Weile dauern, bis er von ihrem Verschwinden erfuhr. Bis dahin mußte sie einen sicheren Ort gefunden haben.
Am besten wäre es natürlich, wenn sie L.A. verlies, aber so weit war sie noch nicht. Hier hatte sie immerhin ein paar Menschen, die ihr sicherlich weiter helfen konnten. Außerdem war sie fest dazu entschlossen ihr Studium fort zu setzen und ihren Abschluß zu machen. Erst dann würde sie wirklich frei sein ... dann konnte sie sich einen Job suchen, der ihretwegen in Grönland liegen konnte, Hauptsache sie konnte sich dem starken Griff ihres Vaters entziehen und endlich ihren eigenen Wünschen nachgehen. Es blieben ihr also zwei Monate, in denen sie sich vor ihrem Vater verstecken mußte. Eine sehr lange Zeit wenn man bedachte, wen er alles kannte und wie leicht es für ihn sein würde, sie an der Uni auf zu spüren.
Als sie ihr Müsli verspeist hatte, lehnte sie sich mit der Kaffeetasse in beiden Händen zurück und ging in Gedanken ihre Freunde durch: die, die nicht wußten wer sie war, die, die keine Fragen stellen würden und die, die ihr tatsächlich in diesem Moment eine Hilfe sein konnten.
Viele Möglichkeiten blieben ihr nicht. Es gab zwei, drei Alternativen und nachdem sie ihr Frühstück bezahlt hatte machte sie sich auf den Weg zu einer davon.

Um ihre geringen Barreserven zu schonen fuhr sie mit dem Bus zum Strand. Obwohl die meisten Menschen wegen der Enge und der Hitze dieses Gefährt hassten, so fühlte Paige sich doch unglaublich frei und normal an ihrem Fensterplatz in einer der hinteren Reihen. Niemand nahm von ihr Notiz, keiner stellte irgendwelche Ansprüche und irgendwie wurde sie dadurch darin bestätigt das Richtige getan zu haben, als sie ihre Sachen gepackt und ihrem Vater den Rücken gekehrt hatte.
Zusammen mit einer großen Gruppe Touristen die in kurzen Hosen und Hawaiihemden, den unvermeidlichen Hüten oder Baseballkappen und den krebsrot verbrannten Gesichtern förmlich aus dem Bus quollen, erreichte sie schließlich die Strandpromenade.
Sie wandte sich nach links und schlenderte an den Souvenierläden, den Spielhallen und Lokalen entlang, bis sie den lang gezogenen Weg erreicht hatte, der meilenweit am Strand entlang führte und auf dem ihr immer wieder Radfahrer, Skateboarder und Skater entgegen kamen.
In der Ferne tauchte ihr Ziel auf. Ein Holzhaus, auf dicken Pfählen hoch über dem Strand ruhend zu dem ein breiter, schräger Steg hinaufführte und vor dem ungefähr ein Dutzend Surfbretter mit bunten Segeln lagen.
Sie war fast eine Stunde gelaufen, bis sie das Haus erreicht hatte. Langsam schritt sie den Steg hinauf und hörte gleich darauf Mikes vertraute Stimme.
„Der Kurs umfasst 6 Doppelstunden an dessen Ende sie mit dem Surfbrett über die Wellen schweben werden. Wir haben drei Surflehrer, die alle samt bereits Preise und Auszeichnungen bei diversen Surfwettbewerben in Hawaii und Australien gewonnen haben. Sie sehen also Mr. Madison, sie sind hier in den besten Händen.“
Paige schaute um die Ecke des Gebäudes und sah Mike hinter dem Tresen aus Bambus stehen, ihm gegenüber ein schlanker Mann Ende vierzig der nun zufrieden nickte und ein Prospekt in die Hemdtasche steckte.
„Vielen Dank Mr. Vegas ...“ sagte Mr. Madison.
„Mike,“ sagte Mike bestimmt und mit einem freundlichen Lächeln, das der Kunde erwiderte.
„Also gut ... Mike ... das hört sich doch alles schon sehr gut an. Ich möchte das noch mit meiner Frau besprechen. Ich werde sie dann anrufen?“
„Meine Nummer steht auf der Rückseite,“ sagte Mike, immer noch lächelnd und entdeckte dann Paige, die langsam in den kühlen Schatten des Hauses getreten war. Er winkte ihr erfreut zu und wandte sich dann wieder seinem Kunden zu.
„Kann ich sonst noch etwas für sie tun Mr. Madison?“
„Nein, ich denke, das war es dann. Ich melde mich bei Ihnen.“
Mike begleitete Mr Madison zur Tür und wandte sich dann zu Paige um.
„Paige meine Hübsche,“ begrüßte er sie und schloss sie in seine Arme „was treibt Dich denn hier her? Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen.“
„Das ist wahr,“ entgegnete Paige und löste sich von ihm.
Er sah immer noch so jungendlich und gut aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Wenn man bedachte, dass er bald seinen vierzigsten Geburtstag feiern würde, war es noch um so erstaunlicher. Lediglich die feinen Linien um seine Augen in dem wetter gegerbten Gesicht verrieten sein wirkliches Alter. Er hatte langes, von der Sonne ausgebleichtes, blondes Haar, das er zu einem Pferdeschwanz trug, einen muskulösen Körper, der heute in abgeschnittenen Jeans und einem engen T-Shirt steckte und die wohl durchdringensten blauen Augen, die Paige jemals gesehen hatte.
Sie hatten vor einem Jahr eine recht heftige, kurze Affäre gehabt und waren danach gute Freunde geblieben. Es war angenehm mit Mike zusammen zu sein. Er fragte niemals nach der Vergangenheit, wollte nichts über sie wissen, sondern genoss einfach jeden Moment in vollen Zügen.
Sie liebten beide den Ozean und das Surfen und er hatte seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Die Hälfte des Jahres verbrachte er hier in seiner Surfschule um für das restliche Jahr das Geld zusammen zu bekommen um mit seinem Surfbrett um die halbe Welt zu reisen.
Jetzt legte er ihr eine Hand in den Rücken und führte sie so um den Tresen herum in den hinteren Teil des Hauses. Durch einen Vorhang aus Perlenschnüren gelangten sie in eine Art Wohnküche, wo eine dunkle Schönheit in Bikini-Oberteil und kurzem Rock an einem Tisch saß und Kartoffeln schälte.
„Baby? Darf ich Dir Paige vorstellen? Paige, das ist Moisha, meine Perle.“
Moisha lächelte liebevoll zu Mike auf, wischte sich dann die Hände einem Handtuch ab und reichte Paige die Hand.
„Hallo Paige, es ist schön Dich kennen zu lernen.“
„Hallo Moisha. Ist er immer noch so unglaublich matchohaft und lässt Dich die ganze Hausarbeit machen?“ scherzte Paige und setzte sich zu Moisha an den Tisch die herzhaft lachte und dabei ebenmäßige, perfekt weiße Zähne entblößte.
„Ich erziehe ihn langsam,“ gab sie zurück, während Mike sich einen Stuhl heran zog.
„Jetzt erzähl mal,“ unterbrach er das Geplänkel der beiden Frauen „was führt Dich hierher?“
„Ich brauche einen Platz zum Schlafen,“ gab Piage unumwunden zu.
„Mein Haus ist auch Dein Haus,“ entgegnete Mike sofort und breitete die Arme in einer ausladenden Geste aus „nicht wahr meine Perle?“ fragte er an Moisha gewandt und küsste sie sanft auf die Wange.
„Aber natürlich,“ sagte diese und lächelte Paige an.
Paige atmete erleichtert auf. Dieses Problem hatte sie also schon einmal gelöst.
„Außerdem brauche ich einen Job,“ sagte sie vorsichtig und Mikes Grinsen wurde noch um eine Spur breiter.
„Woher weißt Du, dass einer meiner Surflehrer heute morgen gekündigt hat um die perfekte Welle suchen zu gehen?“
Paige lachte „das wußte ich nicht aber es scheint so etwas wie eine Fügung des Schicksals zu sein, findest Du nicht?“
„Schicksal ... Karma ... was auch immer. Es ist auf jeden Fall schön das Du hier bist.“
„Das finde ich auch,“ lächelte Paige.

Mike zeigte ihr ihr Zimmer und lieh ihr danach auch noch seinen VW-Bus, damit sie ihre Sachen aus der Garage in der Stadt holen konnte.
Gegen Abend hatte sie ihre Kleider, die wenigen persönlichen Gegenstände und einige ihrer College-Bücher in dem hellen, luftigen Raum unter dem Dach verstaut, ihre Surfbretter in den kleinen Schuppen hinter dem Haus geräumt und zusammen mit Moisha das Abendessen vorbereitet.
Mike hatte währenddessen die letzten Kunden verabschiedet und den Laden für heute geschlossen.
Wenig später saßen sie auf der Terrasse des Hauses, unter ihnen rauschte das Meer und gemeinsam genossen sie das gute Essen, den wundervollen Wein und die angeregten Gespräche, bei denen es sich hauptsächlich um das Surfen drehte.
Paige freute sich über das Glück der beiden. Die Surfkurse waren regelmäßig ausgebucht, Moisha liebte ihren Job in dem kleinen Souvenierladen an der Strandpromenade und gemeinsam planten sie ihren Ausstieg aus der spießigen Arbeitswelt um sich in ein paar Jahren endgültig nach Hawaii ab zu setzen um dort jeden Tag die haushohen Wellen und die wundervolle Natur genießen zu können.
Als das Licht langsam verblasste, beschloss Paige noch einen Spaziergang am Strand zu machen um dem verliebten Paar ein Weile für sich zu gönnen und um irgendwo alleine den Sonnenuntergang zu genießen.
Sie schlüpfte in ein paar lange Jeans und hängte sich einen Pullover über die Schultern, verabschiedete sich von Mike und Moisha die zusammengekuschelt auf dem Steg zum Strand saßen und schlenderte dann langsam den Strand hinunter.
Als sie die Wolken bemerkte, die sich langsam drohend über ihr zusammen brauten, hatte sie sich schon ein gutes Stück von der Surfschule entfernt.

Kapitel 9